Jiare / Ziyaret – (Heilige Orte und Objekte) im Raa-Haqi-Glauben (Dersimer Alevitentum)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Das Konzept der jiare – heiliger Orte oder heiliger Objekte mit spiritueller Präsenz – stellt ein grundlegendes Element des Glaubenssystems Raa Haqi dar. Dieser Glaube wird vor allem von kurdischen Alevit:innen praktiziert, die Kurmanci oder Kırmancki sprechen, und ist in der weiteren Kulturregion Dersim verbreitet.Im Unterschied zu formalisierten Gebetsstätten der abrahamitischen Religionen sind jiares meist natürliche Orte. Dazu zählen Berge, Felsen, Flüsse, Seen, Bäume und Quellen. Auch bestimmte Objekte oder Relikte mythologischer Vorfahren können als jiare gelten. An diesen Orten überschneiden sich das Heilige und das Alltägliche im täglichen Leben. Jiares dienen nicht nur der individuellen Frömmigkeit und rituellen Praxis. Sie fungieren auch als Träger kollektiver Erinnerung, ökologischer Werte und der Weitergabe religiösen Wissens zwischen den Generationen.
Die jiare-Tradition basiert auf einer Kosmologie, in der Natur als belebt und personalisiert verstanden wird. Der Zugang zum Göttlichen erfolgt über konkrete Landschaften und mythisch-historische Erzählungen. Rituale wie das Entzünden von Kerzen, das Darbringen von niyaz (heiliger Speise) oder das Tanzen des semah werden während cem-Zeremonien an jiare-Orten praktiziert. Eine priesterliche Vermittlung ist dabei nicht notwendig. Dies ermöglicht eine eher horizontale und unmittelbare religiöse Erfahrung. Diese Praxis unterscheidet sich deutlich vom hierarchischen Autoritätsmodell des Ocak-Systems, das auf heiligen Abstammungslinien beruht, und eröffnet Gläubigen alternative Formen spiritueller Handlungsmacht.
Im Kontext von Moderne, Migration, sozio-politischer Repression und physischer Gewalt haben sich jiare-Praktiken zu zentralen Mechanismen kultureller und spiritueller Resilienz entwickelt. Dies gilt sowohl für Dersim als auch für die westeuropäische Diaspora. Die Verteidigung heiliger Berge gegen Bergbauprojekte oder die Wiederbelebung der Dersim-Identität in der Diaspora, etwa durch errichtete Statuen in Deutschland, sind hierfür Beispiele. In diesem Sinne fungiert das jiare als dynamische Achse zur Artikulation von Identität, Widerstand und Zugehörigkeit. Zugleich zeigt sich, wie indigene Kosmologien wie Raa Haqi sich an gegenwärtige Bedingungen anpassen, ohne ihre Verwurzelung in den angestammten Landschaften aufzugeben.
Einleitung: Raa-Haqi-Kosmologie und die heilige Landschaft von Dersim
Unter den kurdischen Alevit:innen von Dersim, die dem Glauben Raa Haqi folgen (in Kırmanckî: “Der Weg der Wahrheit”), eröffnet das Konzept des jiare eine besondere Form der Beziehung zum Göttlichen, zur Landschaft und zur kollektiven Identität. Jiare bezeichnet einen heiligen Ort oder ein heiliges Objekt. Es handelt sich dabei nicht um feste Erinnerungsorte oder klassische Pilgerziele. Vielmehr werden jiares als lebendige und wirksame Orte verstanden, die in religiöse und soziale Beziehungen eingebunden sind.
Jiares sind Teil der Batın-Welt, also der inneren oder verborgenen Dimension der Raa-Haqi-Kosmologie. Sie vermitteln zwischen den Lebenden und der unsichtbaren Welt. Zugleich verbinden sie gegenwärtiges Leben mit der Welt der Ahnen sowie die Gemeinschaft mit dem Land. Dieser Eintrag versteht jiare daher nicht nur als “heiligen Ort” oder “heiliges Objekt”. Vielmehr wird jiare als eine zentrale epistemologische und ontologische Kategorie im Alltag, in Ritualen und in gesellschaftlichen Aushandlungen der kurdischen Alevit:innen von Dersim analysiert.
Um die Bedeutung der jiares zu verstehen, müssen sie im Zusammenhang der Raa-Haqi-Kosmologie betrachtet werden. Raa Haqi ist kein textbasiertes Religionssystem. Es handelt sich um ein gelebtes Wissenssystem, das in Natur, kollektiver Erinnerung, Emotionen und sozialen Beziehungen verankert ist. Es folgt nicht primär theologischen Regeln. Religiöses Wissen wird vor allem durch Rituale, mündliche Überlieferung und verkörperte Praxis weitergegeben.
Die religiöse Ordnung von Raa Haqi beruht auf zwei Autoritätsformen. Zum einen gibt es die Ocak-Linien, also heilige Familien, deren religiöse Rolle vererbt wird. Zum anderen besitzen auch heilige Orte und Objekte selbst religiöse Autorität. Durch politische Gewalt im 20. Jahrhundert – insbesondere das Massaker von 1938 und die Zwangsvertreibungen der 1990er Jahre – wurden die traditionellen Beziehungen zwischen pirs und talips stark geschwächt. In dieser Situation gewannen jiares an Bedeutung. Sie entwickelten sich zu dezentralen, aber dauerhaften Bezugspunkten religiösen Lebens. Über sie blieb der Zugang zur Batın-Welt auch ohne klerikale Vermittlung im Alltag möglich (Gültekin 2019, 2020; siehe auch Deniz 2019, 45-75; Göner 2012; Gürtaş 2015, 309-37).
Die Wallfahrt zu einem jiare ist keine religiöse Pflicht. Sie stellt vielmehr eine persönliche Form spiritueller Begegnung dar. Jeder Ort ist mit einer mythischen Figur oder Präsenz verbunden, etwa Munzur, Kemere Duzgı (Düzgün Baba) oder Xızır. Diese Orte sind mit Erzählungen über Verwandlung, Opfer oder Widerstand verknüpft. Landschaft und Erinnerung sind dabei eng miteinander verbunden. Die heilige Geografie von Dersim ist daher nicht nur ein Hintergrund religiöser Praxis. Sie wirkt aktiv innerhalb der Raa-Haqi-Kosmologie. Das Land selbst gilt als hörend, reagierend und moralisch wirksam. In bestimmten Situationen kann ein landschaftliches Element sogar die Rolle eines spirituellen Wegweisers übernehmen, insbesondere wenn kein menschlicher religiöser Akteur verfügbar ist oder bewusst nicht gewählt wird (Gültekin 2022, 570-88).
Aus dieser Perspektive erscheint Dersim nicht nur als historische Region. Es wird als jiar u diyar verstanden, also als umfassendes heiliges Territorium. Seine Bedeutung entsteht durch alltägliche Andachtspraktiken, kollektive Rituale und eine Ethik der Fürsorge für Land und Gemeinschaft. Jiares werden so zu epistemischen Räumen, in denen Identität, Erinnerung und religiöse Zugehörigkeit immer wieder neu hergestellt werden. Dies geschieht jenseits staatlicher Anerkennungslogiken und sunnitisch-islamischer Orthodoxie. Der Eintrag zeigt, dass die Eigenart und Beständigkeit von Raa Haqi – sowohl in Dersim als auch in der Diaspora – nur dann angemessen verstanden werden kann, wenn jiare als zentrales Konzept und als gelebte Praxis betrachtet wird (Gültekin 2019).
Die Bedeutung von Jiare: mehr als ein “heiliger Ort”
In der Kosmologie von Raa Haqi ist jiare (türkisch ziyaret) nicht nur ein neutraler “heiliger Ort” oder ein “heiliges Objekt”. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine komplexe epistemische und ontologische Kategorie. Jiare verbindet Mythos, Ethik, Ritual und soziale Ordnung. Es bildet eine zentrale Grundlage der gelebten Religiosität der kurdischen Alevit:innen in Dersim.
Das jiare-System ist keine randständige Volkspraktik. Es stellt eine der beiden Hauptachsen religiöser Autorität im Raa Haqi dar. Es ergänzt das erbliche Ocak-System und wirkt in vielen Fällen eigenständig. Jiares besitzen dabei göttliche und moralische Handlungsmacht, die nicht zwingend an institutionelle Abstammung gebunden ist (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29; siehe auch Gezik & Çakmak 2010).
Im Kırmanckî weist der Begriff jiare zwei zentrale Bedeutungen auf. Erstens bezeichnet er “heilige Reliquien”. Dazu gehören personalisierte und vergegenständlichte Träger spiritueller Kraft, etwa Stäbe, Handschuhe, Becher, Stöcke oder Haarlocken. Diese Objekte werden häufig innerhalb von Ocaks oder bestimmten talip-Familien weitergegeben. Entscheidend ist jedoch die Vorstellung, dass nicht Menschen die Reliquie auswählen. Vielmehr wählt die jiare selbst ihre Hüter:innen. Diese zugeschriebene Eigenwirksamkeit stellt eine Alternative zur Ocak-Autorität dar, da die Reliquie göttlichen Willen aus der Batın-Welt verkörpern kann, unabhängig von institutioneller Zuweisung (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29; Gezik & Çakmak 2010).
Zweitens – und für die kollektive Praxis noch bedeutsamer – bezeichnet jiare heilige Landschaften. Dazu zählen Berge, Quellen, Bäume, Steine, Höhlen oder ganze Täler. Diese Orte werden nicht errichtet, sondern gelten als “offenbart”. Dies geschieht etwa durch Wunder, mündliche Überlieferung oder ein mythisches Ereignis. Viele jiares sind mit Figuren wie Xızır, Derwischen oder tierischen Wegführern verbunden. Ihre religiöse Autorität hängt jedoch nicht von klerikaler Anerkennung ab. Sie zeigt sich vielmehr in ihrer Wirkung, etwa durch Heilungen, Wundererzählungen oder durch die Durchsetzung ethisch-moralischer Normen (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).
Jede jiare gehört zur Batın-Welt, also zur verborgenen Wirklichkeit, die neben der sichtbaren Welt (Zahir) existiert. Diese Welt ist bevölkert von Propheten und Heiligen, aber auch von mılaket (engelartigen Wesen), Geistern und elementaren Kräften. Jiares fungieren als Knotenpunkte dieses unsichtbaren Gefüges. Sie wirken als lebendige moralische Autoritäten. Sie sind geschlechtlich markiert, hierarchisch geordnet und regional verankert. In bestimmten Fällen verlangen sie sexuelle Enthaltsamkeit, rituelles Schweigen oder respektvollen Umgang mit der Natur. Verstöße können spirituelle Folgen haben, etwa Krankheit, Unfruchtbarkeit oder soziale Unordnung (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).
Wie ich gezeigt habe (Gültekin 2020), bildet das jiare-System eine mehrstufige heilige Topologie. Diese ist eng mit den clan-, stammes- und regionsbezogenen Sozialstrukturen Dersims verbunden:
Haus- und Familien-jiares: Diese jiares liegen häufig abgelegen in bergigem Gelände. Sie sind einzelnen Familien oder kleinen Weilern zugeordnet. Meist handelt es sich um Steine, Schutzbäume oder Heilquellen. Sie sind nicht zwingend mit Derwischen oder Ocaks verbunden. Ihre Bedeutung entsteht vor allem durch direkte Erfahrung und familiäre Erinnerung.
Lokale Nisange (Markierungen): Lokale Nisange fungieren als “Wegweiser-jiares“. Sie befinden sich auf Hügeln oder Bergrücken und sind auf größere, entfernte jiares ausgerichtet. Sie ermöglichen symbolische Besuche, wenn eine tatsächliche Pilgerfahrt nicht möglich ist. Auf diese Weise wird der Zugang zu den heiligen Orten erleichtert, während die übergeordnete spirituelle Hierarchie anerkannt bleibt.
Regionale kollektive jiares: Diese jiares binden mehrere Dörfer oder ganze Täler. Sie fungieren als rituelle Zentren bei Kalenderfesten, insbesondere während bestimmter heiliger Zeiten, etwa in den Xızır-Monaten. Sie besitzen ein höheres spirituelles Ansehen und sind häufig mit der Erinnerung an heilige Ahnen verbunden.
Makro-Jiares auf Linienebene: Diese jiares stehen für ganze Ocak-Systeme oder für intertribale Netzwerke. Sie werden als personifizierte Wesen verstanden, etwa Duzgı, Munzur oder Xızır. Ihre Wirkmacht reicht über einzelne Täler hinaus. Ihnen wird zugeschrieben, spirituelle Zeichen an kleinere jiares zu senden. Dies symbolisiert spirituelle Kommunikation und eine gestufte religiöse Ordnung.
Jede jiare ist mit einem Mythos verbunden. Diese Erzählungen besitzen zugleich eine moralische, kosmologische und historische Dimension. Sie definieren angemessenes Verhalten, strukturieren soziale Werte und legitimieren landbezogene Ansprüche von Gemeinschaften. Die Heiligkeit der jiares ist nicht architektonisch. Sie ist performativ. Sie zeigt sich in Gelübden, Opfergaben, Erzählungen und ritualisiertem Schweigen (Gültekin 2020).
Zugleich bildet das jiare-System eine religiös-politische Landkarte. Es verweist auf eine dezentrale, talip-zentrierte Form religiöser Autorität. Diese bestand auch dann fort, als Ocak-Strukturen geschwächt oder fragmentiert waren. In der Gegenwart bleibt die jiare-Kultur lebendig. Sie zeigt sich in Pilgerpraktiken, saisonalen Ritualen und in Formen ökologischen Widerstands, insbesondere gegen Bergbau, Massentourismus und Umweltzerstörung (Gültekin 2019).
Wenn jiares als autonome, plurale und aktive nicht-menschliche Akteure verstanden werden, wird deutlich, wie sich Raa Haqi reproduziert. Dies geschieht außerhalb staatlicher Ordnung und jenseits religiöser Orthodoxie. Die Grundlage bildet eine eigene religiöse Grammatik heiliger Orte, die tief in soziale, geschlechtliche und politische Beziehungen eingebettet ist.
Jiare und die doppelte Autoritätsstruktur: Ocak und Jiare
Die Kosmologie von Raa Haqi beruht auf einer doppelten religiösen Autoritätsstruktur. Die Ocaks stehen für den sichtbaren Bereich (Zahir). Die jiares repräsentieren den verborgenen Bereich (Batın). Gemeinsam tragen diese beiden miteinander verbundenen Systeme die religiöse, moralische und soziale Ordnung der kurdischen Alevit:innen in Dersim und in der Diaspora. Sie regeln unterschiedliche, sich aber überschneidende Bereiche des Alltags und prägen Identität, Zugehörigkeit und das Verhältnis zum Heiligen (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).
Das Ocak-System besteht aus erblichen Netzwerken von pirs und anas sowie raybers und mürşids. Es bildet den formalen und hierarchischen Rahmen des Raa Haqi und gehört zum Zahir-Bereich. Diese Ordnung ist stark an Verwandtschaft gebunden. Die Gläubigen (talips) sind rituell und sozial an ihr jeweiliges Ocak gebunden. Das Ocak gibt religiöse Orientierung und strukturiert das Gemeinschaftsleben. Rituale wie der Cem, Ahnenverehrung, moralische Vermittlung und Übergangsriten finden unter der Autorität der Ocak-Figuren statt. In diesem Zusammenhang bedeutet Haq nicht nur göttliche Wahrheit, sondern auch vermitteltes Wissen. Wahrheit wird gemeinsam gelernt und durch rituelle Praxis eingeübt (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).
Ocaks wirken zudem als Vermittler zwischen Zahir und Batın. Ein tieferer Zugang zu religiösem Wissen erfolgt über eine Abfolge von Rollen: talip – rayber – pir – mürşid. Historisch war dieses System eng mit dem Dorfleben und der Großfamilie verbunden. Es ist geschlechtlich geprägt, schließt jedoch auch weibliche spirituelle Autoritäten (anas) ein. Pirs wird zudem die Fähigkeit zu Wundern (keramet) zugeschrieben. Dadurch können sie zeitweise zwischen Zahir und Batın vermitteln.
Die zweite Ebene religiöser Autorität liegt im Batın-Bereich. Sie wird von jiares und anderen nicht-menschlichen Akteuren getragen, etwa von wayırs, mılakets (engelartigen Wesen), peris oder den Geistern von Heiligen und Ahnen. Hier ist das Heilige nicht institutionell organisiert. Es ist relational und erfahrungsbezogen. Jiares gelten als eigenständige moralische Akteure mit eigener Wirkkraft. Ihnen werden Geschlecht, Charakter und emotionale Präsenz zugeschrieben. Sie bilden das Zentrum einer dezentralen, talip-orientierten Religiosität, die auch außerhalb formaler Ocak-Strukturen wirksam ist (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).
Im Unterschied zu gemeinschaftlichen Cem-Ritualen ist die Praxis an jiares meist persönlich und alltäglich. Gläubige treten durch Berührung, Licht, Stille, Wasser oder Träume mit heiligen Orten in Beziehung. Diese Rituale folgen keinen festen Regeln und benötigen keine Vermittlung durch pirs. In manchen Fällen entstehen symbolische Verwandtschaften, etwa Formen der Kirvelik mit einer jiare. Solche Beziehungen legitimieren moralische Ansprüche und soziales Handeln. Jiares wirken damit als ethische Instanzen auch ohne menschliche Geistliche (Gültekin 2022, 570-88).
Jiares eröffnen zudem einen direkten Zugang zu Hakikat, der inneren Wahrheit. Während im Zahir-Bereich Wahrheit durch angeleitetes Lernen entsteht, wird sie im Batın-Bereich durch persönliche Erfahrung erlangt. Dazu gehören Träume, niyaz, Heilungen oder Begegnungen mit einer personifizierten jiare. Weibliche Wesen sind im Batın-Kosmos besonders präsent. Viele jiares sind weiblich konnotiert und stehen für Mitgefühl, Fruchtbarkeit oder Schutz.
Beide Systeme, Ocak und jiare, sind untrennbare Bestandteile des Raa Haqi. Politische Gewalt und soziale Umbrüche im 20. Jahrhundert – insbesondere die Ereignisse von 1938 und die Zwangsvertreibungen der 1990er Jahre – haben jedoch die Ocak-Strukturen stark geschwächt. Mit der Auflösung des dörflichen Lebens und der Migration in Städte und nach Westeuropa verloren viele talips den direkten Kontakt zu ihren Ocaks. Jiares blieben hingegen bestehen, real oder symbolisch, und wurden zu stabilen spirituellen Bezugspunkten (Gültekin 2019, 2020).
Heute gestalten viele talips ihr religiöses Leben vor allem über jiare-Praktiken. Pilgerwege werden angepasst, Gelübde eingehalten und heilige Geografien in die Diaspora übertragen. Dadurch hat sich das Gleichgewicht religiöser Autorität verschoben. Der Batın-Bereich hat an Eigenständigkeit gewonnen. Der Cem bleibt ein zentrales Ritual des Zahir. Der religiöse Alltag ist jedoch stark von Batın-Erfahrungen geprägt, etwa durch Träume, heilige Orte oder persönliche Wunder. Jiares sind damit zu einem der wichtigsten Zugänge zum Heiligen geworden (Gültekin 2019, 2020).
Dieses doppelte System ist nicht nur ergänzend, sondern auch von Spannungen geprägt. Wie gezeigt wurde, besteht eine anhaltende Konkurrenz zwischen Ocaks und jiares um religiöse Legitimität und Ansehen (Gültekin 2022, 570-88; 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29). In der Praxis wenden sich viele talips der unmittelbar erfahrbaren Autorität der jiare zu. In manchen Fällen übertrifft das spirituelle Ansehen einer jiare sogar das eines Ocaks. Religiöse Autorität im Raa Haqi ist daher plural, beweglich und verhandelbar. Sie verbindet institutionelle Führung mit mystischer Autonomie und soziale Abstammung mit heiliger Landschaft.
Rituelle Praktiken an jiares sind körperlich, geschlechteroffen und tief im Batın-Verständnis des Raa Haqi verankert. Zentrale Elemente sind niyaz, kurban, das Anzünden von Kerzen, das Berühren heiliger Steine und das Schlafen an heiligen Orten, um Träume zu empfangen. Diese Rituale dienen Heilung, der Erfüllung von Gelübden, Trauerarbeit und persönlicher Veränderung. Musik, insbesondere deyişs, sowie heilige Objekte schaffen emotionale Nähe zum Göttlichen. Im Unterschied zu Ocak-geleiteten Zeremonien sind jiare-Rituale dezentral organisiert. Sie werden häufig von Frauen oder talips getragen und fördern eine erfahrungsnahe und alltagsbezogene Religiosität, die in Landschaft und sozialem Leben verwurzelt ist (Gültekin 2020).
Sakrale Topografien des Widerstands: Jiare, Identität und transnationale Kämpfe
In der Kosmologie von Raa Haqi ist jiare nicht nur ein Ort der Andacht. Es bildet auch eine symbolische und materielle Achse politischen und ökologischen Widerstands. In den letzten drei Jahrzehnten richteten sich staatliche Eingriffe direkt gegen heilige Orte in Dersim. Dazu zählen militärische Operationen mit schweren Landschaftsschäden, der Bau von Staudämmen, Bergbauprojekte sowie touristische Entwicklungspläne.
Diese Eingriffe bedeuten mehr als Umweltzerstörung. Sie stellen einen ontologischen Angriff auf die lebendige Kosmologie des Raa Haqi dar. Als Reaktion darauf mobilisierten Alevit:innen aus Dersim kollektive Erinnerung und rituelle Kraft. Dies geschah durch lokalen Aktivismus und durch Kampagnen in der Diaspora. Soziale Medien, transnationale Gemeindeorganisationen und Jugendinitiativen deuten Umweltkonflikte nicht als rein säkulare Fragen. Sie verstehen sie als Verteidigung des Heiligen. Das Land gilt dabei nicht als Ressource, sondern als Verwandter. Widerstand erhält so einen rituellen Charakter (Gültekin 2021, 225-43).
Diese erneute Sakralisierung des Territoriums ist besonders in der Diaspora sichtbar. Dort werden jiares neu interpretiert und neu verortet. Friedhöfe, Gedenktage, Fotoarchive und auch Online-jiare-Zeremonien fungieren als Stellvertreter für nicht zugängliche heilige Landschaften. Durch transnationale Feste und gemeinschaftliche Formen des Gedenkens bleibt die Batın-Welt präsent. Sie trägt Symbole, Erzählungen und moralische Ordnungen weiter.
Was früher eine verborgene Praxis war, wird zunehmend öffentlich. Private Frömmigkeit wird zu kollektiver Sichtbarkeit. Dieser Übergang vom Verborgenen zum Sichtbaren bedeutet keinen Verlust an religiöser Authentizität. Er verweist vielmehr auf eine neue Form von Raa-Haqi-Religiosität. Diese ist geprägt durch Vertreibung, Migration und transnationale Zugehörigkeit.
In diesem Zusammenhang wird jiare zu einem zentralen epistemischen und emotionalen Anker der Dersim-Identität. Diese Identität verbindet Raum, Erinnerung und Glauben. Für kurdische Alevit:innen, die den Zugang zu ihren Ocaks oder Herkunftsdörfern verloren haben, ermöglicht jiare Kontinuität in Praxis und Zugehörigkeit. Über jiares wird moralisches Wissen weitergegeben. Soziale Grenzen werden neu ausgehandelt, und sakrale Verwandtschaften werden erneuert.
Die Wiederbelebung einer von talips getragenen Religiosität gewinnt dort an Bedeutung, wo institutionelle Autorität fehlt. Sie eröffnet neue Formen der Aneignung kulturellen Erbes. Zugleich entstehen neue Horizonte religiöser Praxis. Dazu gehören ökologische Spiritualität, Geschlechtergleichheit, rituelle Teilhabe und eine Form radikalen Säkularismus. Diese richtet sich nicht nur gegen sunnitisch-islamische oder politisch-islamistische Dominanz. Sie setzt ihr eine ontologische Alternative entgegen (Gültekin 2021, 225-43).
Jiare ist daher nicht nur ein Ort kulturellen Gedächtnisses oder ein theologisches Konzept. Es wirkt als aktiver Akteur bei der Gestaltung alternativer Zukünfte. In Dersim wie auch in der Diaspora steht die jiare-Praxis für eine Form ökologischer Kosmopolitik. In ihr verbinden sich der Schutz des Landes, die Bewahrung ritueller Praxis und die Neugestaltung von Identität. Widerstand erscheint hier zugleich als spirituelle, ökologische und politische Handlung.
Schluss: Raa Haqi als eine Religion des Ortes
In der Raa-Haqi-Tradition sind jiares keine passiven Reste von Mythen. Sie gelten als aktive und fühlende Archive kosmologischer Wahrheit und kollektiver historischer Erfahrung. Jeder heilige Ort ist mit mehreren Erzählungen verbunden. Dazu gehören etwa das Verschwinden von Düzgün Baba im Berg, die zu Milch gewordenen Wasser des Munzur oder das mit Trauer verbundene Flussbett von Halvori. Diese Geschichten werden nicht nur erinnert. Sie werden durch Pilgergänge, Berührungen und rituelle Handlungen immer wieder aktualisiert.
Auf diese Weise entstehen mündliche Archive. Sie werden über Generationen hinweg weitergegeben, etwa durch deyişs, Körpergesten, rituelles Schweigen und eine Haltung der Ehrfurcht. Raum wird dadurch selbst zu Wissen. Er bildet ein Erkenntnisfeld, in dem Geschichte, Identität und Glaube zusammenwirken.
Jiares tragen jedoch nicht nur mythische Bedeutungen. Sie nehmen auch neuere Erinnerungsschichten auf. Dazu gehören Orte von Massakern im Jahr 1938 oder Gräber aus den 1990er Jahren. Diese Orte schreiben Erfahrungen von Gewalt, Schmerz und Widerstand in die Landschaft ein. Jiares werden so zu emotionalen Archiven des Überlebens. Die Batın-Kosmologie bewahrt daher nicht nur religiöse Geheimnisse. Sie ist auch ein Raum, in dem unausgesprochene Geschichte fortbesteht. In diesem Sinn ist jiare zugleich religiös und politisch.
Aus dieser heiligen Geografie entsteht ein Religionsverständnis, das stark ortsgebunden ist. Raa Haqi ist keine Buchreligion und kein System abstrakter Lehren. Es ist eine Religion des Ortes. Bedeutung ist in Erde, Stein, Bäumen, Tieren und Wasser verankert. Dieses Weltverständnis erschließt sich nicht durch Texte allein. Es erfordert Bewegung im Raum, Aufmerksamkeit für Gesten, Berührung und Stille. Jiares fungieren hier als ontologische Anker, in denen Materielles und Spirituelles untrennbar verbunden sind.
Dieses Verständnis hat weitreichende Folgen für die Forschung. Es stellt Deutungen infrage, die das Alevitentum lediglich als heterodoxe Form des Islam oder als Randphänomen des Sufismus betrachten. Stattdessen eröffnet sich eine neue Perspektive auf das Alevitentum. Diese rückt verkörperte Raumpraxis, nicht-menschliche Handlungsmacht und indigene Wissensformen in den Mittelpunkt. Über das jiare lässt sich das Alevitentum als eigenständige Kosmologie verstehen, mit eigener Begrifflichkeit, Ritualordnung und politischer Vorstellungskraft.
Aus dieser Perspektive sollte jiare nicht nur mit externen theoretischen Modellen erklärt werden. Es ist vielmehr als ontologische Kategorie aus der Wissenswelt der Raa-Haqi-Kosmologie heraus zu verstehen. Anders als klassische Raumkonzepte, die physische, soziale und symbolische Ebenen trennen, verbinden jiares diese Dimensionen. Sie sind zugleich Ort, Erinnerung und wirksame Beziehungseinheit. Sie wirken aktiv an der Gestaltung von Ethik, kollektivem Gedächtnis und religiöser Orientierung mit.
Unter heutigen Bedingungen – geprägt von ökologischer Krise, erzwungener Migration und dem Verlust religiöser Institutionen – behalten jiares ihre zentrale Bedeutung. Sie stiften Zugehörigkeit, bewahren moralische Erinnerung und fördern ökologische Verantwortung. Ob in Ritualen der Diaspora oder im Widerstand gegen zerstörerische Eingriffe in die Natur: Jiares prägen weiterhin das religiöse, soziale und politische Leben der Raa-Haqi-Gemeinschaften.
Den Weg des Haq zu gehen bedeutet daher, sich durch heilige Geografien zu bewegen. Diese Geografien werden nicht von staatlichen Grenzen bestimmt. Sie entstehen aus Erinnerung, Mythos und Fürsorge. Die Zukunft von Raa Haqi liegt in dieser Geografie des Heiligen. Sie eröffnet auch neue Wege für eine dekoloniale Anthropologie des Alevitentums, die heiligen Orten, Landschaften und nicht-menschlichen Akteuren epistemische Autorität zuspricht.
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