ÜBER DIE ENZYKLOPÄDIE

Die Alevi-Enzyklopädie wurde im April 2024 unter der Leitung der Rıza Şehri Academy begonnen. Sie ist eine mehrsprachige digitale Wissensplattform. Ihr Ziel ist es, alevitisches Wissen auf der Grundlage eigener Quellen zu sammeln, vorhandene schriftliche, mündliche, visuelle und digitale Materialien systematisch zu ordnen und dieses Wissen nach akademischen Maßstäben verständlich und zugänglich an die Leser weiterzugeben.

Die Alevi-Enzyklopädie ist ein kollektives Projekt der Wissensproduktion. Sie behandelt die historischen, religiösen, kulturellen, rituellen, sozialen und diasporischen Dimensionen des Alevitentums gemeinsam. Sie möchte das Alevitentum mit seinen eigenen Begriffen, seiner eigenen Stimme, seiner eigenen Erinnerung und seinen eigenen Wissensträger sichtbar machen. Das Projekt wurde entwickelt, um alevitisches Kulturerbe ohne Verfälschung und Zerstörung zu bewahren, an neue Generationen weiterzugeben und als verlässliche Quelle für Forschende und eine breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In kurzer Zeit ist die Alevi-Enzyklopädie über eine einfache Webseite hinausgewachsen. Sie ist zu einer wichtigen institutionellen Infrastruktur für die akademische, gesellschaftliche und digitale Weitergabe alevitischen Wissens geworden. Die Plattform veröffentlicht auf Türkisch, Englisch und Deutsch. In ihrem ersten Publikationsjahr erreichte sie mehr als 700.000 einzelne Besucher, über 2,5 Millionen Besuche und mehr als 3,3 Millionen Seitenaufrufe. Dieses große Interesse zeigt, wie stark der Bedarf an verlässlichem, belegtem, frei zugänglichem und mehrsprachigem Wissen über das Alevitentum ist.

Im Jahr 2026 wurde die Alevi-Enzyklopädie mit dem Code DE-4607 in internationale Bibliotheks- und Archivstrukturen aufgenommen. Dieser Code gehört zum ISIL-System — International Standard Identifier for Libraries and Related Organisations. Auf Deutsch bedeutet ISIL: Internationaler Standard-Identifikator für Bibliotheken und verwandte Organisationen. Diese Registrierung zeigt, dass die Alevi-Enzyklopädie eine digitale Wissensressource geworden ist, die in internationalen Informations-, Bibliotheks- und Archivsystemen identifiziert, katalogisiert und institutionell nachverfolgt werden kann.

WARUM EINE ENZYKLOPÄDIE?

Enzyklopädien unterscheiden sich von Wörterbüchern, Sammelbänden und einzelnen wissenschaftlichen Publikationen durch ihren Umfang, ihre Schreibweise und ihre Funktion. Seit ihrer Entwicklung in der Moderne gehören Enzyklopädien zu den wichtigen Instrumenten, die historisches und aktuelles Wissen systematisch ordnen, nach wissenschaftlichen Methoden prüfen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Sie haben außerdem eine wichtige Rolle in Prozessen gesellschaftlicher Aufklärung gespielt.

Für ein Glaubens- und Kulturfeld wie das Alevitentum hat enzyklopädische Wissensproduktion eine besondere Bedeutung. Denn das Alevitentum war im Laufe der Geschichte immer wieder Unterdrückung, Ausgrenzung, Assimilation, Massakern, Leugnung und der Zerstörung seines kulturellen Erbes ausgesetzt. Die Alevi-Enzyklopädie möchte deshalb eine Wissensplattform schaffen, auf der alevitische Gemeinschaften ihre eigenen Geschichten, Begriffe, Rituale, Glaubenswelten, Erinnerungen und ihr kulturelles Erbe in ihrer Vielfalt ausdrücken können. Damit wendet sich die Alevi-Enzyklopädie gegen Ansätze, die das Alevitentum von außen definieren, vereinheitlichen, unzureichend darstellen oder nur mit den Begriffen dominanter Wissensordnungen erklären.

In diesem Sinn ist die Alevi-Enzyklopädie nicht nur eine Plattform, die Wissen vermittelt. Sie ist zugleich eine dekoloniale Initiative, die die epistemische Selbstbestimmung alevitischen Wissens stärken möchte. Epistemische Selbstbestimmung bedeutet, dass alevitische Gemeinschaften das Recht haben, über ihre eigenen Wissenswelten zu sprechen, sie zu interpretieren, zu vertreten und weiterzugeben. Alevitisches Wissen ist nicht nur ein Forschungsgegenstand, der von außen definiert wird. Es ist ein lebendiges Wissensfeld, das aus den Stimmen, Sprachen, Begriffen, Bedeutungswelten, Gefühlswelten, Symbolen, rituellen Praktiken und historischen Erinnerungen der Alevit:innen selbst entsteht.

Deshalb beschränkt sich die Alevi-Enzyklopädie nicht darauf, das Alevitentum nur mit akademischen Kategorien zu erklären. Sie unterstützt auch das Bestreben der alevitischen Gesellschaft, ihre eigene Wissensordnung aufzubauen, zu schützen und an kommende Generationen weiterzugeben. Das Projekt möchte eine Beziehung schaffen, die auf gegenseitigem Respekt zwischen akademischem Wissen und dem mündlichen, rituellen und erfahrungsbezogenen Wissen alevitischer Gemeinschaften beruht. So soll alevitisches Wissen nach wissenschaftlichen Maßstäben zuverlässig bearbeitet werden und zugleich mit seinen eigenen Begriffen, Werten und Sensibilitäten dargestellt werden.

HISTORISCHES WISSEN, MÜNDLICHE ERINNERUNG UND DIE ALEVITISCHE WISSENSWELT BEWAHREN

Das Alevitentum war im Laufe der Geschichte mit schweren Bedrohungen konfrontiert. Dazu gehören Zwangsassimilation, politischer und religiöser Druck, gesellschaftliche Ausgrenzung, Massaker, die Zerstörung kulturellen Erbes und die Zersplitterung kollektiven Wissens. Deshalb ist es sehr wichtig, alevitisches Kulturerbe richtig zu verstehen, zu bewahren, zu dokumentieren und weiterzugeben.

Die Alevi-Enzyklopädie betrachtet dieses große Erbe nicht nur über schriftliche Quellen. Sie bezieht auch mündliche Überlieferung, rituelle Praktiken, die Erzählungen religiöser und spiritueller Wissensträger:innen, lokale Erinnerung, heilige Orte, Musik, Deyiş, Ocaks, Süreks und Diaspora-Erfahrungen ein. Das Projekt versteht alevitisches Wissen als lebendiges Erinnerungsfeld. Es möchte dazu beitragen, dieses Wissen zwischen verschiedenen Generationen, Sprachen, Regionen und Glaubensgemeinschaften weiterzugeben.

Alevitisches Kulturerbe lebt nicht nur in Texten. Es lebt auch im Wort, in der Stimme, im Körper, im Ritual, im Ort, im Symbol, im Gefühl und in der Weitergabe zwischen den Generationen. Deshalb legt die Alevi-Enzyklopädie besonderen Wert darauf, die eigene Bedeutungswelt, die eigene Symbolwelt, die eigene Begriffssprache und die emotionale Erinnerung des Alevitentums sichtbar zu machen. Begriffe wie Hak, rıza, yol, erkân, cem, ocak, sürek, musahiplik, ikrar, zahir, batın, can, dem, delil, jiare, ziyaret, pir, ana, dede, baba und zakir sind nicht nur Wörter. Sie sind Träger der alevitischen Wissenswelt. Die Enzyklopädie möchte diese Begriffe in ihrem eigenen Kontext erklären und für kommende Generationen verständlich machen.

Zu diesem Zweck wurde das Videoarchiv „Yol Önderlerinin Dilinden“ entwickelt. Es dokumentiert die mündliche Erinnerung von Pirs, Anas, Dedes, Babas, Seyits, Zakirs und anderen alevitischen Wissensträger:innen. Dieses Archiv ist ein wichtiges digitales Erinnerungsprojekt. Es möchte rituelles, ethisches, kosmologisches und soziales Wissen des Alevitentums an kommende Generationen weitergeben. Viele dieser Wissensformen lassen sich nicht vollständig in schriftlichen Quellen festhalten.

Besonders wichtig ist die Dokumentation von Erzählungen alevitischer Wissensträger:innen, die in der europäischen Diaspora aufgewachsen sind oder seit vielen Jahren in Europa religiöse Dienste leisten. Dadurch werden mehr als sechzig Jahre alevitischer Diaspora-Erfahrung dokumentiert. Die Beziehung der in Deutschland geborenen, aufgewachsenen oder dort sozialisierten Generationen zum Alevitentum zeigt, dass alevitisches Wissen heute in einer mehrsprachigen und vielschichtigen Welt neu produziert wird. Die Alevi-Enzyklopädie gehört zu den ersten Initiativen, die diesen Wandel systematisch dokumentieren.

DIGITALE UND DYNAMISCHE INHALTE

Die Alevi-Enzyklopädie ist als digitale Plattform nicht statisch angelegt. Sie ist als ein Wissensfeld gedacht, das sich ständig entwickelt und regelmäßig aktualisiert wird. Veröffentlichte Beiträge, Videos und Vorlesungsmaterialien werden mit neuen Beiträgen erweitert, bei Bedarf aktualisiert und in verschiedenen Sprachen zugänglich gemacht.

In den letzten Jahren sind wichtige Arbeiten entstanden, die alevitisches Kulturerbe bewahren, mündliche Erinnerung dokumentieren, Archivmaterialien digitalisieren und alevitisches Wissen auf frei zugänglichen Plattformen teilen. Digitale Alevi-Archive sind nicht nur eine technische Frage der Speicherung und des Zugangs. Sie stärken auch die Möglichkeit der alevitischen Gesellschaft, ihre eigene Vergangenheit, ihre Begriffe, Rituale, Gefühle, Symbole und Erinnerungsformen in ihrer eigenen Sprache auszudrücken.

Die Alevi-Enzyklopädie versteht sich als eine wichtige Akteurin in diesem neuen Feld des digitalen Kulturerbes. Sie möchte zeigen, dass alevitisches Wissen auf akademischer, gesellschaftlicher und digitaler Ebene gemeinsam bewahrt werden kann. Durch enzyklopädische Beiträge, das Videoarchiv, offene Vorlesungen, mehrsprachige Veröffentlichungen und internationale akademische Kooperationen möchte das Projekt alevitisches Wissen nicht nur archivieren. Es möchte dieses Wissen auch als lebendiges Wissensfeld aufbauen, das diskutiert, aktualisiert und zwischen Generationen weitergegeben wird.

Die digitale Struktur ermöglicht es, alevitisches Wissen nicht nur heutigen Leser:innen zugänglich zu machen. Sie macht es auch möglich, dieses Wissen langfristig zu archivieren, zu bewahren, zu katalogisieren und für kommende Generationen erreichbar zu halten. Deshalb möchte die Alevi-Enzyklopädie im digitalen Zeitalter eine Wissensinfrastruktur für die Bewahrung und Weitergabe alevitischen Kulturerbes schaffen.

MEHRSPRACHIGER ZUGANG

Die Alevi-Enzyklopädie ist eine mehrsprachige Plattform, die auf Türkisch, Englisch und Deutsch veröffentlicht. Mehrsprachigkeit wird nicht nur als technische Übersetzungsarbeit verstanden. Sie ist ein Grundprinzip, damit alevitisches Wissen verschiedene Generationen, alevitische Gemeinschaften in der Diaspora, internationale akademische Kreise und eine breite Öffentlichkeit erreichen kann.

Alevitisches Wissen bewegt sich heute zwischen Türkisch, Deutsch, Englisch, Kırmancki, Kurmancî und weiteren Sprachen. Diese mehrsprachige Realität ist besonders für jüngere Generationen in der europäischen Diaspora wichtig. Durch Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen möchte die Alevi-Enzyklopädie alevitisches Kulturerbe nicht nur bewahren. Sie möchte auch dazu beitragen, dass neue Generationen dieses Erbe verstehen, diskutieren und sich aneignen können.

Mehrsprachigkeit ist auch für die epistemische Selbstbestimmung alevitischen Wissens wichtig. Denn das Alevitentum lebt nicht nur in dominanten akademischen oder offiziellen Sprachen. Es lebt auch in seinen eigenen lokalen Sprachen, rituellen Begriffen, mündlichen Überlieferungsformen und Gemeinschaftserinnerungen. Deshalb möchte die Alevi-Enzyklopädie die Begriffswelten des Alevitentums in verschiedenen Sprachen sichtbar machen, diese Begriffe möglichst in ihrem eigenen Kontext erklären und zur Entwicklung eines mehrsprachigen alevitischen Wissensfeldes beitragen.

MITWIRKENDE

Die Alevi-Enzyklopädie ist ein kollektives, internationales und interdisziplinäres Projekt der Wissensproduktion. Zur Enzyklopädie tragen nicht nur Akademiker:innen bei. Auch alevitische religiöse und spirituelle Wissensträger:innen, Pirs, Anas, Dedes, Babas, Seyits, Zakirs, Forschende, Autor:innen, Übersetzer:innen, Redakteur:innen, Intellektuelle, Vertreter:innen jüngerer Generationen und Freiwillige leisten Beiträge.

Eine der wichtigsten Grundlagen des Projekts ist der breite Wissenschaftliche Beirat. Er bringt führende Forschende aus verschiedenen Generationen im Feld der Alevi Studies zusammen. Dieser Beirat besteht aus fast einhundert Akademiker:innen, Forschenden und Fachpersonen. Er stärkt die wissenschaftliche Qualität, den pluralistischen Ansatz und die internationale akademische Sichtbarkeit der Alevi-Enzyklopädie. Im Wissenschaftlichen Beirat kommen Fachkenntnisse aus verschiedenen Bereichen zusammen, darunter Geschichte, Anthropologie, Soziologie, Religionswissenschaft, Theologie, Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft, Migrationsforschung, Musikwissenschaft, Erinnerungsforschung, Geschlechterforschung und digitale Geisteswissenschaften.

Innerhalb der Alevi-Enzyklopädie gibt es außerdem eine internationale und interdisziplinäre redaktionelle Struktur. Sie vertritt verschiedene Arbeitsbereiche des Projekts. Diese Struktur koordiniert Tätigkeiten wie enzyklopädische Beiträge, Oral History und Videoarchiv, offene Vorlesungen, Übersetzung, Redaktion, digitales Archivieren, Mehrsprachigkeit, akademische Kooperationen und Kulturerbe-Arbeit. So entsteht die Enzyklopädie nicht durch eine einzelne Redaktionsgruppe. Sie entwickelt sich durch die gemeinsame Arbeit verschiedener Fachbereiche und Arbeitsgruppen.

Dieses vielfältige Modell der Mitwirkung ist wichtig, um die Vielfalt und den Reichtum der alevitischen Kulturwelt sichtbar zu machen. Die Alevi-Enzyklopädie möchte eine offene, partizipative und verantwortungsvolle Wissensplattform sein. Sie bringt die Stimmen unterschiedlicher alevitischer Gemeinschaften, Ocaks, Süreks, Sprachen, Regionen und Diaspora-Erfahrungen zusammen.

Dieser Ansatz ermöglicht es, alevitisches Wissen nicht nur als Forschungsgegenstand zu verstehen, der von außen definiert wird. Vielmehr wird es als lebendiges Wissensfeld verstanden, das aus den Stimmen, Sprachen, Begriffen, Bedeutungswelten, Gefühlswelten, Symbolen, rituellen Praktiken und historischen Erinnerungen der Alevit:innen selbst entsteht. Das Mitwirkungsmodell der Alevi-Enzyklopädie möchte eine Beziehung des gegenseitigen Respekts zwischen akademischem Wissen und gemeinschaftsbasiertem Wissen schaffen.

Das Ziel der Alevi-Enzyklopädie ist es, alevitisches Wissen mit wissenschaftlichen Standards, gemeinschaftsbasierter Verantwortung, mehrsprachigem Zugang, internationaler akademischer Zusammenarbeit und den Möglichkeiten des digitalen Zeitalters von der Gegenwart in die Zukunft zu tragen.

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