Zwischen Oralität und Textualität: Die epistemischen Grundlagen alevitischer Theologie
Vorlesungsdetails
Dozent
Cem Kara ist Professor für Alevitische Theologie an der Universität Hamburg. Er studierte Geschichte und Philosophie in Köln und Istanbul und promovierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Dissertation zur transkulturellen Geschichte des Bektaschi-Ordens im langen 19. Jahrhundert wurde von der Südosteuropa-Gesellschaft und der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft ausgezeichnet. Er war an der Ludwig-Maximilians-Universität München, am Orient-Institut Istanbul, am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte und an der Universität Wien wissenschaftlich tätig. Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf Emotionen in schriftlichen Quellen des Alevitentums. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen zählt: Cem Kara, Evelyn Reuter und Zsófia Turóczy (Hrsg.) (2026): Sufism in Ottoman and Post-Ottoman Europe. Entanglements in Past and Present. London: Routledge.
Vorlesungszusammenfassung
Die Vorlesung geht diesen Fragen nach, indem sie die Quellen religiösen Wissens in alevitischen Traditionen untersucht. Sie geht über die häufig vorausgesetzte Dichotomie von Oralität und Textualität hinaus und zeigt die Grenzen dieser analytischen Unterscheidung auf, die sich als unzureichend erweist, um die inneren Dynamiken alevitischer Traditionen zu erfassen. Stattdessen stellt sie die Verflechtung von Oralität und Textualität als konstitutives Element alevitischer Wissensformationen in den Vordergrund.
Darauf aufbauend widmet sich die Vorlesung den Prozessen der Auswahl, Autorisierung und Transformation religiösen Wissens. Besondere Aufmerksamkeit gilt der dynamischen Beziehung zwischen Gemeinschaft und Quelle, die sich als ein wechselseitig konstitutives und fortwährend ausgehandeltes Feld erweist. Dazu gehören gegenwärtige Prozesse der Kanonisierung und Dekanonisierung sowie die sich darin entfaltende Dialektik von Identitätsbildung und Sinnstiftung.
Am Ende der Vorlesung werden die Teilnehmenden:
– Einblicke in die epistemischen Grundlagen alevitischer Religiosität gewonnen haben;
– ein kritisches Verständnis unterschiedlicher Quellentypen entwickelt haben;
– Prozesse der Korpusbildung und der (De-)Kanonisierung alevitischer religiöser Quellen kritisch reflektieren können.
Schlüsselkonzepte
Vorlesungstext
Die Alevitische Theologie ist als universitäre Disziplin noch ein junges Fach. Immer wieder erreichen uns daher Fragen – von Studierenden, Kolleg:innen anderer Theologien und natürlich auch von Alevit:innen selbst –, welche Antworten sich im Alevitentum auf zentrale religiöse Fragen finden. Welche Vorstellungen von Wahrheit gibt es im Alevitentum? Wie werden Gerechtigkeit, Vertrauen oder das Verhältnis von Mensch und Gott im Alevitentum verstanden? Ganz grundsätzlich: Welche Antworten bietet das Alevitentum auf grundlegende Fragen religiöser Sinnstiftung?
Um solche Fragen beantworten zu können, müssen wir zunächst eine andere Frage klären: Auf welcher Grundlage können wir sie überhaupt beantworten? Wenn wir nach alevitischen Vorstellungen von Wahrheit, Gerechtigkeit oder anderen religiösen Themen fragen, benötigen wir Wissensbestände, auf die wir unsere Aussagen stützen können. Wir können solche Fragen schließlich nicht intuitiv beantworten, sondern müssen unsere Aussagen auf eine belastbare wissenschaftliche Grundlage stützen.
Dabei sollten wir allerdings nicht erwarten, auf all diese Fragen eindeutig festgelegte Antworten zu finden. Wie in den meisten religiösen Traditionen finden wir auch im Alevitentum sehr oft unterschiedliche Deutungen, Akzentsetzungen und mehrdeutige Überlieferungen.
Dennoch bleibt die Frage, auf welche Wissensbestände wir überhaupt zurückgreifen können, um alevitische Deutungen und Formen der Sinnstiftung nachvollziehbar zu rekonstruieren. Oder anders formuliert: Wie wurde religiöses Wissen im Alevitentum bewahrt und vermittelt, sodass wir heute überhaupt auf dieses Wissen zurückgreifen können?
Dieser Frage möchte ich im Folgenden in drei Schritten nachgehen. Zunächst werde ich auf das Verhältnis von Mündlichkeit und Textlichkeit in der Wissensvermittlung eingehen. Dann stelle ich mit den Perspektiven Produktion und Rezeption zwei Kriterien zur Bestimmung alevitischer Quellen vor. Abschließend möchte ich zeigen, wie sich auf dieser Grundlage unterschiedliche Formen alevitischer Wissensquellen unterscheiden lassen.
1. Zwischen Mündlichkeit und Textlichkeit
In der Forschung besteht weitestgehend Einigkeit darüber, dass religiöses Wissen im Alevitentum historisch vor allem mündlich vermittelt wurde. Die Weitergabe erfolgte zum einen innerhalb der Familie, zum anderen in den Beziehungen zwischen religiösen Autoritäten – also etwa Dedes, Anas, Pirs, Rehbers oder Mürebbis – auf der einen Seite und ihren Talibs, also den religiösen Lai:innen, auf der anderen. Religiöses Wissen war damit zunächst eng an Personen, soziale Beziehungen und direkte Interaktionen gebunden. Für die Erforschung des Alevitentums sind entsprechend auch Oral History und lebende religiöse Traditionen unverzichtbare Wissensquellen.
Wir können daher durchaus von einem Primat der mündlichen Wissensvermittlung sprechen. Dieses Primat wurde in der älteren Forschung jedoch oft recht einseitig ausgelegt. Lange Zeit dominierte nämlich eine Sichtweise, die Mündlichkeit und Textlichkeit als gegensätzliche Kategorien behandelte. Die Annahme lautete vereinfacht: Wenn eine Tradition primär mündlich überliefert wird, dann verfügt sie kaum über Textquellen. Mündlichkeit und Textlichkeit erschienen als einander ausschließende Alternativen.
Eine solche Gegenüberstellung greift jedoch zu kurz. Sie reduziert die Komplexität historischer Überlieferungsprozesse auf ein binäres Schema und wird den tatsächlichen Verhältnissen im Alevitentum dadurch nicht gerecht. Denn eine Bevorzugung der mündlichen Wissensvermittlung bedeutet eben nicht die Abwesenheit von Texten.
Vielmehr zeigt sich im alevitischen Kontext, dass die Grenzen zwischen Mündlichkeit und Textlichkeit häufig fließend sind. Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür ist die alevitische Dichtungstradition. Bis heute ist sie einer der zentralen Träger alevitischer Überlieferungen. Diese Dichtung wurde jedoch über lange Zeiträume hinweg nicht primär verschriftlicht und gelesen, sondern vielmehr vorgetragen, gesungen und in rituelle Zusammenhänge eingebettet.
Musik und Ritual unterstützten dabei die Erinnerung und die Weitergabe religiösen Wissens. Sie ermöglichten es, umfangreiche Wissensbestände über Generationen hinweg weiterzugeben, ohne auf schriftliche Fixierung angewiesen zu sein. Indem die Gedichte regelmäßig gesungen und rituell vollzogen wurden, konnten sie über lange Zeiträume hinweg zuverlässig tradiert werden.
Die Gedichte selbst sind zwar Texte – ihre Überlieferung erfolgte jedoch überwiegend mündlich. Man könnte daher von mündlich tradierten Texten sprechen, bei denen Textlichkeit und Mündlichkeit keine Gegensätze darstellen.
Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch bei anderen Textgattungen der alevitischen Tradition machen. Zahlreiche Texte wurden zwar verschriftlicht, ihre Inhalte zirkulierten jedoch vor allem mündlich. Umgekehrt sind viele Texte Verschriftlichungen und schriftliche Sammlungen von mündlichen Überlieferungen.
Zwischen Text und mündlicher Weitergabe bestand also keine scharfe Trennung. Vielmehr ist es so, dass sich mündliche und textliche Formen der Wissensweitergabe vielfach überlagern und gegenseitig durchdringen.
2. Zwischen Produktion und Rezeption
Aber nach welchen Kriterien entscheiden wir, ob eine Quelle als alevitische Quelle gelten kann? Welche konkreten Texte können wir heranziehen, wenn wir beispielsweise nach alevitischen Vorstellungen von Wahrheit, Gerechtigkeit oder Vertrauen fragen? Die Auswahl von Quellen setzt eben Kriterien voraus, anhand derer wir ihre Relevanz für das Alevitentum überhaupt bestimmen können.
Grundsätzlich lassen sich hierfür zwei Perspektiven unterscheiden. Die erste Perspektive könnte man als produktionsorientiert bezeichnen. Hier richtet sich der Blick auf die Entstehung eines Textes. Wer hat den Text verfasst und vor allem in welchem religiösen oder kulturellen Kontext ist er entstanden? Also welche religiös-kulturellen Konzepte, Symbole und Deutungsmuster haben den Text präfiguriert?
Aus dieser Perspektive erscheint ein Text als alevitische Quelle, weil er innerhalb eines alevitischen Kontexts – etwa von Geistlichen, Dichter:innen oder Mitgliedern alevitischer Gemeinschaften – hervorgebracht wurde. Dieser Zugang besitzt zweifellos seine Berechtigung, kommt jedoch gleichzeitig auch an seine Grenzen. Denn die Tatsache, dass ein Text in einem alevitischen Kontext entstanden ist, sagt zunächst noch wenig darüber aus, welche Bedeutung er innerhalb der Tradition tatsächlich erlangt hat. Also ob er auch gelesen, gehört, weitergegeben und als religiös relevant wahrgenommen wurde – und entsprechend eine Wirkung innerhalb der Gemeinde entfaltet hat.
Damit gelangen wir dann auch zur zweiten Perspektive, nämlich der Rezeption. Hier lautet die entscheidende Frage, ob und wie ein Text von Alevit:innen aufgenommen, genutzt und weitergegeben wurde.
Aus einer rezeptionsorientierten Perspektive gewinnt ein Text seine Relevanz dadurch, dass er rezipiert, interpretiert, gelesen oder gehört wird. Erst durch solche Prozesse der Aneignung kann ein Text über die ursprünglichen Autor:innen hinaus Bedeutung für eine Gemeinschaft entfalten.
Die Frage nach der Rezeption ist deshalb immer auch eine Frage danach, wie repräsentativ ein Text ist: also ob und wie ein Text über den jeweiligen Autorenkontext hinaus für die Gemeinschaft Bedeutung erlangt hat.
Dabei ist Rezeption nichts Statisches. Die Bedeutung eines Textes kann sich im Laufe der Zeit verändern. Manche Texte, die vielleicht in früheren Jahrhunderten genutzt wurden, spielen heute unter Umständen kaum noch eine Rolle. Umgekehrt gibt es Texte, die historisch nur begrenzte Verbreitung fanden, heute jedoch eine zentrale Stellung einnehmen. Rezeption besitzt daher immer auch eine historische Dimension: Sie kann über lange Zeiträume hinweg relativ konstant bleiben, sich aber ebenso verschieben, intensivieren oder abschwächen.
Für die Bestimmung alevitischer Quellen erscheint es sinnvoll, Produktion und Rezeption als zwei analytische Achsen gemeinsam zu betrachten. Während die Produktion Auskunft über den Entstehungskontext eines Textes gibt, verweist die Rezeption auf seine tatsächliche Wirkungsgeschichte innerhalb alevitischer Gemeinschaften.
3. Quellenbestimmung
Verbindet man nun Produktions- und Rezeptionsperspektive, eröffnet sich eine differenzierte Typologie alevitischer Wissensquellen. Je nach Kombination kommt ihnen innerhalb der alevitischen Tradition ein unterschiedlicher Stellenwert und eine andere Funktion zu.
3.1 Kernquellen: Produziert und rezipiert
Von alevitischen Kernquellen können wir dort sprechen, wo beide Kriterien in besonderem Maße erfüllt sind. Es sind also Texte, die einerseits innerhalb alevitischer Kontexte hervorgebracht wurden und andererseits über einen längeren Zeitraum hinweg von weiten Teilen alevitischer Gemeinschaften tradiert und als religiös bedeutsam wahrgenommen wurden. Produktion und Rezeption fallen hier gewissermaßen zusammen, weswegen wir hier von Kerntexten alevitischer Religiosität sprechen können.
Zu diesen zählen zunächst die Texte der Buyruk-Tradition. Sie gehen auf die Mitte des 16. Jahrhunderts und einen safavidischen Kızılbaş-Kontext zurück und weisen eine lange und vergleichsweise gut dokumentierte Rezeptionsgeschichte innerhalb alevitischer Gemeinschaften in Anatolien auf.
Dasselbe gilt, wenn nicht sogar mehr, für die schon erwähnten poetischen Überlieferungen. Die religiöse Dichtung im Alevitentum – deyiş oder nefes genannt – ist zweifellos das Herzstück alevitischer Traditionsüberlieferung. Kein anderes Medium wurde in der Geschichte des Alevitentums häufiger genutzt, um religiöses Wissen zu vermitteln und religiöse Erfahrungen und Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Allerdings stellt sich auch hier die Frage, welche Autor:innen einem Kernkorpus zuzurechnen sind. Denn der alevitischen Tradition werden Hunderte von Dichter:innen zugeordnet, deren Werke in sehr unterschiedlichem Maße tradiert und rezipiert wurden.
Dabei hat sich ein Kanon von sogenannten Sieben Großen Dichtern (Yedi Ulu Ozan) herausgebildet. Auch wenn wir nicht genau wissen, wann und wie diese Auswahl entstanden ist, wird sie heute von einem Großteil der Alevit:innen anerkannt.
Legt man nun erneut die Kriterien von Produktion und langfristiger Rezeption an, lässt sich innerhalb dieses Kanons nochmals ein engerer Kern identifizieren. Zu ihm gehören die unter dem Pseudonym Şah İsmail Hatayi überlieferten Gedichte Schah Ismails – und vor allem die in seinem Namen geschriebenen Dichtungen. Hinzu kommen die Werke Pir Sultan Abdals und auch Kul Himmets.
Diese drei Dichternamen nehmen innerhalb der alevitischen Überlieferung eine wirklich herausragende Stellung ein. Ihre Gedichte sind bis heute fester Bestandteil der Glaubenspraxis und sind vielfach von Musiker:innen verschiedener Generationen vertont worden. Ihre besondere Stellung lässt sich somit sowohl auf der Produktionsebene als auch anhand einer über Jahrhunderte hinweg nachweisbaren Rezeptionsgeschichte beobachten.
Dabei verdeutlicht gerade die Dichtungstradition noch einmal die schon angesprochene Verschränkung von Mündlichkeit und Textlichkeit. Denn obwohl es sich um Texte handelt, erfolgte ihre Weitergabe überwiegend mündlich. Die Gedichte wurden gesungen und vorgetragen, lange bevor sie systematisch gesammelt und verschriftlicht wurden. Die ersten Nachweise über Gedichte Pir Sultan Abdals gehen beispielsweise auf das 16. Jahrhundert zurück, während die erste systematische Sammlung erst im 20. Jahrhundert erschien. Die vielleicht wichtigsten Texte alevitischer Religiosität sind somit über Jahrhunderte hinweg primär mündlich vermittelt worden.
3.2 Erweiterte Quellen: Rezipiert, aber nicht produziert
Jenseits dieses Bestandes an Kernquellen eröffnet sich ein weiterer Bereich von Texten, die für das Verständnis alevitischer Religiosität ebenfalls von großer Bedeutung sind, deren Einordnung innerhalb der alevitischen Tradition jedoch weniger eindeutig ist. Dabei handelt es sich um Quellen, bei denen Produktion und Rezeption nicht in gleicher Weise zusammenfallen wie bei den zuvor genannten Kerntexten.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel hierfür sind Texte der Bektaschi-Tradition. Das Bektaschitum und das Kızılbaş-Alevitentum sind historisch eng miteinander verflochten und haben über Jahrhunderte zahlreiche Vorstellungen, Glaubensinhalte und Praktiken geteilt. Zugleich handelt es sich jedoch um unterschiedliche religiöse Kulturen mit eigenen institutionellen Strukturen und eigenen Formen religiöser Selbstorganisation.
Zu den zentralen Texten der Bektaschi-Tradition gehören insbesondere das Vilâyetnâme, die Heiligenvita von Hacı Bektaş Veli, sowie das Hacı Bektaş zugeschriebene Werk Makâlât. Aus einer produktionsorientierten Perspektive handelt es sich nicht um genuin alevitische Texte, da sie innerhalb eines bektaschitischen Kontextes entstanden sind.
Zugleich steht jedoch außer Frage, dass diese Texte heute von vielen Alevit:innen als wichtige Quellen ihrer religiösen Tradition wahrgenommen werden. Sie werden im alevitischen Religionsunterricht behandelt, in religiösen Selbstdarstellungen herangezogen und vielfach als Teil des gemeinsamen religiösen Erbes verstanden. Schwieriger zu beantworten ist hingegen die Frage nach der historischen Tiefe dieser Rezeption – also ob und wie sie in der Vergangenheit rezipiert worden sind. Da braucht es noch weitere Forschungen.
Nichtsdestotrotz verdeutlichen diese Beispiele, dass alevitische Quellen nicht ausschließlich über ihre Herkunft definiert werden können. Ebenfalls wichtig ist die Frage, wie Texte und Autor:innen im Laufe der Geschichte rezipiert, angeeignet und in bestehende religiöse Sinnzusammenhänge integriert wurden. Rezeption kann dazu führen, dass Texte Teil alevitischer Religiosität werden, auch wenn ihre Entstehung im engeren Sinne außerhalb des Alevitentums lag.
3.3 Erweiterte Quellen: Produziert, aber nicht rezipiert
Als weitere Kategorie lassen sich schließlich Texte nennen, die innerhalb alevitischer Kontexte entstanden sind, deren Rezeption sich jedoch kaum nachvollziehen lässt. Hierzu gehören insbesondere Manuskripte, Notizbücher, Sammlungen und Aufzeichnungen, die sich zum Teil über Generationen hinweg im Privatbesitz alevitischer Geistlicher befanden und häufig innerhalb von Familien weitergegeben wurden.
Gerade diese Textgattung rückt aktuell verstärkt in den Fokus der Forschung. Projekte wie das Alevi-Bektashi Digital Archive oder das Alevi Archive machen zunehmend Quellen zugänglich, die bislang weitgehend unbekannt waren.
Dabei handelt es sich um Texte, die in alevitischen Kontexten entstanden sind und daher aus einer produktionsästhetischen Perspektive wichtige Zeugnisse alevitischer Religiosität darstellen.
Gleichzeitig stellt sich bei diesen Quellen jedoch die Frage, wie repräsentativ sie sind. Denn in vielen Fällen dürften die Texte und ihre Inhalte über ihren unmittelbaren Entstehungskontext hinaus nicht rezipiert worden sein.
Dies schmälert in keiner Weise ihren wissenschaftlichen Wert. Oftmals eröffnen sie einzigartige Einblicke in die gelebte Religiosität, in alltägliche Formen der Glaubenspraxis, in lokale Charakteristika und individuelle Formen religiöser Reflexion. Während die Kernquellen eher Auskunft über breiter geteilte Traditionen geben, ermöglichen diese Texte einen Blick auf die Vielfalt und Heterogenität alevitischer Lebenswelten.
Besonders fruchtbar erscheinen in diesem Zusammenhang vergleichende Untersuchungen. So wäre es etwa äußerst aufschlussreich, die privaten Aufzeichnungen von Geistlichen aus verschiedenen Regionen Anatoliens zu vergleichen. Welche religiösen Themen überschneiden sich? Wo zeigen sich regionale Unterschiede? Welche Vorstellungen werden geteilt, welche bleiben lokal begrenzt? Solche Vergleiche könnten wichtige Einblicke in Schnittstellen und die innere Pluralität des Alevitentums liefern.
Gerade deshalb handelt es sich um äußerst wertvolle Quellen. Ihr Wert liegt aber weniger darin, Aussagen über das Alevitentum insgesamt zu ermöglichen, als vielmehr regionale, lokale oder individuelle Ausprägungen alevitischer Religiosität sichtbar zu machen.
Resümee
Kehren wir damit zur Ausgangsfrage zurück, welche Wissensquellen wir heranziehen können, um alevitische Antworten auf zentrale religiöse Fragen zu erschließen. Dabei eröffnet sich ein vielschichtiges Geflecht mündlicher und textlicher Wissensvermittlung, dessen Bedeutung sich historisch entwickelt hat und bis heute immer wieder neu ausgehandelt wird.
Die Perspektiven von Produktion und Rezeption bieten dabei einen heuristischen Zugang, um Quellen differenziert einzuordnen und ihre Einbindung in die alevitische Tradition zu bestimmen. Sie schärfen zugleich aber auch den Blick für die Grenzen dessen, was als alevitische Quelle verstanden werden kann, und dafür, warum Quellenzusammenstellungen einer sorgfältigen Reflexion bedürfen.
Die Frage nach alevitischen Wissensquellen ist deshalb letztlich nicht nur eine Frage nach Texten, sondern nach den Prozessen, durch die religiöses Wissen hervorgebracht, bewahrt, weitergegeben und als religiös bedeutsam anerkannt wird.
Literatur & Weiterführende Lektüre
Kara, Cem (2023): Die Genese einer neuen theologischen Disziplin in Europa. Überlegungen für eine alevitisch-historische Theologie. In: Forum Islamisch-Theologische Studien 2 (1), S. 29–49. DOI: 10.5771/2748-923X-2023-1-29.
Karakaya-Stump, Ayfer (2010): Documents and Buyruk Manuscripts in the Private Archives of Alevi Dede Families. An Overview. In: British Journal of Middle Eastern Studies 37 (iii), S. 273–286.
Karolewski, Janina (2014): Manuskripte, gesungene Dichtung und Langhalslaute als Aufbewahrung Orte in Schnittstellen. In: Katharina Hoins und et al. (Hg.): Schnittstellen. Die Gegenwart des Abwesenden. Berlin: Reimer, S. 172–193.
Langer, Robert; Öğütcü, Hasan (2018): Orality and Scripturality. A Historical Ethnographic Account of Religious Ritual Practice in an Alevi Village. In: Johannes Zimmermann, Janina Karolewski und Robert Langer (Hg.): Transmission Processes of Religious Knowledge and Ritual Practice in Alevism between Innovation and Reconstruction. Berlin, u.a.: Peter Lang D, S. 107–122.
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Tıraz, Hasret (2026): Tracing Cultural Memory between Poems. Perspectivization and its Intertextual Application in Alevi Poetry. In: European Journal of Turkish Studies 42 (Special Issue: Alevi Pasts Contested. Neglected Narratives and New Methodologies. Hg. v. Markus Dressler und Hege Markussen). DOI: 10.4000/16elp.
Weineck, Benjamin; Zimmermann, Johannes (Hg.) (2018): Alevism between Standardisation and Plurality. Negotiating Texts, Sources and Cultural Heritage. Berlin u. a.: Peter Lang D.
Yıldırım, Rıza (2018): Literary Foundations of the Alevi Tradition. Mainstream, Canon, and Orthodoxy. In: Benjamin Weineck und Johannes Zimmermann (Hg.): Alevism between Standardisation and Plurality. Negotiating Texts, Sources and Cultural Heritage. Berlin u. a.: Peter Lang D, S. 61–96.
Zimmermann, Johannes; Karolewski, Janina; Langer, Robert (Hg.) (2018): Transmission Processes of Religious Knowledge and Ritual Practice in Alevism between Innovation and Reconstruction. Berlin, u.a.: Peter Lang D.
Produktionsangaben
CanoCan Films / Ekin Can Erol
Ekin Can Erol ist ein deutsch-kurdischer Dokumentarfilmer und Produzent mit familiären Wurzeln in der Region Dersim in der Türkei. Er lebt in Potsdam und ist Gründer von CanoCan Films, einer unabhängigen Filmproduktionsplattform, die sich auf Dokumentarfilmprojekte zu Geschichte, kultureller Identität, Migration, Erinnerung, Religion und Minderheitenerfahrungen konzentriert.
Erol hat ein Studium der Geschichte und Philosophie abgeschlossen. Auch seine wissenschaftliche Arbeit beschäftigte sich mit Dersim: In seiner Bachelorarbeit untersuchte er die Ereignisse von 1937–1938 und die umstrittenen historischen Deutungen dieser Ereignisse, insbesondere die Debatte um ihre Einordnung als Aufstand oder Völkermord. Sein akademischer Hintergrund und seine persönliche Verbindung zu Dersim prägen weiterhin seinen dokumentarischen Zugang zu Geschichte, Identität und kollektivem Gedächtnis.
Sein erster Dokumentarfilm, Niemals vergessen – Was ist unsere Verantwortung? (2020), beschäftigte sich mit der Erinnerung an den Holocaust und der Frage, welche Verantwortung jüngere Generationen für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus tragen. Darauf folgten Alevitentum – Eine Suche nach Identität (2021) und Alevitentum in der deutschen Diaspora – Eine Erfolgsgeschichte? (2024), die sich mit alevitischer Identität, Geschichte, Diaspora und generationenübergreifendem Wandel befassen.
Sein jüngster Dokumentarfilm, Ziyaret – Die Stimme der Natur (2026), untersucht heilige Orte und Landschaften innerhalb alevitischer Traditionen, insbesondere in Dersim, und verbindet persönliche Erzählungen, religiöses Wissen und wissenschaftliche Perspektiven. Der Film wurde zudem für das 16. Kurdische Filmfestival ausgewählt und dort gezeigt.
Über CanoCan Films entwickelt und produziert Erol audiovisuelle Formate für kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Projekte. Seine Arbeit zielt darauf ab, dokumentarisches Erzählen mit historischer Forschung und den Perspektiven der Gemeinschaften zu verbinden und unterrepräsentierte Geschichten und Erfahrungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Im Jahr 2026 war er für die technische Produktion und die Studioarbeit bei den ersten Aufnahmen der offenen Vorlesungsreihe der Alevi-Enzyklopädie in Berlin verantwortlich.
https://www.canocanfilms.de/ / [email protected]
https://www.youtube.com/@CanoCanFilms
https://www.grin.com/document/373911
https://ucrisportal.univie.ac.at/de/publications/alevitentum-eine-suche-nach-identität/
