Das Sivas-Massaker vom 2. Juli 1993

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Das Sivas-Massaker, das am 2. Juli 1993 während des Pir Sultan Abdal Kulturfestivals in Sivas stattfand, forderte neununddreißig Todesopfer, von denen siebenunddreißig Teilnehmende des Festivals waren. Es gilt als einer der sichtbarsten und größten Akte anti-alevitischer Gewalt in der Geschichte der Republik Türkei. Dieser Eintrag betrachtet das Massaker nicht als ein isoliertes Ereignis eines einzelnen Tages, sondern als Teil eines breiteren historischen und politischen Zusammenhangs.

Die frühen 1990er Jahre waren geprägt von politischen Morden, innerstaatlichen Machtkämpfen, zunehmenden Spannungen im Zusammenhang mit der kurdischen Frage sowie einer wachsenden öffentlichen Sichtbarkeit der Alevit:innen. Diese Entwicklungen bilden den strukturellen Hintergrund des Massakers. Das Sivas-Massaker stellt einen kritischen Wendepunkt dar, an dem die Forderungen der Alevit:innen nach Anerkennung zu einem Gegenstand intensiver politischer Auseinandersetzungen und Unterdrückung wurden.

In der Folge wurden Politiken der Leugnung und Straflosigkeit institutionell verankert. Dies zeigte sich unter anderem in der Umwandlung des Madımak-Hotels in ein Restaurant, im späteren Ablauf der Verjährungsfrist der Gerichtsverfahren sowie in symbolischen, jedoch inhaltsleeren Gesten der Gerechtigkeit. Der Eintrag analysiert, wie das Ereignis zu einem „gewählten Trauma“ im kollektiven Gedächtnis der Alevit:innen geworden ist und positioniert das Sivas-Massaker an der Schnittstelle von Identität, Erinnerung und Gerechtigkeit im heutigen Türkei.

1993: Politische Krisen und gesellschaftliche Spannungen

Das Jahr 1993 stellte einen weiteren kritischen Wendepunkt in der politischen Geschichte der Türkei dar. Es begann mit der Ermordung von Uğur Mumcu, eines Journalisten, der besonders in säkularen und republikanischen Kreisen großen Einfluss hatte. Er wurde am 24. Januar durch eine Autobombe getötet. Darauf folgten die plötzlichen Todesfälle mehrerer weiterer prominenter politischer Akteure: des Finanzministers Adnan Kahveci, der am 5. Februar bei einem Autounfall ums Leben kam; des Kommandeurs der Gendarmerie, Eşref Bitlis, der am 17. Februar bei einem Militärflugzeugabsturz starb; sowie des Staatspräsidenten Turgut Özal, der am 17. April an Herzversagen verstarb. Die Ursachen dieser Todesfälle sind in der Öffentlichkeit bis heute umstritten, und Teile der Gesellschaft gehen weiterhin von Verschwörungen aus.

Dasselbe Jahr markierte zudem einen Wendepunkt in der sogenannten “kurdischen Frage”. Nach dem Ersten Golfkrieg (1991) nutzte die Kurdistan Workers’ Party (PKK) die entstandene faktische Situation im Nordirak und verfolgte eine Strategie der intensivierten bewaffneten Auseinandersetzung. Allein im Jahr 1993 führte die PKK 413 bewaffnete Angriffe durch. Dabei kamen 403 Angehörige der Sicherheitskräfte ums Leben – unabhängig davon, ob sie im aktiven Dienst waren – sowie 1.166 Zivilpersonen, darunter in ländliche Regionen entsandte Lehrkräfte und Dorfbewohner:innen.

Vor dem Hintergrund dieser tief verunsichernden Entwicklungen hatten die Ereignisse, die sich am 2. Juli 1993 in Sivas ereigneten, eine nachhaltige und prägende Wirkung auf Alevit:innen sowohl in der Türkei als auch in der Diaspora.

Das Pir-Sultan-Abdal-Festival und die Eskalation der Gewalt

Das Pir-Sultan-Abdal-Gedenkfestival des Jahres 1993 hatte seine Wurzeln in der Zeit vor dem Militärputsch von 1980 in der Türkei. Das erste Festival wurde 1979 vom Banaz Köyü Derneği organisiert, der im selben Jahr in Ankara gegründet worden war, und fand in Banaz, dem Geburtsort des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal, statt. Nach dem Putsch von 1980 wurde der Verein geschlossen, 1989 jedoch wieder eröffnet. 1991 erhielt er den Namen Pir Sultan Abdal Kültür Dernekleri, und 1992 organisierte er die dritte Ausgabe des Festivals erneut in Banaz.

Im Jahr 1993 wurde ein Teil der Veranstaltungen auf Einladung des damaligen Gouverneurs Ahmet Karabilgin in das Stadtzentrum von Sivas verlegt. Bereits im Vorfeld des Festivals kam es jedoch zu zunehmenden Spannungen, insbesondere wegen der Einladung des bekannten Schriftstellers Aziz Nesin. Nesin war zu dieser Zeit Chefkolumnist der Tageszeitung Aydınlık, die für die Veröffentlichung einer türkischen Übersetzung von The Satanic Verses große Kontroversen ausgelöst hatte. In einem Interview aus dem Jahr 2020 erklärte Nesins Sohn Ahmet Nesin, dass die Initiative für diese Veröffentlichung tatsächlich von Doğu Perinçek ausgegangen sei.

Am 1. Juli wurde Aziz Nesin nach einer Podiumsdiskussion in der Buruciye Medresesi von einem Reporter des konservativen Fernsehsenders TGRT gezielt zu seinem Glauben an Gott befragt. Nesins Antwort führte zu Unruhe unter den in der Nähe versammelten Menschen. Am folgenden Tag – einem Freitag und zugleich dem zweiten Festivaltag – eskalierte die Situation unerwartet stark, sodass die geplanten Veranstaltungen abgesagt wurden. Einige der eingeladenen Teilnehmenden suchten Schutz im Madımak Hotel, in dem sie untergebracht waren.

Das Hotel wurde bald von einer großen und feindseligen Menschenmenge umringt, die anti-republikanische Parolen rief, darunter: “Die Republik wurde in Sivas gegründet, sie wird in Sivas zerstört.” Diese Parole bezog sich auf den Sivas Kongresi von 1919, der als ein zentrales Gründungsereignis der türkischen Unabhängigkeitsbewegung gilt.

Trotz der Präsenz von Militäreinheiten und lokalen Sicherheitskräften griffen die staatlichen Stellen nicht rechtzeitig ein. Nach stundenlanger Spannung setzte die aufgebrachte Menge das Hotel in Brand. Siebenunddreißig Menschen kamen ums Leben, darunter dreiunddreißig Festivalteilnehmende, viele von ihnen aus Ankara. Zu den Opfern gehörten die Geschwister Koray Kaya (12 Jahre) und Menekşe Kaya (15 Jahre), die Schwestern Asuman Sivri (16 Jahre) und Yasemin Sivri (19 Jahre), Mitglieder einer Semah-Gruppe, der junge Musiker Hasret Gültekin (22 Jahre), die niederländische Wissenschaftlerin Carina Thuys (23 Jahre), die Volksmusiker und das Ehepaar Muhlis Akarsu (45 Jahre) und Muhibe Akarsu (44 Jahre), der Arzt und Dichter Behçet Aysan (44 Jahre) sowie der Schriftsteller Asım Bezerci (62 Jahre).

Darüber hinaus starben zwei Hotelangestellte und zwei Personen aus der Menschenmenge während der stundenlangen Belagerung. Das niedrige Alter vieler Opfer sowie ihre öffentliche Sichtbarkeit verstärkten das kollektive Trauma und die gesellschaftliche Empörung, die dem Angriff folgten.

Die zerbrochene Hoffnung auf Demokratisisierung

Die Ereignisse vom 2. Juli 1993 in Sivas markierten das Ende einer Phase vorsichtiger Demokratisisierung in der Türkei. Diese Phase hatte nach dem Verfassungsreferendum von 1987 begonnen und mit dem deutlichen Wahlerfolg der Sozialdemokratische Volkspartei (SHP) bei den Kommunalwahlen von 1989 an Dynamik gewonnen. Besonders der inklusive politische Ansatz der SHP, der auch die Nominierung alevitischer und kurdischer Kandidat:innen einschloss, fand breite Resonanz in der Wählerschaft. Die Partei erreichte fast 29 Prozent der landesweiten Stimmen.

Infolge dieses Erfolgs übernahm die SHP die Kontrolle über 39 Gemeinden, darunter große Städte wie Istanbul, Ankara und Izmir. Rückblickend weist das politische Klima rund um den Wahlsieg der SHP im Jahr 1989 deutliche Parallelen zur öffentlichen Hoffnung nach den Parlamentswahlen im Juni 2015 auf.

Die SHP konnte diesen Aufschwung auch bei den Parlamentswahlen von 1991 fortsetzen. Sie erhielt 25 Prozent der Stimmen und gewann 99 Sitze im Parlament, womit sie zur zweitstärksten Kraft nach der Mutterlandspartei (ANAP) wurde.

Die geopolitische Bedeutung von Sivas

Zahlreiche Bücher wurden veröffentlicht, um die Ereignisse vom 2. Juli 1993 in Sivas darzustellen und zu analysieren. Unter ihnen blieb ein Buch von Muzaffer Erdost lange Zeit vergleichsweise wenig beachtet. Dies lag vermutlich daran, dass Erdost das Massaker nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil einer umfassenderen politischen Verschwörung deutete. Erdost war ein linksorientierter Verleger und Journalist und gründete 1965 den Verlag Sol Yayınları. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Übersetzung klassischer marxistischer Literatur ins Türkische. Sein Bruder İlhan Erdost kam nach dem Militärputsch von 1980 im Mamak-Militärgefängnis infolge schwerer Misshandlungen ums Leben.

In seinem 1996 erschienenen Buch Türkiye’nin Yeni Sevr’e Zorlanması Odağında Üç Sivas beschreibt Erdost Sivas als einen geopolitischen Knotenpunkt. Ziel des Buches ist es, das Massaker von 1993 in die veränderte strategische Rolle der Türkei in der postsowjetischen Zeit einzuordnen.

Diese Perspektive bezieht sich auf einen Gastbeitrag in der New York Times mit dem Titel The Third American Empire, der am 2. Januar 1996 von Jacob Heilbrunn und Michael Lind veröffentlicht wurde. In den türkischen öffentlichen Diskurs wurde dieser Text Anfang Januar 1996 durch den Journalisten Cengiz Çandar eingeführt. Nach Ansicht der Autoren bestand das “Herz” dieses sogenannten Dritten Amerikanischen Imperiums aus ehemaligen osmanischen Gebieten, die während des Kalten Krieges entweder Teil der Sowjetunion waren oder mit ihr verbündet waren. Die “Achse” dieses Imperiums bildeten der Nahe Osten und der Balkan, während die Türkei als Stütze und als Gleichgewichtspunkt fungierte.

In Erdosts Darstellung wird Sivas wiederholt als ein solcher “Gleichgewichtspunkt” innerhalb der Türkei hervorgehoben. Er argumentiert, dass verschiedene soziale Konflikte, die auf eine Vertreibung der alevitischen Bevölkerung aus den städtischen Gebieten von Sivas sowie später aus den östlichen ländlichen Regionen (von Tunceli bis Erzurum) und den südlichen Regionen (von Kahramanmaraş bis Hatay) zielten, eng mit den strategischen Vorstellungen des “Dritten Amerikanischen Imperiums” verbunden gewesen seien (S. 12).

Nach Erdost weisen die Massaker von 1978 in Sivas, Kahramanmaraş und Çorum sowie das Sivas-Massaker von 1993 ein gemeinsames Merkmal auf. Dominante reaktionäre Kräfte versuchten demnach, progressive und reaktionäre Teile der Arbeiterklasse gegeneinander auszuspielen. Während die Angriffe von 1978 als faschistische Übergriffe auf revolutionär-demokratische Bewegungen verstanden wurden und stark auf der alevitisch-sunnitischen Spaltung beruhten – wobei die meisten Opfer Alevit:innen waren -, wurde das Massaker von 1993 unter dem Vorwand der “Verteidigung der Ehre des Islam” verübt. Dennoch lasse sich auch hier, so Erdost, die Unterstützung aus sunnitischen Kreisen durch konfessionelle Spannungen erklären (S. 15).

Weiterhin vertritt Erdost die These, dass eines der Motive des Massakers von 1993 darin bestanden habe, die PKK daran zu hindern, in Sivas Fuß zu fassen und damit einen möglichen Korridor nach Samsun zu öffnen (S. 17). Unter Bezug auf einen Artikel in der sozialistischen Zeitschrift Sosyalist Alternatif hebt er zwei zentrale Punkte hervor: Erstens besitzt Sivas eine strategische Bedeutung als Verbindung zwischen Ost- und Westanatolien; zweitens kommt der Stadt eine geopolitische Rolle als Kreuzungspunkt der unterschiedlichen “Völker” der Türkei zu (S. 29).

Abschließend widerspricht Erdost der These, dass linke Akteure die Alevit:innen politisiert hätten. Stattdessen argumentiert er, dass ein politisierter Islam – insbesondere in Form religiöser Orden und Bruderschaften – parallel zur Unterdrückung der säkularen und demokratischen Identität der Alevit:innen gewachsen sei. Als Folge davon hätten Alevit:innen zunehmend begonnen, politische Repräsentation im eigenen Namen und zu eigenen Bedingungen einzufordern (S. 32).

Alevitentum, öffentliche Sichtbarkeit und der Kampf um politische Definition

In der Geschichte der modernen Türkei verfügten Alevit:innen nur über begrenzte Möglichkeiten, im öffentlichen Raum sichtbar zu werden. Selbst in Phasen erhöhter Sichtbarkeit wurde diese meist durch politische Krisen geprägt und führte nur selten zu konkreten Verbesserungen für die alevitische Gemeinschaft. So interpretierten viele linke Bewegungen das Massaker von Maraş 1978 als einen Angriff von “Faschisten” auf “das Volk” und vermieden es bewusst, die Alevit:innen zu benennen. Diese Ausblendung erzeugte unter Alevit:innen ein starkes Gefühl des Alleingelassenseins und führte zu Misstrauen gegenüber linken Gruppen, insbesondere nach dem Militärputsch von 1980. In den frühen 1980er Jahren zogen sich Alevit:innen daher in eine Phase stiller Selbstreflexion zurück. In diesem Kontext versuchten sie, ihre Kultur vor allem durch Musik – einen zentralen Bestandteil alevitischer Rituale – zu bewahren, während Urbanisierung und Vertreibung fortschritten.

Diese Phase der Stille wurde 1987 durchbrochen, als sich die Türkei auf ein Verfassungsreferendum zur Aufhebung bestimmter Übergangsartikel der Verfassung von 1982 vorbereitete. In dieser Zeit begannen die Gedenkfeiern für Hacı Bektaş Veli – seit den 1960er Jahren ein zentrales Treffen der Alevit:innen – verstärkt Politiker:innen verschiedener Parteien anzuziehen. Diese Begegnungen markierten einen Wendepunkt, an dem Alevit:innen zunehmend als politische Wählergruppe wahrgenommen wurden. Es entstand eine neue Form öffentlicher Sichtbarkeit, in der alevitische Forderungen offen und bezogen auf eine eigene Identität artikuliert werden konnten.

Zwei Sonderausgaben der einflussreichen Zeitschrift Nokta, die im Abstand von drei Jahren erschienen, spiegeln diesen Wandel wider. Die erste trug den Titel “Das Alevitentum verschwindet in der Geschichte: Die Geschichte einer religiösen, kulturellen und politischen Auflösung” (27. September 1987), die zweite “Alevit:innen sagen: Wir werden nicht länger schweigen – Das alevitische Denken erlebt eine große Wiederbelebung” (13. Mai 1990). Beide Ausgaben dokumentieren die Veränderung des öffentlichen Diskurses über das Alevitentum. Im Mai 1990 veröffentlichten zudem mehrere linksorientierte Intellektuelle und Journalist:innen einen Offenen Brief in der Zeitung Cumhuriyet, der als “Alevitentum-Erklärung” bekannt wurde. Darin wurde erstmals die Forderung nach Anerkennung des Alevitentums ausdrücklich in Begriffen der Identitätspolitik formuliert.

Diese neu gewonnene Sichtbarkeit hatte jedoch ihren Preis. Angesichts der unerwarteten öffentlichen Präsenz des Alevitentums begannen alle wichtigen politischen Strömungen, um die Deutungshoheit über seine Definition zu ringen. Seit der Gründung der Republik konkurrieren unterschiedliche Traditionen – säkularer Republikanismus, religiöser Konservatismus sowie türkischer und kurdischer Nationalismus – um die Bestimmung der nationalen Identität. Dieselben Strömungen versuchten und versuchen bis heute, das Alevitentum jeweils im Sinne ihrer eigenen politischen Interessen zu rahmen und zu definieren.

Das traumatische Erbe des Massakers und das kollektive Gedächtnis

Das Sivas-Massaker vom 2. Juli 1993 ereignete sich zu einem Zeitpunkt, an dem das Alevitentum gerade begonnen hatte, eine deutlichere öffentliche Sichtbarkeit zu erlangen. Die stundenlange Belagerung des Madımak-Hotels, die live im nationalen Fernsehen übertragen wurde, löste bei Alevit:innen in der Türkei und in der Diaspora große Empörung aus. In der Folge nahm die Zahl neu gegründeter alevitischer Kultur- und Religionsvereine rasch zu.

Diese Gefühle von Wut und Entfremdung vertieften sich weiter am 12. März 1995, als im mehrheitlich alevitischen Gazi-Viertel in Istanbul am Abend vier Teehäuser und eine Konditorei aus einem gestohlenen Taxi mit automatischen Waffen beschossen wurden. Daraufhin gingen Alevit:innen in den Stadtteilen, in denen sie lebten, auf die Straße. Es kam zu einem dreitägigen Aufstand in Istanbul. Etwa vierzig Menschen wurden getötet und Hunderte verletzt, vor allem infolge exzessiver Polizeigewalt. Die Täter des ursprünglichen Angriffs wurden nie identifiziert. Alevit:innen deuteten diese beiden traumatischen Ereignisse – bei denen sie direkt Ziel von Gewalt waren – als Ausdruck eines grundlegenden Konflikts zwischen republikanischem Säkularismus und islamischem Konservatismus, insbesondere in einer Phase, in der eine islamistische Partei politischen Auftrieb erhielt. Diese Deutung knüpfte an frühere Erfahrungen aus den späten 1970er Jahren an, die Alevit:innen als Folge der Auseinandersetzungen zwischen rechter und linker Politik verstanden hatten.

Bemerkenswert ist, dass Muzaffer Erdosts Theorie der “Drei Sivas 1993” Jahre später erneut aufgegriffen wurde. In der zweiten Hälfte der 2000er Jahre startete die regierende Justice and Development Party (AKP) eine Reihe sogenannter “Demokratisierungsinitiativen”, die offiziell auf die Lösung langjähriger Menschenrechtsprobleme zielten, darunter auch die Anliegen von Alevit:innen und Kurd:innen. Ein Ergebnis dieses Prozesses war das Verfassungsreferendum von 2010. Erneut gerieten Alevit:innen durch eine Initiative, die sie nicht eingefordert hatten, in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Diese Form politischer Sichtbarkeit wurde vielfach als aufgezwungen wahrgenommen. In dieser Phase zögerten Alevit:innen, die Reformagenda der AKP zu unterstützen. In der Folge warfen regierungsnahe Medien ihnen vor, die “Vormundschaft” des alten Regimes zu verteidigen, das sie mit der oppositionellen Republican People’s Party (CHP) identifizierten.

Am 24. Juni 2011, nur eine Woche vor dem 18. Jahrestag des Massakers, strahlte der staatliche Sender TRT einen Sonderbeitrag mit dem Titel Faili Meçhul (Der Unaufgeklärte) aus. Darin wurden die Ereignisse von Sivas 1993 als eine von der Kurdistan Workers’ Party (PKK) gesteuerte Provokation dargestellt, die darauf abgezielt habe, alevitisch-sunnitische Spannungen zu verschärfen und das Land zu destabilisieren. Diese Deutung war neu – selbst für islamistische Kreise. Zuvor hatten einige von ihnen vermutet, das Massaker sei von Teilen der Türkischen Streitkräfte (TSK) inszeniert worden, um die damalige Wohlfahrtspartei (RP) zu schwächen. Viele Alevit:innen interpretierten den neuen Diskurs als Versuch des politischen Islam, sich von der eigenen Verantwortung für das Massaker zu entlasten und zugleich alevitische Anerkennungsforderungen zu untergraben.

In einem Interview mit der pro-kurdischen Zeitung Özgür Gündem erklärte ein ehemaliges, anonym bleibendes Mitglied der Spezialeinheiten der türkischen Polizei (ÖHD), das Sivas-Massaker sei in Wirklichkeit Teil einer verdeckten militärischen Operation der TSK gewesen, die darauf abgezielt habe, die PKK daran zu hindern, in der Region Fuß zu fassen. Nur drei Tage nach den Ereignissen von Sivas, am 5. Juli 1993, verübte eine Gruppe von PKK-Guerillas einen Vergeltungsangriff auf das sunnitische Dorf Başbağlar in der Provinz Erzincan, bei dem 33 Zivilpersonen getötet wurden. Der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan erklärte jedoch, er habe diesen Angriff nicht autorisiert; die Entscheidung sei vom Kommandeur der beteiligten Einheit eigenständig getroffen worden.

Leugnung, Straflosigkeit und offizielle Narrative

In einer Phase, in der verschiedene politische Bewegungen – darunter auch die Justice and Development Party (AKP) – versuchten, die Geschichte unter dem Schlagwort der “Demokratisierungsinitiativen” neu zu schreiben, ist die anhaltende Debatte darüber, was 1993 in Sivas tatsächlich geschah, besonders aufschlussreich. Sie zeigt, dass alle wichtigen politischen Strömungen in der Türkei weiterhin darum ringen, wie das Alevitentum in ihre jeweiligen politischen Agenden eingebunden werden soll. Keine dieser Strömungen hat jedoch ernsthaft versucht, die Forderungen der Alevit:innen zu erfüllen, die seit mehr als vier Jahrzehnten, insbesondere seit dem Ende der 1980er Jahre, öffentlich vorgebracht werden. Ebenso wenig ist es gelungen – oder erkennbar gewollt -, das Sivas-Massaker in einen klaren rechtlichen oder politischen Rahmen einzuordnen.

Das Madımak Hotel, das nach dem Massaker viele Jahre lang als Kebab-Restaurant betrieben wurde, wurde erst 2011 im Rahmen der sogenannten “Alevi-Öffnung” in ein Wissenschafts- und Kulturzentrum umgewandelt. Die meisten alevitischen Organisationen – sowohl in der Türkei als auch in der Diaspora – hatten jedoch seit Langem gefordert, den Ort in ein “Museum der Schande” (utanç müzesi) umzuwandeln.

Zur Begründung dieser Forderung verwiesen Alevit:innen auf die kollektive Trauer in Deutschland nach dem Solingen arson attack 1993 am 29. Mai 1993, bei dem fünf Mitglieder der deutsch-türkischen Familie Genç durch einen rechtsextremen Brandanschlag getötet wurden. Dieses Beispiel wurde angeführt, um zu zeigen, wie staatliche Anerkennung und würdiges Gedenken an eine Gewalttat möglich sind. Im Gegensatz dazu beschränkte sich die am Eingang des Madımak-Wissenschafts- und Kulturzentrums angebrachte Gedenktafel auf die Formulierung: “Am 2. Juli 1993 verloren siebenunddreißig unserer Bürger bei einem tragischen Ereignis ihr Leben. Wir hoffen, dass ein solches Leid nie wieder erlebt wird …” Dabei wurde der konkrete Charakter der Gewalt bewusst nicht benannt. Wenn nichts benannt wird, kann auch niemand verantwortlich gemacht werden.

Am 13. März 2012 trat im Sivas-Prozess für fünf der verbliebenen Angeklagten die Verjährung ein. Am 6. September 2023 machte Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum zweiten Mal von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und ließ Hayrettin Gül, den Haupttäter des Massakers, aus gesundheitlichen Gründen frei. Gül war ursprünglich zum Tode verurteilt worden; nach der Abschaffung der Todesstrafe wurde das Urteil in erschwerte lebenslange Haft umgewandelt.

Bis heute trauern Alevit:innen um die Opfer des Sivas-Massakers und organisieren jährliche Gedenkveranstaltungen. Dreißig Jahre nach den Ereignissen bleibt Sivas ein zentrales “gewähltes Trauma” für Alevit:innen in der Türkei und in der Diaspora – ein prägendes und identitätsstiftendes Ereignis ihres kollektiven Gedächtnisses.

Schlussfolgerung

Das Sivas-Massaker vom 2. Juli 1993 steht nicht nur für einen Fall organisierter Gewalt gegen Alevit:innen, sondern auch für strukturelle Leugnung, Straflosigkeit und Politiken der Unterdrückung, mit denen Gemeinschaften konfrontiert sind, die in der Türkei um Anerkennung kämpfen. Auch nach drei Jahrzehnten nimmt das Massaker einen zentralen Platz im kollektiven Gedächtnis und im öffentlichen Diskurs ein. Es fungiert weiterhin als symbolischer Bezugspunkt für die alevitischen Forderungen nach Gerechtigkeit, Anerkennung und gleicher Staatsbürgerschaft.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

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Zırh, Besim Can. 2024. “Görünmezlik ve Tanınma Arasında: Sivas Katliamı.” In 100 Kesitle Cumhuriyet Türkiyesi’nin 100 Yılı, edited by Alp Yenen and Erik Jan Zürcher. İstanbul: İletişim Yayınları.

Zırh, Besim Can. 2023. “Yadsımanın Nesnesinden Tanımlama Mücadelesi Öznesine Alevîlerin Uzun Onyılı: Seksenler.” In Türkiye’nin 1980’li Yılları, edited by Mete Kaan Kaynar. İstanbul: İletişim Yayınları.

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Zitation

  • Das Sivas-Massaker vom 2. Juli 1993
  • Autor: ZIRH, Besim Can
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 26.02.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-sivas-massaker-vom-2-juli-1993-6108/
ZIRH, Besim Can (2025). Das Sivas-Massaker vom 2. Juli 1993. Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-sivas-massaker-vom-2-juli-1993-6108/ (Abrufdatum: 26.02.2026)
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