Deyiş (alevitischer religiöser Gesang)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
In der alevitisch-bektaschitischen Kultur sind Deyiş eine Form der mündlich überlieferten Volksliteratur. Sie werden während der Cem-Zeremonien spontan vorgetragen, ausschließlich von der Bağlama begleitet und stehen in enger Verbindung mit dem Semah. Zugleich sind sie tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Die alevitische Musik gehört zu den grundlegenden kulturellen Ausdrucksformen Anatoliens. In den Deyiş kommen die alevitische Philosophie, die Suche nach der Wahrheit sowie die Einheit mit der Natur und dem Göttlichen zum Ausdruck. Diese Dichtungen vertreten die bektaschitische Philosophie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und unterscheiden sich damit von den symbolischen Wertordnungen des sunnitischen Islam. Je nach Region, in der sie vorgetragen werden, spiegeln Deyiş die Weltanschauungen, Gefühle, Verhaltensweisen, Vorlieben, den Humor und das Leid der Menschen wider. Darüber hinaus vermitteln sie bedeutende Ereignisse des kollektiven Gedächtnisses sowie Spuren lokaler Traditionen und Bräuche. Elemente der mündlichen alevitischen Kultur wie Nefes, Düvaz, Deyiş und Semah haben ein altes kulturelles Erbe von der Vergangenheit bis in die Gegenwart getragen. Deyiş werden während der Cem-Rituale gesungen, an denen Frauen und Männer gemeinsam teilnehmen, und begleiten den Semah. Die Person, die sie vorträgt, wird Zakir genannt. Zu den „Sieben Großen Dichtern der Alevit:innen“, geordnet nach den Jahrhunderten, in denen sie lebten, zählen Nesimi (Seyyid Imadeddin), Fuzuli, Hatayi (Schah Ismail), Pir Sultan Abdal, Yemini, Kul Himmet und Virani. Je nach Form und Thema tragen Deyiş unterschiedliche Bezeichnungen. Inhaltlich behandeln sie vor allem das alevitische Denken und die alevitische Philosophie, das Verhältnis zwischen Gott und Universum sowie die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Sie haben eine zentrale Rolle dabei gespielt, die alevitisch-bektaschitische Identität bis in die Gegenwart weiterzugeben. Aufgrund ihrer gesellschaftlichen und historischen Inhalte können Deyiş auch soziologisch untersucht werden. Aus dieser Verankerung entsteht ihre politische und kritische Kraft. Im Folgenden werden Deyiş mit ihrem weitreichenden Bedeutungsraum aus verschiedenen thematischen Perspektiven behandelt.Deyiş als Sprache des “Anderen” und ihr soziologischer Kontext
Gesellschaften geben ihre Erfahrungen, ihr Leid, ihre Freude, ihre Migrationserfahrungen und die erlebten Zerstörungen durch kulturelle Ausdrucksformen an kommende Generationen weiter. Auf diese Weise bilden sie ein kollektives Gedächtnis und sichern den Fortbestand ihrer Gemeinschaft. Rituale, Riten, Zeremonien und religiöse Handlungen sind Formen kultureller Weitergabe, die eine gemeinsame Teilnahme voraussetzen. Sie stärken die sozialen Bindungen und betonen die Einbindung des Individuums in die gesellschaftliche Ordnung. Öffentliche Aufführungen und Zeremonien bringen gemeinsam geteilte Wahrheiten zum Ausdruck. Auch Rituale sind öffentliche Darstellungen: Sie werden gemeinsam vollzogen, geben den Teilnehmenden Kraft, bewegen und schützen sie und schaffen soziale Wirklichkeit immer wieder neu. Sie lehren die Menschen, wie sie sich gegenüber heiligen Erscheinungen und Ereignissen verhalten sollen. Unabhängig von ihren Eigenschaften oder Zielen führen Zeremonien Menschen zusammen, stärken ihre Beziehungen, schaffen Nähe, vertiefen den Austausch und tragen dazu bei, ein gemeinsames Bewusstsein zu entwickeln. Dabei erneuern die Einzelnen sowohl ihren Platz innerhalb des Kollektivs als auch ihre Gefühle gegenüber der Gemeinschaft (And 2003, 308).
Musik gehört zu den wichtigsten kulturellen Quellen, durch die sich eine Gesellschaft ausdrückt und ihre Glaubensvorstellungen und Werte weitergibt. Die alevitische Tradition ist eine spirituelle Glaubensordnung, deren Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen und die zahlreiche philosophische, kulturelle und kosmologische Lehren umfasst. Sie bringt göttliches Wissen und Musik innerhalb der Beziehung zwischen Gott, Universum und Mensch zusammen. In diesen Traditionen ist Musik eines der stärksten Mittel, um die materielle Welt zu überschreiten und sich Gott anzunähern (Güray 2012, 45). Aufgrund ihres heterodoxen Charakters konnte die alevitisch-bektaschitische Glaubenstradition trotz des Drucks institutionalisierter und dominanter Religionen bis in die Gegenwart fortbestehen. Die alevitische Musik und die Deyiş spielten dabei eine zentrale Rolle.
Kearney, der den Begriff des “Fremden” beziehungsweise des “Anderen” philosophisch einzuordnen versucht, stellt fest, dass Andersheit fast immer im Zusammenhang mit Entfremdung behandelt wurde, welche die reine Einheit der Seele beflecke: “Das Böse ist Entfremdung, und das Böse ist das Fremde” (Kearney 2012, 87).
Aufgrund ihrer oppositionellen gesellschaftlichen Stellung wurden alevitische Gemeinschaften sowohl in der osmanischen Zeit als auch nach der Gründung der Republik als das “Andere” der Gesellschaft betrachtet. Wegen der repressiven Politik, der sie ausgesetzt waren, lebten viele Gemeinschaften nach innen orientiert und siedelten sich in abgelegenen Regionen an. Unter diesen Bedingungen entwickelten Alevit:innen durch ihre Deyiş eine Sprache des Widerstands und des Fortbestehens. Die Bevölkerung Anatoliens – insbesondere die Menschen in den Dörfern – verstand es immer wieder, die starren Grenzen institutionalisierter Ordnungen mithilfe von Liebe, Toleranz, Gefühl, Intuition und Verstand zu überwinden. Ihr wirkungsvollstes Ausdrucksmittel war dabei die Dichtung (Erseven 1990, 50). Julia Kristeva zufolge reagieren Menschen auf die Erfahrung der Entfremdung, die zu den grundlegenden menschlichen Erfahrungen gehört, auf drei hauptsächliche Arten: durch Kunst, Religion und Psychoanalyse. Kearney ergänzt als vierte Möglichkeit die Philosophie (Kearney 2012, 19).
Die Entstehung der Cultural Studies innerhalb der Sozialwissenschaften hat es ermöglicht, sämtliche Bereiche der Kultur als Texte zu untersuchen. In diesem Zusammenhang gilt die Volksliteratur – darunter Epen, Gedichte, Erzählungen, Sprichwörter und weitere Formen der mündlichen und imaginativen Überlieferung – als eine der wichtigsten Quellen. Volksliteratur unterscheidet sich von Geschichtsschreibung und Philosophie, weil sie vor allem aus dem Bedürfnis entsteht, die Erfahrungen der Menschen zu erzählen, weiterzugeben und öffentlich auszusprechen. Ihre Autor:innen und Erzähler:innen stehen außerhalb des Diskurses, der von Herrschenden, offizieller Ideologie und dominanten Glaubensordnungen geschaffen wird.
Zugleich kann Volksliteratur die Bedingungen ihrer Entstehungszeit und die Brüche, die diese Bedingungen im Leben der Menschen verursacht haben, detailliert vermitteln. Da sie eine philosophische Substanz enthält, kann sie dauerhafter sein als historisches Wissen. Weil die von ihr dargestellten Ereignisse und Personen zugleich konkret und wirklichkeitsbezogen sind, ist sie anschaulicher als abstrakte Philosophie. In diesem Sinne schaffen Deyiş als Teil der Volksliteratur bei der Suche nach Wahrheit einen unmittelbaren und verlässlichen Raum, der nicht durch die Macht vermittelt oder geprägt ist.
Deyiş entstehen innerhalb bestimmter gesellschaftlicher und historischer Zusammenhänge. Aus dieser Verankerung beziehen sie ihre politische und kritische Kraft. Werden literarische Texte im Rahmen der Sozialwissenschaften untersucht, tritt die Frage nach dem “Warum” stärker in den Vordergrund als die Fragen nach dem “Was” oder “Wie”. Bei der Vermittlung gesellschaftlicher und historischer Wirklichkeiten wird wichtig, wie eine Erzählung aufgebaut ist und welche Identitäten sie darstellt. Literarische Werke ermöglichen es auf diese Weise, auch jene sozialwissenschaftlichen Paradigmen kritisch zu hinterfragen, durch die wir den Staat, das Verhältnis von Zentrum und Peripherie sowie türkisch-osmanische Identitätsvorstellungen betrachten (Köksal 2008, 225).
Seit seiner historischen Entstehung entwickelte das Alevitentum eine politisch oppositionelle Identität. Gegenüber den Herrschaftsmächten, die den sunnitischen Islam institutionalisierten, verteidigte und formulierte es seine menschenzentrierte Philosophie durch Deyiş. Die folgenden Verse von Yûnus Emre können in diesem Zusammenhang betrachtet werden: “Din-ü millet sorar isen / Âşıklara din ne hâcet / Âşık kişi harab olur / Bilmez ne din ne diyânet / Âşıkların gönlü gözü maşuk diye gitmiş olur / Ayruk surette ne kalır kim kılısar zühd u taat” (Vikikaynak 2025).
Diese Verse von Yunus Emre bringen die Opposition gegenüber dem sunnitischen Religionsverständnis deutlich zum Ausdruck. Sie kritisieren dessen Oberflächlichkeit sowie seine Bindung an Regeln und Institutionen. Yunus Emre behandelt häufig das Thema der Liebe und deutet sie im Rahmen des mystischen Konzepts Wahdat al-Wudschūd – der Einheit des Seins -, nach dem die Vereinigung mit Gott die höchste Wirklichkeit darstellt. Menschenliebe, Toleranz, Respekt vor der Natur und allen Lebewesen, das Streben nach dem kâmil insan – dem vollkommenen Menschen -, Begeisterung und eine aufrichtige Verbundenheit mit dem Leben bilden den Kern der alevitisch-bektaschitischen Philosophie. Der kâmil insan ist ein Mensch, dessen äußeres Antlitz den Menschen und dessen inneres Antlitz Gott zugewandt ist, der sein Ego überwunden hat und sich selbst kennt.
Im Alevitentum wird die göttliche Philosophie in zwei Formen ausgedrückt: Sein und Nichtsein. Das Sein ist wesentlich. Das Nichtsein ist die Welle, die aus ihm entsteht und wieder zu ihm zurückkehrt. Das Meer ist das Seiende, die Welle das Nichtseiende. Alles geht aus diesem Meer hervor. Alles Existierende und auch die Himmel sind Flammen dieses Wesens und dieses Lichts. Alles ist ein Spiegelbild der Geheimnisse dieses Seins und ein Spiegel seiner Schönheit. Diese Kraft nennen wir Gott. Sie ist die höchste Schönheit, die höchste Vollkommenheit, das vollkommenste Antlitz und das höchste Leben. Um zu verstehen, warum dies so ist, muss man lernen, das Buch zu lesen, das Universum heißt. Der Beweis dieses Buches ist unmittelbar der Mensch. Es genügt nicht, nur zu schauen. Man muss die erhabenen Buchstaben des Universums lesen und sie zugleich im Inneren empfinden. Die höchste und endgültige Kraft ist nicht – wie manche behaupten – etwas Unerkennbares oder Unsichtbares. Diese Kraft ist immer bei den Menschen, ja sogar in ihnen. Sie befindet sich nicht nur in einer einzelnen Sache, sondern in allem. Alles bestimmt das Universum. Alles ist sein Spiegelbild (Birdoğan 1994, 310).
In den Versen Yunus Emres, eines Vertreters der Abdal-Tradition, wird erklärt, dass Âşıklar – jene, die sich mit Gott vereinigt und die Stufe des vollkommenen Menschen erreicht haben – Religion im herkömmlichen Sinne nicht mehr benötigen. Sie sind nur sich selbst und damit dem universellen Wesen in ihrem Inneren gegenüber verantwortlich. Dieser Zustand wird durch eine innere und emotionale Hingabe erreicht. Yunus Emre erklärt, dass er kein Verlangen nach weltlichen Freuden hat und sich gemeinsam mit der geliebten göttlichen Gestalt auf einer spirituellen Ebene befindet. In diesen Zeilen erfüllt er die Notwendigkeit, Widerstand zu leisten und Stellung zu beziehen. Die Verse ermöglichen es uns, die herrschende politische und gesellschaftliche Atmosphäre ihrer Entstehungszeit zu verstehen und zugleich Parallelen und Unterschiede zur Gegenwart zu erkennen.
Die Formen, in denen das Konzept des “Anderen” durch Deyiş ausgedrückt wird, lassen sich auch am Beispiel von Pir Sultan Abdal untersuchen. Pir Sultan Abdal, der vom Statthalter von Sivas, Hızır Pascha, verhaftet und später hingerichtet wurde, erlebte die Celali-Aufstände in Anatolien sowie den Krieg, den Sultan Süleyman der Prächtige gegen den iranischen Safawidenstaat führte. Bagdad, das zuvor von den Aq Qoyunlu an Schah Ismail übergegangen war, geriet nun erstmals unter osmanische Herrschaft. Dieser Verlust löste unter den Alevit:innen Anatoliens große Trauer aus, und Pir Sultan Abdal verfasste ein Gedicht, in dem er diese Trauer zum Ausdruck brachte.
In diesen Jahren schrieb Pir Sultan Gedichte, die die Gefühle verschiedener alevitischer Gemeinschaften widerspiegelten. Er reiste in unterschiedliche Regionen und verbreitete seine Botschaften (Öztelli 1985, 14). Die Erwartung des Schahs, von dem man hoffte, er werde die Menschen in den Randregionen vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck des Osmanischen Reiches befreien, sowie die Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung dieser Zeit finden sich in seinen Werken wieder. In seinen Deyiş gab er der Unterdrückung, den Aufständen und dem Widerstand der alevitischen Gemeinschaften eine Stimme, die damals als die “Anderen” galten.
Als Hızır Pascha als Statthalter nach Sivas kam und zu ihm sagte: “Wenn du drei Deme vorträgst, in denen der Name des Schahs nicht erwähnt wird, werde ich dich begnadigen”, verfasste Pir Sultan Abdal ein Deyiş, das den Widerstand jener Zeit bis in die Gegenwart getragen hat. “Seine Nefes wurden von Generation zu Generation weitergegeben” (Öztelli 1985, 16):
Hızır Paşa bizi berdar etmeden
Açılın kapılar Şah’a gidelim
Siyaset günleri gelip yetmeden
Açılın kapılar Şah’a gidelim
Gönül çıkmak ister Şah’ın köşküne
Can boyanmak ister Ali müşküne
Pirim Ali, On İki İmam aşkına
Açılın kapılar Şah’a gidelim
Aufgrund seines historischen und gesellschaftlichen Kontexts besitzt das Gedicht eine starke politische und kritische Wirkung. Die im Gedicht dargestellten Identitäten und Positionen werden entlang der Gegensätze Unterdrücker-Unterdrückte und Zugehörige-Ausgeschlossene eingeordnet. Die Vorherrschaft der zentralen osmanischen Macht ist deutlich über der alevitischen Gemeinschaft zu spüren, deren symbolische Bezugspunkte Pir Ali und die Zwölf Imame sind. Schah Ismail, der Herrscher des iranischen Safawidenstaates, erscheint dabei als eine mögliche Kraft der Befreiung.
Die herrschende nationale, ethnische, kulturelle oder religiöse Mehrheit kann die Existenz einer Minderheit nur dann akzeptieren, wenn diese die dominierenden Werte vollständig übernimmt und ihre Bereitschaft zeigt, nach den Regeln der Mehrheit zu leben. Die Minderheit bemüht sich dann darum, die Herrschenden zufriedenzustellen und ihre Anerkennung zu gewinnen. Dabei stellt sie fest, dass die Zahl der geforderten Zugeständnisse in dem Maße zunimmt, wie die Mehrheit davon überzeugt ist, dass die Minderheit ihre Werte angenommen hat und keine Gefahr eines Widerstands mehr darstellt. Zugleich lernt die Minderheit, dass der Versuch, ihre eigene Besonderheit zu betonen, um als gleichberechtigte Partnerin anerkannt zu werden, häufig das Gegenteil bewirkt. In solchen Fällen zieht sie sich entweder in ihre eigenen gesellschaftlichen Räume zurück oder verändert ihre Strategie entsprechend dem Modell der symmetrischen Schismogenese[1]. Unabhängig davon, welche Möglichkeit gewählt wird, ist ein Bruch in den Beziehungen ein wahrscheinliches Ergebnis (Bauman 2013, 63-64).
Zygmunt Baumans Modell der Beziehungen zwischen Mehrheit und Minderheit zeigte sich sowohl in der osmanischen Zeit als auch in der republikanischen Epoche in unterschiedlichen Formen innerhalb der alevitischen Gemeinschaft. Ein Beispiel dafür ist die Gründung der Republik: Mit der Abschaffung des Kalifats wurden sämtliche religiösen Stiftungen und Einrichtungen geschlossen, darunter auch die Bektaşi-Tekken. Obwohl die Ablehnung des Kalifats zur Schließung der Bektaşi-Tekken führte, wurde diese Entwicklung von vielen alevitischen Gemeinschaften weitgehend begrüßt. Denn dadurch erhielten sie verfassungsmäßige Rechte im Bereich der formalen Staatsbürgerschaft und konnten stärker am öffentlichen Leben teilnehmen (Gültekin 2023, 55-56).
Der historische Hintergrund der Deyiş
Alle alten Zeremonien und Rituale werden grundsätzlich aus zwei Quellen gespeist: aus dem Wort (Mythos) und aus der Handlung. Ein Ritual besteht im Wesentlichen aus festgelegten Verhaltensweisen und Bräuchen. Der Mythos wiederum überführt die Gefühle und Handlungen des Rituals in eine sprachliche Form (And 2003, 308). Die während der Cem-Rituale aufgeführten Semah, die Aşure beziehungsweise Rûz-i Katl am zehnten Tag des Monats Muharrem sowie die Ta’ziye-Traditionen sind Beispiele für die Mythen und Rituale anatolisch-alevitischer Gemeinschaften. All diese Mythen und Rituale sind aus konkreten historischen Erfahrungen hervorgegangen.
Seit der safawidischen Zeit im Iran hatte die emotionale Beziehung der Bevölkerung zum Monat Muharrem und zu den Ereignissen von Kerbela eine wichtige politische und ideologische Bedeutung für den Staat. Schah Ismail überführte die Suche nach Vergeltung für Imam Hüseyin in den Bereich des Sufismus. Man glaubte, dass das Weinen um Imam Hüseyin den Eintritt ins Paradies sichere. Auch die heiligen Stätten in Kerbela und Nadschaf waren für Sufi- und Futuwwa-Orden von großer Bedeutung. Während des gesamten Monats Muharrem wurden bis zum 20. und 28. Tag des Monats Safar mit großer Ehrfurcht Zeremonien durchgeführt (And 2022, 216).
Das Alevitentum kann jedoch nicht auf bestimmte Ereignisse der islamischen Geschichte reduziert werden. Es wäre nicht gerechtfertigt, das Alevitentum ausschließlich über einzelne historische Ereignisse zu erklären. Nachdem es seine historische Form angenommen hatte, entwickelte es sich zu einem universellen Glaubenssystem und überschritt damit seinen ursprünglichen historischen Rahmen. Das bedeutet: Das Alevitentum wendet sich nicht deshalb gegen den sunnitischen Ansatz, weil Imam Hüseyin auf seiner Seite gestanden hätte. Vielmehr richtet es sich gegen institutionalisierte Religion, die vom Staat oder von weltlichen Herrschaftskräften beeinflusst und für deren Interessen genutzt wird. Es wendet sich gegen alle Formen einer solchen Religion. In diesem Zusammenhang lässt sich sagen, dass sich das Alevitentum, wäre es in einer katholisch dominierten Gesellschaft entstanden, gegen die Institution der Kirche und gegen im Namen Gottes gekrönte Herrscher gewandt hätte – selbst wenn diese nicht das Blut Imam Hüseyins vergossen hätten (zitiert nach Poyraz 2007, 88-89).
Zum weiteren Bereich des Mythos gehören Erzählungen, Legenden, Deyiş und Epen, die zentrale Bestandteile der mündlichen Überlieferung bilden. Die Bedeutung der mündlichen Tradition für die Weitergabe von Kultur ist unbestreitbar. Worte und Mythen, Legenden und Deyiş sorgten dafür, dass Rituale dauerhaft erhalten blieben, an kommende Generationen weitergegeben wurden und zugleich die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit dokumentierten.
In jeder Kultur traten Âşıklar und Ozanlar als Sprecher:innen und Deuter:innen des Leids, der Ungerechtigkeiten und der Ängste der Bevölkerung auf. Ihre Worte und Verse wurden zu gemeinsamen Werten und von Generation zu Generation weitergegeben. Im Vorwort zu Dostlar Beni Hatırlasın, einer Sammlung der Deyiş von Âşık Veysel, beklagt Sabahattin Eyuboğlu den Bedeutungsverlust der Volksdichtung und der Deyiş in der Gegenwart. Er formuliert seine Gedanken wie folgt: “Denken Sie an Yunus Emre: Er sprach siebenhundert Jahre vor Abdülhak Hâmit. Seine Worte wurden niemals vom Staat in großen Mengen als Bücher unter der Bevölkerung verbreitet, und er trat auch nicht durch die Tore von Ruhm und Ansehen. Dennoch finden sich bei ihm noch heute Worte, die so frisch wirken, als wären sie gerade ausgesprochen worden, als hätte einer von uns sie gesagt. Es sind Worte, die Menschen von den Universitätssälen bis zu den Kaffeehäusern der Dörfer bewegen. Ist Yunus ein geschickterer Dichter als Hâmit? Sagt er wahrere oder tiefere Dinge? Nein. Doch es gibt eine Quelle, aus der die Dichtung von Yunus schöpfte und von der Hâmit notwendigerweise entfernt blieb: die Quelle des Volkes. Es ist dieselbe Quelle, in der Dante, Shakespeare und Molière ihre Worte wuschen. Wie sich unsere Dichtung gemeinsam mit unserem Staat allmählich von dieser Quelle entfernte, ist eine lange Geschichte. Viele vergoldete, aber unfruchtbare Quellen ließen uns sie vergessen. Dennoch floss sie weit entfernt weiter, für das Volk und für die Armen. Und sie fließt noch immer. Hier ist Âşık Veysel – nun aber stehen wir alle gemeinsam an dieser Quelle.” (Veysel 2001, 10)
Deyiş bilden einen der umfassendsten Bereiche der Volksdichtung. Sie werden im Silbenmaß, in Strophen aus vier Versen und mit Reimen verfasst. Gesungen werden sie mit Melodien und in Begleitung der Saz. Ebenso wie Epen gehören Deyiş zur mündlichen Literatur oghusisch-türkischer Gemeinschaften. Zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert spielten Volkssänger eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Ocak-Strukturen und Sufi-Orden in Anatolien.
Bis zum 15. Jahrhundert wurden Gedichte im Silbenmaß von Sänger:innen vorgetragen, die von Gemeinschaft zu Gemeinschaft reisten und dabei die Kopuz spielten. Aus dieser Tradition gingen bedeutende Sprach- und Dichtungspersönlichkeiten wie Yunus Emre, Sait Emre, Kaygusuz Abdal und Abdal Musa Sultan hervor. Im 15. Jahrhundert folgten Namen wie Hacı Bayram Veli und Eşrefoğlu Rumi. Im 16. Jahrhundert traten Kul Mehmet, Öksüz Dede und Azmi Dede sowie die bis heute bekannten Dichter Pir Sultan Abdal und Hatayi hervor. In den folgenden Jahrhunderten wurden Karacaoğlan, Gevheri, Kuloğlu, Dertli, Emrah, Bayburtlu Zihni, Seyrani, Ruhsati und viele weitere Âşıklar bekannt (Şimşek 1996, 19).
Die Volksdichtung wurde in einer schlichten türkischen Sprache verfasst, nahm jedoch im Laufe der Zeit auch arabische und persische Wörter auf. Sie wurde vor allem mündlich und nicht schriftlich weitergegeben. Mehmet Şimşek beschreibt in seiner Untersuchung auch die traditionelle Vorstellung davon, wie jemand zum Âşık wird: Nach einem weitverbreiteten Glauben trinken Âşıklar aus der Hand eines Pir den Dolu, einen gesegneten Trank. Dieses Ereignis gilt als ihr Erwachen. Zugleich wird ihnen eine geliebte Person gezeigt. Der Âşık entbrennt in Liebe zu dieser vorgestellten Gestalt und zieht auf der Suche nach ihr von Region zu Region. Manche erhalten während dieses Vorgangs ihren Mahlas, also ihren Dichternamen. Beim Trinken der Bade beziehungsweise des Dolu soll dem Âşık Wissen vermittelt werden, das ihm zuvor unbekannt war. Personen, die die Bade getrunken haben, werden der Tradition zufolge als “Volks-Âşıklar” bezeichnet. Dieses Trinken findet häufig im Traum statt (Şimşek 1996, 20).
Die vom Zakir während der Cem-Zeremonien spontan vorgetragenen Deyiş geben dem philosophischen Erbe und den Grundgedanken des alevitisch-bektaschitischen Denkens eine Stimme. Je nach Thema werden diese Dichtungen als Deyiş, Nefes, Mersiye, Semah, Düvaz oder Miraçlama bezeichnet. Die Grundlagen dieser Dichtungsformen reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ihr philosophischer Hintergrund ist eng mit Yunus Emres Verständnis des Sufismus verbunden (Gölpınarlı 2017, 7).
Rhythmische Wiederholungen, melodische Motive, wiederkehrende Formulierungen und die Einheit von Musik und Wort sind entscheidend dafür, dass Deyiş zu einem Ausdrucksmittel spiritueller Tiefe werden. Musik ist daher unverzichtbar, damit Lehren und Traditionen über die göttliche Liebe, die Einheit des Seins und die spirituelle Reise der Seele in einem lebendigen, dynamischen und wirkungsvollen kulturellen Raum fortbestehen können (Soylu Bağçeci und Şenol Atıcı 2022, 21).
Die oppositionelle Tradition, die sich durch alevitische Lieder und Deyiş entwickelte, führte zwar auch zu Verfolgungen und Hinrichtungen, wie in den Fällen von Hallâc-ı Mansûr und Pir Sultan Abdal. Dennoch konnten die Deyiş ihre Lebendigkeit bis in die Gegenwart bewahren. Die Verwendung von Musik in der alevitisch-bektaschitischen Tradition – insbesondere bei religiösen Handlungen – wurde von orthodoxen religiösen Autoritäten als Häresie und Gotteslästerung betrachtet. Solche Ansichten wurden häufig mit großer Wut geäußert.
Der Dichter Dertli erhielt im 18. Jahrhundert vom Kadı von Beypazarı wegen seiner Liebe zur Musik den folgenden Befehl: “Geh und zerbrich deine Saz. In ihr befindet sich der Teufel; sie zu spielen ist verboten.” Dertli antwortete darauf auf die Weise, die er am besten beherrschte (zitiert nach Poyraz 2007, 121):
Telli sazdır bunun adı
Ne ayet dinler de de kadı
Bunu alan anlar kendi
Şeytan bunun neresinde
Venedik’ten gelir teli
Ardıç ağacından kolu
Be Allah’ın sersem kulu
Şeytan bunun neresinde
Obwohl das Alevitentum während eines großen Teils der Geschichte der Türkischen Republik ignoriert wurde, konnte die alevitische Musik in gewisser Weise nicht vollständig ausgeblendet werden. Auch wenn staatliche Institutionen den Begriff “alevitisch” über lange Zeit kaum verwendeten, ließ sich die Ausstrahlung alevitischer Musik im TRT-Radio trotz verschiedener Einschränkungen nicht vollständig verhindern.
Wegen ihrer großen Verbreitung und Bedeutung innerhalb der anatolischen Musikkultur war es nicht möglich, alevitische Musik vollständig zu ignorieren oder auszulöschen. Folgt man der Einschätzung, dass sieben von zehn Volksliedern alevitischen Ursprungs sind, wird verständlich, warum die strengen Verbote, die in anderen Institutionen galten, bei TRT weder vollständig umgesetzt noch dauerhaft aufrechterhalten werden konnten (Poyraz 2007, 134). Muzaffer Sarısözen und später Nida Tüfekçi erfüllten ihre intellektuelle Verantwortung, indem sie die Deyiş – die Stimme der alevitischen Bevölkerung Anatoliens – sammelten, verschriftlichten und originalgetreu an spätere Generationen weitergaben.
Die Bedeutungswelt der Deyiş und ausgewählte Beispiele
Die Volksdichtung bildet einen wichtigen Bestandteil einer kulturellen Welt, die sowohl aus wörtlichen als auch aus übertragenen Bedeutungen besteht. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Darstellung einer Gesellschaft, bei ihrem Selbstausdruck, bei der Entstehung ihrer kulturellen Codes, bei der Formulierung ihrer kritisch-politischen Haltung und bei der Vermittlung ihrer Philosophie. In diesem Zusammenhang können Deyiş als musikalische Form der Volksdichtung verstanden werden, die verschiedene Ebenen tiefer Bedeutung und symbolischer Ausdrucksweisen enthält. Sie spiegeln die alevitischen Gemeinschaften wider, die von unterschiedlichen Religionen, Kulturen und Philosophien beeinflusst wurden, und unterscheiden sich je nach Region und Ocak.
Die hermeneutische Auslegung ist in vielen Religionen und Glaubenssystemen eine wichtige Methode, um die in theologischen Texten enthaltenen verborgenen Botschaften und Bedeutungsebenen sichtbar zu machen. Transzendentes Wissen wird durch die sprachliche Vermittlung metaphysischer Bedeutungen in Bereichen wie göttlichem Wissen, Glaubenssystemen, philosophischer Tiefe sowie künstlerischen und moralischen Werten in ein zusammenhängendes Deutungssystem eingebunden (Tokat, zitiert nach Soylu und Atıcı 2022, 22).
In Zeiten der Unterdrückung wurden Deyiş aus Angst, von Menschen aus der Umgebung gehört und bei staatlichen Behörden angezeigt zu werden, häufig leise und nur in Begleitung einer einzigen Bağlama vorgetragen. Mit der wachsenden Sichtbarkeit alevitischer Gemeinschaften und ihrer stärkeren gesellschaftlichen Repräsentation entwickelten sie sich zunehmend zu Ausdrucksformen kollektiver Identität. Heute haben die alevitische Musik und die Deyiş einen festen Platz im öffentlichen Raum. Künstler:innen und Dichter:innen wie Âşık Veysel, Ruhi Su, Arif Sağ, Emre Saltuk, Ali Ekber Çiçek und Mahzuni Şerif spielten eine wichtige Rolle dabei, die Deyiş bis in die Gegenwart zu tragen.
Im Allgemeinen lassen sich Deyiş anhand der folgenden Bedeutungsebenen untersuchen:
Deyiş, die die alevitisch-bektaschitische Philosophie widerspiegeln
Diese Gedichte vermitteln die Grundphilosophie des Alevitentums, die Prinzipien des Yol und jene Regeln, die von Menschen angenommen werden müssen, die diesem Weg als Talip folgen möchten. Dazu gehören beispielsweise, nicht zu lügen, die 366 Erkân zu kennen, die Vierzig Stufen auswendig zu lernen, die Wahrheit anzunehmen, dass “der Mond Ali und die Sonne Muhammed ist”, sowie an die Heiligen zu glauben.
Unter diesen Deyiş nehmen die Devriye[2] einen besonderen Platz ein. Schah Ismail Hatayi behandelte und entwickelte diese Regeln und brachte sie in seinen Deyiş besonders umfassend zum Ausdruck. Viele seiner bekannten Deyiş erzählen von den Regeln des Alevitentums. Nach alevitischem Glauben besteht der Weg aus 366 Regeln. Nur acht von ihnen beziehen sich unmittelbar auf Religion; die übrigen betreffen die Beziehungen zwischen Menschen. In diesem Sinne wird das Alevitentum zu einer Ordnung, die auf das Glück der Menschen in dieser Welt ausgerichtet ist.
İmam Cafer kullarıyız,Sohbetimiz nihan olur.Ölmeden evvel ölürüz,Can cana vasıl can olur.
Budur evvel, budur âhir,Bundadır mahabbet mihir,Küfür, her mezhepte küfür,Küfür bunda iman olur.
Bunda kibr ile kin olmaz,Hem sen olup hem ben olmaz,Âdem öldürsen kan olmaz,Nefes öldürsen kan olur.
İmam kulları dirilir,Erkân muhabbet sürülür,Mahşer sorgusu sorulur,Bunda Âli divan olur.
Şeraben tahur içilir,Müşkül hal olur seçilir,Şol kan işlerden geçilir,Erenler mürvet kân olur.
İmam kulları yolu hak,Derdine derman iste tek,Üç yüz altmış altı uğrakSekizi usul din olur.
Şah Hatai dir candayım,Hak divanı günündeyim.Sen sendesin, ben bendeyimNe sen olur ne ben olur. (Birdoğan 1994, 413)
Die Einheit des Menschen mit der Natur und dem Kosmos sowie die Suche nach dem Göttlichen sowohl in dieser Einheit als auch in der kleinsten Einheit, aus der das Ganze besteht, zeigen sich in den Versen Âşık Veysels. Darin verbindet er den dialektischen Kreislauf mit der alevitisch-bektaschitischen Philosophie:
Aslıma karışıp toprak oluncaÇiçek olur mezarımı süslerimDağlar yeşil giyer bulutlar ağlarGökyüzünde dalgalanır, seslenirim
Ne zaman toprakla birleşir cismimCümle mahluk ile bir olur ismimNe hasudum kalır ne de bir hasımımEski düşmanlarım olur dostlarım (Veysel 2001, 33)
In ähnlicher Weise bringen die folgenden Verse des Volksdichters Hacı Bektaş Veli (1352-1429) den Kern der alevitischen Philosophie und die Suche des Menschen nach sich selbst zum Ausdruck:
Hararet nardadır sac’da değildirKeramet baş’dadır taçta değildirHer ne arar isen kendine araKudüs’te, Mekke’de, Hac’da değildir
Sakin ol, kimsenin gönlünü yıkmaGerçek erenlerin izinden çıkma.Eğer adam isen ölmezsin korkmaAşığı kurt yemez, Uc’da değildir (Şimşek 1996, 40)
Ein Deyiş von Pir Sultan Abdal behandelt ebenfalls die Themen der Überwindung dieser Welt, der Rückkehr zum eigenen Wesen, der Überwindung des Ego sowie der Einheit mit dem Universum und dem Göttlichen:
Aşk harmanında savruldumHem elendim hem yuğruldumKazana girdim kavruldumMeydana yetmeğe geldim
Ben Hakk’ın ednâ kuluyumKem damarlardan beriyimAyn-ı Cemin bülbülüyümMeydana ötmeğe geldim
Pir Sultan’ım der gözümdeHiç hata yoktur sözümdeEksiklik kendi özümdeDârına durmağa geldim (Öztelli 1985, 283)
Auch das folgende Deyiş, das den Begriff des Menschen anhand der von Kaygusuz Abdal verwendeten Metapher des Âdem behandelt, kann als Beispiel für die alevitische Philosophie angeführt werden:
Bu Âdem dedikleri, el ayakla baş değilÂdem manaya derler, Suret ile kaş değilGerçi et ü deridir, cümlenin serveridirHakk’ın kudret sırrıdır, Gayre bakmak hoş değil
Âdem odur ey hoca, Gıdası mâna olaMaksud Âdemden ahi, hayal ile düş değilBu Kaygusuz Abdal’a Âşık demen dünyadaNakş ü sırat gözetir, maksudu nakkaş değil (Şimşek 1996, 191).
Deyiş, die Widerstand und Leid ausdrücken
Als Beispiel für Deyiş, die den Geist des Widerstands und der Auflehnung innerhalb der alevitischen Philosophie widerspiegeln, können die Verse von Muhyittin Abdal angeführt werden. Dieser Geist wurde von der offiziellen Ideologie häufig übergangen, geleugnet oder in “akzeptable” Formen umgestaltet. Muhyittin Abdal war ein Tekke-Dichter des 16. Jahrhunderts, der vermutlich aus einer Yörük-turkmenischen Familie stammte:
Zâhid bize ta’n eyleme Hakk ismin okur dilimizSakın efsâne söyleme Hazret’e varır yolumuzHalvetî yolun güderiz çekilir Hakk’a giderizGazâ-yı ekber ederiz İmâm Ali’dir ulumuz
Sayılmayız parmak ile tükenmeyiz kırmak ileTaşramızdan sormak ile kimse bilmez ahvâlimizMuhyî sana olan himmet ‘âşık isen câna minnetElif Allah mim Muhammed kisvemizdedir dâlimiz (Dil beyti 2025)
In diesem Zusammenhang kann auch ein Deyiş von Seyyid Nesimi angeführt werden. Er gehört zu den bedeutenden Dichtern der alevitisch-bektaschitischen Kultur und lebte vom späten 14. bis zum frühen 15. Jahrhundert:
Ben yitirdim, ben ararım, yar benimdir kime neGah giderim öz bağıma gül dererim kime neGah giderim medreseye ders okurum Hak içinGah giderim medreseye dem çekerim kime ne
Kelb rakip haram diyormuş şarabin bir katresineSaki doldur, ben içerim, günah benim kime neBen mekamet gömleğini deldim, taktim eğnimeAr-u namus şişesini tasa çaldım, kime ne
Ah Yezid, seccadeni al yürü mescid yolunaPir esiği benim kâbem kıblegâhım kime neGah çıkarım gökyüzüne hükmeder kaftan kafaGah inerim yeryüzüne yar severim kime ne
Kelp rakip böyle diyormuş güzel sevmek pek günahBen severim sevdigimi, günah benim kime neNesimi’ye sordular, yarin ile hoş musunHoş olayım, hoş olmayım, o yar benim, kime ne (Alevi Haber 2025)
Pir Sultan Abdal lebte in einer Zeit, in der die osmanische Zentralmacht starken wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Druck auf die Randregionen ausübte. Er erlebte auch die Celali-Aufstände. In dem folgenden bekannten Deyiş brachte er seine entschlossene Haltung gegen Unterdrückung und die Bedeutung gemeinsamer Organisation im Widerstand zum Ausdruck:
Uyur idik uyardılarDiriye saydılar biziKoyun olduk ses anladıkSürüye saydılar bizi
Sürülüp kasaba gittikKanarayı mesken tuttukCanı Hak’ka teslim ettikÖlüye saydılar bizi
Pir defterine yazıldıkHak divanına dizildikBal olduk şerbet ezildikDoluya saydılar bizi (Boratav und Gölpınarlı 1943, 91-92)
Deyiş haben aus gelebten historischen und gesellschaftlichen Erfahrungen heraus bis in die Gegenwart überlebt. Ein Beispiel dafür stammt von Dedemoğlu, einem Âşık des 17. Jahrhunderts, über dessen Leben nur wenig bekannt ist:
Çıktık Horasan’dan sökün eyledik,Düşürdüler bizi tozlu yollara,Omuzda parlayan kargı cidalar,Aşırdılar bizi karlı dağlara,
Bölük bölük oldu yüklendi göçler,Atlandı kocalar, yayandır gençler,Başımıza geldi görülen düşler,Göçürdüler bizi gurbet ellere.
Gâhi konduk, gâhi göçtük yollarda,Bilip bilmediğin gurbet ellerdeÂlem dağlarından şu daz çöllerde,Halim destan olsun bütün dillere.
Oradan yüklendik geldik Culab’aSeksen dört bin erdir gelmez hesaba,Deve, koyun çoktur insan kalaba,Susuz hayvan inileşir göllere.
Dedemoğlu der ki aşkın bağından,Aşırdılar bizi Yozgat dağından.Anadolu Sivas şehri sağından,Bizden sonra bu nam kalsın illere (Birdoğan 1994, 410-411)
Kul Nesimi war ein Tekke-Dichter aserbaidschanischer Herkunft, der im 17. Jahrhundert in Anatolien lebte. Seine Geburts- und Sterbedaten sind nicht bekannt. Seine Dichtung enthält Spuren des Hurufismus, des Dschafarismus und des Haydarismus. Es wird angenommen, dass er wegen seiner Unterstützung der Safawiden im osmanisch-safawidischen Konflikt verfolgt und schließlich hingerichtet wurde. Diese Haltung brachte er offen in seinen Gedichten zum Ausdruck (Kuzucu, zitiert nach Çaylak und Kaymal 2020).
Har içinde biten gonca güle minnet eylememArabi farisi bilmem, dile minnet eylememSırat-i müstakim üzre gözetirim rahimiİblisin talim ettiği yola minnet eylemem
Bir acaip derde düştüm herkes gider karınaBugün buldum bugün yerim, hak kerimdir yarınaZerrece tamahım yoktur şu dünyanın varınaRızkımı veren Hüda’dır, kula minnet eylemem
Oy Nesimi, can Nesimi ol gani mihman ikenYarın şefaatlerim Ahmed-i Muhtar ikenCümlenin rızkını veren ol gani settar ikenYeryüzünün halifesi hünkara minnet eylemem
Deyiş der Hingabe an die Mürşids, die wegweisenden Persönlichkeiten der alevitisch-bektaschitischen Tradition
Hacı Bektaş Veli ist für den alevitischen Glauben eine Persönlichkeit von großer Bedeutung. Er gilt als derjenige, der die Liebe zum Ehl-i Beyt in Anatolien verbreitete. Zu seinen Lebzeiten erlebte er die mongolischen Angriffe sowie die Zerstörung und Plünderung Anatoliens. Der Titel Veli, der Hacı Bektaş aus Chorasan verliehen wurde, verweist auf seine Verbundenheit mit dem spirituellen Erbe, das auf Hz. Ali zurückgeführt wird. Er wird als “Hauptquelle der Heiligen” und als “Herr der Velis” bezeichnet (Şimşek 1996, 39). In diesem Zusammenhang können zahlreiche Deyiş von Dichtern wie Pir Sultan Abdal, Hatayi, Emrah und Beratî angeführt werden.
Sensin bizim zahir batın ulumuzAman medet Mürvet Pir Hacı BektaşHer taraftan sana çıkar yolumuzAli’sin bir adın var Hacı Bektaş
Seni sevdik, senden yana yıkıldıkMünkirlerin keserinden sıkıldıkHer birimiz künc-i famda tıkıldıkYetiş bu imdada er Hacı Bektaş
Pir Sultan Abdal’ım sana dayandımUyur idim himmetinle uyandımHep isteyenlere verdin inandımBenim de muradım ver Hacı Bektaş (Şimşek 1996, 42)
Dieser Abschnitt soll mit einem Beispiel aus den Deyiş Hatayis abgeschlossen werden:
Gece gündüz hayaline dönerimBir gece rüyama gir Hacı BektaşGünahkârım günahımdan bezerimÖzüm dara çektim sor Hacı Bektaş
Derdimin dermanı yaremin ucuDört güruh mevcuttur, Guruh-i NaciBelinde kemeri başında tacıYüzünden balkıyor nur Hacı Bektaş
Yandı bu garip kul nedir çaresiYine tazelendi yürek yaresiOnulmaz dertlere derman olasıBu senin bendindir sar Hacı Bektaş
Dedimend Hatayi eyler niyazıUlu Pir katardan ayırma biziYarın mahşar günü isterem siziMuhammed önünde car Hacı Bektaş (Şimşek 1996, 43)
Kaygusuz Abdal, einer der Dichter des 14. und 15. Jahrhunderts, verweist in seinen Deyiş häufig auf Chorasan, das sie verlassen mussten. Das folgende Deyiş von Kaygusuz Abdal bezieht sich auf das Leben seines Mürşid Abdal Musa:
Beylerimiz Ablan Göl’ün üstündeAğlar gelir “Şahım Abdal Musa’ya.Urum abdalları postu eğnindeBağlar gelir “Şahım Abdal Musa’ya.
Urum abdalları gelir dost deyi,Eğnimizde aba, hırka post deyi,Hastaları gelir derman isteyi,Sağlar gelir “Şahım Abdal Musa’ya (Birdoğan 1994, 410).
Deyiş, deren kritisch-politische Kraft aus der Ironie entsteht
Diese Deyiş, die auch als Şathiyyat-ı Sofiyane oder Taşlama bezeichnet werden, untersuchen mit feiner Ironie die Widersprüche verbreiteter Glaubensvorstellungen, die Fehler und Absurditäten anderer Menschen sowie die Schicksalsschläge des Lebens. Durch Satire und Ironie stellen sie die Ungerechtigkeiten des gesellschaftlichen Lebens, den moralischen Verfall, die gesellschaftliche Entartung und religiösen Fanatismus anschaulich dar. Gevheri, Kaygusuz Abdal und Dertli gehören zu den Dichtern, die zahlreiche Werke in diesem Stil verfassten.
Dertli beschreibt beispielsweise sein Alter und die Schicksalsschläge, mit denen er konfrontiert ist, in den folgenden Versen (Birdoğan 1994, 420):
Girdab-ı mihnette kapandın kaldın.Vermedin bir yandan ses kara bahtımAnladım gafilsin, uykuya daldın,Deli poyraz gibi es kara bahtım
Alemde bir candan korkulmaz iken,Pençenden kimseler kurtulmaz iken,Aslana, kaplana yırtılmaz iken,Dedirdin tilkiye “pes” kara bahtım.
Dertli’ye çıkar mı bu işin ucu,Şimdi fark eden yok altunu, tuncu.Evvel beğenmezdin mesti, pabucuVerdiğin çarığa mesh kara bahtım.
Kaygusuz Abdal war ein Dichter des 15. Jahrhunderts, der dem Stil Yunus Emres folgte. Er schrieb sowohl im Silbenmaß als auch nach den Regeln der klassischen Verslehre. Er verwandelte Humor und Ironie in scharfe politische Kritik und schuf dadurch eine vielschichtige Dichtung. Kaygusuz Sultan Divanı, Dolab Nâme und Budala Nâme gehören zu seinen wichtigsten Werken.
Yamru yumru söylerim, her sözüm kelek gibiBen avare gezerim, sahrada leylek gibiTerk etmedim benliği, bilmedim insanlığıSuretim âdem veli, her huyum eşek gibiÂrifler sohbetinde, marifet söyleselerBen de hemen düşünmem, ürerim köpek gibiBu marifet ilminden, haberim yok cahilimBenden mana sorsalar, sözlerim sürçek gibiMiskin Sarayi kıydın, kul oldun sen nefsineSenin hırs u hevesin, tutu seni fak gibi (Şimşek 1996, 191).
Schluss
Die Ausdrucksformen der mündlichen alevitischen Kultur – Nefes, Düvaz, Semah und Deyiş – werden während der Cem-Rituale von einem Zakir in Begleitung der Saz vorgetragen. Das im kollektiven Gedächtnis der Gemeinschaft bewahrte Wissen wird durch gemeinsame und vertraute Begriffe weitergegeben. Auf diese Weise wird zugleich das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Beteiligten gestärkt.
Aufgrund politischer und historischer Bedingungen wurden alevitische Gemeinschaften von der herrschenden sunnitischen Bevölkerung auf unterschiedliche Weise zu “Anderen” gemacht. Dennoch bewahrten sie ihren Glauben, ihre Traditionen und ihre Philosophie durch Dichtung und Deyiş. Wie in vielen Gesellschaften, in denen die Sicherung der eigenen Existenz Widerstand erforderte und Aufstände mit Gewalt unterdrückt wurden, dienten Lieder und Deyiş auch in der alevitisch-bektaschitischen Kultur sowohl als Formen des Widerstands als auch als Ausdrucksmittel des Glaubens.
Die Deyiş und Lieder, die eine Linie des Widerstands bildeten und die alevitische Philosophie weitergaben, wurden zugleich zur Stimme der Geschichte alevitischer Gemeinschaften. Eine Untersuchung ihrer Verse macht eine tief verwurzelte Geschichte und konkrete historische Erfahrungen sichtbar. Deyiş sind die vertonte Form der Volksdichtung alevitischer Gemeinschaften, die durch unterschiedliche Religionen, Kulturen und Philosophien geprägt wurden. Sie enthalten verschiedene Bedeutungsebenen und symbolische Ausdrucksformen, die sich je nach Region und Ocak unterscheiden.
Deyiş, die politische, gesellschaftliche und historische Verhältnisse behandeln, besitzen daher einen kritisch-politischen Kern. Für alevitische Gemeinschaften, die alle Lebewesen und die Natur als Erscheinungen des Göttlichen betrachten und deshalb Gewalt ablehnen, wurden Deyiş zu Symbolen des Widerstands und zu einem Mittel, die eigene Identität zu bewahren. Unter Bedingungen, in denen Opposition und eine klare Positionierung notwendig waren, gaben die Ozanlar die Verteidigung der Wahrheit nicht auf. Einige von ihnen wurden dafür mit dem Tod bestraft.
Die alevitische Philosophie erklärt den Ursprung der Existenz durch das Konzept der Liebe. Ihr Ziel ist es, den İnsan-ı Kâmil zu erreichen: einen Menschen, der sich selbst kennt und Verantwortung für sein eigenes Handeln übernimmt. Diese Vorstellung richtet sich gegen jedes Herrschaftsverständnis, das sich zwischen Gott und den Menschen stellt. Die Deyiş und die alevitische Musik, deren historische Wurzeln hier nachgezeichnet wurden, entwickelten sich zu grundlegenden Trägern der alevitisch-bektaschitischen Identität.
Betrachtet man die Deyiş im Licht von Yalçınkayas Feststellung, dass sich das Alevitentum in einem fortlaufenden Prozess der Konstruktion befindet, wird deutlich, dass ihre Aussagen auch heute aktuell bleiben. Sie besitzen einen philosophischen und universellen Kern, der auf gegenwärtige gesellschaftliche Konflikte antworten kann.
Die alevitisch-bektaschitischen Deyiş tragen zwar Einflüsse des Sufismus, spiegeln jedoch zugleich die alevitisch-bektaschitischen Erkân und Glaubensvorstellungen wider. Sie bringen Respekt und Liebe gegenüber verehrten Persönlichkeiten zum Ausdruck, erinnern an historisches Leid und gesellschaftliche Wut und verwandeln Ironie und Humor in ein wirksames Mittel politischer Kritik.
Deyiş drücken die Reaktion einer Gemeinschaft aus, die keinen offiziellen Status besitzt, von staatlichen Institutionen übergangen, nicht anerkannt und an den gesellschaftlichen Rand gedrängt wird. Bis in die späte osmanische Zeit durfte alevitische Musik – abgesehen von den regionalen Reisen und Auftritten wandernder Âşıklar – nicht öffentlich gespielt oder gesungen werden. Auch nach der Gründung der Republik wurden die Politik des Drucks und die Leugnung alevitischer Gemeinschaften fortgesetzt.
Dennoch führten die zunehmende Selbstdarstellung der Gemeinschaft auf unterschiedlichen Plattformen, die Veränderungen der globalen Bedingungen, die Ausweitung der Kommunikationsnetze und die Anerkennung der alevitischen Musik als grundlegender Bestandteil der anatolischen Kultur dazu, dass sie im öffentlichen Raum sichtbarer wurde. Deyiş, die früher fast ausschließlich während der Cem-Rituale vorgetragen wurden, werden heute an vielen verschiedenen Orten aufgeführt und tragen die alevitische Identität weiterhin in die Zukunft.
Aufgrund ihrer gesellschaftlich und politisch kritischen Haltung wurden Deyiş zu Ausdrucksformen gesellschaftlicher Opposition und des Eintretens für Gerechtigkeit. Wie der milesische Philosoph Thales einst sagte: “Diejenigen, die die Lieder eines Volkes schaffen, sind mächtiger als diejenigen, die seine Gesetze machen.”
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