Mausoleum und Museum von Hacı Bektaş Veli
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Der Hacıbektaş-Schreinkomplex in der türkischen Provinz Nevşehir war über Jahrhunderte das zentrale Derwischkonvent des Bektaşi-Ordens. Nach der Aufhebung der religiösen Orden im Jahr 1925 wurde die Anlage in ein Museum umgewandelt. Heute ist sie zugleich eine der wichtigsten Pilgerstätten für Alevit:innen und Bektaşis. Der um drei Höfe angeordnete Komplex umfasst Mausoleen, Ritualräume, Wohnbereiche und Ausstellungsräume, in denen das religiöse und kulturelle Erbe der Bektaşi-Tradition präsentiert wird.Architektonische Anlage und sakrale Symbolik
Das Hauptderwischkonvent des Bektaşi-Ordens befindet sich in Hacıbektaş in der türkischen Provinz Nevşehir. Der älteste Teil des Schreinkomplexes, der Kırklar Meydanı (“Versammlungsraum der Vierzig”), in dem sich die Grabkammer von Hacı Bektaş Veli befindet, stammt aus dem späten 13. Jahrhundert. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden dem Komplex weitere Gebäude hinzugefügt.[i] Die Anlage, in der sich das Pir Evi (“Haus des Pir”) von Hacı Bektaş Veli befindet, diente bis zur Aufhebung der religiösen Orden in der Türkei durch das am 30. November 1925 erlassene Gesetz Nr. 677 als Zentrum des Bektaşi-Ordens.
1964 wurde die Anlage unter der Zuständigkeit des Kulturministeriums als Museum wiedereröffnet. Seitdem zählt sie zu den fünf meistbesuchten Museen der Türkei. Obwohl sie als Museum betrieben wird, gehört der Schrein von Hacı Bektaş weiterhin zu den am häufigsten besuchten heiligen Orten, insbesondere für Alevit:innen und Bektaşis.[ii] Die Besucher:innen kommen nicht nur wegen seiner historischen und kulturellen Bedeutung, sondern auch, um an den Gräbern zu beten und Segen zu erbitten. Seit 2012 steht der Komplex auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes.[iii]
Der Komplex ist von Hofmauern umgeben, welche die Grenzen des Schreingeländes bestimmen. Die Anlage ist um drei traditionelle Höfe gegliedert. Der erste Hof, der Nadar Avlusu, wird durch ein monumentales Tor, das Çatal Kapı, betreten und umfasst den Üçler Çeşmesi (“Brunnen der Drei”). Bis Dezember 2014 befand sich in der Nähe des Tores ein Ticketschalter, und für den Eintritt in das Museum musste eine Eintrittskarte erworben werden. Für viele Menschen, die den Ort aus rituellen und religiösen Gründen besuchten, war diese Praxis nicht hinnehmbar. Heute ist der Komplex für die Öffentlichkeit frei zugänglich.
Der zweite Hof, der Dergâh Avlusu, wird durch das Üçler Kapısı (“Tor der Drei”) betreten. Dort befinden sich ein quadratisches Wasserbecken, der Arslanlı Çeşme (“Löwenbrunnen”) sowie mehrere Räume und Wohnbereiche, die vor allem als Unterkünfte der Bektaşi-Derwische dienten. Dazu gehören die Küche, Lagerräume, das Gästehaus und die Wohnräume des Dedebaba. Das Meydan Evi, der zentrale Ritualraum des Konvents, öffnet sich zu diesem Hof.
Im zweiten Hof befindet sich außerdem die Tekke-Moschee, die im 19. Jahrhundert von Sultan Mahmut II. zum Komplex hinzugefügt wurde. Die Anwesenheit einer weiterhin genutzten Moschee auf dem Museumsgelände ist nach wie vor umstritten, da sie als Zeichen der konfessionellen Umgestaltung des Ortes und der damaligen Unterdrückung des Bektaşi-Glaubens betrachtet wird.[iv]
Der dritte Hof, der Hazret Avlusu, gilt als der heiligste Bereich des Schreinkomplexes. Er wird durch das Altılar Kapısı (“Tor der Sechs”) und einen schmalen Torbau mit einer Reliefdarstellung Mustafa Kemal Atatürks betreten, die an dessen Besuch in Hacıbektaş im Jahr 1919 erinnert. In diesem Hof befinden sich das Pir Evi mit dem Mausoleum von Hacı Bektaş Veli, die Grabstätten von Balım Sultan, Güvenç Abdal und Resul Bali, der Friedhof der Derwische, die Çilehane beziehungsweise Kızılca Halvet – der Rückzugsraum der Derwische – sowie der Kırklar Meydanı.
Die Innenräume des Komplexes dienen zugleich als Ausstellungsbereiche. Gezeigt werden Ritualgegenstände wie Kerzenhalter, Handschriften, bei Ritualen verwendete Musikinstrumente, restaurierte Textilien, Seidenteppiche, Beispiele des teslim taşı – symbolische zwölfseitige Steine -, kamberiye, also von Bektaşis getragene Gürtel, sowie eine dauerhafte Fotoausstellung, die das kulturelle Leben in Hacıbektaş dokumentiert.[v]
Auch der Maulbeerbaum vor dem Grab von Balım Sultan gilt als heilig. Besucher:innen banden früher Stoffstreifen an seine Zweige und äußerten dabei Wünsche. Diese Praxis wurde schließlich vom Museumspersonal untersagt, um den alten Baum vor dem Absterben zu schützen.
Nach der Schließung der Derwischkonvente im Jahr 1925 wurden zahlreiche wertvolle Gegenstände und Artefakte des Hacı-Bektaş-Konvents in das Ethnografische Museum Ankara überführt und dort aufbewahrt. Die Bücher gelangten in die Nationalbibliothek.[vi] Nach der Restaurierung des Komplexes zwischen 1958 und 1964 wurde er am 16. August 1964 offiziell als Museum wiedereröffnet. Die Gegenstände des Konvents wurden zurückgebracht und in die Dauerausstellung des Museums aufgenommen.[vii]
Schlussfolgerung
Mit seinen historischen und architektonischen Schichten ist der Hacıbektaş-Schreinkomplex ein eindrucksvolles Zeugnis für das fortdauernde Erbe des Bektaşi-Ordens und seines spirituellen Führers Hacı Bektaş Veli. Trotz der säkularisierenden Reformen der frühen Türkischen Republik und seiner Umwandlung in ein staatlich kontrolliertes Museum dient der Ort weiterhin als sakraler Raum und zieht jedes Jahr Tausende Pilger:innen und Besucher:innen an.
Der um drei traditionelle Höfe gegliederte Komplex umfasst sowohl rituelle als auch bewohnte Bereiche, darunter Grabstätten, Brunnen und Zeremonialräume. Sie spiegeln jeweils zentrale Aspekte des spirituellen und gemeinschaftlichen Lebens der Bektaşis wider. Die Aufnahme des Ortes in die Tentativliste des UNESCO-Welterbes unterstreicht seine kulturelle und religiöse Bedeutung.
Die fortbestehenden Pilgerpraktiken, die Ausstellung ritueller Gegenstände und die umstrittene Präsenz einer Moschee auf dem Gelände machen die vielschichtigen Aushandlungsprozesse zwischen säkularer Kulturerbepolitik und gelebten religiösen Traditionen sichtbar. Der Hacıbektaş-Komplex besteht somit als lebendiger Ort des Gedächtnisses, des Glaubens und der Identität für alevitisch-bektaşitische Gemeinschaften in der Türkei und in der Diaspora fort.
Akok, Mahmut. 1967. “Hacı Bektaş Veli Mimari Manzumesi.” Türk Etnografya Dergisi 10: 27-57.
Faroqhi, Suraiya. 1976. “The Tekke of Hacı Bektaş: Social Position and Economic Activities.” International Journal of Middle East Studies 7: 183-208.
Harmanşah, Rifat, Tanyeri-Erdemir, Tuğba, and Robert Hayden. 2014. “Secularizing the Unsecularizable: A Comparative Study of the Hacı Bektaş Veli and the Mevlana Museums in Turkey.” In Choreographies of Shared Sacred Spaces, edited by Elazar Barkan and Karen Barkey, 336-367. New York: Columbia University Press.
Gürbey, Hüsnü, Mahsuni Gül, and Hakkı Taşğın. 2022. “Tekke ve Zaviyelerin Kapatılmasının Ardından Hacı Bektaş Veli Dergâhı’ndaki Eşyaların Durumu.” Türk Kültürü ve Hacı Bektaş Veli Araştırma Dergisi 101: 421-440.
Koşay, Hamit Zübeyir. 1967. “Bektaşilik ve Hacıbektaş Türbesi.” Türk Etnografya Dergisi 10: 19-26.
Tanman, Mehmet Baha. 1996. “Hacı Bektâş-ı Velî Külliyesi.” In Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi, cilt 14, 459-471. İstanbul: Türkiye Diyanet Vakfı Yayınları.
Tanyeri-Erdemir, Tuğba, Harmanşah, Rifat, and Robert Hayden. 2010. “Serçeşme’den Hacıbektaş Müzesi’ne: Kültür Mirası Olan Bir Mekânda Ritüel ve Kurumsal Pratikler.” In Hacı Bektaş Veli: Güneşte Zerresinden, Deryada Katresinden – Uluslararası Hacı Bektaş Veli Sempozyumu Bildirileri, edited by Pınar Ecevitoğlu, Ayhan M. Irat, and Ayhan Yalçınkaya, 437-443. Ankara: Dipnot Yayınları.
Yürekli, Zeynep. 2012. Architecture and Hagiography in the Ottoman Empire: The Politics of Bektashi Shrines in the Classical Age. London and New York: Routledge.