Dedes: Transformation religiöser Führung in der alevitischen Gemeinschaft
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Dieser Eintrag untersucht die Transformation der dede – erbliche männliche religiöse Autoritäten im Alevitentum – als Reaktion auf Migration, Urbanisierung und Institutionalisierung seit den 1990er-Jahren. Traditionell waren dede in das ländliche Dorfleben eingebettet und ihre Autorität beruhte auf heiliger Abstammung sowie mündlicher Überlieferung. Ihre religiöse Führung basierte auf engen, persönlichen Beziehungen zu ihren Gemeinschaften.In den letzten Jahrzehnten haben sich ihre Rollen jedoch deutlich verändert, insbesondere in urbanen und transnationalen Kontexten wie in der Türkei und in Deutschland. Heute agieren dede als vielschichtige transnationale Akteure: als Ritualspezialisten, religiöse Pädagogen, Gemeindeführer und politische Vertreter. Die Entstehung alevitischer Kulturzentren, Diaspora-Vereine sowie Bestrebungen zur Standardisierung religiöser Praxis haben die Grundlage dede-bezogener Autorität zunehmend auf formale Bildung, öffentliche Sichtbarkeit und grenzüberschreitendes Engagement verlagert.
Seit den 1990er-Jahren haben dede ihre Führungsrollen neu definiert, um auf die Bedürfnisse verstreuter, vielfältiger und zunehmend institutionalisierter alevitischer Gemeinschaften zu reagieren. Dadurch haben sie zur Stärkung kollektiver Identität und zur politischen Präsenz der Aleviten in nationalen wie transnationalen Räumen beigetragen. Die sich wandelnde Rolle der dede verdeutlicht die Anpassungsfähigkeit religiöser Autorität und ihre Fähigkeit, zwischen heiligem Erbe und zeitgenössischen gesellschaftlichen Realitäten zu vermitteln. In diesem Sinne sind dede zu zentralen Akteuren bei der Gestaltung des kulturellen und politischen Lebens der alevitischen Gemeinschaft in transnationalen Räumen geworden.
Überblick
Innerhalb des Alevitentums hat die Institution des dede historisch den Kern spiritueller, moralischer und gemeinschaftlicher Führung gebildet. Traditionell sind dede erbliche männliche religiöse Autoritäten, die aus heiligen Abstammungslinien (Ocak) hervorgehen. Ihnen obliegt die Vermittlung religiöser Rituale, die Schlichtung von Konflikten sowie die Bewahrung gemeinschaftlicher ethischer Normen. Seit den 1990er-Jahren hat sich ihre Rolle jedoch deutlich verändert. Ausschlaggebend dafür sind internationale Migration, Urbanisierung und sozial-politische Mobilisierung, insbesondere unter alevitischen Gemeinschaften in der Türkei und in der Diaspora.
Traditionelle Funktionen des dede
Historisch wirkten dede vor allem in ländlichen, auf Verwandtschaft basierenden Dorfgemeinschaften. Ihre Legitimität gründete sich auf heiliger Genealogie – als ocakzade (Nachkommen des Propheten Muhammad und der Familie von Imam Ali) – sowie auf mündlicher Überlieferung und enge persönliche Beziehungen zu den talip (Anhängern). Sie leiteten den cem, das zentrale rituelle Zusammenkommen des Alevitentums, das nicht nur spirituelle, sondern auch rechtliche und pädagogische Funktionen erfüllte. In diesen ländlichen Kontexten war die Autorität der dede durch Nähe, Heiligkeit und moralische Tiefe geprägt und fest in den Alltag eingebunden – getragen von direktem persönlichem Kontakt und vererbter Verantwortung.
Transformation in urbanen und transnationalen Kontexten
Seit der großflächigen Migration von Aleviten aus dem ländlichen Anatolien in Städte und ins Ausland, insbesondere ab den 1960er-Jahren, wurde die traditionelle Autorität der dede sowohl herausgefordert als auch neu geformt. In urbanen Umgebungen, in denen Verwandtschaftsbindungen schwächer sind und säkulare Werte stärker wirken, können dede ihre Rolle nicht mehr allein auf erblicher Legitimität aufbauen. Stattdessen haben sich ihre Aufgaben erweitert und neue Formen von Autorität entwickelt, die auf Bildung, institutioneller Einbindung und öffentlicher Kommunikation beruhen.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel in der alevitischen Diaspora in Deutschland. Dort fungieren dede zunehmend als transnationale religiöse Akteure. Sie bewegen sich zwischen der Türkei und Europa, führen standardisierte Rituale in neu gegründeten cemevi (alevitische Gebetshäuser) durch und treten in Austausch mit staatlichen Institutionen sowie mit pluralen Gesellschaften. In diesen neuen Kontexten vertreten dede alevitische Interessen auch auf politischen, interreligiösen und kulturellen Ebenen. Auf diese Weise tragen sie zur gesellschaftlichen Anerkennung und zur öffentlichen Sichtbarkeit des Alevitentums als eigenständiger Glaubenstradition bei.
Neue Rollen in der Institutionalisierung der alevitischen Gemeinschaft
In urbanen und diasporischen Kontexten übernehmen dede hybride Rollen, die traditionelle rituelle Funktionen mit Aufgaben als Gemeinschaftsorganisatoren, Pädagogen und politische Akteure verbinden. Ihre aktive Beteiligung an alevitischen Kulturzentren, Föderationen und Vereinen spiegelt die fortschreitende Institutionalisierung des Alevitentums als religiöse und kulturelle Identität wider. Innerhalb dieser Strukturen spielen dede eine zentrale Rolle bei der Standardisierung religiöser Praxis, indem sie Rituale systematisieren, religiöse Texte erarbeiten und Lehrpläne für den alevitischen Religionsunterricht entwickeln.
Dieser Prozess der Institutionalisierung bedeutet nicht zwangsläufig einen Verlust religiöser Autorität, sondern vielmehr deren Neuformierung. Während dede früher vor allem auf mündliche Überlieferung und dörflich verankerte charismatische Autorität angewiesen waren, gewinnen sie heute Einfluss durch ihre Fähigkeit, in pluralistischen und säkularen Kontexten wirksam zu kommunizieren sowie auf die Bildungs-, spirituellen und emotionalen Bedürfnisse zunehmend urbanisierter alevitischer Gemeinschaften einzugehen.
Emotionale und politische Dimensionen der dedelik
Die Führungsrolle der dede erstreckt sich auch auf emotionale und politische Bereiche. Ihre rituellen Praktiken tragen zur Festigung des kollektiven Gedächtnisses der Aleviten bei, das häufig von historischen Erfahrungen von Marginalisierung, Verfolgung und Widerstand geprägt ist. Cem-Zeremonien und gemeinschaftliche Veranstaltungen fungieren als Orte kollektiver emotionaler Bindung und der Stärkung gruppenbezogener Identität. Dede helfen dabei, geteilte Gefühle – wie Angst, Stolz, Trauma und Solidarität – in organisierte Ausdrucksformen kultureller Widerstandskraft zu überführen.
Darüber hinaus spielen dede eine wichtige Rolle bei der politischen Selbstermächtigung der Aleviten. Als Vertreter innerhalb institutioneller Strukturen vermitteln sie innergemeinschaftliche Konflikte und fungieren als Gesprächspartner gegenüber externen politischen und religiösen Akteuren. Diese vermittelnde Fähigkeit, die tief in ihrer traditionellen Funktion verankert ist, wird heute in einem transnationalen und zivilgesellschaftlichen Rahmen neu verortet.
Transnationalismus und der dede als politisch-religiöser Akteur
Die Entstehung transnationaler alevitischer Netzwerke hat die Reichweite und Bedeutung der dede-Führung weiter ausgedehnt. Durch organisatorische Mobilität, rituelle Praxis und digitale Kommunikation betreuen dede heute über nationale Grenzen hinweg verstreute Gemeinschaften. Sie sind zentrale Akteure bei der Herausbildung einer diasporischen alevitischen Identität, die lokale Erfahrungen mit globalem Bewusstsein verbindet.
Als politisch-religiöse Akteure bewegen sich zeitgenössische dede im Spannungsfeld zwischen Tradition und Reform, sakraler Autorität und demokratischer Repräsentation. Ihre Arbeit trägt dazu bei, eine Form des Alevitentums aufrechtzuerhalten, die mit säkularen Werten, Minderheitenrechten und interreligiösem Dialog vereinbar ist. Dadurch werden sie zu strategisch wichtigen Figuren sowohl für die innergemeinschaftliche Solidarität als auch für den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppen.
Schlussfolgerung
Die sich wandelnden Führungsrollen der dede in der alevitischen Bewegung zeigen den dynamischen Charakter religiöser Autorität im Umgang mit modernen Herausforderungen. Während die genealogischen und ländlichen Grundlagen der dedelik an Bedeutung verloren haben, haben neue Quellen der Legitimität – etwa Bildung, organisatorische Wirksamkeit und transnationale Relevanz – es dieser Institution ermöglicht, nicht nur zu bestehen, sondern sich weiterzuentwickeln. Zeitgenössische dede verkörpern eine flexible Form religiöser Führung, die rituelle Kontinuität mit gesellschaftspolitischem Engagement verbindet. Auf diese Weise tragen sie dazu bei, das Alevitentum zugleich als spirituelle Tradition und als mobilisierte religiöse und kulturelle Identität aufrechtzuerhalten.
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