First Alevi Encyclopedia Symposium (16-17 November 2024, Dorrtmund)
Zusammenfassung
Die Alevi-Enzyklopädie wurde mit ihrem ersten Symposium am 16.–17. November 2024 in Dortmund der Öffentlichkeit vorgestellt.
Das Treffen fand mit der Unterstützung der Rıza Şehri Akademie und der Hakikat Stiftung statt und brachte Akademikerinnen aus Europa und der Türkei, Vertreterinnen alevitischer Institutionen, Intellektuelle sowie Pirs und Anas zusammen.
In den zweitägigen Sitzungen wurden der politische Kontext des Wissens über das Alevitentum, die Erfahrungen alevitischer Akademien und Universitäten in Europa, die Möglichkeiten der Digitalisierung, die Solidarität mit alten Glaubensgemeinschaften, alevitische Theologie und Kosmologie sowie schließlich die Frage diskutiert, wie eine qualitativ hochwertige Enzyklopädie aufgebaut werden kann.
Sitzungsthemen
1. Tag (16. November 2024)
- Die Politik des Wissens und alternative Erfahrungen:
Die Umklammerung des Wissens über das Alevitentum durch Staatspolitiken und alternative Kanäle der Wissensproduktion. - Alevitische Akademien in Europa:
Gemeinsame Projekte mit Universitäten und die akademische Integration des Alevitentums. - Digitalisiertes Alevitentum:
Archivierung des alevitischen Gedächtnisses im digitalen Zeitalter, Online-Museen und Plattformen.
2. Tag (17. November 2024)
- Assimilation und Widerstand:
Austausch gemeinsamer Erfahrungen mit Êzidî-, Yaresan-, Nusayri- und Kakai-Gemeinschaften. - Gespräch mit Pirs und Anas:
Mündliche theologische Erzählungen über die Kosmologie des Glaubens, das Ideal des insan-ı kâmil und die Wahrnehmung heiliger Geographien. - Welche Art von Alevi-Enzyklopädie?:
Gemeinsame Wege der Mitwirkung am Projekt mit Vertreterinnen alevitischer Institutionen, Föderationen und Akademikerinnen.
Das Monopol des Staates über Wissen überwinden
Die Geschichte des Alevitentums ist nicht nur durch physische Gewalt und Massaker geprägt, sondern auch durch das Monopol über Wissen.
Von der osmanischen bis zur republikanischen Zeit haben staatliche Institutionen die Möglichkeit der alevitischen Gemeinschaften eingeschränkt, ihre eigene Geschichte und ihr Glaubenswissen auszudrücken, und Alevitentum meist mit ausgrenzenden Kategorien wie „Ketzerei“ oder „Heterodoxie“ definiert.
Pflichtreligionsunterricht, die monolithische Struktur der Diyanet sowie institutionelle Regelungen wie die Präsidentschaft für Alevi-Bektaşi-Angelegenheiten sind die heutigen Ausprägungen dieses Prozesses.
Gerade deshalb zielt die Alevi-Enzyklopädie darauf ab, Wissen von staatlichen und externen Rahmen zu befreien und es neu zu produzieren – auf der Grundlage der eigenen Begriffe, Symbole, Erinnerungen und mündlichen Traditionen der Aleviten.
In diesem Zusammenhang hat das Symposium gezeigt, dass die Enzyklopädie nicht nur eine Plattform zum Sammeln von Wissen ist, sondern auch einen Raum eröffnet, in dem Wissen von monopolistischen und manipulativen Formen befreit und auf plurale, partizipative und originelle Weise vermittelt werden kann.
Neue Kanäle in Europa und im digitalen Raum eröffnen
Alevitische Gemeinschaften haben insbesondere seit den 1990er Jahren in Westeuropa einen starken Organisationsprozess durchlaufen.
Durch alevitische Akademien, Kulturzentren, Universitätsprogramme und Diasporainstitutionen haben sich neue Kanäle für die Weitergabe des Wissens über das Alevitentum eröffnet.
Darüber hinaus sind die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters unverzichtbar für die Bewahrung des alevitischen Gedächtnisses geworden: Online-Museen, digitale Archive, Dokumentarfilme und webbasierte Projekte sind heute zu zentralen Instrumenten der Wissensproduktion alevitischer Gemeinschaften geworden.
Die Alevi-Enzyklopädie bietet als das am stärksten institutionalisierte und umfassendste Beispiel dieses Prozesses eine Plattform, die in verschiedenen Sprachen veröffentlicht wird, ständig aktualisiert werden kann und die junge Generation direkt erreicht.
Wie auch beim Symposium in Dortmund diskutiert wurde, bedeutet Digitalisierung nicht nur die Bewahrung des Wissens der Vergangenheit, sondern auch die Neuerzeugung des alevitischen Wissens, seine Bereicherung durch unterschiedliche Interpretationen und seine weltweite Zugänglichkeit.
Solidarität mit alten Glaubensgemeinschaften
Das historische Schicksal des Alevitentums überschneidet sich in hohem Maße mit den Erfahrungen anderer alter Glaubensgemeinschaften in Mesopotamien und Anatolien.
Auch Gemeinschaften wie die Êzidîs, Yaresan, Nusayrier, Kakaier und Syrer waren im Laufe der Geschichte von Ausgrenzung, Vertreibung, Zwangsmigration und Assimilationspolitiken betroffen.
Daher zielt die Alevi-Enzyklopädie nicht nur darauf ab, das Wissen der Aleviten festzuhalten, sondern auch darauf, gemeinsam mit Glaubensgemeinschaften mit ähnlichen historischen Erfahrungen einen gemeinsamen Pool von Wissen und Erinnerung aufzubauen.
Dass auf dem Symposium Vertreter*innen verschiedener Gemeinschaften zu Wort kamen, ist ein Ausdruck dieser solidarischen und pluralistischen Perspektive der Enzyklopädie.
Diese Sichtweise hebt das alevitische Wissen aus der Rolle einer rein internen Angelegenheit einer Gemeinschaft heraus und überführt es in ein gemeinsames Verantwortungsfeld für den Schutz des kulturellen Erbes auf regionaler und universeller Ebene.
Gesamteinschätzung
Zusammenfassend hat das I. Symposium der Alevi-Enzyklopädie auf drei zentrale Ziele hingewiesen:
erstens, originäres Wissen gegen Informationsmonopole und Manipulationen zu produzieren;
zweitens, das Wissen über das Alevitentum im digitalen und internationalen Raum den Anforderungen der Zeit entsprechend zu vermitteln;
und drittens, in Solidarität mit alten Glaubensgemeinschaften eine universelle Wissensplattform aufzubauen.
Diese Ziele zeigen, dass die Enzyklopädie nicht nur eine akademische Referenzquelle sein wird, sondern auch ein Erinnerungsort, der die kulturelle Autonomie und den intellektuellen Widerstand der alevitischen Gemeinschaft stärkt.
Resonanz in den Medien
PİRHA – “Alevi Ansiklopedisi Sempozyumu’nda dijitalleşen Alevilik konuşuldu”
PİRHA – “Alevi Ansiklopedisi Sempozyumu ikinci gününde devam ediyor”
Dersim Gazetesi – “Aleviler kendi ansiklopedisini yazıyor: Proje başladı”
Ergebnisse
Dieses Symposium war nicht nur ein technisches digitales Publikationsprojekt, sondern auch ein kraftvoller Ausdruck des Willens der alevitischen Gemeinschaften, ihr eigenes Wissensuniversum mit ihren subjektiven Begriffen, Sprachen und Symbolen zu produzieren und in die Zukunft zu tragen.
Für die Aleviten, die über Jahrhunderte hinweg mit Assimilation, epistemischer Gewalt und kultureller Verfälschung konfrontiert waren, stellt die Enzyklopädie ein Mittel dar, das historische Erbe zu bewahren, das gesellschaftliche Gedächtnis von Verfälschungen zu befreien und die eigene Wahrheit mit der eigenen Stimme zu schreiben.
Die im Symposium hervorgehobenen Diskussionen haben die Ziele der Enzyklopädie klar aufgezeigt:
die historischen, theologischen, folkloristischen, soziologischen, anthropologischen und kulturellen Dimensionen des Alevitentums in einem mehrsprachigen und multidisziplinären Ansatz zu dokumentieren;
die Wissensproduktion der Kontrolle monolithischer staatlicher Institutionen zu entziehen und sie stattdessen aus den subjektiven Welten, dem kollektiven Gedächtnis und den mündlichen Traditionen der Aleviten zu speisen;
eine verlässliche Wissensplattform zu schaffen, auf der neue Generationen das Alevitentum aus seinen eigenen Quellen lernen können;
und dieses Wissen nicht nur in der Türkei, sondern auch in der Diaspora – insbesondere in Europa – zugänglich zu machen.
So tritt die Alevi-Enzyklopädie nicht nur als Bewahrerin des Wissens der Vergangenheit hervor, sondern auch als dynamischer Erinnerungsort, der die aktuelle kulturelle Vielfalt des Alevitentums sichtbar macht und gesellschaftliche Diversität und Kreativität unterstützt.
Das erste Symposium ist damit als einer der ersten Schritte dieses großen Projekts verzeichnet, als einer der bedeutendsten kollektiven Schritte auf dem Weg, das historische und kulturelle Erbe des Alevitentums mit wissenschaftlicher Genauigkeit und kritischer Sensibilität der Welt zu präsentieren.