Seyit-Rıza-Denkmal (Dersim)

Veröffentlichungsdatum: 5. Oktober 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

The Seyit Rıza Monument is a significant site of memory that renders visible, both symbolically and spatially, the place of the 1937–38 Dersim Massacre within Alevi–Kurdish collective memory. Located in the city center of Tunceli, the monument publicly embodies the Alevi values of rıza (consent), justice, and defiance through the personality of the executed resistance leader Seyit Rıza. Viewed through the theoretical lenses of Pierre Nora’s concept of “lieux de mémoire” (sites of memory), Jan Assmann’s “cultural memory,” and Michel Foucault’s notion of “counter-memory,” the monument is not merely a commemorative structure but also a space for the acknowledgment of historical trauma, the construction of alternative historiographies, and the pursuit of social repair. Through annual commemoration ceremonies, it sustains collective memory and, for the diaspora, has become a focal point where belonging is continually rearticulated. As a practice of remembrance that stands against official historical narratives, the Seyit Rıza Monument serves as a tangible symbol of both political resistance and the continuity of memory.

Historischer Hintergrund und die Geographie der Erinnerung

Die Geographie von Dersim nimmt im kollektiven Gedächtnis alevitischer Gemeinschaften in Bezug auf Glauben, Geschichte und Politik einen besonderen Platz ein. Dieses Gedächtnis wird nicht nur durch heilige Orte, sondern auch durch traumatische Erfahrungen geprägt, die sich durch Massaker, Exile und Akte des Widerstands ziehen. Das Dersim-Massaker von 1937-38 nimmt im alevitisch-kurdischen Gedächtnis eine zentrale Stellung ein, nicht nur als ein Ereignis physischer Zerstörung, sondern als ein Versuch, die Kontinuität räumlicher und kultureller Erinnerung zu unterbrechen. In diesem Zusammenhang trägt das in Dersim errichtete Seyit-Rıza-Denkmal eine außergewöhnliche Bedeutung, sowohl als Erinnerung an eine historische Figur als auch als Wiederherstellung sozialen Gedächtnisses im öffentlichen Raum.

Seyit Rıza, der 1937 auf dem Buğday-Platz in Elazığ hingerichtet wurde, gilt als eine der symbolischen Figuren des Dersim-Widerstands und nimmt im historischen Gedächtnis sowohl alevitischer als auch kurdischer kollektiver Identitäten einen tiefen Platz ein. Obwohl er vom frühen republikanischen Regime als “Bandit” oder “Aufständischer” gebrandmarkt wurde, wird er in alevitischen und kurdischen Gemeinschaften als Verkörperung von Werten wie rıza (Zustimmung), Gerechtigkeit, Würde und spiritueller Hingabe erinnert. Dass der Ort seines Grabes seiner Familie nie mitgeteilt wurde und seine sterblichen Überreste bewusst verborgen blieben, zeigt den Versuch, diese Figur nicht nur physisch, sondern auch symbolisch auszulöschen. Aus diesem Grund repräsentiert das Seyit-Rıza-Denkmal nicht nur eine Einzelperson, sondern die materielle Verkörperung einer kollektiven Identität und Erinnerung.

Das Denkmal

Das Denkmal wurde in den 2000er Jahren als Ergebnis der wachsenden Erinnerungspolitiken in Dersim errichtet. Über Jahrzehnte hinweg war der Name Seyit Rıza in der Türkei ein politisches Tabu, und jede öffentliche Erinnerung an ihn war verboten. Seit den 2000er Jahren brachten jedoch wachsende Forderungen nach Anerkennung, neue Erinnerungspolitiken und die Stärkung der Alevi-Bewegung seinen Namen durch verschiedene Symbole wieder in die öffentliche Sichtbarkeit zurück. Im Jahr 2010 errichtete die Stadtverwaltung von Dersim, die damals von der Friedens- und Demokratiepartei (BDP) geführt wurde, auf dem Seyit-Rıza-Platz eine Statue von Seyit Rıza. Dieses Denkmal stellt einen historischen Wendepunkt dar, weil damit zum ersten Mal in der modernen Geschichte der Türkei ein alevitisch-kurdischer Führer offiziell mit einer öffentlichen Statue geehrt wurde.

Die Statue auf dem Seyit-Rıza-Platz im Stadtzentrum bildet eine visuelle und räumliche Erscheinungsform des Versuchs, ein alternatives Gedächtnis gegen die offizielle Geschichtserzählung des Staates aufzubauen. Auf dem Sockel stehen die Worte, die Seyit Rıza auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gesprochen haben soll: “Evlad-ı Kerbelayık, bi hatayık. Ayıptır, zulümdür, cinayettir” (“Wir sind die Kinder von Kerbela, wir sind ohne Schuld. Es ist eine Schande, ein Unrecht, ein Verbrechen”). Diese Aussage steht in enger Resonanz mit der Kerbela-Trauernarration, die für die alevitische Theologie zentral ist, und wirkt als Symbol ethischen Widerstands gegen staatliche Gewalt.

Erinnerungsort; Gegen-Erinnerung; kulturelles Gedächtnis

Die Bedeutung solcher Denkmäler muss mit Pierre Noras Begriff der lieux de mémoire (Erinnerungsorte) verstanden werden. Nach Nora wird Erinnerung in modernen Gesellschaften nicht mehr organisch weitergegeben, sondern durch materielle, symbolische und rituelle Räume reproduziert (Nora 2006). In diesem Sinne stellt das Seyit-Rıza-Denkmal eine kollektive Intervention dar, die darauf zielt, die Verlorenen zu erinnern, unterdrückte Erzählungen in den öffentlichen Raum zu bringen und historisches Trauma anzuerkennen.

Das Denkmal kann auch durch Michel Foucaults Begriff der Gegen-Erinnerung (contre-mémoire) interpretiert werden. Foucaults Theorie der contre-mémoire richtet sich auf die Wiederbelebung verdrängter, vergessener oder marginalisierter historischer Erfahrungen und Identitäten, die im Gegensatz zu dominanten und offiziellen Narrativen sozialen Gedächtnisses stehen. Für Foucault formen und regulieren die von Machtstrukturen produzierten Wissens- und Diskursformen das kollektive Gedächtnis. Gegen-Erinnerung stellt diese hegemonialen Diskurse in Frage und versucht, die Stimmen und Erfahrungen sichtbar zu machen, die von der Macht ausgeschlossen oder zum Schweigen gebracht wurden. Als Beispiel einer solchen Gegen-Erinnerung führt das Seyit-Rıza-Denkmal verdrängte Geschichten wieder in die räumliche und symbolische Sphäre ein und stellt sich damit der dominanten Historiographie entgegen. Es bildet einen Punkt des Widerstands, durch den alevitisch-kurdische Gemeinschaften im Angesicht verleugnender Politik ihre alternativen historischen Gedächtnisse aufbauen. In diesem Sinn erinnert das Denkmal nicht nur an die Vergangenheit, sondern eröffnet auch einen Raum politischen Handelns in der Gegenwart.

Solche Erinnerungsorte lassen sich auch mit Jan Assmanns Begriff des kulturellen Gedächtnisses erklären. Nach Assmann ist kulturelles Gedächtnis eine langfristige Form des Erinnerns, die intergenerationelle Weitergabe durch schriftliche, mündliche und rituelle Praktiken ermöglicht (Assmann 2018, 37). Die jährlichen Gedenkfeiern, die am 15. November in Dersim stattfinden, verwandeln das Seyit-Rıza-Denkmal in einen rituellen Ort, der dieses Gedächtnis lebendig hält. In Maurice Halbwachs’ (2016) Sinn schaffen Erinnerungsorte “soziale Rahmen”, die es Individuen ermöglichen, sich mit der Vergangenheit zu verbinden. Das Seyit-Rıza-Denkmal funktioniert als ein solcher Rahmen, indem es kollektive Erinnerung im Raum materialisiert.

Auch der Begriff des radikalen Gedächtnisses ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Wie Andreas Huyssen betont, erinnert radikales Gedächtnis nicht nur an die Vergangenheit, sondern politisiert das Erinnern als Mittel, um die Gegenwart zu konfrontieren und die Zukunft zu verändern. Das Seyit-Rıza-Denkmal erfüllt genau diese Funktion, indem es als ein “Raum mnemonischen Widerstands” gegen die Politik des Vergessens existiert.

Dieses Denkmal ist nicht nur für die Bewohner:innen von Dersim zu einem Erinnerungsort geworden, sondern auch für die Dersim-Diaspora in den großen Städten der Türkei und in ganz Europa zu einem Ort der Verwurzelung und Zugehörigkeit. Gedenkveranstaltungen, symbolische Darstellungen und digitale Archivierungspraktiken in der Diaspora zeigen, dass sich das Denkmal zu einem Fokus transnationalen kollektiven Gedächtnisses entwickelt hat. Dies macht sichtbar, dass Erinnerung nicht allein innerhalb eines einzigen Raums konstruiert wird, sondern auch durch zwischenräumliche und trans-lokale Beziehungen.

Schluss

Zusammenfassend repräsentiert das Seyit-Rıza-Denkmal weit mehr als die Erinnerung an eine historische Figur. Es bildet einen Raum der Gegen-Erinnerung an der Schnittstelle der räumlichen, politischen und ästhetischen Dimensionen alevitisch-kurdischen kollektiven Erinnerns. Indem es eine alternative Form des Erinnerns gegen die staatliche Politik historischer Verleugnung anbietet, symbolisiert das Denkmal zugleich die Sichtbarkeit und Legitimität alevitischer Erinnerung im öffentlichen Raum. Im Licht von Pierre Noras Konzept der lieux de mémoire (Erinnerungsorte) steht das Seyit-Rıza-Denkmal als ein starkes Symbol, das die traumatische Vergangenheit von Dersim in das öffentliche Bewusstsein zurückholt. Für die alevitische Gemeinschaft ist es zugleich ein Ruf nach Gerechtigkeit, eine Forderung nach Auseinandersetzung mit der Geschichte und eine räumliche Behauptung von Präsenz in einer Geographie, in der selbst die Toten zum Verschwinden gebracht wurden.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

Assmann, Jan. 2018. Kültürel Bellek: Eski Yüksek Kültürlerde Kimlik, Hafıza ve Yazı. İstanbul: Ayrıntı Yayınları.

Halbwachs, Maurice. 2016. Hafızanın Toplumsal Çerçeveleri. Ankara: Heretik Yayınları.

Huyssen, Andreas. 2003. Present Pasts: Urban Palimpsests and the Politics of Memory. Stanford, CA: Stanford University Press.

Nora, Pierre. 2006. Hafıza Mekânları. Ankara: Dost Kitabevi.

Traverso, Enzo. 2012. Geçmişin Siyaseti: Tarih, Bellek, Totalitarizm. İstanbul: İletişim Yayınları.

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Zitation

  • Seyit-Rıza-Denkmal (Dersim)
  • Autor: Kibar, Zana
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 30.04.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/seyit-riza-denkmal-dersim-8097/
Kibar, Zana (2025). Seyit-Rıza-Denkmal (Dersim). Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/seyit-riza-denkmal-dersim-8097/ (Abrufdatum: 30.04.2026)
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