Das 2. Alevi-Enzyklopädie-Symposium und die Workshops (10.–12. Oktober 2025, Dortmund)
Das 2. Alevi-Enzyklopädie-Symposium und die begleitenden Workshops fanden vom 10. bis 12. Oktober 2025 in Dortmund statt und wurden vom DAKME Alevitisches Kulturzentrum e.V. ausgerichtet. Das Symposium sowie der Empfang am Freitagabend brachten rund sechzig Teilnehmende und Wissenschaftler:innen aus der Türkei, Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich zusammen. An den Workshops am Samstag und Sonntag nahmen ausschließlich eingeladene Akademiker:innen teil; in neun thematischen Arbeitsgruppen kamen insgesamt nahezu vierzig Forscher:innen zu intensiven kollektiven Arbeitssitzungen zusammen.
Das 2. Alevi-Enzyklopädie-Symposium knüpfte an die im April 2024 von der Rıza-Şehri-Akademie initiierten Diskussionen sowie an die Grundlagen an, die während des 1. Alevi-Enzyklopädie-Symposiums im Oktober 2024 gelegt worden waren. Nach dem öffentlichen Start der Enzyklopädie am 2. Juli 2025, bei dem die ersten Artikel sowie audiovisuelle Materialien veröffentlicht wurden, markierte dieses zweite Symposium einen entscheidenden Wendepunkt: die formale Etablierung eines professionellen Internationalen Redaktionsrats sowie eines Wissenschaftlichen Beirats. Mit den Beiträgen von nahezu einhundert Wissenschaftler:innen hat sich die Enzyklopädie zu einer tragfähigen Struktur entwickelt, die heute um acht thematische Arbeitsgruppen organisiert ist und die Vielfalt der alevitischen Welt, ihre unterschiedlichen Geografien sowie das sich dynamisch entwickelnde Feld der Alevi Studies abbildet.
Die Alevi-Enzyklopädie ist damit in eine neue Phase eingetreten. Unter der fachlichen Begleitung eines internationalen Wissenschaftlichen Beirats aus führenden Expert:innen und getragen von einem Internationalen Redaktionsrat, der die kollektive Arbeit von rund vierzig Forschenden repräsentiert, wird die redaktionelle Ausrichtung künftig auf der Grundlage gemeinsamer Verantwortung, kollaborativer Praxis und wissenschaftlicher Exzellenz gestaltet.
Redaktionsstruktur und Publikationspraxis
Für den Publikationszeitraum 2025–2026 setzt sich der Redaktionsrat der Alevi-Enzyklopädie aus folgenden Mitgliedern zusammen:
Gründungsherausgeber:innen:
Dr. Ahmet Kerim Gültekin (Deutschland), Dr. Hayal Hanoğlu (Vereinigtes Königreich)
Fachherausgeber:innen:
Dr. Aynur Ünal (Arden University – Vereinigtes Königreich),
Dr. Besim Can Zırh (Middle East Technical University – Türkei),
Ece Esmer Kırma (Doktorandin / Universität Hamburg – Deutschland),
Erkan Çanakçı (Unabhängiger Forscher – Türkei),
Dr. İhsan Koluaçık (Tekirdağ Namık Kemal Universität – Türkei),
Dr. Mark Soileau (Universität Hamburg – Deutschland),
Dr. Necla Açık (Middlesex University – Vereinigtes Königreich),
Dr. Samuel Vock-Varley (Aix-Marseille Université – Frankreich),
Sercan Karlıdağ (Doktorand / Altınbaş Universität – Türkei),
Dr. Sönmez Alvanoğlu Yolcu (Türkei),
Dr. Ümit Çetin (University of Westminster – Vereinigtes Königreich),
Zana Kibar (Deutschland).
Die Alevi-Enzyklopädie folgt einer strengen wissenschaftlichen Publikationspolitik. Die Inhalte werden jährlich in vier Publikationszyklen veröffentlicht. Sämtliche Beiträge durchlaufen ein redaktionelles Begutachtungsverfahren und werden zusätzlich einer fachlichen Evaluation durch den Wissenschaftlichen Beirat unterzogen.
Die audiovisuellen Inhalte der Enzyklopädie entstehen im Rahmen der fortlaufenden Reihe „Pirler ve Analar Workshops“ (Workshops mit spirituellen Autoritäten). Der erste Workshop wurde bereits abgeschlossen; der zweite ist für Ende 2025, der dritte für den Sommer 2026 geplant. Die Alevi-Enzyklopädie strebt an, technische Prozesse wie Transkription und Übersetzung der Videoaufzeichnungen im Rahmen projektbezogener Forschungs- und Förderprogramme kollektiv zu organisieren.
Derzeit erscheint die Online-Enzyklopädie zweisprachig auf Türkisch und Englisch. In den kommenden Wochen wird die deutsche Version freigeschaltet; mittelfristig sind weitere Sprachen wie Kurmanci, Kırmancki und Französisch vorgesehen.
Sichtbarkeit und Reichweite
Bereits in kurzer Zeit hat die Alevi-Enzyklopädie eine bemerkenswerte Sichtbarkeit erreicht. Seit dem Start am 2. Juli 2025 hat die Plattform Wissenschaftler:innen, religiöse Autoritäten und Community-Akteur:innen unterschiedlicher Generationen zusammengeführt. Im ersten Monat (Juli) wurden rund 95.000 Seitenaufrufe verzeichnet, gefolgt von über 120.000 im August und weiteren 120.000 im September. Mit durchschnittlich 1.200 täglichen Besucher:innen stellt dies eine außergewöhnliche Reichweite für eine neu gegründete digitale Wissensplattform dar.
Symposiumssitzungen: Wendepunkte in den Alevi Studies
Am ersten Tag des Symposiums fanden zwei Hauptsitzungen statt.
In der Eröffnungssitzung reflektierten Dr. Ahmet Kerim Gültekin, Dr. Hayal Hanoğlu und Zana Kibar aus dem Gründungsherausgeber:innenkreis die Entwicklung der Alevi Studies, die Geschichte und Gegenwart der alevitischen Bewegung sowie den Organisationsprozess, die Publikationspolitik und die Zielsetzungen der Alevi-Enzyklopädie. Demir Çelik sprach im Namen der Hakikat Stiftung über den Entstehungsprozess des Projekts, seine Zielsetzungen, die Beziehungen zu alevitischen Institutionen und seine Bedeutung für die alevitische Öffentlichkeit.
Mehmet Taş, verantwortlich für das Web-Management der Alevi-Enzyklopädie, präsentierte detaillierte Nutzungsstatistiken der Plattform. Seit dem Start am 2. Juli 2025 wurden im Juli 95.000, im August über 120.000 und im September weitere 120.000 Seitenaufrufe registriert – mit durchschnittlich 1.200 täglichen Besucher:innen.
Dr. Ahmet Kerim Gültekin betonte, dass das Alevitentum seit Mitte der 1980er-Jahre sowohl in der Türkei als auch in der europäischen Diaspora zunehmend sichtbar geworden sei und mit der Hamburger Erklärung von 1989 in eine neue Phase der Identitätsartikulation eingetreten sei. Die 1990er-Jahre seien zugleich von massiver Gewalt gegen alevitische Gemeinschaften (u. a. in Sivas, Dersim und Gazi-Ümraniye) sowie von einer raschen Pluralisierung alevitischer Organisationsformen geprägt gewesen. Seit den 2000er-Jahren habe das Alevitentum einen internationalen Charakter angenommen, etwa durch die Einführung alevitischen Religionsunterrichts in europäischen Schulsystemen und die Anerkennung als eigenständige Religionsgemeinschaft in einzelnen Ländern. Heute, so Gültekin, reiche der Begriff „Alevi“ weit über die Türkei hinaus und umfasse ein breites geografisches Spektrum vom Balkan bis zum Kaukasus, vom Nahen Osten bis nach Zentral- und Ostasien. Die Alevi-Enzyklopädie verstehe sich in diesem Kontext als dekoloniales Projekt, das Wissen aus alevitischen Epistemologien heraus produziere und dabei bewusst über westlich-zentrierte Definitionsmuster hinausgehe. Mit der Videoreihe „Yol Önderlerinin Dilinden“ mache die Enzyklopädie zudem mündliche Traditionen und kollektive Erinnerung sichtbar. Dieses Vorhaben, so Gültekin, sei nur durch kollektive Anstrengung möglich.
Dr. Hayal Hanoğlu beschrieb den seit April 2024 andauernden Entstehungsprozess der Alevi-Enzyklopädie als eine intensive, sorgfältig strukturierte Phase, die akademische und gemeinschaftsbasierte Zusammenarbeit miteinander verbinde. Nach der Entwicklung des konzeptionellen Rahmens, der redaktionellen Prinzipien und der Kategorien sei ein internationales Netzwerk von Autor:innen, der Wissenschaftliche Beirat und ein Übersetzungsteam aufgebaut worden. Die erste Veröffentlichung erfolgte am 2. Juli 2025; neue Inhalte würden nun quartalsweise publiziert. Die Enzyklopädie decke Themen von Glauben und Ritualen über Geschichte und Geografie bis hin zu zentralen Begriffen ab. Die Videokollektion „In the Words of Spiritual Leaders“ dokumentiere mündliche Überlieferungen von Pirs und Anas und mache die Enzyklopädie zu einem lebendigen Archiv kollektiver Erinnerung. Die redaktionelle Struktur sei bewusst nicht-hierarchisch angelegt und beruhe auf partizipativer Entscheidungsfindung. Internationale Kooperationen sowie Anträge bei Digital-Humanities- und Kulturerbe-Förderprogrammen dienten der langfristigen Sicherung des Projekts.
Zweite Sitzung: Die Entwicklung der Alevi Studies
Die zweite Sitzung vereinte Prof. Martin van Bruinessen, Prof. Markus Dressler und Prof. Bedriye Poyraz. Moderiert von Prof. Cem Kara, bot sie einen umfassenden Überblick über die historische Entwicklung, Institutionalisierung und gegenwärtigen Herausforderungen der Alevi Studies.
Die Beiträge beleuchteten die longue durée der Forschung, die politischen und ideologischen Kontexte ihrer Entstehung, die Rolle alevitischer Akteur:innen in der Wissensproduktion, die zunehmende Interdisziplinarität des Feldes sowie die Bedeutung feministischer Perspektiven. In der abschließenden Diskussion wurde betont, dass die Zukunft der Alevi Studies in der Offenheit gegenüber pluralen, miteinander verbundenen Forschungsansätzen liege.
Zweiter und dritter Tag: Arbeitsgruppen und kollektive Produktion
An den folgenden beiden Tagen arbeiteten rund vierzig eingeladene Forscher:innen in den Räumlichkeiten des DAKME Alevitischen Kulturzentrums und der Rıza-Şehri-Akademie in neun thematischen Arbeitsgruppen. In einem offenen, selbstorganisierten Rahmen wurden zentrale Themen der Alevi Studies neu diskutiert und weiterentwickelt. Die Gruppen spiegelten die thematische Breite des Feldes wider – von Theologie, Ritualen und Mythologie über Diasporastudien, Dersim-Forschung, Geschichte, Musik, Gender-Studien bis hin zu psychologischen und sozialpsychologischen Perspektiven.
Der Internationale Redaktionsrat für den Publikationszyklus 2025–2026 setzt sich aus Vertreter:innen dieser Arbeitsgruppen zusammen. Dieses kollaborative Modell soll künftig jährlich fortgeführt werden.
Insgesamt leisteten das 2. Alevi-Enzyklopädie-Symposium und die Workshops einen substantiellen qualitativen Beitrag zu den Alevi Studies. Die Vielfalt der beteiligten Länder und Generationen, das innovative Workshop-Format sowie die intensive Vernetzung schufen einen Raum kollektiver Kreativität, Solidarität und gemeinsamer Zielsetzung – und setzten damit einen neuen Maßstab für wissenschaftliche Veranstaltungen zum Alevitentum.