Alevi-Fernsehnetzwerke: Strukturelle und repräsentative Grenzen in der Berichterstattung über Diskriminierung

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.

Alevitische Fernsehsender in der Türkei entstanden Anfang der 2000er Jahre als wichtige Plattformen zur Darstellung der Glaubensvorstellungen, Praktiken und politischen Anliegen der alevitischen Gemeinschaft in der Türkei. Diese Sender markierten einen beispiellosen Moment der Sichtbarkeit für eine historisch marginalisierte Gemeinschaft, da sie einen medialen Raum eröffneten, in dem Alevit:innen ihre Identität öffentlich definieren und verteidigen konnten. Diese Sichtbarkeit war jedoch mit erheblichen Begrenzungen verbunden. Trotz ihres oppositionellen Ursprungs sind viele alevitische Fernsehsender in genau jene Machtstrukturen verstrickt worden, die sie ursprünglich kritisieren wollten. Das Ergebnis ist ein spannungsreiches Medienfeld, in dem Diskriminierung von Alevit:innen selektiv anerkannt, strategisch umgedeutet oder vollständig unsichtbar gemacht wird.

Dieser Eintrag untersucht die strukturellen und repräsentativen Grenzen alevitischer Fernsehsender – insbesondere von Cem TV – bei der Berichterstattung über antialevitische Diskriminierung. Während diese Sender vielen Alevit:innen die Möglichkeit gegeben haben, ihre Identität öffentlich zu artikulieren, reproduzieren sie zugleich dominante nationalistische Normen und relativieren die langfristige strukturelle Gewalt gegen Alevit:innen. Auf der Grundlage ethnographischer Forschung und Medienanalyse untersucht dieser Eintrag kritisch, wie alevitisches Fernsehen die hegemoniale Staatsideologie der Türkei zugleich herausfordert und bestätigt.

Strukturelle Grundlagen und Staatsnähe

Cem TV, der meistgesehene alevitische Fernsehsender, wurde 2005 von der Cem-Stiftung gegründet. Seit seiner Gründung hält der Sender ein sensibles Gleichgewicht zwischen der Vertretung alevitischer Interessen und dem Verbleib innerhalb der Grenzen jener nationalen und religiösen Identitätsdefinition, die vom türkischen Staat vorgegeben wird. Die Cem-Stiftung vertritt eine Deutung des Alevitentums als “türkischen Islam” und schließt damit kurdische Alevis faktisch aus. Zugleich steht sie damit in Einklang mit der langjährigen staatlichen Leugnung ethnischer Pluralität.

Diese ideologische Nähe begrenzt die redaktionelle Autonomie von Cem TV, besonders bei der Berichterstattung über kontroverse Vorfälle. Der Sender ist dafür bekannt, direkte Kritik am Staat zu vermeiden und alevitische Beschwerden stattdessen in einer Sprache zu formulieren, die innerhalb des staatlichen Diskurses lesbar – und akzeptabel – bleibt. Dies zeigt sich besonders daran, wie Cem TV Fragen wie die rechtliche Nichtanerkennung von Cemevis, also alevitischen Gebetsstätten, behandelt. Obwohl der Sender konsequent die offizielle Anerkennung von Cemevis fordert, vermeidet er es, diese Forderung mit der breiteren Geschichte staatlich geförderter Diskriminierung und Gewalt gegen Alevis zu verknüpfen.

Der Fall Yazgılı: Ein Beispiel des Verschweigens durch “präsentistische” Berichterstattung

Die Grenzen der Berichterstattung im alevitischen Fernsehen traten besonders deutlich bei der Meldung über einen Angriff auf eine kurdisch-alevitische Familie in Yazgılı, einer Provinzstadt in der Türkei, während des Ramadan in den 2000er Jahren zutage. Anders als sunnitische Muslim:innen fasten die meisten Alevis im Ramadan nicht. Dieser Unterschied hat sie historisch immer wieder zu Zielscheiben sektiererischer Feindseligkeit gemacht. In Yazgılı wurde die Familie schikaniert, weil sie nicht am sahur (der Mahlzeit vor Sonnenaufgang) teilnahm, und sie war über mehrere Nächte hinweg Gewalt ausgesetzt. Dies gipfelte in einem Angriff, bei dem ihre Fensterscheiben eingeschlagen wurden und sie sich in Schränken verstecken musste. Schließlich griff das örtliche Militär ein.

Die Berichterstattung von Cem TV über dieses Ereignis war von dem geprägt, was als “unruhige Erzählung” bezeichnet werden kann. Einerseits stellte der Sender den Vorfall zunächst als sektiererische Gewalt dar und knüpfte damit an frühere Massaker an Orten wie Sivas und Maraş an. Andererseits sendete er auch Berichte, die das Ereignis als bloßen Nachbarschaftsstreit verharmlosten. Diese Ambivalenz spiegelt die “präsentistische” Strategie des Senders wider: Gegenwärtige Probleme wie die Anerkennung von Cemevis werden hervorgehoben, aber von der historischen Kontinuität der Gewalt gegen Alevis abgekoppelt.

Diese zeitliche Rahmung vermeidet es, dem Staat eine langfristige Verantwortung zuzuschreiben, und richtet den Blick stattdessen auf gegenwärtige administrative Defizite. Dadurch können alevitische Fernsehsender kritisch erscheinen, ohne die ideologischen Grundlagen des sunnitisch-nationalistischen Staates direkt in Frage zu stellen.

Ethnische und geschlechtsspezifische Ausschlüsse

Die Weigerung von Cem TV, sich vollständig mit dem Vorfall in Yazgılı auseinanderzusetzen, war nicht nur durch ideologische Begrenzungen bestimmt, sondern auch durch ethnische und geschlechtsspezifische Hierarchien. Die betroffene Familie war kurdisch-alevitisch – also eine Gruppe, die sowohl innerhalb des türkischen Nationalismus als auch im dominanten alevitischen Diskurs doppelt marginalisiert ist. Reporter und Funktionäre der Cem-Stiftung wiesen die Darstellung der Familie als unglaubwürdig zurück und verwiesen dabei auf ihre kurdische Identität und auf angebliche politische Verbindungen zur kurdischen Bewegung. In der Praxis wurde die ethnische Zugehörigkeit der Familie instrumentalisiert, um ihre Aussage zu entwerten und ihre Erzählung aus der offiziellen Berichterstattung zu verdrängen.

Auch das Schweigen, das der Familie auferlegt wurde, war geschlechtsspezifisch strukturiert. Männliche Gemeindeführer und Reporter führten Gespräche auf der Veranda des Hauses, relativierten die Gewalt und warnten die Familie davor, öffentlich darüber zu sprechen. Weibliche Familienmitglieder versuchten, ihr Leiden auszusprechen und den Angriff mit einem breiteren Muster von Gewalt zu verbinden, wurden jedoch zum Schweigen gebracht. Im Inneren des Hauses, in Räumen, die nur Frauen zugänglich waren, wurde die Geschichte des Leidens – von der Familie selbst als “Massaker” bezeichnet – freier erzählt. Doch dieses Zeugnis gelangte nie auf den Bildschirm.

Psychologisierung als Form der Entpolitisierung

Zurück in Istanbul, im Redaktionsraum von Cem TV, nahm die Skepsis der Reporter gegenüber der Familie eine andere Form an: Psychologisierung. Produzent:innen legten nahe, dass die traumatische Reaktion der Familie ihre Glaubwürdigkeit beeinträchtigt habe, und stellten sie als emotional instabil statt als politisch angegriffen dar. Diese Strategie, die politische Deutung durch einen therapeutischen Deutungsrahmen ersetzt, ermöglichte es dem Sender, Diskussionen über ethnische und religiöse Gewalt zu umgehen. Sie wurde zu einem Euphemismus der Verleugnung.

Eine solche Psychologisierung steht im Einklang mit breiteren kritischen Analysen darüber, wie Medien strukturell marginalisierte Gruppen entpolitisieren, indem sie deren Erfahrungen als individuelle psychische Krisen darstellen. In diesem Fall diente die Darstellung der Familie als traumatisiert dazu, die lange Geschichte staatlich ermöglichter sektiererischer Gewalt zu verdecken.

Strategische Protestberichterstattung und die Priorisierung anschlussfähiger Beschwerden

Obwohl Cem TV den Angriff in Yazgılı selbst relativierte, berichtete der Sender über die anschließenden Proteste, die von alevitischen Vereinen in Städten wie Istanbul und Ankara organisiert wurden. Dies war ein strategischer Schritt: Er ermöglichte es dem Sender, seinen Anspruch aufrechtzuerhalten, die alevitische Gemeinschaft zu repräsentieren, und zugleich die Aufmerksamkeit auf besser “bearbeitbare” Beschwerden zu lenken – besonders auf den rechtlichen Status der Cemevis.

Indem Cem TV den Fokus auf die Frage der Cemevis legte, verschob der Sender die Erzählung von struktureller Gewalt und ethnischer Ausgrenzung hin zu einer rechtlich greifbaren und öffentlich anschlussfähigen Forderung. Diese Verschiebung war nicht zufällig. Seit den 1990er Jahren ist die Nichtanerkennung von Cemevis zu einer zentralen Forderung der Alevis geworden, und die gescheiterte “Alevi-Öffnung” der AKP-Regierung in den 2000er Jahren hat dieses Thema auf die nationale Tagesordnung gesetzt. Cem TV nutzte die Dynamik der Proteste jedoch nicht, um die Stimme der Familie aus Yazgılı hörbarer zu machen, sondern um diese offiziell tolerierte Beschwerde zu unterstreichen.

Diese strategische Umleitung zeigt zugleich den Einfluss journalistischer Zeitlichkeiten. Journalistische Routinen priorisieren gegenwärtige Kontroversen gegenüber historischen Kontinuitäten. Die Reporter von Cem TV nutzten diese präsentistische Orientierung, um eine Version alevitischen Leidens zu konstruieren, in der laufende administrative Probleme im Vordergrund stehen, während die Mitverantwortung des Staates an vergangener Gewalt in den Hintergrund tritt.

Die Produktion eines “offiziellen Opfers”

Durch diese strategische Rahmung produzierte Cem TV die Figur eines “offiziellen Opfers”, das sich gefahrlos in das nationale Imaginäre einfügen ließ. Diese Figur war implizit türkisch, urban und moderat – also kompatibel mit dem staatlichen Ideal einer nicht störenden Minderheit. Kurdische Alevis hingegen, mit ihren vielschichtigen Geschichten der Ausgrenzung und des politischen Dissenses, blieben aus diesem Imaginären ausgeschlossen. Das Beharren der Familie aus Yazgılı darauf, den Angriff mit früheren Massakern – Maraş, Çorum, Sivas – in Verbindung zu bringen, war für das staatsnahe Narrativ, das Cem TV aufrechterhalten wollte, zu destabilisierend.

Auf diese Weise trug Cem TV zu einer Ethnisierung alevitischer Identität im Sinne des türkischen Nationalismus bei. Kurdentum erschien darin als verdächtig und als mit dem Alevitentum unvereinbar. So wurden kurdische Alevis aus der im Fernsehen vermittelten Version alevitischer Erfahrung ausgelöscht.

Schluss: Das Paradox der Sichtbarkeit

Alevitische Fernsehsender, besonders Cem TV, verkörpern das Paradox von Minderheitenmedien, die innerhalb hegemonialer Strukturen operieren. Auf den ersten Blick verschaffen diese Sender den Alevit:innen eine beispiellose öffentliche Sichtbarkeit und symbolische Einbeziehung. Doch diese Einbeziehung ist bedingt und durch ideologische, ethnische und institutionelle Grenzen eingeschränkt.

Der Fall Yazgılı zeigt, wie Medienplattformen, die in marginalisierten Gemeinschaften verankert sind, dennoch das Schweigen und die Ausschlüsse dominanter Machtstrukturen reproduzieren können. Indem Cem TV präsentistische Rahmungen übernimmt, Opfer psychologisiert und sich an staatlich sanktionierte Definitionen alevitischer Identität hält, zeigt der Sender exemplarisch, wie Minderheitenmedien genau jene Ideologien aufrechterhalten können, durch die ihr eigenes Publikum marginalisiert wird.

Letztlich ist die Fähigkeit des alevitischen Fernsehens, Diskriminierung darzustellen, durch seine strukturellen Bindungen an den Staat und durch sein Interesse daran begrenzt, eine “lesbare” Minderheitenidentität zu produzieren. Auch wenn diese Sender wertvolle Plattformen für kulturellen Ausdruck und ein gewisses Maß an Kritik bieten, machen sie zugleich die Komplexität – und die Kompromisse – sichtbar, die mit dem Streben nach Anerkennung ohne Widerstand verbunden sind.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

Gültekin, Ahmet Kerim. 2019. Kurdish Alevism: Creating New Ways of Practicing the Religion. Working Paper Series of the HCAS “Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities” 18. Leipzig: Leipzig University.

Jameson, Fredric. 2003. “The End of Temporality.” Critical Inquiry 29 (4): 695-718.

Özkan, Nazlı. 2022. “Mediatized Reproduction of Alevism: Alevi Television Networks and their Audiences.” In The Alevis in Modern Turkey and the Diaspora: Recognition, Mobilisation and Transformation, edited by Hege Irene Markussen and Derya Özkul, 272-89. Edinburgh: Edinburgh University Press.

Özkan, Nazlı. 2020. “Representing Religious Discrimination at the Margins: Temporalities and ‘Appropriate’ Identities of the State in Turkey.” PoLAR: Political and Legal Anthropology Review 42 (2): 317-331.

Tambar, Kabir. 2014. The Reckoning of Pluralism: Political Belonging and the Demands of History in Turkey. Stanford: Stanford University Press.

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Zitation

  • Alevi-Fernsehnetzwerke: Strukturelle und repräsentative Grenzen in der Berichterstattung über Diskriminierung
  • Autor: Özkan, Nazlı
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 12.04.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/alevi-fernsehnetzwerke-strukturelle-und-reprasentative-grenzen-in-der-berichterstattung-uber-diskriminierung-6889/
Özkan, Nazlı (2025). Alevi-Fernsehnetzwerke: Strukturelle und repräsentative Grenzen in der Berichterstattung über Diskriminierung. Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/alevi-fernsehnetzwerke-strukturelle-und-reprasentative-grenzen-in-der-berichterstattung-uber-diskriminierung-6889/ (Abrufdatum: 12.04.2026)
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