Alevitische Fernsehsender: Medien und Alevitentum
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Alevitische Fernsehsender, die von und für die alevitische Gemeinschaft in der Türkei geschaffen wurden, sind zu zentralen Orten der öffentlichen Artikulation alevitischer Kultur, Religion und Politik geworden. Diese Sender entstanden Anfang der 2000er Jahre in einer Phase veränderter Medienpolitik und in einem politischen Umfeld, das begrenzten kulturellen Pluralismus mit neoliberalen Marktreformen verband. Dieser Eintrag untersucht ihre historische Entstehung, ihre ideologische Vielfalt und ihre soziopolitischen Implikationen. Er fragt danach, wie die staatlich gesteuerte „disziplinierte Liberalisierung“ und die neoliberale Deregulierung alevitische Medien ermöglichten, wie Sender wie Cem TV, Yol TV und TV 10 unterschiedliche Vorstellungen vom Alevitentum prägten und wie die Objektivierung alevitischer Kultur im Fernsehen Identität und Sichtbarkeit veränderte. Ethnographische Einsichten zeigen, wie alevitische Zuschauer:innen die Spannungen zwischen Empowerment und Assimilation aushandeln.Disziplinierte Liberalisierung und neoliberale Öffnung
Nach dem Militärputsch von 1980 wurden Alevis zunehmend innerhalb eines staatlich definierten kulturellen Pluralismus neu positioniert, den Kabir Tambar als “disziplinierte Liberalisierung” bezeichnet. Alevit:innen erhielten öffentliche Sichtbarkeit, jedoch nur unter der Bedingung, dass sie das türkisch-islamische Erbe bestätigten und die dominanten nationalen Narrative nicht in Frage stellten. Gleichzeitig beseitigten die neoliberalen Reformen der 1990er Jahre das staatliche Rundfunkmonopol. Private Sender entstanden in großer Zahl und sendeten häufig aus Europa. Dadurch erhielten marginalisierte Gruppen – darunter auch Alevit:innen – Zugang zu neuen Medienplattformen. Dieses Umfeld bildete zusammen mit dem wachsenden alevitischen Aktivismus, etwa dem Manifest des Alevitentums von 1990, die Grundlage für gemeinschaftlich organisierte Fernsehsender.
Die Entstehung alevitischer Fernsehsender
Ein Wendepunkt kam 2004, als Kanaltürk die Sendung Muharrem Sohbetleri ausstrahlte. Damit wurde erstmals religiöser alevitischer Inhalt landesweit im Fernsehen gesendet. Über zwölf Tage hinweg traten alevitische religiöse Autoritäten (dedes), Intellektuelle und Aktivist:innen vor die Kamera, um während des heiligen Monats Muharrem alevitische Glaubensvorstellungen zu erklären und über lang bestehende Vorurteile zu sprechen. Der Erfolg dieser Sendung ermutigte alevitische Gruppen, eigene Sender zu gründen. Cem TV, 2005 von der Cem-Stiftung gegründet, wurde das erste in der Türkei ansässige alevitische Fernsehnetzwerk auf Türksat. Der Sender strahlte Musik, Nachrichten und religiöse Programme aus und übertrug die wöchentliche Cem-Zeremonie, wodurch ein zuvor privates Ritual in ein öffentliches Ereignis verwandelt wurde.
Weitere Sender folgten. Su TV, in Deutschland gegründet, vertrat eine stärker linke und oppositionelle Linie. Interne Konflikte führten später zur Gründung von Yol TV (2006) und Dem TV (2007). Yol TV, unterstützt von der Europäischen Alevitischen Union (AABK), betonte Pluralismus und Erinnerungspolitik und gewann unter unterschiedlichen alevitischen Gemeinschaften an Popularität. Dem TV hob besonders die Anliegen kurdischer Alevit:innen hervor und führte später zur Entstehung von TV 10, das auch auf Zazaki sendete und sich mit kurdischen und sozialistischen Kämpfen verband. In den 2010er Jahren umfasste die alevitische Medienlandschaft somit ideologisch vielfältige Stimmen, die von transnationalen Diaspora-Netzwerken getragen wurden.
Divergierende Ideologien
Cem TV stand den staatlichen Narrativen nahe und präsentierte das Alevitentum als Teil der türkisch-islamischen Kultur. Der Sender spielte ethnische und theologische Vielfalt herunter und verstärkte dadurch ein folkloristisches und nationalistisches Bild. Obwohl Cem TV bei Alevit:innen beliebt war, die nach Anerkennung im Mainstream suchten, warfen Kritiker:innen dem Sender vor, kurdische Alevis zu marginalisieren und sich staatlichen Agenden anzupassen.
Yol TV vertrat dagegen eine pluralistische und linke Vision des Alevitentums, betonte Menschenrechte, Säkularismus und ethnische Vielfalt. Der Sender wurde zu einer kritischen Stimme gegen staatliche Versuche, das Alevitentum zu entpolitisieren. 2016 wurde ihm unter dem Ausnahmezustand die Sendelizenz entzogen, was die Grenzen der Toleranz gegenüber oppositionellen Medien deutlich machte.
TV 10 priorisierte in ähnlicher Weise marginalisierte alevitische Stimmen und war besonders wegen seiner Sendungen in Minderheitensprachen populär. Wie Yol TV wurde auch TV 10 2016 unter demselben Ausnahmezustand geschlossen. Cem TV hingegen sendete ohne Unterbrechung weiter. Dies zeigt, wie sehr die ideologische Nähe zur offiziellen Politik über das mediale Überleben entschied.
Objektivierung und mediale Repräsentation
Das im Fernsehen gezeigte Alevitentum erforderte eine Kodifizierung und Vereinfachung von Ritualen und Glaubensvorstellungen und verwandelte das Alevitentum in ein öffentlich lesbares Objekt. Dieser Prozess erzeugte Sichtbarkeit, barg jedoch zugleich das Risiko der Assimilation. So wurde etwa das Cem-Ritual, das traditionell intim und offen war, in eine Form gebracht, die sunnitischen Moscheegottesdiensten ähnelt. Dadurch wurden hegemoniale religiöse Rahmen verstärkt, selbst dort, wo alevitische Präsenz behauptet wurde.
Auch terminologische Verschiebungen machen diese Transformation sichtbar. Der Begriff Cem wurde durch die Medien standardisiert und ersetzte ältere Begriffe wie muhabbet. Das alevitische Fernsehen trug so zur Entstehung eines katechismusähnlichen Wissensbestands bei, der es Alevit:innen ermöglichte, ihren Glauben in national wiedererkennbaren Begriffen zu erklären. Dieser Übergang von einer mündlichen, gelebten Tradition zu einem verschriftlichten und mediengerechten Inhalt veränderte die Weitergabe von Religion und die Formierung von Identität grundlegend.
Publikumsrezeption: Zwischen Empowerment und Assimilation
Ethnographische Forschungen zeigen, dass viele Alevit:innen das alevitische Fernsehen als stärkend erlebt haben. Ältere Generationen erinnerten sich daran, ihre Identität aus Angst verborgen zu haben. Mit dem Aufkommen von Cemevis und alevitischen Medien fühlten sie sich selbstbewusster und weniger verletzlich. Die Zuschauer:innen schätzten es, mediale Inhalte zu haben, die Vorurteile und Fehlinformationen zurückweisen konnten.
Allerdings waren nicht alle Reaktionen positiv. Einige meinten, dass das im Fernsehen gezeigte Alevitentum traditionelle Praktiken abschwäche oder verfälsche. In der Stadt geborene Alevis empfanden die televisuellen Darstellungen oft als unauthentisch oder entfremdend. Schon der Akt, das Alevitentum durch Medien zu institutionalisieren, wurde von manchen als dem eigenen Ethos widersprechend wahrgenommen.
Ein eindrückliches Beispiel bietet ein Gespräch zwischen Vater und Sohn: Der Sohn, der unsicher war, wie er seine alevitische Identität am Arbeitsplatz erklären sollte, wurde von seinem Vater dazu aufgefordert, “zu sagen, wir seien wie die dort auf Cem TV”. Obwohl der Vater mit der Darstellung des Senders nicht übereinstimmte, sah er ihren praktischen Nutzen darin, einen Bezugspunkt bereitzustellen. Dies zeigt, dass mediale Sichtbarkeit pragmatische Bedürfnisse erfüllen konnte, selbst wenn sie gelebte Erfahrungen nicht vollständig abbildete.
Das Publikum identifizierte sich nicht notwendigerweise mit den ideologischen Programmen der jeweiligen Sender; vielmehr schätzte es die Kanäle dafür, Legitimität und Sichtbarkeit zu vermitteln. Wie eine Forscherin in Analogie zu ägyptischen Frauen beschrieben hat, die aus Fernsehserien jene Szenen auswählen, die sie als anschlussfähig empfinden, gingen auch alevitische Zuschauer:innen selektiv mit dem televisuellen Alevitentum um und griffen jene Elemente auf, die mit ihren Geschichten von Diskriminierung und Schweigen resonierten.
Schluss: Sichtbarkeit und ihr Unbehagen
Alevitische Fernsehsender haben die öffentliche Präsenz der Gemeinschaft grundlegend verändert, indem sie eine Plattform boten, um Identität zu behaupten und Marginalisierung herauszufordern. Ermöglicht durch staatliche Liberalisierung und Marktreformen bewegten sich diese Sender in einem konflikthaften Feld von Sichtbarkeit und Kontrolle. Ihre ideologische Unterschiedlichkeit spiegelt tiefere Debatten innerhalb des Alevitentums über Anerkennung, Pluralismus und Assimilation wider.
Während mediale Sichtbarkeit viele Alevit:innen stärkte, brachte sie zugleich Risiken mit sich. Die Schließung von Yol TV und TV 10 nach 2016 machte die Fragilität oppositioneller Medien unter autoritärem Druck sichtbar. Das Fortbestehen von Cem TV zeigte dagegen, wie die Nähe zu offiziellen Narrativen institutionelle Dauer sichern kann – um den Preis politischer Kritik.
Letztlich liegt das Vermächtnis des alevitischen Fernsehens in seiner doppelten Rolle: Es war ein Instrument des Empowerments und zugleich ein Ort umkämpfter Repräsentation. Es wirft die Frage auf, ob marginalisierte Gruppen ihr Bild in der Öffentlichkeit zu ihren eigenen Bedingungen formen können oder ob Sichtbarkeit immer auch Verhandlungen mit dominanten Normen einschließt. Die Geschichte des alevitischen Fernsehens macht deutlich, dass mediale Repräsentation zwar unverzichtbar ist, aber niemals ein neutraler Raum bleibt – sie ist immer auch ein Kampffeld um Anerkennung, Authentizität und Überleben.
Gültekin, Ahmet Kerim. 2019. Kurdish Alevism: Creating New Ways of Practicing the Religion. Working Paper Series of the HCAS “Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities” 18. Leipzig: Leipzig University.
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