Baumverehrung: Heilige Bäume und Wunschbäume
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Baumkult bezeichnet die Verehrung von Bäumen, Baumgruppen und Heiligen Hainen. Sie können als die Verkörperung mythologischer Wesen selbst, als deren Symbol oder deren Sitz betrachtet werden. Baumverehrung ist bis in die Gegenwart bei zahlreichen Völkern der Erde verbreitet. Dieser Beitrag untersucht die Ursprünge und Formen der alevitischen Baumverehrung. In Kleinasien, dem Hochland von Armenien, in Dersim und anderen kurdischen Siedlungsgebieten geht die Verehrung von Bäumen bis in die Bronzezeit zurück. Die indigenen Völker dieser Regionen, darunter Churriter und Urartäer, verehrten den Lebensbaum, dessen lanzenförmige Stilisierung ein verbreitetes Motiv in Urartu darstellte. Als Sitz von Gottheiten, Geistern und Dämonen, die je nach ihrer Natur Schutz gewährten, Wünsche erfüllten oder besänftigt werden mussten, verehrten Kurden, Zazas und Armenier in Dersim Eichen, Wacholder, Pappeln und Zypressen. Im Volksglauben fungieren diese auch als Wunsch- bzw. Votivbäume (Kurdisch: Dārī Mirāzān). Die Naturverbundenheit der Dersimer Glaubensgemeinschaft der Raa Haqi und ihre Verehrung von Bäumen machte diese zum Angriffsziel einer aggressiven Politik der Naturzerstörung, was wiederum Protest und ein verstärktes Umweltbewusstsein bei den Einwohnern Dersims und in der Dersimer Diaspora auslöste.Kurdischer Baumkult
“In den verschiedensten Kulturen und Mythologien weltweit wird die Natur in ihren vielfältigen Formen, darunter Bäume, Flüsse oder Berge, als heilig angesehen und es wird geglaubt, dass sie Gottheiten, Geister oder sogar die Seelen der Vorfahren verkörpert. Solche Glaubensvorstellungen finden sich auch in der kurdischen Kultur und Mythologie, die allen natürlichen Objekten, darunter Steinen, Wasser, Pflanzen und Tieren, spirituelle oder übernatürliche Eigenschaften zuschreibt.
(…) Im heutigen Kurdistan war der heilige Baum von der Spätantike bis zur Neuzeit neben anderen wiederkehrenden Elementen (z. B. heilige Berge, Heilquellen, natürliche Höhlen) Teil des lokalen Religionskomplexes und seiner heiligen Landschaft. Die mit heiligen Bäumen verbundenen Volksglauben und -bräuche haben sich in dieser Region bis in die heutige Zeit erhalten, insbesondere innerhalb der einheimischen religiösen Traditionen (z. B. Yezidismus oder Yarsanismus).[i] T. F. Aristova weist darauf hin, dass bis vor relativ kurzer Zeit viele muslimische Riten und Glaubensvorstellungen unter den Kurden neben vorislamischen Kulten existierten, die mit Seen, Steinen, Gräbern, Bäumen, Feuer und Ahnenkult verbunden waren.[ii]“[iii]
In der kurdischen Mythologie und den religiösen Überzeugungen lassen sich drei Arten heiliger Bäume unterscheiden: Erstens ein Baumgott namens Yazd, dessen Verehrung bis ins frühe 20. Jahrhundert überlebt hatte, wenn auch nicht unbedingt als organisierte Religion. Der Baum, von dem man glaubte, dass er von Yazd bewohnt wurde, galt als König des Waldes. Die Bäume oder Sträucher, die den heiligen Baum umgaben, wurden hoch verehrt, da sie als Kinder des Yazd angesehen wurden.
Die zweite Art heiliger Bäume gilt als Wohnstätte von Geistern, die ihnen ihre übernatürlichen Eigenschaften verleihen. Diese Baumgeister können Ahnenwesen, Dschinns, Dämonen (Dews) und andere übernatürliche Wesen sein. Sie werden als Wächter, Beschützer, Quellen der Weisheit und Führung angesehen. Dies zeigt sich am deutlichsten in Ritualen, die mit den Baum-Pīrs und Dārī Mirāzān/Dārā Mirāzā (Wunschbäume) verbunden sind. Die dritte Art heiliger Bäume ist der Baum des Lebens.[iv]
Baumverehrung bei den Zazas und Armeniern in Dersim
Laut Gevorg Halajian (DAN V: Folios 596ff.), einem armenischen Intellektuellen und Einwohner aus Dersim, “hatten die Zazas im Allgemeinen ein überwältigendes Gefühl der Ehrfurcht gegenüber jedem Baum und jeder grünen Pflanze; sie betrachteten das Beschädigen oder ungerechtfertigte Fällen von Bäumen als große Sünde. Daher fällten sie für den Hausgebrauch – als Brennholz oder Bauholz – nur abgestorbene Bäume und nur im Spätherbst. Sie verbrannten niemals frisch geschlagenes Brennholz, sondern ließen es einige Zeit, sogar zwei bis drei Jahre, ruhen, damit der Geist des Baumes es endgültig verlassen konnte. Diejenigen Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, Alter oder ihrer Religion, den Wald in Brand setzten, mussten nach einem strengen Gewohnheitsrecht getötet werden, da eine solche Tat als schwere Übertretung der göttlichen Ordnung angesehen wurde. Die Täter wurden verfolgt, wie jene, die einen rechtswidrigen Mord begangen hatten, der einer Blutfehde gleichkam.
In den bergigen Teilen von Dersim waren die Hauptverehrungsobjekte im Pflanzenreich in erster Linie der Wacholder und die Eiche, wobei unter den Eichen die Schwarz-Eiche am stärksten verehrt wurde. Der Wacholder rief als Baum, der Glück und Wohlstand schenken konnte, besonders große Verehrung hervor. Auch die Fichte und die Wildpappel galten den Zazas als ehrfurchtgebietend, wobei letztere das Symbol für Keuschheit und Treue war.
Weit verbreitet verehrt und gefürchtet unter den Zazas und den lokalen Armeniern waren die sogenannten “Wacholder von Sıbohan”, ein Hain zwischen den Dörfern Chndzorek und Puta, in der nahe gelegenen felsigen Gegend des armenischen Klosters Surb Ohan/Hovhannes (St. Johannes). Er bestand hauptsächlich aus toten und ausgetrockneten Wacholderbäumen; die Zahl der grünen Bäume überstieg kaum hundert. Diesem Hain wurde die Kraft zugeschrieben, Regen zu bringen; in trockenen Jahren pilgerten die Menschen (Zazas und Armenier) zu diesem Hain; sie opferten Tiere in dem Glauben, dass bald Regen einsetzen würde. Das trockene Brennholz aus diesem Hain durfte nur an dem Ort verbrannt werden, an dem das Fleisch der geopferten Tiere gekocht wurde. Es war strengstens verboten, Holz aus diesem Hain mit nach Hause zu nehmen, was wiederum als Vergehen angesehen wurde, das göttlicher Strafe unterlag.”[v]
“Ein weiterer heiliger Ort mit Baumbestand, ebenfalls in derselben Gegend, war der ‘Sıbminas-Hain’, der ausschließlich aus alten und sehr großen Eichen bestand und in der Nähe eines armenischen Heiligtums namens Surb Minas (St. Minas) lag und von den Zazas und Armeniern gleichermaßen verehrt wurde. Sie glaubten, dass diese Bäume die Menschen vor Hurrikanen und unerwarteten Naturkatastrophen retten könnten. Der Hain hatte festgelegte Grenzen, die sicherstellten, dass die Menschen vor Verfolgern geschützt waren, selbst wenn sie ein Mädchen verschleppten: Niemand durfte innerhalb der Grenzen dieser heiligen Bäume töten oder Gewalt ausüben. Die Pilgerfahrt zu diesem Hain fand in der Regel jedes Jahr nach der Ernte statt. Ihm wurde die innewohnende Kraft zugeschrieben, vor verschiedenen Unglücksfällen zu schützen.
Schließlich gab es laut Halajian (ebenda: 598) vor 1914 in der Nähe des Dorfes Haydaran zwei große und hohe Fichten, denen die Kraft zugeschrieben wurde, das Gebiet vor Feinden, insbesondere türkischen und kurdischen Banditen, zu schützen. Dies war zugleich ein Wallfahrtsort (…).”[vi]
Armenischer Baumkult
Der Baumkult bildet einen der ältesten Kulte im Armenischen Hochland. Im Königreich Urartu (9.-6. Jahrhundert v. Chr.) war der Baum des Lebens (armenisch: Կենաց Ծառ – Kenats tsar) ein religiöses Symbol und wurde an die Wände von Festungen gemalt und in die Rüstungen von Kriegern geschnitzt. Die Äste des Baumes waren gleichmäßig auf die rechte und linke Seite des Stammes verteilt, wobei jeder Ast ein Blatt und die Spitze des Baumes ein Blatt hatte. Diener standen zu beiden Seiten des Baumes mit einer Hand nach oben, als würden sie sich um den Baum kümmern.
Schon der von den kleinasiatischen Churritern übernommene Sturm- und Wettergott Urartus, Teysheba (auch: Teysheb), wird ikonographisch auf einem Stier stehend dargestellt, neben dem Lebensbaum, von dem er ein Blatt in der einen, in der anderen Hand eine Schale hält.[vii]
Die armenischen Nachfolger der Urartäer setzten deren Baumverehrung fort. “Bestimmte Wälder waren diesem Kult geweiht und wurden als heilige Orte erachtet. Moses von Chorene (I., Kap. 20) berichtet, dass der Enkel des [mythischen Königs] Ara dem Schönen, Anuschawan, den Beinamen Sos (Pappel) hatte, weil er den Pappeln geweiht war, die sein Urgroßvater in Armavir hatte pflanzen lassen.”[viii] Der armenische Forscher Adontz sieht den Baumkult der Armenier im Zusammenhang mit dem kleinasiatischen Attiskult, “zumal Attis im armenischen Pantheon durch Ara vertreten wurde. Nach Adontz wäre Anuschawan die armenisierte Form des persischen Anuscherwan (‘unsterbliche Seele’) (…).”[ix]
Unter den “Sonnenkindern” – Armenisch Arewordik -, die als armenische Anhänger des Zoroastrismus bis in die 1920er Jahre existierten[x], galt die Pappel als heiliger Baum[xi], während die iranischen Zoroastrier die Zypresse als heiligsten Baum verehrten.
Das durch den Wind verursachte Wiegen der Äste und Blätter von Pappelbäumen und anderen Arten führte in bestimmten Gebieten des Kaukasus und der türkischen Schwarzmeerregion zu dem Glauben, dass Bäume zu beten vermögen; zugleich diente das Flüstern der Pappelblätter als Orakel. Bäume mit überwiegend starrem Geäst – wie die Eiche – werden dagegen als nicht-betend angesehen. Vermutlich hat der Glaube an heilige betende Bäume seinen Ursprung im Kaukasus. In der von islamisierten Armeniern bewohnten Region Hamschen (türk. Hemşin) in der Provinz Rize besteht teilweise noch die Tradition, dass drei Tage vor und während religiöser Feste keine Äste abgesägt werden dürfen, da geglaubt wird, die Äste beteten.[xii]
Wunschbäume
Ein Wunschbaum, auch Votivbaum, ist ein einzelner Baum, der häufig an einem heiligen Ort steht und über übernatürliche Kräfte verfügt. Wer einem Stoffstreifen oder Ähnliches aus seinem Besitz an den Baum hängt, hofft, dass dadurch ein Wunsch in Erfüllung geht. Das Mitbringsel kann auch eine Votivgabe zum Dank für ein bereits erfolgtes Wunder sein. Je nach dem jeweiligen Volksglauben, der prinzipiell in allen Religionen vorkommen kann, handelt es sich bei den wunscherfüllenden Kräften um Geister, Feen, Heilige oder Gottheiten.
Im Volksislam kommen Wunschbäume von Marokko über die Türkei (dilek-ağaçları) und Pakistan bis nach Indonesien vor. Oft stehen Wunschbäume an einem besonderen Ort, wie einer heiligen Quelle, einer Kirche oder Kapelle oder einem islamischen Heiligtum.
Dārī Mirāzān: Der Wunschbaum
Wunschbäume sind ein universeller Glaube, der auch allen Kulturen von Dersim ( Armenier, Zaza, Kurden) bekannt ist. Diese Bäume stehen oft in der Nähe von heiligen Quellen oder Flüssen und stehen in Verbindung mit Wasser- und Fruchtbarkeitskulten.
Eine der Manifestationen des Baumkults in der kurdischen Kultur ist der Dārī Mirāzān oder Dārā Mirāzā, der “Baum der Wünsche”.[xiii] Frauen suchten diese Bäume auf, weil sie glaubten, dass solche Besuche unfruchtbaren Frauen Segen bringen und ihnen helfen würden, schwanger zu werden. Andere besuchten sie in dem Glauben, dass sie spirituelle oder körperliche Heilkräfte besitzen. Oder jeder, der sich die Erfüllung seiner Wünsche wünschte, wandte sich an den Wunschbaum. Sie banden ein Stück Stoff an den Baum, in der Vorstellung, dass sie nun einen Teil von sich selbst an den Baum gebunden hätten, um Segen oder Heilung zu erlangen. Diejenigen, die mit Krankheiten zu kämpfen hatten, banden einen Lappen an den Baum, in dem Glauben, dass sie damit ihren Schmerz an den Baum gebunden hatten. Gleichzeitig stellten sie eine Bitte und gelobten, dass sie eine gute Tat vollbringen würden, falls ihre Bitte erfüllt würde.[xiv]
Der Wunschbaum gilt als Wohnstätte von Geistern, Dschinns oder Dēws (Dämonen), die mit Fruchtbarkeit, Führung, Macht und Schutz in Verbindung gebracht werden – aber auch mit Unglück und Pech. Die Verehrung der Bäume geht daher oft mit Opfern an die Geister unter den Bäumen einher, die als Votivgaben oder zum Abwehren böser Mächte und Unglücks dargebracht werden. Diese Bäume stehen entweder einzeln oder in Hainen, wobei ihre Heiligkeit eher von ihrem Standort (heilige Orte), ihrer Größe und ihrem Alter abhängt als von der Baumart.
Henry Harald Hansen beschreibt eine Art Wunschbaum, der nicht nur mit Lumpen, sondern auch mit einem Widderhorn geschmückt war und neben dem eine heilige Hand aus Holz aufgestellt war. Der Baum stand innerhalb des Gitters, das ein heiliges Grab schützte.[xv] Die heilige Hand war wahrscheinlich Ḥamsa (arabisch für “fünf”), eine symbolische Hand, die sowohl in der jüdischen als auch in der islamischen Kultur Schutz bedeutet. In der islamischen Tradition symbolisiert sie die “Hand der Fāṭimah”, der Tochter des Propheten Muḥammad.
In einigen Gegenden werden Nägel in einen heiligen Baum geschlagen, um den Schmerz oder die Krankheit auf den Baum zu übertragen. Diese Art von Wunschbäumen werden auf Kurdisch Dāra Bizmār “Nagelbaum” genannt. Das Einschlagen von Nägeln sowie das Aufhängen von Kleidungsstücken sind “Bindungsrituale”, bei denen die Person Heilung oder eine Lösung für ihre Probleme sucht, indem sie ihre Krankheit oder ihre Probleme auf den Baum überträgt.[xvi]
Auch Regenrituale werden oft um den Wunschbaum herum durchgeführt. Thomas Bois beschreibt ein Beispiel für magische Riten in Silemani und Kirkuk, mit denen die Kurden Regen herbeiführen oder ihn zum Aufhören bringen wollten:
“Die Frauen haben ihre schönsten Kleider angezogen und gehen gemeinsam in einer Gruppe aufs Land zu einem alten, ehrwürdigen Baum, unter dessen Schatten sie sich niederlassen. Sie haben die notwendigen Küchenutensilien und Vorräte mitgenommen und tanzen um den Topf herum, bis das Essen fertig ist. Nach dem Essen gießen sie Wasser über das schönste Kleid der Gruppe und warten auf den Regen. Falls es bis zur Rückkehr nicht regnet, gießen sie sich wechselseitig Wasser über die Kleidung und kehren völlig durchnässt nach Hause zurück.”[xvii]
Weltenbaum und Baum des Lebens
Der Weltenbaum ist das universale mythologische Symbol der Weltachse (axis mundi), des Weltenzentrums oder des alttestamentarischen Paradiesbaums des Lebens.
Im Schöpfungsbericht im ersten Buch Mose ist der Baum des Lebens ein Baum in der Mitte des Paradieses, der ewiges Leben schenkt, wenn man von seinen Früchten isst. Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen, nachdem sie bereits vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Ihre Strafe für die Verletzung des Verbots bestand im Verlust der Unsterblichkeit.
Der jüdischen Mythologie zufolge steht im Garten Eden der Lebensbaum (etz chaim) oder “Baum der Seelen”, der blüht und neue Seelen hervorbringt. Diese Seelen fallen in den Guf, den Seelenschatz. Der Engel Gabriel greift in den Schatz und nimmt die erste Seele, die ihm in die Hand fällt. Der Fruchtbarkeitsengel Leila wacht dann über den Embryo bis zu dessen Geburt.
Der Lebensbaum bildet ein häufiges Symbol in der jüdischen, islamischen und christlichen Kunst. In stilisierter Form begegnet er sehr häufig in der armenischen und kurdischen Teppichknüpfkunst. In der jüdischen und der islamischen Kunst trägt er oft sieben Zweige, was auch den sieben Armen des jüdischen Leuchters Menora entspricht, die wiederum die sieben Tage der Schöpfung symbolisieren.
Im Islam ist der mythische Tuba-Baum (‘Glückseligkeit, Seligpreisung’) bekannt, der zwar nicht im Koran erwähnt wird, aber der Hadith-Literatur zufolge im (himmlischen) Paradies wächst: “Diejenigen, die glauben und gute Werke tun, sind seligzupreisen” (ṭūbā lahum).[xviii] Der Tradition zufolge besitzt der Tubabaum Zweige aus Smaragd und Perlen. Seine Krone soll so groß sein, dass ein Reiter einhundert Jahre reisen könnte, ohne seinen Schatten zu durchqueren, weshalb er auch von den Rändern des Paradieses aus zu sehen sein soll. Sein Stamm steht im Palast des Propheten, die Äste reichen in die Häuser der Gläubigen, die sich so an seinen wohlschmeckenden Früchten laben können.
Der Lebensbaum symbolisiert alles Gute und Nützliche, im Gegensatz zum verfluchten Baum Zaqqūm, dem Baum der Hölle und Gegenentwurf zur Rettung, der u. a. als Speise des Sünders tatsächlich namentlich im Koran erwähnt wird. Der Tubabaum symbolisiert das Paradies bzw. den Paradies-Baum (Baum der Erkenntnis) ebenso wie der Sidra-Baum die Grenzen des Universums oder der Lotosbaum die Grenzen alles Vorstellbaren.
Im Sufismus symbolisiert der Baum die Nähe zu Gott und erscheint maßgeblich beispielsweise im Werk des iranischen Philosophen und Mystikers Suhrawardi, der ihn mit dem der iranischen Mythologie entstammenden Simorgh (Simurgh)-Baum gleichsetzt.[xix]
Tuba ist (persisch طوبا) ein iranischer, in der Form Tuğba auch in der Türkei üblicher, weiblicher Vorname.
Gefährdeter Glaube
Aleviten haben traditionell einen starken Glauben, der in der Verehrung der Natur verwurzelt ist. Sie sehen göttliche oder halbgöttliche Figuren, die mit natürlichen Objekten und Orten in Verbindung stehen. Im kurdisch-alevitischen Glauben (“Rêya Heqî”) werden Bäume oft als heilige Naturwesen und Heiligtümer betrachtet, die als “jiare” bekannt sind, und neben anderen Naturelementen wie Bergen und Flüssen verehrt werden. Während bestimmte Rituale im Zusammenhang mit Bäumen aufgrund kultureller Veränderungen, Unterdrückung und anschließender Auswanderung und Assimilation möglicherweise im Verschwinden begriffen sind, zeigen historische Berichte, dass Kurden Opfergaben an heilige Bäume banden, Heilung durch deren Blätter suchten und sogar Feste unter ihnen abhielten. Diese Praktiken spiegeln eine umfassendere Tradition der Naturverehrung wider, bei der man glaubt, dass Göttlichkeit in bestimmten natürlichen Stätten und Objekten wohnt oder mit ihnen in Verbindung steht.
Historische Berichte deuten darauf hin, dass nicht-alevitische Gruppen, wie beispielsweise die türkischen Behörden, diese Praktiken der Baumverehrung mit Argwohn betrachteten und sie als Akte der Gottesverehrung bezeichneten, wie die National Institutes of Health (NIH) und nlka.ne anmerken.
Die Wunschbäume werden in der kurdischen Kultur hoch verehrt. In Nordkurdistan fällt das türkische Regime oft die heiligen Bäume als eine Form der psychologischen Kriegsführung gegen die Kurden. Ebenso wurden seit der Besetzung von Afrin in Rojava durch die Türkei im Jahr 2018 im Rahmen ihrer ethnischen Säuberungskampagnen gegen die Kurden von der Türkei unterstützte syrische Söldner über 1,5 Millionen Bäume gefällt,[xx] einschließlich der über 100 Jahre alten Wunschbäume.[xxi]
“Die türkischen und iranischen Regime zerstören seit Jahrzehnten die Natur der kurdischen Siedlungsgebiete, darunter viele heilige Bäume, Flüsse und Quellen, durch den Bau von Dämmen, die Umleitung von Flüssen und die Abholzung von Wäldern, um das kulturelle Gedächtnis der Kurden und ihre starke Verbundenheit mit ihrem Land auszulöschen.
Als Reaktion auf diese Versuche finden wir innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung eine kreative, revolutionäre Dialektik, in der alte naturbejahende Werte durch zeitgenössische soziale und ökologische Kämpfe mit neuer Bedeutung erfüllt werden. [Ahmet Kerim] Gültekin zitiert Bilgins Beobachtung, dass ‘in den Kämpfen der kurdischen Aleviten gegen die Eingriffe durch Staudammprojekte, Bergbauunternehmen, Tourismuspolitik und andere Bedrohungen ein neues Verständnis der Natur entsteht’. Wie Gültekin feststellt, erweitert sich in diesen Kämpfen die Konfrontation der Kurden mit der seit langem bestehenden Gefahr des Völkermords zu einem tiefgreifenden sozialökologischen Verständnis der Bedrohung, die der Ökozid sowohl für das Land als auch für die Menschen darstellt.”[xxii]
Andere Wissenschaftler bestätigen den Vorwurf des Ökozids: “Die neoliberale ökologische Zerstörung, die in Dersim sowie in anderen Teilen des türkischen Kurdistans stattfindet, kann als vorsätzliche und systematische ökologische Zerstörung definiert werden, die auch als (neokolonialer) Ökozid bezeichnet wird. Die Völkermord- und Entwicklungspolitik der Vergangenheit scheint sich zu einem ökologischen Raubbau, verbunden mit der Zerstörung der Lebenswelten der Menschen, verdichtet zu haben.”[xxiii]
Schlussfolgerung
Die Naturverbundenheit der Dersimer Aleviten gestaltete die weltweite Baumverehrung in dieser Region besonders intensiv. In ihren religiösen Praktiken nehmen heilige Bäume als Wunsch- bzw. Votivbäume, aber auch als Lebensbaum eine wichtige Rolle ein. Die Inhalte und Rituale dieses Glaubens teilen die Raa Haqis mit Armeniern, Yazidis und Yarsanis (Ahl-e Haqqi belief).
Der Kampf des türkischen Staates gegen die kurdische Unabhängigkeitsbewegung nahm in Dersim auch religiöse Züge an, indem er sich gegen die dortige Baumverehrung richtete. Das häufige von Wäldern, heiligen Hainen und Bäumen nahm, ebenso wie die illegale Jagd auf die heiligen → Bezoarziegen, den Charakter eines Ökozids an, also der Vernichtung der Lebensgrundlagen und Glaubenselemente der indigenen Bevölkerung. Als Folge von Vertreibung, Auswanderung und Assimilation beobachteten Wissenschaftler einen Rückgang der Baumverehrung. Allerdings belebte der Ökozid zugleich den Widerstand der Bevölkerung gegen die damit verbundenen Maßnahmen und stärkte die Umweltbewegung in Dersim und seiner Diaspora.
Arakelova, Victoria. 2020. “A Note on Tree Worship in the Zaza Folk Beliefs.” Iran and the Caucasus 24 (4): 405-410. https://www.researchgate.net/publication/347481105_A_Note_on_Tree_Worship_in_the_Zaza_Folk_Beliefs
Aristova, T. F. 1994. “Kurds.” In Encyclopedia of World Cultures, Vol. 6, Russia and Eurasia/China, edited by Paul Friedrich and Norma Diamond, 224-227. Boston: G. K. Hall & Co.
Bois, Thomas. 1966. The Kurds. Beirut: Khayats.
Dafni, Amots. 2007. “Rituals, Ceremonies and Customs Related to Sacred Trees with a Special Reference to the Middle East.” Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine 3 (28).
Deniz, Dilşa. 2021. “The Philosophy of Ecology and Reya Heqi: Religion, Nature, and Femininity.” In Ecological Solidarity and the Kurdish Freedom Movement: Thought, Practice, Challenges and Opportunities, edited by Stephen E. Hunt, 242-260. Lanham, Boulder, London, New York: Lexington Books.
Dinç, Pınar. 2025. “Dersim: A Century of State-Led Destruction and Resistance.” In The Republic of Turkey and Its Unresolved Issues: 100 Years and Beyond, edited by Pınar Dinç and Olga Selin Hüler, 53-68. Cham: Palgrave Macmillan.
Fischer, Michael M. J. 2004. Mute Dreams, Blind Owls, and Dispersed Knowledges: Persian Poesis in the Transnational Circuitry. Durham: Duke University Press.
Gültekin, Ahmet Kerim. 2021. “Dersim as a Sacred Land: Contemporary Kurdish Alevi Ethno-Politics and Environmental Struggle.” In Ecological Solidarity and the Kurdish Freedom Movement: Thought, Practice, Challenges and Opportunities, edited by Stephen E. Hunt, 225-242. Lanham, Boulder, London, New York: Lexington Books.
Insom, Camilla, and Gianfilippo Terribili. 2021. “In the Shade of a Tree: Holy Figures and Prodigious Trees in Late-Antique and Medieval NW Iran and Adjacent Areas.” In Iranianate and Syriac Christianity in Late Antiquity and the Early Islamic Period (5th-11th Centuries), edited by Chiara Barbati and Vittorio Berti, 333-366. Publications on Iranian Studies 87. Vienna: Austrian Academy of Sciences Press.
Mustafa, Himdad. 2023. “Sacred Trees in Kurdish Culture & Mythology.” The Kurdish Center for Studies, June 26. https://nlka.net/eng/sacred-trees-in-kurdish-culture-mythology/#post-2511-footnote-1
Terribili, Gianfilippo. 2017. “In the Shade of a Tree: Religious Patterns in the Kurdistan Region from Late Antiquity to Modern Times.” Paper presented at the ASOR (American Society of Overseas Research) Annual Meeting, Boston.