Bezoarziegen: Xızırs heilige Herde (Xızır'ın Davarları)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Dieser Beitrag erforscht die pantheistische Naturverehrung im Raa Haqi-Glauben am Beispiel der Verehrung der in Dersim lebenden Bezoarziegen. Diese als heilig verehrten Wildtiere werden den Heiligen Xızır, Sarik Sivan, Sıx Ahmet Dede und Düzgün Baba zugeschrieben. Da sie sakrosankt sind, stellt ihre Tötung eine große Sünde dar. Wer sie begeht, wurde zumindest in der Vergangenheit aus der alevitischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Trotzdem fallen die seltenen Tiere auch heute noch der Trophäenjagd von In- und Ausländern zum Opfer.Der Bezoar-Steinbock ist eine Unterart der Europäischen Bezoarziege (Capra aegagrus aegagrus; türk. Bezuvar), stammt aus dem Armenischen Hochland und ist in mehreren anderen westasiatischen Ländern beheimatet. Bezoarziegen sind bekannt für ihre Fähigkeit, sehr hohe und sehr enge Berghänge und Klippen zu erklimmen. In der armenischen Kultur symbolisieren sie Stärke und Mut. Viele armenische Kreistänze, darunter der populäre Hirtentanz Kotschari (von “kotschel” – “hin- und herziehen; nomadisieren”), ahmen die Bewegungen der kämpfenden Böcke nach.
Im Iran wurden Wildziegen bereits 10000 v. Chr. domestiziert. Von dort aus verteilten sich die Hausziegen über den Globus. Somit stammen alle europäischen Hausziegen von asiatischen Vorfahren ab.
Die heiligen Hirten der Bezoarziegen
Hızır (Kurdisch: Xızır) kommt im alevitischen Glauben der Raa Haq-Gemeinschaft Dersims eine zentrale Bedeutung zu. Der Heilige, der das Wasser des Lebens trank und als unsterblich gilt, gilt als Schutzherr der Landreisenden und als Nothelfer. Er soll den Menschen meist in Gestalt eines weißbärtigen Greises mit auffallend leuchtenden Gesichtszügen erscheinen. Er verkörpert Hoffnung und Güte.
Die in der Region Dersim lebenden wilden Bergziegen, die als heilige Wesen angesehen werden, sind mit Hızır und anderen mythologischen Figuren eng verbunden. Sie gelten als Hızırs heilige Herde sowie als spirituelle, schützende, prüfende und heilende Wesen. Es ist tabu, sie zu töten, da dies einen Angriff auf das Heilige darstellt.
Drei weitere mythische Heilige sollen ebenfalls die Hirten der Ziegen sein: Sarik Sivan, Sıx Ahmet Dede und Düzgün Baba. Düzgün – möglicherweise eine türkisierte Version eines Zaza-Worts, das scharfe Felsen oder Klippen bedeutet – ist der berühmteste von ihnen.[1]
Unabhängig von der besonderen Verehrung dieser und anderer Wildtiere weist der alevitische Raa Haq-Glaube insgesamt ein starkes Verantwortungsgefühl für die als gleichwertig angesehenen Mitgeschöpfe und für die gesamte Schöpfung auf.
Gefährdung
Bezoarziegen wurden früher nicht nur wegen ihres Fleisches, der Hörner und des Felles gejagt, sondern auch wegen der sogenannten “Bezoare” (von persisch padzahr, “Gegengift”). Diese rundlichen Magensteine, die aus festverfilzten Haarballen bestehen, bekommen mit der Zeit eine steinharte und glatte Oberfläche. “Bezoare” galten besonders im Mittelalter als Wundermedizin.
Von der Europäischen Bezoarziege gibt es heute nur noch etwa 1000 Tiere, die sich in unzugängliche Höhenlagen der Gebirge zurückgezogen haben. Obwohl die Ziegen in der Region eine geschützte Art bilden, gab es in der Vergangenheit Kontroversen um Jagdquoten, die lokale Aktivisten und Umweltschützer als Angriff auf die Kultur und die Tierwelt der Region betrachteten. Während aber der Artenschutz der Bezoarziegen in den Pontischen Alpen eingehalten wurde, wurde er in Dersim immer wieder von Wilderern und ausländischen Jagdtouristen verletzt, offenbar mit Duldung der Behörden und sogar unter Beteiligung von öffentlich Bediensteten.
In den letzten Jahren gab es in Dersim öffentliche Bestrebungen, die Jagd auf diese Tiere im Namen der Religion, der Natur und der Identität zu verbieten.
Der Dersimer Cemal Oktay, der 2018 mit seiner Frau Saniye eine angeschossene Bergziege liebevoll pflegte, forderte damals härtere Strafen gegen die illegale Jagd von Tieren und ein generelles Jagdverbot in der Region.[2] Nach einer Protestwelle gegen die illegale Jagd von Wildtieren verbot das Gouverneursamt in Tunceli provinzweit die Jagd von Wildtieren, die oft von Staatsbeamten erfolgt war.[3] Doch schon im folgenden Jahr 2020 beobachtete man eine weitere Zunahme des nationalen und internationalen Jagdtourismus, der damit beworben wird, dass die Türkei das einzige bzw. Europa nächstgelegene Jagdgebiet für diese vom Aussterben stark bedrohte Tierart wurde. Eine dänische Firma wirbt für ihre Jagdreisen in die Türkei: “Der Bezoar-Steinbock ist der größte Vertreter der Familie der Steinböcke, und die Türkei ist das einzige Land, in der dieser imponierende Steinbock gejagt werden darf.”[4]
Die “Ehrfurcht vor der Natur ist der Grund, warum die Bewohner von Dersim so beunruhigt sind über die Jäger, die manchmal kommen, um ihre heiligen Bergziegen als Trophäen zu erlegen. Die Ziegen, von denen einige Arten vom Aussterben bedroht sind, stehen unter dem Schutz des türkischen Ministeriums für Forstwirtschaft und Wasserwirtschaft, aber die Regierung sagt, dass ältere Tiere in begrenzter Anzahl gejagt werden dürfen und dass 60 Prozent der Einnahmen aus den Ausschreibungen an die lokalen Dörfer zurückfließen.
Im vergangenen Sommer [2020] starteten Aktivisten eine Kampagne, um die Bergziegenjagd in der Region zu verbieten, und die Dersim Cultural and Natural Heritage Conservation Initiative reichte eine Klage ein, um die Ausschreibungen zu stoppen. Das Ministerium reagierte darauf mit der Aussetzung einer Ausschreibung für die Jagd auf 17 Ziegen und versprach, eine Untersuchung durchzuführen, bei der die lokalen Bräuche und Überzeugungen berücksichtigt werden.
Lokalen Umweltschützern ist es nicht besonders wichtig, ob die Jagd legal ist oder nicht, sie sind entsetzt darüber und wollen, dass sie ausnahmslos verboten wird. “Wir haben mit angesehen, wie Killer von außerhalb der Provinz und aus verschiedenen europäischen Ländern die wichtigsten Tierarten Dersims jagen”, sagte der Aktivist Hasan Sen von der Organisation Munzur Protection. “Die Behörden verschließen die Augen vor den Massakern.”[5]
“ANF” kommentierte schon 2018: “Der türkische Staat (…) lässt die Wälder Nordkurdistans – insbesondere in Dersim – seit Jahren jeden Sommer systematisch niederbrennen. Das ist Teil der seit der Staatsgründung 1923 in Kurdistan gültigen Aufstandsbekämpfung und Vertreibungspolitik. Die politisch motivierte Arten- und Naturvernichtung des türkischen Staates wird durch die Jagd von Trophäenjägern maßgeblich unterstützt und stellt zunehmend eine Bedrohung für die Artenvielfalt dar.”[6]
“Für die Aleviten ist das Töten solcher heiligen Tiere nicht nur sinnlos und unmoralisch, sondern eine schreckliche Sünde. Wer dagegen verstößt, wird traditionell ausgestoßen und als ‘duskun’ oder ‘gefallen’ bezeichnet. ‘Früher wurden Menschen, die so etwas taten, ins Exil geschickt’, sagt der 68-jährige Dede Zeynel Batar aus dem Dorf Kedek.
‘In unserem Dorf gab es einen Mann, der Bergziegen jagte. Wir haben ihn oft gewarnt, damit aufzuhören. Eines Tages stürzte er von den Felsen und starb. Sie haben seinen Leichnam nicht einmal auf dem Dorfplatz gewaschen.’”[7]
Schlussfolgerung
Xızırs heilige Herde, die Bezoarziegen Dersim, ist heute aus mehreren Gründen gefährdet: Zum einen bedroht die Profitgier des internationalen und nationalen Jagdtourismus die prachtvollen Tiere, zum anderen bilden sie als geheiligte Wildtiere der Dersimer Raa Haq-Gemeinschaft ein Ziel für Repressionen, die sich gegen die Gläubigen dieser Gemeinschaft richten. Dies gilt auch für andere Aspekte des Umwelt- und Artenschutzes. Maßnahmen wie Brandstiftung, Jagd von Wildtieren oder das Stauen des heiligen Flusses Munzur treffen die Menschen, die die Natur Dersims als Mitgeschöpfe lieben und verehren. Der Kampf von Dersimer Umweltschützern für die Erringung und Durchsetzung von Arten- und Umweltschutz ist daher immer auch ein Einsatz für zentrale Glaubensinhalte der alevitischen Religion Dersims.
Ashdown, Nick. 2020. “Turkey’s Alevis and the Myths of the Mountain Goats.” Middle East Eye, 7 December 2020. https://www.middleeasteye.net/discover/turkey-dersim-tunceli-zaza-alevi-goat-myth (accessed 15 September 2025).
Gültekin, Ahmet Kerim. 2021. “Dersim as a Sacred Land: Contemporary Kurdish Alevi Ethno-Politics and Environmental Struggle.” In Ecological Solidarity and the Kurdish Freedom Movement: Thought, Practice, Challenges, and Opportunities, edited by Stephen E. Hunt, 225-243. Maryland: Lexington Books.