Hızır / Xızır

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Im Alevitentum ist Hızır (Xızır) eine bedeutungsvolle und zentrale Figur, um die sich zahlreiche Mythen, Rituale, Hymnen (Deyiş), heilige Orte und gelebte religiöse Erfahrungen gruppieren. In seiner Gestalt bündeln sich zentrale Dimensionen alevitischer Spiritualität, ihrer historischen Beziehungen zu anderen Gruppen sowie der sozialen und religiösen Lebenswelt alevitischer Gemeinschaften. Hızır gilt als Meister des von Gott verliehenen esoterischen Wissens und fungiert in dieser Hinsicht als Modell für die religiöse Autorität des Pîr. Zugleich erscheint er als ein von Gott gesandter Retter, der Menschen in Situationen äußerster Not zu Hilfe kommt. Im kurdischen Alevitentum spielt Xızır eine noch stärkere Rolle, da er eng mit mehreren weiteren prägenden Elementen der kurdisch-alevitischen Kosmologien verbunden ist. Sein Name lautet im Türkischen Hızır und im Kurdischen (Kurmancî, Kirmanckî) Xızır; er geht auf das arabische al-Khadir zurück, was wörtlich „der Grüne“ bedeutet, und ist im Persischen auch als Khezr bekannt.

Khidr / Hızır – der geheime Meister des Sufismus

Die Gestalt Khidr (Hızır, Xızır) entstand im Islam als ein Paradox: Er geht aus dem Koran hervor, ohne dort namentlich genannt zu werden. Seine grundlegende Erzählung findet sich in den Versen 60-82 der Sure al-Kahf (Die Höhle). Dort wird er von Gott als “einer Unserer Diener” beschrieben, dem Gnade und ein von Gott ausgehendes Wissen verliehen wurden. Die koranische Erzählung ist als Reise mit dem Propheten Moses aufgebaut, während der dieser geheimnisvolle Diener drei für Moses unverständliche Gewalthandlungen begeht. Die Verbindung zwischen dieser namenlosen Gestalt und dem Namen Khidr wurde erst in der nachkoranischen Literatur hergestellt. Der Historiker al-Tabari erklärt, Khidr habe seinen Namen erhalten, weil sich der Boden unter ihm grün färbte, als er von einem Stein aufstand – ein Zeichen göttlicher Kraft. Der Koran führte zudem zentrale Symbole ein, die zur Ausbildung der Khidr-Legende beitrugen, darunter der “Zusammenfluss der zwei Meere” (madjma al-bahrain). An diesem Ort ereignet sich die Wiederbelebung eines Fisches, was Khidr mit dem Motiv der Quelle des Lebens (Ab-i hayat) und der Unsterblichkeit verbindet. Khidr gilt daher als unsterblich und wurde über dieses Motiv mit der islamischen Gestalt Iskender (Alexander der Große / Dhu l-Qarnayn) verknüpft.

In der islamischen Mystik diente diese koranische Erzählung als Gleichnis für das Verhältnis zwischen spirituellem Meister (murshid) und Schüler sowie zur Unterscheidung zwischen äußerem Gesetzeswissen (zahir) und esoterischem, mystischem Wissen (batın). In einigen islamischen Traditionen – auch im alevitischen Kontext – erscheint Khidr als Meister der Propheten; nicht nur Moses, sondern alle Propheten gelten als seine Schüler. Er fungiert als übermenschlicher Initiator und soll bedeutende Sufi-Meister wie Ibn al-Arabi in die Geheimnisse der “Wahrheit” eingeweiht haben. In der alevitischen Überlieferung – mündlich wie schriftlich – ist Hızır eine ständig präsente Figur: als Begleiter heiliger Gestalten, als Vorbild von Heiligkeit und als Vermittler von Wundertätigkeit (keramet). In den Bektaschi-Menkıben wird seine Beziehung zu Ali, Mohammad, Hacı Bektaş Veli und Hızır mystisch gedeutet. Zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert entstand die Hızırname-Literatur, die Ethik und Rituale systematisierte. Spätere Texte beschreiben Hızır als schwer fassbare Gestalt – Prophet, Herrscher oder Pîr -, dessen Existenz der Schöpfung vorausgeht. Er übermittelt das geheime Wissen seit Adam, kündigt durch seine Unsterblichkeit den Mahdi an, initiiert Bakır in das Cem-Ritual und führt im Namen Gottes die Gemeinschaft der verborgenen Heiligen (gayb erenleri). Der Hızır-Monat im alevitischen Kalender war traditionell die Zeit der Dede-Besuche, der Cem-Feiern und der Rückkehr der Derwische aus der 40-tägigen Klausur (çile); zudem werden seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Hızır-Hymnen bis heute im Cem gesungen.

“Hızır auf dem grauen Pferd” – ein von Gott gesandter Retter

Die Gestalt Hızır (Khidr, Xızır) ist über theologische und mystische Kontexte hinaus auch für ihren gemeinsamen, multireligiösen und synkretischen Charakter bekannt. Zahlreiche geografische und historische Fallstudien zeigen, dass sich daraus die weit verbreitete Vorstellung von “Hızır auf dem grauen Pferd” (boz atlı Hızır) entwickelte: ein von Gott gesandter Retter, der Menschen in Gefahr zu Hilfe kommt. Entsprechend beschreiben feste Redewendungen Hızır als wachsam und jederzeit eingreifend (Hızır hazır ve nazır), als jemanden, der “wie Hızır zur Hilfe eilt” (Hızır gibi yetişmek), oder das Sprichwort: “Erst wenn der Mensch in Bedrängnis gerät, kommt Hızır zur Hilfe” (kul sıkışmayınca Hızır yetişmez). Der Name Hızır ist zudem im städtischen öffentlichen Raum präsent und bezeichnet Hilfs- und Rettungsdienste; seit 1985 tragen die weiß-roten Krankenwagen des Red Crescent teilweise die Aufschrift “Hızır acil”. Diese Zuschreibung begründete auch Hızırs Rolle als Schutzfigur in Kriegszeiten, einschließlich der Kriege, an denen alevitische Wehrpflichtige im 20. Jahrhundert beteiligt waren. Die Vorstellung des reitenden Retters wurde über Jahrhunderte durch die Erzählungen (hikayê) der anatolischen Barden (aşık), von denen viele Alevit:innen waren, popularisiert.

Im Mittelmeerraum erscheint dieser göttliche Retter als Teil eines mythologischen Dreiklangs zusammen mit Saint George (Aziz Yorgi) und Elijah (İlyas). Besonders deutlich ist dies bei den Alawiten in der Türkei und in Syrien, wo zahlreiche heilige Orte zwei dieser Gestalten zugleich gewidmet sind und gemeinsam mit arabisch-orthodoxen Christ:innen genutzt werden. In Regionen mit engem Kontakt zwischen Alevit:innen und Armenier:innen verband sich dieser Synkretismus mit dem christlichen Militärheiligen Surp Sarkis (Sankt Sergius). In Dersim waren mehrere heilige Orte mit Hızır und Surp Sarkis verbunden; im Kirmanckî ist diese Gestalt auch als Khalo (“der Alte”) bekannt. Ende des 19. Jahrhunderts bildete das Surp Garabet Monastery das Zentrum dieses geteilten Kultes. 1915 war es das letzte aktive armenische Kloster der Region, bis es 1938 während der Bombardierungen durch den türkischen Staat zerstört wurde.

Die multireligiösen Züge Hızırs zeigen sich auch im Kalender und in den Festen. Für Alevit:innen in Westanatolien und auf dem Balkan markiert Hıdrellez (Nacht vom 5. auf den 6. Mai) die jährliche Vereinigung von Hızır und İlyas; der Name des Festes verbindet beide Gestalten, die als Brüder, Freunde oder Liebende gelten und den Beginn der schönen Jahreszeit feiern. Die Begegnungen werden an Meeren, Quellen, Berggipfeln oder in Rosenbüschen verortet, wo Wünsche geknüpft werden. In Zentral- und Ostanatolien gilt dagegen der Hızır-Monat (zwischen Januar und Februar) als wichtigste Zeit alevitischer Praxis: Die Stämme fasten nacheinander, die Ocak-Linien in der vierten Woche; Pîr reisen von Dorf zu Dorf und leiten Cem-Rituale. Einige Bräuche verweisen auf ein gemeinsames kulturelles Erbe mit Armenier:innen: Nach dem dreitägigen Fasten werden Qavut-Kuchen aus gemahlenem Mehl vor die Tür oder auf das Dach gelegt, in der Hoffnung, am Morgen einen Hufabdruck als Zeichen von Hızırs Besuch zu finden. In derselben Nacht essen unverheiratete Mädchen und Jungen gesalzene Kuchen und trinken kein Wasser, um im Traum die zukünftige Partnerin oder den zukünftigen Partner zu sehen, der ihnen ein Glas Wasser reicht – ähnliche Praktiken sind auch bei den Jesid:innen im Nordirak bekannt.

Xızır in kurdisch-alevitischen Kosmologien

In kurdisch-alevitischen Regionen nimmt Xızır eine noch zentralere Stellung in den Kosmologien und in der gelebten Religion ein. Dies erklärt sich durch seine vielfältigen Verbindungen zu Figuren, Orten und Ereignissen der lokalen mündlichen Überlieferungen. Xızır gilt als lebendige und gegenwärtige Gestalt, der man begegnen kann. Er soll durch das Land wandern, was sich in den zahlreichen heiligen Orten (Jiara) zeigt, die seinen Namen tragen. Auf diesen heiligen Plätzen und Felsen finden sich häufig Fuß- oder Hufabdrücke als Zeichen seiner Anwesenheit. Viele Erzählungen berichten von Begegnungen am Wegesrand, im Wald oder auf Berggipfeln, etwa in Gestalt eines Reiters oder eines verwundeten alten Mannes. Wie in anderen Teilen Anatoliens gelten solche Begegnungen als moralische Prüfungen: Wer dem verletzten Wesen hilft, meist indem er es verpflegt, wird belohnt; wer versagt, kann schwer bestraft werden. In diesem Prüfungsschema wird die Welt in Unterdrückte (mazlum) und Tyrannen (zalim) geteilt, wobei Xızır auf der Seite der Ersteren steht. Begegnungen mit Xızır finden auch im Traum statt, wo er Botschaften, aber auch Warnungen oder Drohungen an Menschen richtet, die gesündigt haben.

In kurdischsprachigen alevitischen Traditionen wird Xızır zudem als Wayîr, also als Hüter und Beschützer, verstanden, als Eigentümer bestimmter Orte und Lebewesen. Bergziegen gelten als “Xızırs Herden” (malê Xizirî); Jäger, die sie angreifen, sollen direkt von Xızır bestraft werden, oft durch Naturereignisse wie Lawinen. In der traditionellen Medizin von Dersim spielte Xızır eine wichtige Rolle bei der Einschätzung der Heilungschancen, die von der moralischen Qualität der Patient:innen abhingen. In den mündlichen Überlieferungen erscheint Xızır zugleich als übernatürlich-heiliger und als weltlich nahbarer Akteur, zu dem Menschen eine emotionale Beziehung aufbauen. Er wird etwa als Hirte beschrieben, als mit dem See Golê Buyerê verheiratet – der Schwester von Bava Duzgı – und als spirituell verbunden mit einem Müsahip namens Derviş Miliz. Der Barde Sey Qaji schrieb sogar über die Kirmanckî-Sprache: “Unsere Sprache ist die Sprache Xızırs” (zonê ma zonê Xizirî). Im Alltag ist es bis heute üblich, bei Xızır zu schwören, um die Aufrichtigkeit eines Versprechens zu bekräftigen; wie bei anderen großen übernatürlichen Gestalten folgt darauf meist die Geste, seine unsichtbare Hand zu küssen.

Schlussfolgerung

Hızır (Xızır) ist eine zentrale Gestalt der alevitischen Kultur und Religion. In ihm verbinden sich wesentliche Dimensionen alevitischer Spiritualität, die Geschichte der Beziehungen zu anderen Gruppen sowie die soziale Lebenswelt alevitischer Gemeinschaften. Aufgrund seiner engen Bindung an die Herkunftsregionen der Alevit:innen haben viele seiner Eigenschaften im Kontext von Migration und metropolitanem Leben an Bedeutung verloren. Gleichzeitig hat Hızır jedoch im Rahmen der Neugestaltung des Alevitentums als Teil einer kollektiven Erinnerung und Identität neue Aktualität gewonnen.

Heute beziehen sich organisierte alevitische Gemeinschaften in der Türkei und in Europa häufig auf Hızır, wenn sie für eine Ethik der Solidarität und gegenseitigen Hilfe eintreten, etwa in Zeiten großer Krisen wie der globalen Covid-19-Pandemie. Zugleich nutzen einige alevitische Intellektuelle und Aktivist:innen diese Figur, um sich bewusst von den zentralen islamischen Figuren Ali und Muhammad abzugrenzen und einen Ansatz zu betonen, der das Alevitentum als “außerhalb des Islam” verortet.

 

Quellenangaben und weiterführende Literatur

Antranik. 2012. Dersim Seyahatnamesi. İstanbul: Aras Yayıncılık. (Özgün eser 1900).

Boivin, Michel ve Manoël Pénicaud (ed.). 2023. Inter-religious Practices and Saint Veneration in the Muslim World: Khidr/Khizr from the Middle East to South Asia. 1. baskı. Londra: Routledge.

Cengiz, Daimi. 2020. “Dersim Halk Anlatılarından Hızır İnancı.” İçinde Halkbilim Yazıları, 10-18. İzmir: Duvar Yayınları.

Franke, Patrick. 2000. Begegnung mit Khidr: Quellenstudien zum Imaginären im traditionellen Islam. Beiruter Texte und Studien. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

Ocak, Ahmet Yaşar. 2012. İslam-Türk İnançlarında Hızır yahut Hızır-İlyas Kültü. İstanbul: Kabalcı Yayınları.

Şahin, Hanifi. 2016. “Seyyid Alizâde Hızırnâme’si Bağlamında Alevi Düşüncesinde Hızır İnancı.” Türk Kültürü ve Hacı Bektaş Veli Araştırma Dergisi 80: 31-50.

Wensinck, A. J. 1960. “Al-Khaḍir.” İçinde Encyclopaedia of Islam, 2. baskı. Leiden-Boston: Brill. (Yeniden basım 2005).

Yürür, Kızılca. 2019. Dersim Alevileri’nde İyileştirme Geleneği. İstanbul: Otonom Politika.

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Zitation

  • Hızır / Xızır
  • Autor: Vock-Verley, Samuel
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 11.01.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/hizir-xizir-6133/
Vock-Verley, Samuel (2025). Hızır / Xızır. Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/hizir-xizir-6133/ (Abrufdatum: 11.01.2026)
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