Bestattungsrituale im Alevitentum, Deyiş und Dua sowie Mıle/Molla in der alevitischen Tradition von Dersim – Pir Cemal Cenan
In diesem Video spricht Pir Cemal Cenan über die Bestattungsrituale im Dersimer Alevitentum (Raa Haqi) und erläutert das Phänomen molla/mıle, eine institutionelle Figur, deren Spuren in Dersim bis heute vorhanden sind, die jedoch insgesamt wenig bekannt ist. Der Pir erklärt, dass Personen, die bei Beerdigungen in Dersim Gebete sprechen und teilweise den Koran rezitieren, als mole/mıle bezeichnet werden und dass diese Personen des Osmanischen kundig waren und die Praxis des Lesens religiöser Texte erlernt hatten. In diesem Zusammenhang zeigt das Video, dass sich das rituale Feld in Dersim historisch nicht entlang einer einzigen Linie entwickelt hat, sondern im Zusammenspiel von Figuren mit unterschiedlichen Funktionen.
In der Darstellung von Pir Cemal Cenan werden Pire und Mitglieder der Ocak als Träger des Weges und als zentrale Achse religiöser Autorität positioniert, während mıle als Figuren aus der lokalen Gemeinschaft hervorgehoben werden, die insbesondere in bestimmten rituellen Kontexten wie Beerdigungen sichtbar werden. Indem der Pir diese institutionelle Arbeitsteilung in eine historische Kontinuität einbettet, veranschaulicht er, wie der Bestattungsritus in Dersim vollzogen wird und welche mündlichen Ritualrepertoires – dua, deyiş und gülbenk – in diesem Prozess zur Anwendung kommen.
Das Video diskutiert zudem ausführlich, wie die sozialen Transformationen des letzten Jahrhunderts dieses rituelle Feld beeinflusst haben. Mit der Migration der Alevit:innen in die Städte, der Politisierung des Alevitentums, der Organisierung in der europäischen Diaspora und dem Entstehen alevitischer Institutionen haben sich die Institutionen der pirlik und analık innerhalb der alevitischen Organisationen neu positioniert. Parallel dazu sind Ocak-zugehörige Personen in grundlegenden Lebenszyklusritualen wie Eheschließung und Tod sichtbarer geworden. In diesem Prozess ist die Institution der mıle weitgehend in den Hintergrund getreten und hat sich in Dersim auf wenige Beispiele beschränkt. In diesem Sinne liefert das Video aufschlussreiche ethnografische Einblicke in eine Form ritueller Expertise, die heute nur noch selten dokumentiert wird.
Ein weiterer wichtiger Befund in der Darstellung von Pir Cemal Cenan betrifft den Wandel der Bestattungspraktiken unter den Alevit:innen der Diaspora, die seit drei Generationen in Deutschland leben. Der Pir stellt fest, dass Alevit:innen in einer etwa 60 Jahre alten europäischen Diaspora ihre Verstorbenen zunehmend seltener nach Dersim, das als „angestammtes Land“ bezeichnet wird, überführen. Diese Beobachtung bietet eine besonders wertvolle Perspektive, um den sozialen Wandel der alevitischen Gemeinschaft in Europa und insbesondere in Deutschland über Fragen räumlicher Zugehörigkeit und ritueller Praxis zu analysieren.
In diesem Zusammenhang erläutert der Pir Schritt für Schritt, wie ein Bestattungsritus in Deutschland durchgeführt wird, welche individuellen und institutionellen Prozesse dabei eine Rolle spielen und wer in welchen Funktionen an diesem Prozess beteiligt ist. Anhand von Beispielen aus den bei Bestattungen rezitierten deyiş und dua wird sichtbar, dass der Totenkult nicht lediglich einen Akt der Beisetzung darstellt, sondern einen rituellen Rahmen bildet, in dem Erinnerung, Zugehörigkeit und gemeinschaftliche Bindungen neu hergestellt werden.
Diese Aufnahme wurde am 6.–7. Dezember 2025 in den CAN TV Studios in Köln im Rahmen der mündlichen Geschichts- und visuellen Archivarbeit der Alevi Enzyklopädie sowie der Reihe „Aus den Worten der Wegführer:innen“ aufgezeichnet.
In der Darstellung von Pir Cemal Cenan werden Pire und Mitglieder der Ocak als Träger des Weges und als zentrale Achse religiöser Autorität positioniert, während mıle als Figuren aus der lokalen Gemeinschaft hervorgehoben werden, die insbesondere in bestimmten rituellen Kontexten wie Beerdigungen sichtbar werden. Indem der Pir diese institutionelle Arbeitsteilung in eine historische Kontinuität einbettet, veranschaulicht er, wie der Bestattungsritus in Dersim vollzogen wird und welche mündlichen Ritualrepertoires – dua, deyiş und gülbenk – in diesem Prozess zur Anwendung kommen.
Das Video diskutiert zudem ausführlich, wie die sozialen Transformationen des letzten Jahrhunderts dieses rituelle Feld beeinflusst haben. Mit der Migration der Alevit:innen in die Städte, der Politisierung des Alevitentums, der Organisierung in der europäischen Diaspora und dem Entstehen alevitischer Institutionen haben sich die Institutionen der pirlik und analık innerhalb der alevitischen Organisationen neu positioniert. Parallel dazu sind Ocak-zugehörige Personen in grundlegenden Lebenszyklusritualen wie Eheschließung und Tod sichtbarer geworden. In diesem Prozess ist die Institution der mıle weitgehend in den Hintergrund getreten und hat sich in Dersim auf wenige Beispiele beschränkt. In diesem Sinne liefert das Video aufschlussreiche ethnografische Einblicke in eine Form ritueller Expertise, die heute nur noch selten dokumentiert wird.
Ein weiterer wichtiger Befund in der Darstellung von Pir Cemal Cenan betrifft den Wandel der Bestattungspraktiken unter den Alevit:innen der Diaspora, die seit drei Generationen in Deutschland leben. Der Pir stellt fest, dass Alevit:innen in einer etwa 60 Jahre alten europäischen Diaspora ihre Verstorbenen zunehmend seltener nach Dersim, das als „angestammtes Land“ bezeichnet wird, überführen. Diese Beobachtung bietet eine besonders wertvolle Perspektive, um den sozialen Wandel der alevitischen Gemeinschaft in Europa und insbesondere in Deutschland über Fragen räumlicher Zugehörigkeit und ritueller Praxis zu analysieren.
In diesem Zusammenhang erläutert der Pir Schritt für Schritt, wie ein Bestattungsritus in Deutschland durchgeführt wird, welche individuellen und institutionellen Prozesse dabei eine Rolle spielen und wer in welchen Funktionen an diesem Prozess beteiligt ist. Anhand von Beispielen aus den bei Bestattungen rezitierten deyiş und dua wird sichtbar, dass der Totenkult nicht lediglich einen Akt der Beisetzung darstellt, sondern einen rituellen Rahmen bildet, in dem Erinnerung, Zugehörigkeit und gemeinschaftliche Bindungen neu hergestellt werden.
Diese Aufnahme wurde am 6.–7. Dezember 2025 in den CAN TV Studios in Köln im Rahmen der mündlichen Geschichts- und visuellen Archivarbeit der Alevi Enzyklopädie sowie der Reihe „Aus den Worten der Wegführer:innen“ aufgezeichnet.
GALERİ
Gesprächspartner:in
- Ahmet Kerim Gültekin