Kerbela und der christliche Mönch (Keşiş) in der alevitischen Mythologie

In diesem Video teilt Pir Veli Uğur eine der eindrucksvollsten und tiefgründigsten Erzählungen der alevitischen Mythologie. Im Zentrum der Geschichte steht ein Keşiş (Mönch), der nicht allein über seine religiöse Zugehörigkeit definiert wird, sondern als „eine Seele mit geöffnetem inneren Auge“. Seine christliche Identität erscheint nicht als ausgrenzendes Merkmal, sondern als Ausdruck innerer Wahrheit und spiritueller Erkenntnis innerhalb des alevitischen Glaubensuniversums. Die Erzählung bietet ein eindrucksvolles Beispiel für die inklusive Haltung des Alevitentums und sein Verständnis universeller Wahrheit.

In der Geschichte entscheidet sich der Mönch, den Kopf von Imam Hüseyin nicht an Yezid auszuliefern – selbst um den Preis, seine eigenen Kinder zu opfern. Diese radikale Hingabe symbolisiert auf eindringliche Weise Loyalität, Leidensfähigkeit und vollständige Hingabe auf dem alevitischen Weg. Imam Hüseyin erscheint dabei nicht nur als historische Figur, sondern als Verkörperung ethischer Würde, von Gerechtigkeit und des Widerstands gegen Unterdrückung.

Anhand dieser Erzählung entfaltet das Video das kollektive Gedächtnis der Aleviten, ihr Symboluniversum und ihre kosmologische Denkweise. Es zeigt, wie mythologische Erinnerung im Alevitentum eng mit religiöser Praxis verflochten ist. Die Universalität und die moralische Tiefe des alevitischen Weges – oft als „Weg der Wahrheit“ beschrieben – werden durch solche Erzählungen besonders sichtbar.

Pir Veli Uğur übt zudem Kritik an bestimmten Deutungen von Kerbela durch alevitische Intellektuelle, insbesondere an jenen, die die spirituelle Dimension vernachlässigen. Er betont die Grenzen von Ansätzen, die Kerbela ausschließlich als historisches Ereignis betrachten. In diesem Sinne bietet die Aufzeichnung wichtige Einsichten darüber, wie historische Ereignisse im Alevitentum nicht nur wissensbezogen, sondern auch im Bereich von Glauben, Emotion und moralischem Gewissen verarbeitet werden.

Diese Aufzeichnung wurde am 27. Juni 2025 in den CAN-TV-Studios in Köln erstellt. Die Gespräche wurden im Rahmen des Projekts Alevi Ansiklopedisi geführt.
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