Alevitentum und Neo-Osmanismus
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Eine bemerkenswerte jüngere Veränderung im öffentlichen Leben der Türkei, die ungefähr mit der Regierungszeit der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP) und Recep Tayyip Erdoğans zusammenfällt, ist die Neubewertung der Rolle der osmanischen Geschichte und der osmanischen Vergangenheit in der heutigen Türkei. Der Neo-Osmanismus ist mittlerweile in zahlreichen Bereichen der Türkei präsent, von der Außenpolitik bis zur Konsumkultur. Die subtilen Formen der Ausgrenzung, die der Neo-Osmanismus für Alevit:innen mit sich bringt, sind jedoch bislang noch nicht hinreichend erkannt worden.Die Rückkehr des Osmanischen
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die kollektiven Erinnerungen an das Osmanische Reich rasch ausgeweitet und das öffentliche Leben in vielfacher Hinsicht neu ausgerichtet. Fernsehserien inszenieren Sultane als Helden von Seifenopern; Moscheen im osmanischen Stil schießen in türkischen Städten wie Pilze aus dem Boden; nostalgische Darstellungen des osmanischen “Multikulturalismus” finden sich gleichermaßen in wissenschaftlichen Texten und touristischen Broschüren. Der Neo-Osmanismus entwickelte sich parallel zur Herrschaft der AKP, auch wenn seine verschiedenen Ausprägungen über deren konkrete Politik und politische Vision hinausreichen. Als Form staatlicher Politik wird der Neo-Osmanismus insbesondere mit dem früheren AKP-Außenminister und Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu in Verbindung gebracht (Öktem 2023). Er spielte in zahlreichen Bereichen eine Rolle, vom Aufblühen der “osmanischen” Küche bis zur Rückumwandlung der Hagia Sophia/Aya Sofya von einem Museum in eine Moschee. Der Neo-Osmanismus leitete zudem eine Abkehr vom Kemalismus als Staatsideologie der Türkei ein, insbesondere im Hinblick auf das Erbe des Osmanischen Reiches und auf die Frage, inwieweit dieses als Vorbild für das gegenwärtige politische und kulturelle Leben gelten kann.
Asymmetrische kollektive Erinnerungen
Für Alevit:innen bringt der Neo-Osmanismus subtile Formen des Ausschlusses aus dem öffentlichen Leben und der nationalen Kultur mit sich. Während sunnitische Türk:innen die Größe des Osmanischen Reiches feiern und sich mit ihr identifizieren können, begegnen Alevit:innen der osmanischen Nostalgie gewöhnlich mit nachvollziehbarer Skepsis. Der Neo-Osmanismus birgt die Gefahr, die in der osmanischen Zeit entstandene Verbindung der Kızılbaş-Alevit:innen sowohl mit dem Schiitentum als auch mit dem iranischen Safawidenreich und später dem Kadscharenreich in postmoderner Form wiederzubeleben.
Für viele Alevit:innen reduziert sich die “osmanische kollektive Erinnerung” auf die Erinnerung an die massenhafte Tötung von Kızılbaş während der Herrschaft von Sultan Yavuz Selim (1512-1520) im Kontext der osmanisch-safawidischen Auseinandersetzung. Daher überrascht es nicht, dass verschiedene alevitische Gruppen gegen die Benennung der dritten Bosporusbrücke nach Selim protestierten, als die AKP diese Entscheidung 2013 bekannt gab; die Brücke wurde 2016 eröffnet (Çapa 2013). Anders als das Bild eines heroischen Staatsmannes, das Sunnit:innen und die AKP von ihm zeichnen, bleibt Yavuz Sultan Selim für Alevit:innen eine Gestalt der Unterdrückung und Gewalt, vergleichbar mit Yazid I., dem Gegenspieler in der Schlacht von Kerbela.
Neo-osmanisches Istanbul und der Ausschluss von Alevit:innen
Insbesondere in Istanbul schließt das romantisierte Bild, das der Neo-Osmanismus von der Architektur und dem Multikulturalismus der imperialen Epoche entwirft, die alevitischen Einwohner:innen nahezu vollständig aus. Während der osmanischen Zeit lebten Alevit:innen fast ausschließlich im ländlichen Anatolien und verfügen daher in der Stadt über keine bedeutenden Monumente, die mit den Moscheen Mimar Sinans oder den imperialen Palästen konkurrieren könnten.
Die einzige teilweise Ausnahme von dieser Abwesenheit alevitischer Orte in der Stadt ist der Karacaahmet-Friedhof in Üsküdar, da Karaca Ahmet ein Bektaşi war. Als nostalgische Geografie Istanbuls hat der Neo-Osmanismus den alevitischen Einwohner:innen der Stadt dennoch nur wenig zu bieten und ist kaum in der Lage, ihnen darin einen Platz einzuräumen.
Schlussfolgerung
Der Neo-Osmanismus wurde in unterschiedlichen Zusammenhängen als begrüßenswerte Öffnung gegenüber einer zuvor vernachlässigten Vergangenheit gefeiert. Er ist jedoch keine unschuldige Form kollektiver Erinnerung. Insbesondere birgt er die Gefahr, das gewaltsame Erbe des Osmanischen Reiches sowohl in Bezug auf Alevit:innen als auch auf andere nicht-sunnitische und/oder nicht-türkische Gemeinschaften zum Schweigen zu bringen. In dieser Hinsicht muss der Neo-Osmanismus als eine Erscheinungsform sunnitischer Hegemonie in der heutigen Türkei verstanden werden, die Alevit:innen sowohl auf offene als auch auf subtile Weise ausschließt.
Öktem, Kerem. 2023. “88 Turkey’s Moment in the World: Davutoğlu and Neo-Ottomanism in Turkey’s Foreign Policy.” In A Hundred Years of Republican Turkey: A History in a Hundred Fragments, edited by Alp Yenen and Erik-Jan Zürcher, 473-476. Leiden: Leiden University Press.
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