Alevit:innen und Zivilgesellschaft
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Seit den 1980er-Jahren hat sich das Alevitentum in der Türkei weitgehend innerhalb des organisatorischen Gefüges der Zivilgesellschaft entwickelt. Der Übergang von einer ländlichen, gemeinschaftsorientierten Ritualpraxis zu den vergleichsweise anonymen Räumen der städtischen Zivilgesellschaft brachte für Alevit:innen sowohl Chancen als auch Einschränkungen mit sich. Dabei bemühen sie sich, sich gegenüber der fortdauernd diskriminierenden Haltung des türkischen Laizismus und des Präsidiums für Religionsangelegenheiten (Diyanet İşleri Başkanlığı, DİB) als legitime „religiöse Minderheit“ zu artikulieren.Ein sich wandelndes organisatorisches Feld
Mit dem Aufstieg des Neoliberalismus in den 1980er- und 1990er-Jahren erlebte die Türkei eine bis heute andauernde Ausweitung zivilgesellschaftlicher Institutionen – Stiftungen (vakıflar) und Vereine (dernekler) (Walton 2017). Im Unterschied zur früheren Konzentration auf die politische Gesellschaft und politische Parteien in den 1960er- und 1970er-Jahren (Massicard 2013) verlagerte die Alevitische Bewegung ihren Schwerpunkt in dieser Zeit auf die Zivilgesellschaft.
Allgemein betrachtet fanden damals zwei alevitische Strömungen innerhalb der Zivilgesellschaft institutionellen Ausdruck. Einerseits schlossen sich Institutionen und Intellektuelle aus dem Umfeld von İzzettin Doğan um die Cem-Stiftung zusammen, die zudem ein umfassendes Mediennetzwerk koordiniert. Andererseits bildete sich eine zweite Strömung der Alevitischen Bewegung um die Pir-Sultan-Abdal-Vereine, die Hacı-Bektaş-Stiftung und die mit ihnen verbundenen Institutionen. Zwei Dachverbände repräsentieren diese beiden Strömungen der alevitischen Zivilgesellschaft: die Föderation Alevitischer Stiftungen für die erste und die Alevitisch-Bektaschitische Föderation für die zweite.
Bestimmte theologische und rituelle Unterschiede kennzeichnen die Trennung zwischen diesen beiden Strömungen. Die Cem-Stiftung und die ihr angeschlossenen Organisationen betonen eher die Kontinuität zwischen dem Alevitentum und dem Islam als Ganzem. Die Strömung um Pir Sultan Abdal und Hacı Bektaş ist dagegen offener für Vorstellungen vom Alevitentum, die dessen Eigenständigkeit sowohl gegenüber dem sunnitischen als auch dem schiitischen Islam hervorheben.
Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Strömungen ist jedoch politischer Art. Die Föderation Alevitischer Stiftungen vertritt eine anpassungsorientierte Position und setzt sich für die Einbeziehung des Alevitentums in den Rahmen des türkischen Laizismus ein. Die Alevitisch-Bektaschitische Föderation neigt dagegen zu einer abschaffungsorientierten Position gegenüber den staatlichen Organen des sunnitischen Islam, insbesondere gegenüber dem Präsidium für Religionsangelegenheiten.
Transformationen
Allgemeiner betrachtet hatte die Verankerung des Alevitentums in der Zivilgesellschaft ambivalente Auswirkungen auf alevitische Praktiken, Gemeinschaften und gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten. Das Streben nach “Religionsfreiheit” (Hurd 2014) gibt alevitischen zivilgesellschaftlichen Initiativen Orientierung und Antrieb.
Die Zivilgesellschaft bevorzugt im Allgemeinen ein liberales Religionsverständnis, das Religion als Angelegenheit individueller Entscheidung betrachtet (Walton 2013). Dies hat wiederum die Institutionalisierung unterschiedlicher Vorstellungen vom Alevitentum gefördert. Einige Stiftungen und Vereine, die das Alevitentum innerhalb der Zivilgesellschaft vertreten möchten, befürworten stark voneinander abweichende Deutungen seiner Theologie und Geschichte. So vertritt beispielsweise die umstrittene Ehl-i-Beyt-Stiftung die Auffassung, das Alevitentum sei im Wesentlichen mit dem schiitischen Islam identisch.
Gleichzeitig hat die Organisation innerhalb der Zivilgesellschaft zusammen mit der massenhaften Migration aus ländlichen in städtische Kontexte die gesellschaftlichen und rituellen Grundlagen des Alevitentums verändert. Besonders deutlich zeigt sich dies daran, dass Cemevleri in städtischen Kontexten heute häufig Einrichtungen von Stiftungen oder Vereinen sind und nicht mehr die Zentren des ländlichen Dorflebens bilden. In dieser Hinsicht repräsentiert und gestaltet die Zivilgesellschaft die Anpassung des Alevitentums an das städtische Leben in der Türkei, insbesondere vor dem Hintergrund seines fortdauernden Ausschlusses aus dem staatlich geprägten sunnitischen Islam.
Schlussfolgerung
Die Zivilgesellschaft hat politische Parteien als organisatorisches Zentrum für Alevit:innen nicht vollständig verdrängt. Dies zeigt sich an der anhaltenden Verbundenheit sowohl mit der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) als auch mit anderen Parteien der Linken und der Mitte-links.
Die gegenwärtig lebendigsten und wirksamsten Formen alevitischer Organisation sind jedoch tief in der Zivilgesellschaft verankert. Alevitische Stiftungen und Vereine leisten zudem entscheidende Unterstützung für den rechtlichen Aktivismus und die als “Lawfare” bezeichneten rechtlichen Strategien, mit denen Alevit:innen sowohl innerhalb der Türkei als auch gegenüber internationalen Institutionen wie dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte um Anerkennung und Religionsfreiheit kämpfen.
In welchem Maße die Zivilgesellschaft das kollektive politische Bewusstsein und die Identität der Alevit:innen weiterhin prägen wird, bleibt abzuwarten. Gegenwärtig stellt sie jedoch die stärkste institutionelle Grundlage für das Alevitentum in der Türkei dar.
Dole, Christopher. 2012. Healing Secular Life: Loss and Devotion in Modern Turkey. Philadelphia: University of Pennsylvania Press.
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