Can
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Der alevitische Begriff *can* geht auf das persisch-sufische Erbe des Alevitentums zurück. In der poetischen und mystischen Literatur ist er mit Vorstellungen von Leben und Seele, Liebe und dem Göttlichen verbunden. Heute wird der Begriff vor allem während der *cem*-Rituale verwendet. Zugleich bringt er einige der gegenwärtigen identitätsbezogenen und politischen Ansprüche alevitischer Vereine zum Ausdruck.Etymologie und sufische Ursprünge
Nach Nişanyans etymologischem Wörterbuch stammt das Wort vom persischen jān, das mit “Leben” (yaşam) übersetzt wird, und dieses wiederum vom Sanskrit vyāna, das mit “Seele” (ruh) wiedergegeben wird. In der türkischen und persischen sufischen Literatur wurde der Begriff can neben dem koranisch-arabischen Begriff ruh verwendet, um “das Element, das dem Körper Lebenskraft verleiht”, zu bezeichnen (Uzun 1993). In der Divan-Literatur gilt can als unsichtbarer und immaterieller Bestandteil, der dem materiellen Körper aus Fleisch und Haut Leben gibt. In dieser Dichtung nährt dieser Bestandteil zugleich das Gefühl der Liebe, wie etwa in der Anrede der liebenden Person an die geliebte Person als “Ey can” sichtbar wird.
Der Begriff wurde auch in der sufischen Terminologie verwendet, etwa in Mevlana Rumis Mesnevi, um die ewige Seele des Menschen zu bezeichnen, die bei der Geburt erscheint und ihren göttlichen Ursprung im prophetischen Licht findet. In sufischen Werken kann das Wort can manchmal auch Allah, den Propheten Muhammad, den sufischen Scheich oder die Engel bezeichnen. In diesem Sinne wurde der Begriff can von den Derwischen der Mevlevi- und Bektaschi-Orden gelegentlich auch verwendet, um einander anzusprechen. Im Alltag ist das türkische Wort can ebenfalls sehr verbreitet: Es wird für alles verwendet, was canlı ist, also “lebendig” oder “lebend”, oder als liebevolle Anrede canım, “mein Leben”.
Die Verwendung von Can in alevitischer Literatur und Ritualen
Der Begriff can wurde in alevitischen Quellen verwendet, besonders in den Hymnen, die bei den Bektaschis als nefes und bei den Alevit:innen als deyiş bekannt sind (Gül 2021). Heute wird der Begriff vor allem während der cem-Rituale verwendet: Der dede oder die ana spricht die versammelte Gemeinschaft häufig als canlar an. In den alevitischen Vereinen, die heute für dieses jeden Donnerstagabend abgehaltene Ritual zuständig sind, kehrte die rituelle Verwendung von can in den 1990er Jahren mit dem Bau des modernen urbanen Cemevi zurück.
Im gegenwärtigen Alevitentum wird der Begriff canlar nun verwendet, um eine stärker horizontale Beziehung auszudrücken. Er steht damit im Gegensatz zur hierarchischen Beziehung zwischen Meistern und Schüler:innen, die traditionell vorherrschte. In der Identitätsdebatte ist die rituelle Verwendung des Begriffs can zu einem Argument alevitischer Vereine geworden, die sich vom mehrheitlich sunnitischen Islam in der Türkei abgrenzen möchten. Der Begriff wurde zu einem Symbol des “alevitischen Egalitarismus”, besonders zwischen Männern und Frauen. Dieser weit verbreitete Diskurs macht jedoch zugleich bestehende Geschlechterungleichheiten innerhalb dieser Gemeinschaften unsichtbar (Nimet 2016).
Natur, Can und gegenwärtige animistische Deutungen
Seit den frühen 2000er Jahren hat der neu interpretierte alevitische Begriff can auch neue Verwendungen im Kontext ökologischer Kämpfe hervorgebracht, insbesondere im Widerstand gegen extraktive und zerstörerische Industrieprojekte in Dersim. Einige Alevit:innen beanspruchen heute eine Form von “Animismus”, verstanden als Sensibilität für die Existenz jeder “Lebensseele”, also jedes can, in der Welt. Aus dieser neu interpretierten Perspektive bestehen Menschen aus einer “Lebensseele”, einem immateriellen Prinzip, das sie mit nicht-menschlichen Wesen teilen, seien es Tiere, Pflanzen oder sogar Mineralien.
In einer politisierten Neuinterpretation der Lehre von der Einheit des Seins (Vahdet-i Vücud) des sufischen Meisters Ibn Arabi werden Lebewesen in der Natur von diesen Aktivist:innen als heilig betrachtet und müssen vor jeder Form von Ausbeutung geschützt werden.
Schluss
Der Begriff can ist Teil der alevitischen mystisch-poetischen Tradition, sowohl in schriftlicher als auch in mündlicher Form. Zugleich ist er flexibel, offen für Wandel und Neuinterpretation und ist in den Händen alevitischer Vereine zu einem politischen Mittel der Selbstrepräsentation geworden. Lange Zeit wurde der Begriff vor allem verwendet, um die menschliche Seele göttlichen Ursprungs zu bezeichnen. Heute wurde er im Rahmen ökologischer Kämpfe auch auf nicht-menschliche Lebewesen ausgeweitet.
Gül, İbrahim. 2021. “Alevi İnancında Can, Ruh Kavramı ve Nefsin Eğitimi.” Folklor/Edebiyat 27: 211-228.
Nimet, Okan. 2016. Canların Cinsiyeti: Alevilik ve Kadın. İstanbul: İletişim Yayınları.
Uzun, Mustafa İsmet. 1993. “Can.” In Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi, 138-139. İstanbul: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Araştırmaları Merkezi.