Zweiter Workshop der Pirs und Anas in Dersim
Mit dem Zweiten Workshop der Pirs und Anas veranstaltete die Alevitische Enzyklopädie ihre erste Veranstaltung in der Türkei. In Dersim kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pirs und Anas zusammen. Im Mittelpunkt standen die unterschiedlichen Formen gelebten Alevitentums, digitale Erinnerungsarbeit und die Weitergabe des Glaubens zwischen den Generationen.
Im Rahmen des für den 5.–6. September 2026 angesetzten Workshops fand am 5. September das Podiumsprogramm in der Hüseyin-Güntaş-Bibliothek und ihrem Konferenzsaal statt. Es begann mit dem Entzünden des rituellen Lichts (Çerağ) durch Ana Raime Kızılkan und einem von Pir İbrahim Kete gesprochenen Gülbenk.
In der ersten Sitzung „Alevitische Enzyklopädie: Das digitale Gedächtnis des vielstimmigen Alevitentums“ erläuterte Dr. Hayal Hanoğlu die Gründungsziele, den wissenschaftlichen Ansatz, die redaktionelle Struktur und die Arbeitsweise der Enzyklopädie. Sie betonte, wie wichtig es sei, die unterschiedlichen Ausprägungen des Alevitentums in verschiedenen Regionen, Ocaks und Gemeinschaften sichtbar zu machen und mündliche sowie schriftliche Quellen mit wissenschaftlichen Forschungen und den Erfahrungen lebender Gemeinschaften zusammenzuführen.
Dr. Sönmez Alvanoğlu Yolcu behandelte die historischen und gesellschaftlichen Ursprünge des arabischen Alevitentums, seine geografischen Verbreitungsgebiete sowie religiöse Praktiken und Alltagsleben. Die Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses und der Traditionen zwischen den Generationen betrachtete sie im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Erfahrungen der Gemeinschaften. Dr. Ozan Doğan untersuchte die historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen alevitischer Roma zum Alevitentum anhand von Fragen der Identität, Zugehörigkeit und Alltagserfahrung. Er unterstrich die Bedeutung der Dokumentation ihrer mündlichen Kultur und spezifischen Erfahrungen sowie ihrer Sichtbarkeit in der Forschung.
Doç. Dr. İhsan Koluaçık widmete sich den Darstellungen des Alevitentums in traditionellen und digitalen Medien. Er erläuterte deren Auswirkungen auf Identität und öffentliche Wahrnehmung und ging auf die Möglichkeiten sozialer Medien und digitaler Plattformen ein, eigene Stimmen und Erfahrungen zu vermitteln. Auch stereotype Erzählungen und die unzureichende Darstellung der inneren Vielfalt des Alevitentums waren Gegenstand seines Beitrags.
In der zweiten Sitzung „Alevitentumsforschung im Kontext digitaler Wissensproduktion“ erläuterte Dr. Ahmet Kerim Gültekin, wie wichtig es sei, verstreute Wissensbestände aus unterschiedlichen Regionen und Sprachen miteinander zu verbinden. Er beschrieb die Alevitische Enzyklopädie als ein Projekt, das wissenschaftliche Forschung, lokales Wissen und mündliche Erinnerung zusammenführt und sich durch neue Dokumente und Zeugnisse fortlaufend weiterentwickelt. Dabei betonte er die Bedeutung der eigenen Begriffe und Bedeutungswelten verschiedener alevitischer Gemeinschaften.
Prof. Dr. Markus Dressler und Dr. Hayal Hanoğlu stellten das Projekt „Alevitisches Archiv: Die Ethnogeschichte alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.–20. Jahrhundert“ vor. Dressler erläuterte einen Ansatz, der die historische Handlungsmacht alevitischer Gemeinschaften sichtbar macht und Ocak-, Stammes- und Dorfstrukturen mit historischen und ethnografischen Methoden untersucht. Hanoğlu berichtete über Forschungen zu alevitischen Siedlungen, Migration und Beziehungen zwischen Gemeinschaften sowie über den Aufbau einer digitalen Datenbank und Forschungsinfrastruktur.
Prof. Dr. Ayfer Karakaya Stump richtete den Blick im Rahmen des Projekts „Alevitisch-Bektaschitisches Digitalarchiv“ auf das historische Erbe, das in Familien, Ocaks und Derwischkonventen bewahrt wird. Sie erläuterte die Bedeutung der Sicherung und Zugänglichmachung von Dokumenten, Fotografien, Briefen sowie Ton- und Videoaufnahmen. Gültekin und Karakaya Stump nahmen online teil.
An der abschließenden Sitzung „Weg, Tradition und Kontinuität“ beteiligten sich Pir İbrahim Kete, Pir Kazım Açıktepe und Ana Raime Kızılkan. Behandelt wurden die Pflege des alevitischen Weges und seiner rituellen Praxis, die Beziehungen zwischen Pirs und Talips sowie die Weitergabe des Glaubens an jüngere Generationen. Pir İbrahim Kete rief zur Solidarität auf und betonte die Stärkung der Ocaks, Selbstkritik und gemeinsame Verantwortung.
Der Workshop brachte das lebendige Wissen und die Erfahrungen alevitischer Gemeinschaften mit wissenschaftlicher Forschung zusammen und schuf einen gemeinsamen Raum für den Austausch über die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses und seine Weitergabe an künftige Generationen.