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Arabisches Alevitentum (1)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Anatolien war seit langer Zeit die Heimat vieler unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gemeinschaften. Zu diesen alten Gemeinschaften gehören auch die arabischen Alevit:innen, die seit Jahrhunderten in dieser Geografie leben. Aufgrund ihres Glaubens und ihrer Identität wurden sie im Laufe der Geschichte von herrschenden Mächten marginalisiert und unterdrückt. Oft waren sie gezwungen, in abgelegenen und schwer zugänglichen Regionen zu leben.Ein wichtiger Wendepunkt für die arabischen Alevit:innen war das Jahr 2024. In diesem Jahr wurde das Regime von Bashar al-Assad in Syrien gestürzt, und die sunnitisch-islamistische Gruppe Hay’at Tahrir al-Sham kam an die Macht. Seitdem sind arabische Alevit:innen erneut Massakern ausgesetzt. Einige dieser Massaker wurden auch in Berichten der Vereinten Nationen dokumentiert.
Diese alte Gemeinschaft hat lange darum gekämpft, trotz Unterdrückung und Ausgrenzung weiterzubestehen. Manchmal wurde sie wegen ihrer arabischen Identität, manchmal wegen ihres Alevi-Glaubens marginalisiert. Zugleich war sie von Exil und Vertreibung betroffen und wurde häufig aus der Perspektive verschiedener ideologischer Deutungen beschrieben.
Schriftliche Quellen über arabische Alevit:innen sind weiterhin sehr begrenzt. Deshalb versucht dieser Beitrag, eine allgemeine Antwort auf die Frage zu geben: Wer sind die arabischen Alevit:innen?
Überblick
Arabische Alevit:innen, auch als Nusayr:innen bekannt, sind eine ethno-religiöse Gemeinschaft. Sie leben vor allem in den türkischen Provinzen Hatay, Adana und Mersin sowie in großen Städten wie Istanbul, Ankara und Izmir. Außerdem leben sie in Syrien, besonders in Latakia und Tartus, sowie im Libanon, vor allem in der Region Jabal Mohsen.
In der akademischen Literatur und von Außenstehenden werden sie häufig als “Nusayr:innen” bezeichnet. Die Gemeinschaft selbst identifiziert sich jedoch nicht mit diesem Begriff. Innerhalb der Gemeinschaft wird er praktisch nicht verwendet. Arabische Alevit:innen beschreiben sich ethnisch als arabisch und religiös als alevitisch (Mertcan 2012, 1). Wenn Alevitentum als übergeordnete Kategorie verstanden wird, sollte arabisches Alevitentum als ein Zweig dieses breiteren Rahmens betrachtet werden.
Die akademische Forschung zu arabischen Alevit:innen ist insgesamt sehr begrenzt. Nach den Daten des Nationalen Thesenzentrums der Türkei gibt es nur zwanzig Masterarbeiten und sechs Dissertationen zu arabischen Alevit:innen oder Nusayr:innen. Die meisten dieser Arbeiten gehören zum Bereich der Theologie. Andere Arbeiten stammen aus Fächern wie Anthropologie, Politikwissenschaft, Geografie, Geschichte, Soziologie und Internationale Beziehungen (National Thesis Centre 2025).
Auch ein Blick auf wissenschaftliche Artikel über arabische Alevit:innen in der Türkei zeigt eine starke Konzentration auf den theologischen Bereich. Diese Studien versuchen meist, arabisches Alevitentum zu definieren und es innerhalb eines breiteren Glaubenssystems einzuordnen. Daneben gibt es in der Türkei auch voreingenommene und unwissenschaftliche Publikationen sowie Fernsehsendungen, die arabische Alevit:innen angreifen und teilweise in Hassrede übergehen.
Insgesamt lassen sich in der vorhandenen Literatur zwei große Probleme erkennen. Erstens ist die Zahl der Forschungen sehr gering. Zweitens fehlt vielen vorhandenen Arbeiten wissenschaftliche Genauigkeit und Neutralität. Aus all diesen Gründen besteht ein dringender Bedarf an unparteiischer, wissenschaftlicher und objektiver Forschung über arabische Alevit:innen.
Arabische Alevit:innen gelten als eine geschlossene und geheimnisbewahrende Gemeinschaft. Dieser Zustand wird als taqiyya bezeichnet. Taqiyya bedeutet, den eigenen Glauben zu verbergen und nach außen hin das Gegenteil zu sagen, wenn Leben oder Besitz bedroht sind (TDV İslam Ansiklopedisi 2025). Der Grund, warum arabische Alevit:innen historisch taqiyya praktiziert haben, liegt nicht im inneren Wesen ihres Glaubens. Er liegt vielmehr in Unterdrückung und Druck durch herrschende Mächte. Diese Bedingungen zwangen sie dazu, ihre religiösen Rituale im Geheimen auszuführen.
Es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens über die Zahl der arabischen Alevit:innen. In einer Studie aus dem Jahr 1998 schätzte Aringber Laanatza ihre Zahl in der Türkei auf etwa eine Million (Laanatza 1998, 154). Auch Hakan Mertcan, der wichtige Forschungen zu diesem Thema durchgeführt hat, geht von etwa einer Million aus (Mertcan 2012, 9). In der Provinz Hatay leben besonders in den Bezirken Defne, Samandağ, Antakya und İskenderun viele arabische Alevit:innen. Wenn auch diejenigen berücksichtigt werden, die nach Adana, Mersin und in große Städte migriert sind, erscheint die Schätzung von einer Million plausibel. Dennoch ist wichtig zu betonen, dass es keine offiziellen Statistiken zu dieser Bevölkerung gibt.
In Syrien wird geschätzt, dass arabische Alevit:innen etwa 12-15 Prozent der Bevölkerung ausmachen (Goldsmith 2011, 35; Baltacıoğlu-Brammer 2019, 2). Da die Bevölkerung Syriens im Jahr 2025 bei 25.620.427 liegt (Worldometers 2025), kann angenommen werden, dass die Zahl der arabischen Alevit:innen dort ungefähr 3,5 Millionen beträgt. Arabische Alevit:innen leben besonders konzentriert in Küstenstädten wie Latakia und Tartus.
Historischer Kontext
Der wichtigste Bruch und die wichtigste Differenzierung in der historischen Entwicklung hängen mit dem Ereignis von Ghadir Khumm zusammen. Auf dem Rückweg von der Abschiedspilgerfahrt bestimmte der Prophet Muhammad Ali zu seinem Nachfolger und befahl, ihm Treue zu leisten. Die Entstehung des arabischen Alevitentums wird im Kern auf dieses Ereignis zurückgeführt (Et-Tavil 2012, 35-36). Deshalb besitzt Ghadir Khumm für arabische Alevit:innen eine besondere Bedeutung und gilt als ihr heiligstes Fest.
Als Gründer der arabisch-alevitischen Lehre gilt Muhammad ibn Nusayr. Er lebte im 9. Jahrhundert und war ein Schüler von Hasan al-Askari, dem elften Imam des Ehl-i Beyt. Muhammad ibn Nusayr handelte nach den Lehren des Ehl-i Beyt und bildete entsprechend Schüler aus (Reyhani 1997, 22, 28-29). Nach ihm ging die Führung auf Muhammad ibn Jundab über, danach auf Abu Muhammad Abdullah al-Jannan al-Junbulani. Nach Junbulani übernahm Hamdan al-Khasibi die Führung (Et-Tavil 2012, 146, 148-149). Später leiteten Muhammad ibn Ali al-Jilli und danach Makzun al-Sinjari die Gemeinschaft. Diese Personen systematisierten die arabisch-alevitische Lehre und arbeiteten daran, arabische Alevit:innen aus Armut zu befreien (Karasu 2006, 117).
Bis Hamdan al-Khasibi die Bewegung festigte, blieben die Anhänger:innen von Muhammad ibn Nusayr eine kleine und zerstreute Gruppe, die vom Verschwinden bedroht war. Unter der Führung von al-Khasibi wurde die Bewegung organisiert und verbreitete sich vom Irak nach Syrien. Dies geschah unter dem Schutz der schiitischen Hamdaniden-Dynastie in Aleppo (Peterson 2019, 64). Nach dem Zusammenbruch der Hamdaniden im 11. Jahrhundert zerstreute sich die Bewegung in andere Städte und ländliche Gebiete Syriens (Peterson 2019, 164). Im 12. Jahrhundert gerieten sie unter starken Druck durch kurdische Gruppen, Kreuzfahrer und Ismailit:innen. Dadurch entstand erneut die Gefahr der Zersplitterung. Die Bewegung wurde durch Abu Muhammad al-Hasan ibn Yusuf al-Makzun al-Sinjari wiederbelebt (Peterson 2019, 165; Bray 2019, 3).
Mit dem Auftreten der Mamluken im 13. Jahrhundert und bis zum Ende der osmanischen Zeit lebten arabische Alevit:innen in Armut, meist in bergigen und schwer zugänglichen Regionen (Peterson 2019, 165; Bray 2019, 3). Die osmanische Zeit war für arabische Alevit:innen eine Zeit anhaltender Unterdrückung. Die osmanischen Behörden erkannten arabische Alevit:innen nicht als Teil der islamischen Gemeinschaft an, sondern bezeichneten sie als häretisch. Zugleich erhielten sie nicht den millet-Status, der anderen nicht-muslimischen Gruppen gewährt wurde (Mertcan 2013, 89).
Besonders die Herrschaft von Sultan Selim I. wird von arabischen Alevit:innen als dunkles Kapitel erinnert, das von Massakern geprägt war. Diejenigen, die diese Massaker überlebten, flohen in abgelegene Bergregionen und lebten dort lange Zeit weiter (Mertcan 2013, 46-51; Et-Tavil 2013).
Während dieser Unterdrückungsperioden migrierten einige arabische Alevit:innen auch in Länder wie Argentinien, Chile und Venezuela. Obwohl offizielle Daten fehlen, ist bekannt, dass in diesen Ländern ungefähr zwei Millionen Menschen arabisch-alevitischer Herkunft leben. Unter der Herrschaft von Sultan Abdülhamid II. (1876-1909) stellten missionarische Aktivitäten eine weitere Herausforderung dar. Als Reaktion darauf gründete Abdülhamid in diesen Regionen Schulen und setzte Konversions- beziehungsweise Sunnitisierungspolitiken gegenüber arabischen Alevit:innen um (Alkan 2012, 25).
Arabische Alevit:innen waren in jeder Epoche der Unterdrückung durch herrschende Mächte ausgesetzt. Diese Unterdrückung wurde jeweils durch die Bedingungen und politischen Ziele der Zeit geprägt. Obwohl sie in der Republikzeit eine gewisse Sichtbarkeit gewannen, wurden sie wie viele andere ethnische und religiöse Gemeinschaften in der Türkei zum Ziel homogenisierender Staatspolitiken (Alvanoğlu 2017, 178). In dieser Zeit wurde versucht, arabische Alevit:innen durch Türkisierung zu assimilieren. Die Verwendung der türkischen Sprache wurde breit gefördert, Schulpersonal wurde entsprechend eingesetzt, Internatsschulen wurden in der Region gegründet, und besonderer Wert wurde darauf gelegt, dass Mädchen diese Schulen besuchten (Mertcan 2013, 203-204).
Etymologischer Kontext: Das Benennungsproblem der Gemeinschaft
Obwohl der Begriff Nusayri heute innerhalb der Gemeinschaft fast nie verwendet wird, war er bis zum Ersten Weltkrieg die einzige Bezeichnung, die anstelle von arabischem Alevitentum verwendet wurde (Reyhani 1997, 21). Der Begriff Nusayri wurde häufig abwertend benutzt, um die Gemeinschaft herabzusetzen. Etymologisch leitet er sich vom Namen der religiösen Figur Muhammad ibn Nusayr ab, der als Gründer des Glaubens gilt. Wie oben erwähnt, fehlt dieser Begriff heute jedoch fast vollständig in der Selbstbezeichnung der Gemeinschaft.
Historisch wurden arabische Alevit:innen auch als Arap Uşağı und Fellah bezeichnet. Bis zur Urbanisierung arbeiteten arabische Alevit:innen meist als Pächter:innen unter sunnitischen und christlichen Grundbesitzer:innen und betrieben Landwirtschaft. Das Wort Fellah stammt von fallāḥ al-arḍ und bedeutet “diejenigen, die das Land bearbeiten”. Diese Bezeichnungen stammen aus diesem landwirtschaftlichen Hintergrund. Landwirtschaft ist bis heute in der Gemeinschaft verbreitet, und ein wichtiger Teil der arabischen Alevit:innen lebt weiterhin vom Ackerbau. Dennoch wurden beide Begriffe, Arap Uşağı und Fellah, historisch zur Herabsetzung der Gruppe verwendet. Besonders der Begriff Fellah wird auch heute noch gebraucht. Arabische Alevit:innen werden außerdem als Çukurova-Alevit:innen oder Mittelmeer-Alevit:innen bezeichnet.
Allgemeine Merkmale, Rituale und Bräuche
Sprache
Alevit:innen in der Türkei sprechen unterschiedliche Sprachen und kommen aus verschiedenen ethnischen Hintergründen. Arabische Alevit:innen sind ethnisch arabisch und sprechen Arabisch. In Syrien und im Libanon ist Arabisch weiterhin die offizielle Sprache. Unter arabischen Alevit:innen in Adana und Mersin steht die arabische Sprache jedoch kurz vor dem Verschwinden. In diesen Regionen sprechen nur noch sehr wenige Menschen Arabisch. In Hatay dagegen wird Arabisch weiterhin breit gesprochen. Obwohl sich die dort gesprochene Sprache verändert hat, ähnelt sie stark dem Arabisch, das in der syrischen Stadt Latakia gesprochen wird.
Die Amcalık-Tradition
In arabisch-alevitischen Gemeinschaften werden einem Jungen, wenn er die Pubertät erreicht, die Grundsätze des arabischen Alevitentums vermittelt. Diese Unterweisung erfolgt durch eine Person, die von der Familie ausgewählt wird und amca genannt wird, also “Onkel”. Die Amcalık-Tradition schafft eine Verwandtschaftsbeziehung zwischen zwei Familien. Der amca und seine Familie gelten als zweite Familie des Kindes.
Zwischen der Auswahl des amca und dem tatsächlichen Aufenthalt des Kindes im Haus des amca liegt ungefähr ein Jahr. Dieser Prozess besteht aus drei Stufen. In jeder Stufe wird ein Tier geopfert, und Gebete werden gesprochen. Die erste Stufe heißt tığdeyi, die zweite mlek und die dritte titliğa. Zwischen den ersten beiden Stufen müssen mindestens vierzig Tage liegen. Die dritte Stufe muss spätestens innerhalb eines Jahres stattfinden. An dem Tag, an dem das Kind im Haus des amca zu leben beginnt, wird ein Opfer dargebracht, es werden Gebete gesprochen und Speisen verteilt. Das Kind lebt im Haus des amca, bis es die gesamte Lehre gelernt hat.
Der Glaube an Ziyaret-Orte
Ziyaret-Orte nehmen im arabisch-alevitischen Glauben einen wichtigen Platz ein. In Regionen, in denen arabische Alevit:innen leben, findet man fast überall solche heiligen Orte. Diese Ziyaret-Orte haben Kuppeln und sind weiß gestrichen. Sie sind Personen gewidmet, die in der arabisch-alevitischen Tradition religiöse Bedeutung besitzen.
Ziyaret-Orte werden nicht nur an besonderen Tagen und Festen besucht. Sie dienen auch als regelmäßige Orte religiöser Praxis. Arabisch-alevitische Feste werden sowohl zu Hause als auch an diesen Ziyaret-Orten gefeiert. Arabische Alevit:innen begehen viele religiöse Feste und Gelübdezeremonien. Bei solchen Anlässen werden Opfertiere dargebracht, Gebete gesprochen und traditionelle Speisen wie hırise, also ein Weizengericht, Suppe oder Bulgur zubereitet und mit Nachbar:innen und Verwandten geteilt.
Der Glaube an Xızır/Hızır ist unter arabischen Alevit:innen besonders stark. Der Ziyaret-Ort von Hz. Xızır/Hızır im Deniz-Viertel von Samandağ gehört zu ihren heiligen Orten. Er wird auch häufig von Angehörigen anderer Gemeinschaften besucht.
Die religiösen Angelegenheiten der arabisch-alevitischen Gemeinschaft werden von einer Person geleitet, die şeyh genannt wird. Şeyhs sind angesehene religiöse Führer, die die Gemeinschaft durch ihr Beispiel leiten. Während religiöser Feste werden Gebete unter ihrer Führung gesprochen.
Wie viele andere Gemeinschaften haben auch arabische Alevit:innen durch Urbanisierung einen Rückgang traditioneller Praktiken erlebt. Festfeiern, Besuche von Ziyaret-Orten, die Amcalık-Tradition und Familienbesuche während der Feste sind in städtischen Gebieten seltener geworden. Arabisch wird zunehmend nur noch von älteren Menschen in ländlichen Gebieten gesprochen und ist vom Verschwinden bedroht. Bis vor Kurzem waren Ehen außerhalb der Gemeinschaft selten. Mit wachsender Urbanisierung und steigendem Bildungsniveau haben jedoch die Kontakte zur breiteren Gesellschaft zugenommen. Dadurch sind auch Ehen zwischen Gruppen häufiger geworden.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass arabische Alevit:innen aufgrund ihres Glaubens und ihrer Identität historisch verfolgt und unterdrückt wurden. Trotz der begrenzten schriftlichen Quellen scheinen sie eine der Gemeinschaften zu sein, über die in der akademischen Literatur besonders viele Spekulationen und Missverständnisse bestehen. Deshalb besteht in diesem Feld ein deutlicher Bedarf an unparteiischer und wissenschaftlicher Forschung, die auf empirischen Daten beruht und durch Feldforschung gestützt wird.
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