Das Cami-Cemevi-Projekt

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Das Cami-Cemevi-Projekt (CCP) wurde in der Türkei unter dem Leitbild interreligiöser Toleranz und gesellschaftlicher Einheit begonnen. Innerhalb der Alevi-Gemeinschaft stieß es jedoch auf starken Widerstand. Viele Alevit:innen sahen darin ein umstrittenes Beispiel räumlicher und politischer Steuerung.

Das Projekt zielte darauf, eine sunnitische Moschee und ein Alevi-*Cemevi* – den zentralen Ort Alevi religiöser Praxis – in einem gemeinsamen baulichen Komplex zusammenzuführen. Besonders durch die Proteste im Jahr 2013 in Tuzluçayır, Ankara, wurde das Projekt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das harte Eingreifen des Staates während dieser Proteste verschärfte die Kontroverse zusätzlich.

Viele Alevit:innen verstanden das Projekt als Instrument der Assimilation und symbolischen Dominanz. Zugleich wurde es als Versuch gesehen, die seit Langem bestehenden Forderungen nach Anerkennung zu unterdrücken. In diesem Sinne wurde das Cami-Cemevi-Projekt vielfach als räumliche Reproduktion der strukturellen Ungleichheit zwischen Alevitentum und Sunnitentum gedeutet.

Historischer Hintergrund

Das Cami-Cemevi-Projekt wurde während der Regierungszeit der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) mit Begriffen wie “Brüderlichkeit”, “Einheit” und “Zusammenleben” gerahmt. Offiziell wurde es als eine Initiative vorgestellt, die Spannungen zwischen Alevit:innen und Sunnit:innen abbauen sollte. Kritiker:innen argumentierten jedoch, dass das Projekt keine wirkliche Gleichheit förderte. Vielmehr habe es als symbolische Integrations- oder “Harmonisierungsstrategie” funktioniert. Ziel sei es gewesen, die symbolische Präsenz des Alevitentums in dominante sunnitische Normen aufzulösen, ohne die Alevi-Identität tatsächlich anzuerkennen (Ecevitoğlu und Yalçınkaya 2013).

Der erste Versuch der Umsetzung fand 2013 im Stadtteil Tuzluçayır im Bezirk Mamak in Ankara statt. Unterstützt wurde das Projekt von der Cem-Stiftung und der Hacı Bektaş Veli Anatolischen Kulturstiftung. Von Beginn an reagierten Alevi-Bewohner:innen des Stadtteils mit Massenprotesten. Diese Proteste wurden mit unverhältnismäßiger Polizeigewalt beantwortet. Der Einsatz von Wasserwerfern (TOMAs), gepanzerten Fahrzeugen und großen Mengen Tränengas führte zu zahlreichen Verletzungen. Der Widerstand breitete sich daraufhin vom Stadtteil auf andere Städte aus. Medien berichteten über die Ereignisse mit ironischen Überschriften wie “Brüderlichkeitsprügel in Mamak” und “Toleranz mit Tränengas”.

Politische Deutung und Kritik

Alevi-Gemeinschaften haben das Projekt überwiegend als eine Form von “erzwungener Repräsentation ohne Anerkennung” verstanden. In einem Kontext, in dem Cemevis weiterhin nicht offiziell als Gebetshäuser anerkannt sind, während Moscheen staatlich finanzierte Einrichtungen unter der Religionsbehörde (Diyanet) sind, ist die Behauptung, beide Räume könnten auf gleicher Grundlage nebeneinander bestehen, grundsätzlich problematisch. Deshalb wurde das Projekt nicht als Zeichen von Gleichheit betrachtet, sondern als Versuch, “Einheit innerhalb von Ungleichheit” herzustellen.

Die meisten Alevi-Organisationen lehnten die Initiative ab. Die Beteiligung einiger weniger Institutionen an dem Projekt löste innerhalb der Alevi-Öffentlichkeit heftige Debatten über Legitimität aus.

Aus soziologischer Perspektive können solche Initiativen als Versuche verstanden werden, nicht-sunnitische Glaubenssysteme wie das Alevitentum in ein Modell der “tolerierten Minderheit” innerhalb einer sunnitisch geprägten Vorstellung des öffentlichen Raums einzuordnen (Massicard 2012). Obwohl das Projekt ein Modell räumlicher Integration präsentierte, ignorierte es die historischen, theologischen und rituellen Unterschiede zwischen den Glaubenstraditionen. Noch wichtiger ist, dass es einen diskursiven Rahmen hervorbrachte, der die Forderung des Alevitentums nach autonomer Anerkennung unterdrückte (Sökefeld 2008; Yıldız und Verkuyten 2011). In dieser Hinsicht steht das Projekt für symbolische Dominanz, die als öffentliche Toleranz verkleidet wurde.

Der Widerstand von Tuzluçayır: Alevi-Präsenz im öffentlichen Raum

Die Proteste in Tuzluçayır sollten nicht nur als Reaktion auf ein architektonisches Projekt verstanden werden. Sie waren vielmehr eine breitere Zurückweisung des Versuchs, das Alevitentum nach sunnitischen Normen zu definieren. Der Widerstand entstand unmittelbar nach den Gezi-Park-Protesten und wurde von vielen Aktivist:innen und linken Kreisen unterstützt (İHD 2013). Die Bewohner:innen errichteten die ganze Nacht über Barrikaden gegen den Polizeieinsatz. In diesem Prozess nahmen auch symbolische Erzählungen rund um das Projekt Gestalt an (Toker 2013). Verweise auf das “Mamak Türküsü”, ein Lied, das mit der Vergangenheit des Stadtteils als Ort eines Militärgefängnisses verbunden ist, betonten die Kontinuität staatlicher Gewalt (BirGün 2013).

Dieser Widerstand muss als Ausdruck des Kampfes von Alevit:innen um Sichtbarkeit im öffentlichen Raum verstanden werden. Zugleich ging es um das Recht, Cemevis als eigenständige und legitime Gebetshäuser anerkennen zu lassen. Eine der zentralen Motivationen der Protestierenden war genau diese Forderung nach räumlicher und religiöser Autonomie. Das Projekt vermittelte in seiner bestehenden Form die Botschaft, dass der Alevi-Glaube nur dann einen Platz im öffentlichen Raum haben könne, wenn er sunnitischen Normen untergeordnet wird. Es beruhte also nicht auf dem Prinzip gleichberechtigter Staatsbürgerschaft.

Fazit

Das Cami-Cemevi-Projekt ist ein aufschlussreiches Beispiel für die strukturellen Ungleichheiten, die den interreligiösen Beziehungen in der Türkei zugrunde liegen. Die Idee eines räumlichen Zusammenlebens mag symbolisch bedeutsam erscheinen. Dennoch wurde das Projekt von Alevi-Gemeinschaften überwiegend abgelehnt. Gründe dafür waren der ungleiche Status, fehlende angemessene Repräsentation und die fortgesetzte Zurückweisung ihrer Forderungen nach offizieller Anerkennung. Der Widerstand von Tuzluçayır steht in diesem Sinne für eine kollektive Behauptung Alevi-Handlungsmacht gegenüber Eingriffen, die auf ihren Glauben, ihre Räume und ihr historisches Gedächtnis zielten.

Die Kritik am Projekt ist zugleich eine deutliche Warnung davor, das Alevitentum unter dem Vorwand von “Brüderlichkeit” zu instrumentalisieren, ohne wirkliche politische Anerkennung und ohne eine ernsthafte Verinnerlichung seiner Werte. In diesem Kontext wurde die Cami-Cemevi-Initiative vielfach als räumlicher Ausdruck symbolischer Dominanz verstanden, die unter dem Deckmantel einer “Toleranzarchitektur” umgesetzt wurde.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

BirGün, 09.09. 2013. “Mamak’a Sonbahar Geldi: Gaz Bombalı Hoşgörü.”

Ecevitoğlu, Pınar ve Ayhan Yalçınkaya (2013), Aleviler Artık Burada Oturmuyor Alevi Çalıştayları ve Sonrası, Ankara: Dipnot.

İHD (2013). Ankara Tuzluçayir Cami -Cemevi Projesine Karşi Yapilan Gösteriler Ve Sonrasinda Gelişen Olaylara İlişkin Değerlendirme Raporu, https://www.ihd.org.tr/ankara-tuzlucayir-cami-cemevi-projesine-karsi-yapilan-gosteriler-ve-sonrasinda-gelisen-olaylara-iliskin-degerlendirme-raporu/ (erişim tarihi: 13.05.2025).

Massicard, Élise. 2012. The Alevis in Turkey and Europe: Identity and Managing Territorial Diversity. Londra-New York: Routledge.

Sökefeld, Martin. 2008. Struggling for Recognition: The Alevi Movement in Germany and in Transnational Space. New York: Berghahn Books.

Toker, Çiğdem. 2013. “Devletin Alevisi olmak istemiyoruz”, T24, https://t24.com.tr/haber/devletin-alevisi-olmak-istemiyoruz,239097 (erişim tarihi 12.05.2025).

Yıldız, Ahmet Atıl, ve Verkuyten, Maykel. 2011. “Inclusive Victimhood: Social Identity and the Politicization of Collective Trauma among Turkey’s Alevis in Western Europe.” Peace and Conflict, 17(3): 243-69.

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Zitation

  • Das Cami-Cemevi-Projekt
  • Autor: Parlak, Deniz
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 22.06.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-cami-cemevi-projekt-5818/
Parlak, Deniz (2025). Das Cami-Cemevi-Projekt. Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-cami-cemevi-projekt-5818/ (Abrufdatum: 22.06.2026)
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