Das Dersim-Massaker und die intergenerationale Traumatransmission

Veröffentlichungsdatum: 5. Oktober 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.

Dieser Beitrag untersucht die langfristigen emotionalen und psychischen Auswirkungen des Dersim-Massakers, das zwischen 1937 und 1938 im Osten der Türkei stattfand. Während dieser gewaltsamen Kampagne wurden Tausende Angehörige der kurdisch-zazaisch-alevitischen Gemeinschaft getötet, vertrieben oder zum Schweigen gebracht. Obwohl diese Ereignisse fast ein Jahrhundert zurückliegen, sind ihre Auswirkungen bis heute spürbar – nicht nur bei den Überlebenden, sondern auch bei ihren Kindern und Enkelkindern. Auf der Grundlage einer 2015 abgeschlossenen Dissertation untersucht der Beitrag, wie das Trauma von Dersim über Generationen hinweg weitergegeben wurde. Anhand familiärer Erzählungen sowie von Ansätzen aus der Psychologie und Traumaforschung zeigt er, wie Schweigen, Trauer und die fehlende öffentliche Anerkennung das Empfinden von Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit beeinflusst haben. Das Trauma lebt nicht nur in Worten fort, sondern auch in Gefühlen, Beziehungen und im Alltag. Durch den Vergleich von Dersim mit anderen historischen Traumata, darunter der Holocaust und die Gewalterfahrungen indigener Gemeinschaften, zeigt der Beitrag, dass das Erzählen dieser Geschichten – sowohl innerhalb der Familien als auch im öffentlichen Raum – eine wirksame Möglichkeit der Heilung und des Widerstands gegen das Vergessen darstellt. Die Untersuchung trägt dazu bei, zu verstehen, wie vergangene Gewalt Gemeinschaften bis heute prägt, insbesondere wenn ihre Erfahrungen gesellschaftlich ignoriert oder geleugnet wurden.

Das Dersim-Massaker: Die Entstehung eines psychischen Traumas

Zwischen 1937 und 1938 war die Bevölkerung von Dersim, dem heutigen Tunceli, einer gewaltsamen und unterschiedslos geführten Militärkampagne ausgesetzt. Die Angriffe richteten sich unabhängig von Alter und Geschlecht gegen Zivilist:innen und führten zu Massentötungen, Zwangsumsiedlungen und der Trennung von Familien. Viele junge Mädchen wurden ihren Familien entzogen und von türkischen Familien aufgezogen. Auch nach mehr als achtzig Jahren wirkt das Trauma dieser Zeit in den Nachfahr:innen der Betroffenen fort.

Historisch war Dersim die Heimat einer eigenständigen ethnisch-religiösen alevitischen Gemeinschaft mit eigener Sprache, eigenen Glaubensvorstellungen und Bräuchen. Die Republik Türkei, die eine einheitliche nationale Identität durchzusetzen suchte, betrachtete die Vielfalt der Region als Bedrohung. Es wurden Gesetze erlassen, die darauf zielten, die kulturelle Präsenz Dersims zu assimilieren oder zu beseitigen. Die Militärkampagne von 1937-38 war eine brutale Folge dieser Ideologie.

Bis vor Kurzem blieb das Dersim-Massaker in der Türkei ein Tabuthema. Das Schweigen darüber verankerte sich im familiären und gesellschaftlichen Leben, wurde über Generationen weitergegeben und trug zu dem kollektiven Trauma bei, das viele Dersimer:innen bis heute erfahren.

Trauma, Erinnerung und das Erbe menschengemachter Katastrophen

Katastrophen – unabhängig davon, ob sie natürlichen Ursprungs oder menschengemacht sind – führen zu Verlust und Zerstörung. Menschengemachte Katastrophen hinterlassen jedoch häufig tiefere psychische Verletzungen, die über Generationen hinweg nachwirken. Wie Caruth (1996) unter Rückgriff auf Freuds Begriff der “Latenz” erklärt, müssen traumatische Ereignisse nicht unmittelbar psychische Folgen zeigen, sondern können in späteren Generationen als Belastung und unverarbeiteter Schmerz erneut hervortreten.

Die intergenerationale Traumatransmission ist als eine Folge kollektiver Gewalt wie Genozid, Krieg und ethnischer Säuberung anerkannt worden (Danieli 1998a). Solche Ereignisse sind nicht nur von historischer und politischer, sondern auch von tiefgreifender psychischer Bedeutung. Opfer und ihre Nachfahr:innen leben weiterhin mit den Folgen, häufig in Schweigen oder Ungewissheit.

Das 20. Jahrhundert war vom Aufstieg des Nationalstaates und von weitverbreiteten genozidalen Handlungen geprägt, die mit Ideologien der Modernität und nationalen Einheit gerechtfertigt wurden (Mazower 2000; Semelin 2005). Indigene Bevölkerungen und Minderheiten wurden häufig als Hindernisse für den Fortschritt betrachtet, was zu massenhafter Gewalt und Auslöschung führte. Der Genozid an den Armenier:innen, der Holocaust sowie die Massaker in Ruanda und Darfur gehören zu den zahlreichen Beispielen, die globale Debatten über Trauma und Gerechtigkeit bis heute prägen.

Bei solchen Gräueltaten ist das Trauma nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Frühe Forschungen zum Holocaust führten zur Erkenntnis, dass ein Trauma nicht nur Überlebende, sondern auch deren Kinder und Enkelkinder betreffen kann (Rakoff, Sigal, and Epstein 1966). Diese Erweiterung von klinischen Diagnosen hin zu einem umfassenderen psychosozialen Verständnis eröffnete neue Wege zur Untersuchung der Frage, wie Gewalt und Schweigen generationale Identitäten prägen.

Intergenerationales Trauma im Kontext von Dersim

Das durch das Dersim-Massaker verursachte Trauma ähnelt dem anderer menschengemachter Katastrophen und Genozide. Die Überlebenden erlitten nicht nur unmittelbare Gewalt, sondern waren auch mit langfristigen Folgen konfrontiert, die ihre Nachfahr:innen emotional, psychisch, kulturell und politisch betrafen. Die Mechanismen, durch die dieses Trauma weitergegeben wurde, können allgemein in zwei Modelle gegliedert werden: direkte und indirekte Transmission.

Direkte Transmission

Direkte Transmission bezeichnet die Weitergabe von Trauma über biologische und psychologische Wege. Dieses Modell wurde zunächst durch Forschungen zu den Kindern von Holocaust-Überlebenden geprägt. Kliniker:innen beobachteten bei diesen Kindern Symptome wie Depressionen, Angstzustände, Schlaflosigkeit, Albträume und emotionale Abstumpfung. Diese Symptome entsprachen dem, was später als posttraumatische Belastungsstörung klassifiziert wurde (Niederland 1968; Rakoff et al. 1966; APA 2013).

Einige Forscher:innen untersuchten, ob bei Kindern von Überlebenden möglicherweise sogar biologische Prädispositionen für Traumasymptome bestehen könnten (Yehuda et al. 1998; Bagot et al. 2014). Diese Auffassung ist jedoch umstritten. Metaanalysen deuten darauf hin, dass Kinder von Holocaust-Überlebenden keine signifikant höheren psychopathologischen Belastungen aufweisen, sofern sie nicht aufgrund anderer Lebensumstände bereits unter erheblichem Stress stehen (van Ijzendoorn et al. 2003; Sagi-Schwartz et al. 2008).

Im Fall von Dersim sind die meisten Nachfahr:innen der zweiten und dritten Generation inzwischen mehrere Jahrzehnte vom ursprünglichen Trauma entfernt. Obwohl weiterhin Anzeichen psychischer Belastung beobachtet werden können, ist es unwahrscheinlich, dass die direkte Transmission in dieser Phase der einzige oder auch nur der wichtigste Mechanismus ist. Das Erbe des Traumas zeigt sich vielmehr im kulturellen und emotionalen Gedächtnis sowie im kollektiven Erinnern.

Indirekte Transmission

Indirekte Transmission wirkt durch Schweigen, fragmentierte Erinnerungen und gestörte emotionale Kommunikation. Überlebende können es aus Angst, Scham oder unverarbeiteter Trauer vermeiden, über ihr Trauma zu sprechen. Danieli (1984) bezeichnete dies als eine “Verschwörung des Schweigens”. Dieses Schweigen hinterlässt bei Kindern häufig ein tiefes, aber schwer einzuordnendes Gefühl der Unruhe und ererbten Trauer (Weingarten 2004; Felsen 1998).

Im Fall von Dersim berichteten viele Teilnehmer:innen der zwischen 2009 und 2014 durchgeführten Studie, sie seien in Familien aufgewachsen, in denen niemand offen über das Massaker sprach. Das Schweigen selbst wurde jedoch zu einer Quelle von Spannung, die mit Misstrauen, Angst und dem unausgesprochenen Wissen erfüllt war, dass etwas Tragisches geschehen war.

Andere Familien wiederum setzten ihre Kinder traumatischen Erzählungen, Musik oder Bildern in übermäßigem Maße aus. Diese Geschichten wurden mitunter in eindringlichen Einzelheiten erzählt: von Hinrichtungen, verwaisten Kindern oder Massengräbern. Diese Form der Weitergabe war zwar informativer als das Schweigen, belastete Kinder jedoch ebenfalls mit überwältigendem emotionalem Gewicht und bot ihnen nur wenige Möglichkeiten, dieses zu verarbeiten.

Im Laufe der Zeit wird das Trauma Teil der kollektiven Identität. Es wird nicht als feststehende Erinnerung weitergegeben, sondern verändert sich durch Familiendynamiken, kulturelle Ausdrucksformen und politische Zusammenhänge. Die indirekten Folgen des Traumas werden durch die fortdauernde Marginalisierung und politische Leugnung der ursprünglichen Ereignisse geprägt.

Wie Madariaga (2002) feststellt, kann Trauma zu einem strukturellen Merkmal des gesellschaftlichen Lebens werden und als kontinuierliche Bedrohung oder unverarbeiteter Verlust erfahren werden. Im Fall von Dersim umfasst das Erbe des Traumas zerstörte Familienbindungen, unterbrochene Sprachweitergabe, kulturelle Unterdrückung und anhaltende gesellschaftliche Ausgrenzung.

Generationale Erfahrungen des Dersim-Massakers

Generation der Überlebenden

Diese Untersuchung konzentrierte sich aus ethischen Gründen vor allem auf die zweite und dritte Generation und schloss direkte Überlebende aus. Viele der wenigen noch lebenden Überlebenden hatten ihre Geschichten bereits im Rahmen oralhistorischer Projekte, Dokumentarfilme und Zeug:innenberichte geteilt. Ihre Erzählungen vermitteln eindringliche und erschütternde Einblicke in die Gewalt, die Vertreibungen und die anhaltende Ungewissheit, die sie erlebten.

Trotz des Traumas zeigten viele Überlebende eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit. Sie bauten ihr Leben neu auf, gründeten Familien und ermutigten ihre Kinder, erfolgreich zu sein. Wie Brown und Kulig (1996) feststellen, ist Resilienz angesichts massenhafter Traumatisierung ein häufiges Ergebnis in der Forschung zu historisch verfolgten Gemeinschaften.

Zweite Generation

Die nach dem Massaker geborene zweite Generation machte unterschiedliche Erfahrungen. Einige wuchsen in völligem Schweigen auf und wussten nichts darüber, was ihren Familien widerfahren war. Andere wurden durch Erzählungen oder indirekte emotionale Ausdrucksformen mit schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert. Viele Teilnehmer:innen der zweiten Generation erinnerten sich daran, mit einem allgegenwärtigen Gefühl von Angst, Scham und Anderssein gelebt zu haben.

Anders als ihre Eltern wurden viele Angehörige dieser Generation in türkischen Staatsschulen unterrichtet, die Bestandteil der Assimilationspolitik waren. Zahlreiche Menschen dieser Generation verließen Dersim auf der Suche nach Arbeit, Bildung oder Sicherheit. Die Migration eröffnete ihnen zwar einen weiteren gesellschaftlichen Horizont, verstärkte jedoch zugleich ihre Gefühle von Entwurzelung und Marginalisierung.

Ein Teil der zweiten Generation wurde politisch aktiv. Diese Personen äußerten sich offener zum Massaker, beteiligten sich an Dokumentationsprojekten, veröffentlichten oralhistorische Arbeiten und entwickelten kulturelle Projekte zur Bewahrung des Dersimer Erbes.

Dritte Generation

Auch die dritte Generation zeigte eine starke emotionale und politische Bindung an das Dersim-Massaker. Obwohl sie zwei Generationen vom Ereignis entfernt war, äußerte sie Gefühle von Trauer, Wut und Verlust. Viele Angehörige dieser Generation waren an der Produktion von Filmen, Büchern und Musik sowie an Kampagnen zu Dersim beteiligt. Ihre Erzählungen zeigten häufig ein tiefes Bedürfnis, das Verlorene zurückzugewinnen: Sprache, Rituale, Glaubensvorstellungen und gemeinschaftliche Identität.

Angehörige dieser Generation ordneten das Massaker häufiger in umfassendere Diskurse über Menschenrechte, die Anerkennung von Genoziden und kollektives Trauma ein. Zugleich waren sie mit Problemen kultureller Entfremdung konfrontiert, insbesondere wenn sie in städtischen Gebieten oder außerhalb der Türkei aufgewachsen waren. Sprachverlust und Assimilation erschwerten ihnen den Zugang zu traditionellen Formen des Erinnerns und Trauerns.

Trotz dieser Schwierigkeiten spielte die dritte Generation eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung der Erinnerung an Dersim. Sie arbeitet aktiv daran, das Schweigen über ihre Familiengeschichten zu durchbrechen und Gerechtigkeit und Anerkennung einzufordern.

Kommunikationsmuster: Schweigen und Erzählen

Menschengemachte Katastrophen beeinträchtigen häufig die Kommunikation zwischen den Generationen. Im Fall von Dersim traten zwei gegensätzliche Muster hervor.

Schweigen

Einige Familien vermieden es vollständig, über das Massaker zu sprechen. Dieses Schweigen erzeugte emotionale Distanz und Verwirrung, diente jedoch zugleich als eine Form psychischer Abwehr. Herman (1992) weist darauf hin, dass Schweigen und Dissoziation verbreitete Bewältigungsstrategien darstellen, wenn ein Trauma nicht verarbeitet oder sicher mitgeteilt werden kann.

Übermäßige Konfrontation

Andere Familien erzählten die Geschichten des Massakers in eindringlichen Einzelheiten. Kinder wurden bereits in jungen Jahren durch Musik, Poesie, Gespräche oder politische Veranstaltungen mit schmerzhaften Erzählungen konfrontiert. Obwohl dies das Schweigen durchbrach, hinterließ es bei den Kindern häufig Gefühle emotionaler Überforderung und Ohnmacht.

Auerhahn und Laub (1998) weisen darauf hin, dass Überlebende ihr Trauma mitunter nicht mitteilen können, weil ihnen gesellschaftliche Bestätigung fehlt oder sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Erinnerung wird daher in fragmentierten, symbolischen oder körperlich verkörperten Formen weitergegeben. In dieser Studie beschrieben Teilnehmer:innen häufig das Gefühl, dass etwas “nicht stimmte”, obwohl sie keine eindeutige Erzählung der Ereignisse kannten.

Laub (1992) beschreibt diesen Zustand als eine Form des Exils: als psychische Lage, in der traumatisierte Menschen und ihre Nachfahr:innen getrennt von ihrer eigenen Geschichte leben und nicht in der Lage sind, ihre Erfahrungen auszudrücken oder mit ihnen in Einklang zu kommen. Dieses Exil ist nicht nur emotional, sondern auch politisch, da institutionelle Leugnung das Schweigen zusätzlich verstärkt.

Heilung von kollektivem Trauma

Die fortdauernde Gegenwart des Verlusts

Die Untersuchung zeigte ein starkes und anhaltendes Gefühl des Verlusts, das sowohl von Überlebenden als auch von nachfolgenden Generationen geteilt wurde. Für die Überlebenden stand dieser Verlust häufig mit der brutalen Gewalt in Verbindung, deren Zeug:innen sie geworden waren: der Zerstörung von Familien, Häusern und Gemeinschaften. Für spätere Generationen zeigte er sich als Verlust von Identität, Kultur, Sprache und Verbindung zur Herkunftsregion.

Auch Menschen, die erst Jahrzehnte später geboren wurden, beschrieben das Gefühl, Trauer geerbt zu haben. Dieses ererbte Trauern wurde häufig durch fortdauernde Marginalisierung, kulturelle Unterdrückung und politische Leugnung zusätzlich erschwert. Eine solche “Postmemory” (Hirsch 2008) prägt nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit, sondern auch die Art und Weise, wie sich Nachfahr:innen ihre Zukunft vorstellen.

Trauer und ihre Abwesenheit

In der psychoanalytischen Theorie ist Trauer ein zentraler Prozess der Traumabewältigung. Freud argumentierte, unverarbeitete Trauer könne in Melancholie übergehen, also in einen Zustand anhaltender und unbewusster Trauer (Freud 1917/1957). Spätere Wissenschaftler:innen wie LaCapra (2001) übertrugen diesen Gedanken auf kollektive Traumata und betonten die Bedeutung historischer Anerkennung und symbolischer Wiedergutmachung für die Heilung von Gemeinschaften.

Im Kontext von Dersim war Trauer weitgehend abwesend. Das offizielle Schweigen und die Leugnung des Massakers machten es unmöglich, öffentlich und sicher zu trauern. Teilnehmer:innen beschrieben, wie das Fehlen von Anerkennung sie mit unverarbeiteten Gefühlen zurückließ, die Frosh (2013) als “heimgesuchte Trauer” bezeichnet.

Wie Young (1998) feststellt, erfordert das Trauern um eine Katastrophe sowohl einen inneren Prozess des Verlusts als auch äußere Anerkennung. Fehlt diese, bleibt das Trauma in der Zeit eingefroren. In Dersim wurde das Massaker zu einem Bruch in der Zeitlinie der Erinnerung. Die Ereignisse wurden in ein “Davor” und “Danach” unterteilt, ohne dass ein Gefühl des Abschlusses entstehen konnte.

Anerkennung, Gerechtigkeit und Gedenken

Die Notwendigkeit der Anerkennung

Die Teilnehmer:innen betonten wiederholt die Notwendigkeit einer öffentlichen Anerkennung des Dersim-Massakers. Viele beschrieben, dass das Fehlen dieser Anerkennung ihr Gefühl des Andersseins und der Ungerechtigkeit vertiefte. Sie berichteten, in nationalen Debatten zum Schweigen gebracht, von ihrem Umfeld missverstanden und von staatlichen Institutionen zurückgewiesen worden zu sein.

Ein Trauma, das geleugnet oder ignoriert wird, bleibt wirksam und vertieft sich häufig. Danieli (1998a) argumentiert, dass ein nicht anerkanntes Trauma sowohl individuelle als auch kollektive Heilungsprozesse beeinträchtigt. Im Fall von Dersim erklärten Teilnehmer:innen, Anerkennung müsse den freien Zugang zu Archiven, die Offenlegung der Wahrheit und eine Entschuldigung des Staates umfassen.

Restaurative Gerechtigkeit

Restaurative Gerechtigkeit konzentriert sich nicht auf Bestrafung, sondern auf die Wiedergutmachung von Schäden und die Wiederherstellung von Beziehungen. Dieser Ansatz wurde in Gesellschaften nach Konflikten wie Südafrika, Ruanda und Chile angewandt. Er umfasst Wahrheitsfindung, Entschädigung und gemeinschaftliche Heilung (Hamber and Lewis 1997; Govier and Prager 2003).

Die Teilnehmer:innen dieser Studie unterstützten die Vorstellung restaurativer Gerechtigkeit als einen Weg zur Versöhnung. Obwohl viele Täter:innen und Opfer inzwischen verstorben sind, könnten symbolische Handlungen wie die Offenlegung der Namen Vertriebener und verwaister Kinder, die Rückgabe angestammten Landes oder die Anerkennung historischer Wahrheiten zur Wiederherstellung von Vertrauen beitragen.

Gedenken und kollektive Trauer

Gedenken ermöglicht es Gesellschaften, traumatische Ereignisse gemeinsam zu erinnern und zu betrauern. Denkmäler, Rituale und Jahrestage schaffen Räume, in denen Leiden anerkannt und gemeinsame Werte bekräftigt werden können (Alexander et al. 2004; Olick 2007).

Für die Dersimer Gemeinschaft fand Gedenken häufig im Kontext der Diaspora statt, etwa durch Musik, Poesie, Podiumsdiskussionen und gemeinschaftliche Zusammenkünfte. Teilnehmer:innen beschrieben, wie solche Veranstaltungen ihnen halfen, die Verbindung zu ihrem kulturellen Erbe aufrechtzuerhalten und ererbte Traumata zu verarbeiten.

Diese Bemühungen bleiben jedoch im öffentlichen Leben der Türkei weitgehend unsichtbar. Ohne eine umfassendere nationale Anerkennung bleiben solche Erinnerungspraktiken unvollständig und politisch verletzlich. Schwab (2010) argumentiert, dass wirkliche Heilung voraussetzt, dass Trauer die Grenzen zwischen Opfern und Täter:innen sowie zwischen privater und öffentlicher Erinnerung überschreitet.

Kulturelle Resilienz und die Bedeutung lokalen Wissens

Die Geschichte Dersims ist von jahrhundertelanger Marginalisierung geprägt. Das Massaker von 1937-38 erzeugte jedoch einen tiefgreifenden Bruch, der das kollektive Gedächtnis bis heute bestimmt. Die Teilnehmer:innen der Studie bezeichneten das Massaker durchgehend als Wendepunkt, der die Zeit in ein “Davor” und ein “Danach” teilte. Es vernichtete nicht nur Menschenleben und Gemeinschaften, sondern zerriss auch die intergenerationale Kontinuität.

Trotzdem zeigte die Gemeinschaft bemerkenswerte Resilienz. Nachfahr:innen der zweiten und dritten Generation wandten sich Bildung, Kunst, Musik und Aktivismus zu, um das ererbte Trauma zu verarbeiten und ihre kulturelle Identität zu bewahren. Viele beschrieben das Streben nach akademischem und beruflichem Erfolg als Mittel, um Marginalisierung Widerstand entgegenzusetzen und Würde zu behaupten. Bemerkenswerterweise weist Dersim trotz anhaltender sozioökonomischer Schwierigkeiten weiterhin eine der höchsten Alphabetisierungsraten in der Türkei auf (Akin 2010).

Mündliche Überlieferung und kulturelle Weitergabe

Angesichts des Fehlens offizieller Anerkennung und öffentlicher Trauer griffen die Menschen aus Dersim auf mündliche Traditionen zurück, um ihre Geschichte weiterzutragen. Musik, Poesie, Erzählungen und Rituale fungierten als lebendige Archive. Sie übermittelten nicht nur Tatsachen, sondern auch Gefühle, Weltanschauungen und ethische Grundsätze.

Viele Teilnehmer:innen erinnerten sich daran, bei Beerdigungen oder gemeinschaftlichen Veranstaltungen Klagelieder und Elegien über das Massaker gehört zu haben, bei denen vergangene Verluste gemeinsam mit gegenwärtigen betrauert wurden.

Diese mündliche Tradition ist eng mit dem alevitischen Glauben verbunden, der Gewaltlosigkeit, spirituelle Bescheidenheit und gemeinschaftliche Gerechtigkeit betont. Einige Teilnehmer:innen beschrieben das Massaker sogar als spirituelle Warnung, als Strafe für inneren Verrat oder als Zeichen dafür, dass man sich vom Yol entfernt habe. Solche Deutungen spiegeln einen wirkungsmächtigen ethischen Rahmen wider, innerhalb dessen das Trauma mit Bedeutung versehen und Resilienz gestärkt wird.

Auf dem Weg zu einer kulturell fundierten Gerechtigkeit

Die Teilnehmer:innen betonten, dass jeder Heilungs- oder Versöhnungsprozess in ihren eigenen kulturellen Werten verankert sein müsse. Westliche Modelle der Übergangsjustiz können zwar hilfreich sein, stimmen jedoch möglicherweise nicht vollständig mit den Weltanschauungen der Dersimer:innen überein. So beruht das Verständnis von Gerechtigkeit im alevitischen Glauben nicht auf Vergeltung, sondern auf Wiederherstellung und spiritueller Verantwortlichkeit.

Wie die Arbeit von Erzbischof Tutu in Südafrika zeigte, können selbst Wahrheits- und Versöhnungsprozesse Gefahr laufen, äußere religiöse oder kulturelle Rahmen aufzuerlegen (Prager 2003). Ein spezifisch auf Dersim bezogener Ansatz würde dagegen lokale spirituelle Traditionen, gemeinschaftliche Normen und das kollektive Gedächtnis einbeziehen, um Heilung einzuleiten.

Schlussfolgerung

Das Dersim-Massaker prägt das Leben seiner Nachfahr:innen weiterhin – nicht als fernes historisches Ereignis, sondern als gelebte Realität, die Identität, Zugehörigkeit und emotionales Wohlbefinden beeinflusst. Das Trauma wurde nicht nur durch Schweigen und Erzählen weitergegeben, sondern auch durch Sprachverlust, Exil, politische Repression und kulturelle Unterdrückung.

Aus diesem Trauma ist jedoch zugleich eine starke Strömung der Resilienz hervorgegangen. Dersimer:innen sprechen, singen, schreiben und organisieren sich weiterhin – nicht nur, um zu erinnern, sondern auch, um das Verlorene zurückzugewinnen. Ihre Forderung nach Anerkennung, Gerechtigkeit und Heilung ist nicht nur eine Antwort auf die Vergangenheit, sondern auch eine Vorstellung von einer anderen Zukunft.

In diesem Sinne ist die Geschichte Dersims nicht ausschließlich eine Geschichte der Tragödie. Sie ist zugleich eine Geschichte des Überlebens, der Würde und der fortdauernden Kraft des kulturellen Gedächtnisses.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

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Zitation

  • Das Dersim-Massaker und die intergenerationale Traumatransmission
  • Autor: Çelik, Filiz
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 07.08.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-dersim-massaker-und-die-intergenerationale-traumatransmission-7379/
Çelik, Filiz (2025). Das Dersim-Massaker und die intergenerationale Traumatransmission. Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/das-dersim-massaker-und-die-intergenerationale-traumatransmission-7379/ (Abrufdatum: 07.08.2026)
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