Der sprechende Koran (Kur’an-ı Natık): Alevi-Deutungen des Korans
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Unter Gemeinschaften, die unter dem Dachbegriff „Alevi“ zusammengefasst werden, verweist die Aussage „Das Wort des *aşık* ist der Kern des Korans“ auf eine besondere religiöse Deutung. *Deyiş* und *nefes*, also Alevi- und Bektaschi-Hymnen, werden häufig sogar stärker verehrt als der Koran. Sie gelten als göttliche Worte der von Gott Auserwählten, also der Mitglieder des *güruh-ı naci*, der „geretteten Gemeinschaft“.Diese Sichtweise verwischt die Grenze zwischen Offenbarung und Inspiration. Sie überträgt das schiitische Konzept des *Kur’an-ı Natık* („sprechender Koran“) in die Alevi-Lehre. In diesem Zusammenhang wird die *saz* auch als *telli Kur’an*, also „Koran mit Saiten“, bezeichnet. Diese Deutung ist von schiitischen, sufischen und hurufitischen Traditionen geprägt.
In dieser Vorstellungswelt wird Ali häufig vergöttlicht oder mit der esoterischen Bedeutung des Korans gleichgesetzt, besonders in religiösen Hymnen. Gegenwärtige Alevit:innen haben jedoch unterschiedliche Haltungen zum Koran. Dazu gehören die Vorstellung, dass der Koran verfälscht worden sei, ebenso wie Formen seiner vollständigen Ablehnung. Zugleich werden bestimmte Suren, etwa al-Fatiha, verehrt und in Ritualen auf Türkisch rezitiert.
Diese Bevorzugung des Türkischen verweist auf die zentrale Bedeutung des esoterischen Sinns. Sie löst die Hierarchie zwischen dem Koran und den Worten der Heiligen auf. Zugleich zeigt sie die Alevi-Überzeugung, dass die Wahrheit im esoterischen Geheimnis, also im *sır*, liegt und oft durch die äußere Wirklichkeit verborgen wird.
Offenbarung und Inspiration[1]
Eines der häufig zitierten Alevi-Worte lautet: “Das Wort des âşık ist der Kern des Korans” (Âşığın sözü, Kur’an’ın özü). Alevi- und Bektaschi-Dichtung, die mit der saz begleitet wird und unter Bezeichnungen wie deyiş, nefes und ayet bekannt ist, gilt als eine Form göttlicher Rede. Alevi-Hymnen werden in spirituellen Praktiken oft dem Koran gleichgestellt oder sogar höher geschätzt. Der Grund dafür ist die Vorstellung, dass sie den inneren Sinn des Korans tragen.
Diese Sichtweise beruht auf der Überzeugung, dass Alevit:innen das von Gott erwählte Volk sind: der güruh-ı naci, also die in den Hadithen erwähnte “gerettete Gemeinschaft”. Nach dieser Vorstellung haben Alevit:innen den wahren Weg bewahrt, während der übrige Teil der islamischen Gemeinschaft davon abgewichen ist. Deshalb werden deyiş und nefes göttlich erwählten Menschen zugeschrieben, den “Freund:innen Gottes” oder vollkommenen Menschen (insan-ı kâmil). Diese Menschen haben ihren eigenen Willen aufgegeben und handeln durch die Wirkkraft Allahs.
Dieses Verständnis verwischt die Grenze zwischen göttlicher Offenbarung (vahiy) und spiritueller Inspiration (ilham). Das schiitische Konzept des Kur’an-ı natık (“sprechender Koran”), das sich dort auf die Imame bezieht, wird in der Alevi-Lehre neu gedeutet. Es bildet eine zentrale Grundlage dafür, Alevi-Dichtung in religiöse Praxis einzubeziehen. Auch die saz, die während des cem-Rituals die poetischen Vorträge begleitet, wird ehrfürchtig telli Kur’an genannt, also “Koran mit Saiten”.
Die deyiş enthalten viele Bezüge auf koranische Verse, etwa kalu bela (“sie sagten ja”, 7:172) und nahnu kasemna (“wir haben zugeteilt”, 43:32). Die Alevi-Bektaschi-Deutung des Korans verbindet Elemente aus schiitischem, sufischem und hurufitischem Denken. Einige Gedichte betonen die Einheit von Muhammad und Ali oder die Einheit der Zwölf Imame. In Hymnen und anderen poetischen Texten erscheint jedoch häufig eine Vergöttlichung Alis. In diesen Texten wird Ali als Verkörperung des tieferen, esoterischen Sinns des Korans dargestellt.
Gegenwärtiges Alevitentum
Gegenwärtige Alevit:innen zeigen unterschiedliche Haltungen zum Koran. Wichtig ist, dass unter manchen Alevit:innen die Vorstellung verbreitet ist, der Koran sei verfälscht worden. Daneben gibt es auch Positionen, die den Koran ablehnen. Auf der anderen Seite behalten bestimmte Suren und Verse ihren heiligen Status, auch wenn der heute vorliegende Koran nicht in seiner Gesamtheit verehrt wird. Diese Suren und Verse werden in Alevi-Rituale aufgenommen und meist auf Türkisch rezitiert. Besonders verbreitet sind die Sure al-Fatiha und der Lichtvers (24:35).
Diese Bevorzugung des Türkischen verweist auf die große Bedeutung des esoterischen Sinns. Die göttliche Botschaft wird hier mit ihrer inneren Bedeutung gleichgesetzt. Dadurch entsteht erneut eine Perspektive, die den hierarchischen Unterschied zwischen dem Koran und dem Wort des Heiligen auflöst.
Fazit
Die Heiligkeit Alevi-Hymnen beruht auf der Heiligkeit des Sänger-Dichters (âşık) und seiner Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft besitzt die Fähigkeit, den inneren Sinn des Korans zu enthüllen, zu deuten und zu verkörpern. Das Alevi-Verständnis des Korans zeigt daher eine spezifisch Alevi-Perspektive auf das Verhältnis zwischen dem Exoterischen (zahir) und dem Esoterischen (bâtın). In dieser Perspektive liegt die Wahrheit (hakikat) immer im Esoterischen, im sır, also im Geheimnis. Die äußere Erscheinung der Wirklichkeit wird häufig als Hindernis verstanden, als ein Schleier, der durchbrochen werden muss.
Ey sufi nutkuma gel eyle iman
Her sözüm Mevla’nın sözü gibidir
Tıpkı bana benzer Hazret-i Sübhan
İşte yüzüm anın yüzü gibidir
(Edib Harabi, Edib Harâbî Dîvânı (Karşılaşmalı Metin), hg. von Yıldız Balaban, Masterarbeit, İstanbul Kültür Üniversitesi, 2017, S. 349)
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