Die Munzur-Quellen: Lebendige Sakralität und räumlicher Wandel
Einleitung
Die Munzur-Quellen, die lokal als Çımê Muzıri bezeichnet werden, liegen heute im Dorf Ziyaret (Jiare) im Landkreis Ovacık in Dersim. Das Gebiet, in dem der Munzur-Fluss entspringt und das die reiche biologische Vielfalt des Munzur-Tal-Nationalparks speist, stand zu verschiedenen Zeiten auch im Mittelpunkt unterschiedlicher Naturschutzmaßnahmen. Die Munzur-Quellen lassen sich jedoch nicht allein über ihre natürlichen Eigenschaften oder ihren Schutzstatus definieren. Sie gelten als einer der bedeutendsten Glaubensorte des Alevitentums Dersims: als ein Ort, an dem Wasser, Stein, Pflanzen, Tiere und Menschen durch rituelle Beziehungen zusammenkommen, an dem Sakralität durch Besuchspraktiken erfahren und durch das kollektive Gedächtnis von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neu hervorgebracht wird.
Während die alevitische Glaubenskultur diesen Ort als Stätte des Besuchs und der Heilung versteht, hat seine Lage innerhalb der Dorfgrenzen ihn zugleich zu einem Bestandteil des dörflichen Alltags gemacht. Diese ambivalente Stellung der Quellen zwischen Sakralität und profanem Leben ist bemerkenswert. Sie sollte jedoch nicht lediglich als eine Situation verstanden werden, in der sich der Ort zwischen gemeinschaftlichen Glaubenspraktiken und dem Lebensrhythmus des Dorfes befindet. Die Quellen sind zugleich den Dynamiken des Naturschutzes und der Kommerzialisierung ausgesetzt.
Sakralität und Alltagsleben an den Munzur-Quellen
In Dersim wird der Glaube als Raa/Re/Yol bezeichnet. Im Unterschied zur vorherrschenden Kızılbaş-Tradition wird er durch eine ausgeprägte Relationalität zur Natur geprägt (Deniz 2016, 177-198). Beşikçi zufolge lautet die eigentliche Bezeichnung des alevitischen Glaubens Rêya Heq. Er beschreibt Raa Haq als eine “Naturreligion”, die auf wechselseitigen Beziehungen mit der Natur beruht. Demnach treten Menschen in gegenseitige Beziehungen mit Bergen, Gewässern, Bäumen und bestimmten Tieren, denen sie Schutzkräfte zuschreiben, indem sie ihnen Opfergaben darbringen (Beşikçi 2024, 162). Dieser Ansatz verdeutlicht, dass die Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen im Raa-Haq-Glauben weder ausschließlich symbolisch noch metaphorisch sind. Vielmehr werden sie durch Praktiken des Schutzes, der Opfergabe und der Gegenseitigkeit im Alltagsleben fortgeführt.
Der Raa-Haq-Glaube umfasst zwei Welten: die sichtbare, als zahir bezeichnete Welt und die unsichtbare, als batın bezeichnete Welt. Gezik und Çakmak zufolge ermöglicht die Bindung an die vier Instanzen rayber, pir, musahip und mürşit in der zahir-Welt, die Anforderungen der Stufen şeriat, tarikat, marifet und hakikat zu erfüllen. Wer seinen Verpflichtungen in der zahir-Welt nachkommt, erlangt die Befähigung, Zugang zum Wissen der batın-Welt zu erhalten. Selbst wenn eine Person dieses Wissen während ihres eigenen Lebens nicht erreicht, kann sie den Zugang dazu für nachfolgende Generationen ermöglichen. Die Bevorzugung der Bezeichnung Raa Haq gegenüber dem Begriff Alevitentum wird damit in Verbindung gebracht, dass dieser Glaube nicht auf eine ausschließlich auf Ali ausgerichtete Vorstellung begrenzt ist. Vielmehr umfasst er als Bestandteile des göttlichen Weges unterschiedliche sakrale Gestalten, Heilige, sakrale Orte und die Natur (Gezik und Çakmak 2010). Natur, sakrale Gestalten und sakrale Orte bilden in diesem Zusammenhang nicht lediglich das Umfeld des Raa-Haq-Weges, sondern gehören zu den konstitutiven Quellen dieser Glaubenswelt.
Auch Gültekin (2024, 120-49) verwendet den Begriff Raa Haqi als Bezeichnung für das Alevitentum Dersims beziehungsweise das kurdische Alevitentum. Gültekin zufolge wird Wirklichkeit im Raa-Haqi-Glauben nicht durch ein anthropozentrisches und einschichtiges Weltverständnis erfasst. In dieser Kosmologie wird die zahir-Welt – die sichtbare materielle Welt, die Menschen in ihrem Alltag erfahren – gemeinsam mit der batın-Welt gedacht, die von nichtmenschlichen Wesen bewohnt wird und in ständiger Beziehung zur zahir-Welt steht. Die sakralen Wesen der batın-Welt werden als jiare bezeichnet. Jiare sind weder abstrakte noch ausschließlich metaphysische Wesen. Es wird angenommen, dass sie wie Menschen über Geschlecht, Charakter, Verwandtschaftsbeziehungen und hierarchische Verhältnisse verfügen. Einige Jiare besitzen den Status eines wayir (Besitzers) und gelten als mächtige Wesen, die über andere Jiare herrschen. Diese sakralen Wesen sind in natürlichen Formen wie Bergen, Seen, Flüssen, Quellen, Wäldern und Bäumen verortet. Natürliche Elemente sind in der lokalen Vorstellung daher nicht lediglich Bestandteile einer unbelebten Umwelt. Sie werden vielmehr zu Subjekten mit Identität und Handlungsmacht, die Beziehungen zu Menschen herstellen können und Sakralität verkörpern (Gültekin 2024, 120-49).
Dieser ontologische Rahmen ist für das Verständnis der Sakralität der Munzur-Quellen von zentraler Bedeutung. Wasser, Erde, Fische, Bäume und Berge sind hier nicht lediglich Bestandteile eines sakralen Ortes, sondern Wesen, durch die Sakralität selbst hervorgebracht und aufrechterhalten wird. Berge, Seen, Flüsse, Quellen, Bäume und ähnliche Orte, an denen sakrale Wesen ihren Platz haben, werden dadurch zu sakralen Stätten, die als jiare besucht werden. Besuche bei den Jiare dienen als Glaubenspraktiken, welche die Beziehungen zu diesen sakralen Wesen festigen. Wasser, Erde, Stoffstücke und ähnliche Dinge, die von diesen Orten mitgenommen werden, werden als teberik bezeichnet. Auf diese Weise wird die Sakralität in den Alltag übertragen.
Innerhalb dieses kosmologischen Rahmens ist Munzur eine Gestalt, die von der zahir-Welt in die batın-Welt übergeht, das heißt, ins Geheimnis eingeht (sır olur). Im Raa-Haq-Glauben ist dieser Übergang kein Tod, sondern ein zyklischer Übergang, der als devriye bezeichnet wird. Munzur stirbt nicht, sondern besteht fort, indem er seinen Körper im Wasser, im Stein und im Berg verbirgt. Die Sakralität wird daher weniger von Munzurs individueller Person als vielmehr vom Wasser, von den Forellen, vom Stein und vom Berg getragen, mit denen er eins wird. Dass der bedeutendste Fluss und der bedeutendste Berg der Region seinen Namen tragen, macht Munzurs Sakralität nicht nur in den Erzählungen, sondern auch in der Geografie selbst sichtbar. Die Erzählungen über Munzur leben in unterschiedlichen Varianten sowohl in schriftlichen Quellen als auch in der Sprache, in den Gebeten und in den Alltagspraktiken der lokalen Bevölkerung fort. Teberiks wie Wasser und Erde, die zu Heilzwecken von diesem Ort mitgenommen werden, tragen ebenfalls gegenwärtige Spuren dieser Sakralität. Die Geschichte von Munzur, einem armen Hirten, der durch seine Wundertätigkeit dem Fluss und dem Berg seinen Namen gab, ist daher nicht lediglich eine Legende aus der Vergangenheit. Sie ist eine lebendige Erzählung, die in der Landschaft und im Alltagsleben fortbesteht. Munzurs Bedeutung ergibt sich somit nicht nur aus seiner legendären Vergangenheit, sondern auch aus den unterschiedlichen Formen, in denen seine Sakralität bis heute in der Landschaft und in alltäglichen Praktiken zum Ausdruck kommt.
Die Sakralität der Munzur-Quellen gründet weitgehend auf mündlichen Überlieferungen, die sich um die Wundertätigkeit von Munzur Baba entfalten. Obwohl sich in den von mir erhobenen Daten verschiedene Varianten der Legende finden, berichtet die am weitesten verbreitete Fassung, dass Munzur als Hirte bei seinem Herrn arbeitete. Während sich sein Herr auf der Pilgerfahrt nach Mekka befand, verspürte dieser den Wunsch nach Helva, wovon Munzur auf wundersame Weise Kenntnis erhielt. Munzur ließ Helva zubereiten und brachte sie durch ein Wunder zu seinem Herrn nach Mekka. Als der Herr nach seiner Rückkehr den Dorfbewohnern von diesem Wunder erzählte, wurde Munzurs Geheimnis offenbar. Daraufhin machte sich Munzur mit einem kupfernen, mit Milch gefüllten Eimer auf den Weg zum Berg. Er folgte der Spur der verschütteten Milch, ging bei seinem vierzigsten Schritt ins Geheimnis ein, und an der Stelle seines Verschwindens brach Wasser aus vierzig Quellen hervor.
Die Forellen, von denen im lokalen Glauben angenommen wird, dass sie in den Nächten zum Freitag den semah tanzen, das Wasser des Munzur-Flusses und andere sakrale Wesen gelten als Träger dieser Beziehung. Kurz gesagt wird Sakralität durch Beziehungen und Rituale zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen fortwährend neu hervorgebracht. In der Kosmologie des Alevitentums Dersims bilden die Munzur-Quellen einen relationalen sakralen Ort, an dem Menschen, Wasser, Fische, Bäume und andere nichtmenschliche Wesen als Bestandteile derselben kosmologischen Ordnung verstanden werden. Diese Ontologie errichtet keine hierarchische Trennung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen. Vielmehr treten alle Wesen als Mitglieder derselben moralischen Gemeinschaft auf der Grundlage von Gegenseitigkeit miteinander in Beziehung. Forellen sind daher nicht lediglich eine natürliche Tierart, sondern Wesen, die an Ritualpraktiken teilnehmen und Sakralität tragen. Die Munzur-Quellen sind folglich nicht nur eine Wasserquelle, eine natürliche Ressource oder ein Ort von wirtschaftlichem Wert. Vielmehr bilden sie einen lebendigen Glaubensort, der das Geheimnis Munzur Babas in der zahir-Welt sichtbar macht. Hier wird die Kontinuität zwischen der batın– und der zahir-Welt durch sakrale Steine, Gewässer und andere Wesen erfahren, während die Sakralität durch die Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen fortwährend neu hervorgebracht wird.
Innerhalb der Munzur-Quellen gibt es zentrale Stellen, an denen sich die Sakralität verdichtet und nach bestimmten Regeln erfahren wird. Das in lokalen Erzählungen als “der Ort, an dem Munzur ins Geheimnis einging” bezeichnete Gebiet, die Eiche und das Becken, dem heilende Kräfte zugeschrieben werden, bilden die wichtigsten Elemente im Zentrum dieses sakralen Ortes. Diese Elemente bestehen nicht unabhängig voneinander, sondern erhalten ihre Bedeutung innerhalb einer ganzheitlichen räumlichen Ordnung. Wasser, Stein, Baum, Becken und Fisch als Elemente des Sakralen sind nicht jeweils für sich Träger von Sakralität. Sakral werden sie vielmehr durch die Beziehungen, die sie innerhalb des lokalen Glaubenssystems miteinander und mit den Menschen eingehen.
Die Munzur-Quellen stellen ein besonderes Beispiel für einen sakralen Ort dar, der sowohl durch den im Alltag erfahrenen Raum als auch durch den über symbolische Bedeutungen gelebten Raum gemeinsam hervorgebracht wird. Für die lokale Bevölkerung bestehen keine eindeutigen Grenzen zwischen dem Sakralen und dem Alltäglichen. Das Alltagsleben wird vielmehr durch beständige Beziehungen zu sakralen Wesen und Orten geprägt. Sakralität ist daher keine Erfahrung, die auf bestimmte Zeiten oder Rituale begrenzt bleibt, sondern besteht im gewöhnlichen Verlauf des Lebens fort. Munzur nach einem Traum aufzusuchen, um lokma zu verteilen oder das Rituallicht (çerağ) “zu erwecken”, die im Munzur-Wasser lebenden Forellen ausschließlich zu Heilzwecken und in zwingenden Fällen zu fangen oder Wünsche am sakralen Ort auszusprechen, sind einige der alltäglichen Ausdrucksformen dieser Beziehung.
Naturschutz, Planung und Verweltlichung am Munzur
Die Umgestaltung der Munzur-Quellen von einem durch natürliche und religiöse Eigenschaften geprägten Ort zu einem Erholungs- und Freizeitgebiet ist keine Entwicklung, die erst in der Gegenwart entstanden ist. Spuren einer solchen räumlichen Vorstellung lassen sich bis in die frühe Republikzeit zurückverfolgen. Nach seinem Besuch im Dorf Ziyaret im Jahr 1939 berichtete Naşit Hakkı Uluğ von einem Gespräch mit General Alpdoğan, der die damalige militärische und administrative Autorität repräsentierte, über die Zukunftspläne für Ziyaret. Alpdoğan sah den Bau von Straßen zwischen Erzincan und Ovacık, eine bessere Erreichbarkeit von Ziyaret, die Errichtung eines Hotels in der Nähe der Quellen und die Umwandlung des Gebietes in eine “zivilisierte Ecke” vor, die Menschen zur Erholung aufsuchen sollten (Uluğ 2009, 102). Diese Vorstellung zeigt, dass Ziyaret bereits in dieser frühen Zeit nicht nur als ein durch Glaubenspraktiken mit Bedeutung versehener Besuchsort, sondern auch als eine geordnete Landschaft mit Verkehrswegen, Unterkunfts- und Erholungsmöglichkeiten neu gedacht wurde. Dieser Ansatz nahm in späteren Perioden durch unterschiedliche Naturschutzmaßnahmen eine neue Gestalt an.
Obwohl der 1971 zum Nationalpark erklärte Munzur-Tal-Nationalpark zu den bedeutendsten Schutzgebieten der Türkei zählt, liegen die Munzur-Quellen nicht innerhalb seiner Grenzen. Aufgrund ihrer natürlichen, ökologischen und religiösen Bedeutung wurden die Quellen dennoch zum Gegenstand verschiedener Naturschutzmaßnahmen. Mit dem Beschluss Nr. 1409 des Regionalrats Erzurum für den Schutz von Kultur- und Naturgütern vom 17. Juli 2003 wurde das Gebiet als Naturschutzgebiet ersten Grades registriert. Diese Einstufung definierte es als ein Gebiet, das mit Ausnahme wissenschaftlicher Forschungen in seinem bestehenden Zustand erhalten werden musste und im öffentlichen Interesse einen hohen Schutzstatus besaß (TMMOB 2025).
Nachdem 2013 die Grundsatzbeschlüsse der Zentralkommission für den Schutz von Naturgütern in Kraft getreten waren, begann die Neueinstufung natürlicher Schutzgebiete in “streng zu schützende sensible Gebiete”, “qualifizierte Naturschutzgebiete” sowie “Gebiete für nachhaltigen Schutz und kontrollierte Nutzung”. Durch einen Beschluss des Ministeriums für Umwelt, Urbanisierung und Klimawandel wurde der seit 2003 bestehende Status des Gebietes als Naturschutzgebiet ersten Grades im Jahr 2023 in “qualifiziertes Naturschutzgebiet” geändert.
Diese Veränderung des Schutzstatus sollte nicht lediglich als rechtliche und administrative Neuregelung verstanden werden. Sie ging mit verschiedenen Eingriffen einher, die sich unmittelbar auf die physischen, kulturellen und religiösen Bedeutungen der Munzur-Quellen auswirkten. Die in den vergangenen Jahren am Ort vorgenommenen Maßnahmen haben die Nutzungsformen und die Erfahrung des Besuchs neu gestaltet und damit eine erneute Diskussion über das Verhältnis zwischen Naturschutz, Entwicklung und Glaubenspraxis ausgelöst. In diesem Prozess haben sich die Munzur-Quellen zu einer dynamischen Landschaft entwickelt, in der unterschiedliche Vorstellungen verschiedener Akteure von Sakralität, Naturschutz, Nutzung und Entwicklung aufeinandertreffen. Zu den sichtbarsten Erscheinungsformen dieses Wandels gehören räumliche Maßnahmen, die auf Tourismus und Erholung ausgerichtet sind, die Aktivitäten des Wasserabfüllbetriebs Munzur Su sowie Veränderungen alltäglicher Nutzungspraktiken infolge wachsender Besucherzahlen.
Der erste Schritt zur Gründung des Wasserabfüllbetriebs Munzur Su, der innerhalb des Gebietes für nachhaltigen Schutz und kontrollierte Nutzung liegt, erfolgte am 28. Dezember 1999, als zahlreiche Teilhaber aus Dersim zusammenkamen. Die Produktion begann 2014. Güneş und Tuna zufolge wurde die Gründung des Betriebs mit dem Anspruch begründet, zur “Normalisierung” beizutragen und einen “gesellschaftlichen Nutzen” für Dersim zu schaffen (Güneş und Tuna 2012, 100). Die Autoren argumentieren außerdem, dass die Entscheidung der Investoren für den Flaschenwassersektor durch das beträchtliche Marktpotenzial beeinflusst wurde, das sich aus der engen Verbindung des Namens “Munzur” mit der Identität Dersims ergab. Aus dieser Perspektive lässt sich die Verwendung des Namens Munzur nicht nur als Versuch verstehen, gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen, sondern auch als bewusste Marketingstrategie, die auf der Beziehung zwischen der Identität Dersims und wirtschaftlichem Wert beruht. Das Wasser des Munzur ist damit zu einem auf dem Markt zirkulierenden Wirtschaftsgut geworden, ohne sich von seinen sakralen und lokalen Bedeutungen zu lösen.
Ein ähnlicher Wandel lässt sich bei der Umgestaltung der Munzur-Quellen für Erholungszwecke beobachten. Im Rahmen des Projekts zur Neugestaltung des Erholungsgebiets Munzur-Quellen, das von der Fırat-Entwicklungsagentur mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Umwelt, Urbanisierung und Klimawandel umgesetzt wurde, entstanden innerhalb des Glaubensortes neue Fußwege und umgestaltete Brücken. Im Eingangsbereich wurden Basaltsteine verlegt. Außerhalb des Schutzgebietes wurden ein Parkplatz, Verkaufsstände, ein Gendarmerieposten und Überwachungssysteme eingerichtet. Physische Begrenzungen wurden in Bereichen geschaffen, in denen Menschen zuvor das Wasser unmittelbar berühren, teberik mitnehmen oder die Becken zu Heilzwecken nutzen konnten. Diese Begrenzungen bestimmen nun, wie der sakrale Ort betreten werden kann und welche Formen des Kontakts dort möglich sind. Ein Besuchsort, der durch Ritualpraktiken erfahren wurde und durch seine alltägliche Nutzung Bedeutung erhielt, wurde dadurch zu einem Erholungsgebiet, in dem Bewegung und Nutzung bis zu einem gewissen Grad reguliert werden. Insbesondere die Sperrung der zu Heilzwecken genutzten Becken zeigt, dass physische Eingriffe, die mit dem Schutz des Ortes begründet werden, nicht immer mit der Fortführung lokaler Glaubenspraktiken übereinstimmen. Solche Eingriffe machen die Spannung zwischen einem nach Naturschutzvorstellungen gestalteten Raum und einem von der lokalen Bevölkerung erfahrenen und mit Bedeutung versehenen Raum sichtbar.
Der Wandel der Munzur-Quellen beschränkt sich nicht auf die physische Neugestaltung des Ortes. Auch die Munzur-Legende, eine der Erzählungen, durch die der Ort seine Bedeutung erhält, wird innerhalb veränderter gesellschaftlicher und politischer Kontexte neu interpretiert. Diese Beispiele zeigen, dass der Wandel der Munzur-Quellen über die physische Neugestaltung eines sakralen Ortes hinausgeht. Er stellt einen umfassenderen Prozess dar, in dem sich die Nutzungsformen des Raumes, die Bedeutungen der dort lebenden Wesen und die über den Ort erzählten Geschichten gemeinsam verändern.
Schluss
Die Munzur-Quellen sind kein Ort, an dem Sakralität ausschließlich in bestimmten Ritualen oder in aus der Vergangenheit überlieferten Erzählungen fortbesteht. Sie bilden vielmehr einen Glaubensort, an dem Sakralität durch die Beziehungen zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Wesen fortwährend neu hervorgebracht wird. Die Bedeutung der Quellen entsteht daher innerhalb eines Beziehungsgefüges, in dem sich das Natürliche und das Sakrale nicht voneinander trennen lassen. Munzurs fortdauernde Präsenz in den Erzählungen und in der materiellen Umwelt ist eines der zentralen Elemente dieser Kontinuität.
Der gegenwärtige Wandel der Quellen kann nicht als Verschwinden dieser Beziehungen, sondern als ihre Neugestaltung durch die Begegnung mit unterschiedlichen Akteuren und Raumvorstellungen verstanden werden. Eingriffe im Rahmen von Naturschutz, Erholung, Tourismus und wirtschaftlicher Nutzung gestalten neu, wie der Ort genutzt und erfahren wird, während lokale Glaubenspraktiken unter den veränderten Bedingungen fortbestehen. Daraus entsteht ein vielschichtiges räumliches Beziehungsgefüge, in dem keine eindeutigen Grenzen zwischen Sakralität und Naturschutz, Alltagsleben und touristischer Nutzung sowie lokalen Bedeutungen und wirtschaftlichem Wert bestehen.
Aus dieser Perspektive sollten die Munzur-Quellen weder ausschließlich als zu schützendes Naturgebiet noch lediglich als besuchter sakraler Ort verstanden werden. Sie bilden vielmehr einen Begegnungsraum unterschiedlicher Wesen, Erinnerungen und Nutzungsformen. Ihre gegenwärtige Bedeutung entsteht innerhalb der Kontinuitäten und Veränderungen, die aus diesen Begegnungen hervorgehen.
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