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Gağan (2)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Der Beitrag befasst sich mit der Tradition des Neujahrsfestes (Kaġand / Gağant / Gaxan) in Dersim. Die religiöse Gemeinschaft der Raa Haq und die armenischen Christen in Dersim feiern das Fest Gaxan (Kırmanci „Dezember“, auch asme gağene – „Monat Gaxan“; türkische Schreibweise: Gağan(t)) um die Wintersonnen- bzw. Jahreswende. Der Begriff Gaxan leitet sich vom armenischen Kaġand ab, das wiederum über die griechische Lehnübersetzung Kalantar auf das lateinische calendae („Kalender“, Beginn eines Jahres oder Monats) zurückgeht. Die damit verbundenen Rituale wie Hausbesuche und das Singen von Liedern, die mit Süßigkeiten belohnt werden, erstrecken sich von Georgien bis Griechenland mit regionalen Variationen und sollen dem Galandar-Fest (Alatakolos) der pontischen Griechen vom Schwarzen Meer ähneln. Tatsächlich ähneln sie jedoch am ehesten vorchristlichen und vorislamischen Traditionen.Wintersonnenwend- und Neujahrsfeiern in Dersim: Gağan
Die Religionsgemeinschaft Raa Haq und die armenischen Christen in Dersim feiern um die Wintersonnen- und Jahreswende das Fest Gaxan (Kırmanci “Dezember”, auch asme gağene – “Monat Gaxan”; türkische Schreibweise: Gağan(t)), wenn die dunkelsten Tage fast vorbei sind. In Kırdaşkî/Kurmancî wird das neue Jahr Îda Sersalê genannt, in Kırmanckî eher Roşanê Sera Newe. Gaxan leitet sich vom armenischen Kaġand – westarmenische Aussprache Gaġant – ab, das wiederum über die griechische Lehnübersetzung Kalantar auf das lateinische calendae (“Kalender”, Beginn des Jahres oder Monats) zurückgeht. Die damit verbundenen Rituale, wie Hausbesuche und das Singen von Liedern, die mit Süßigkeiten belohnt werden, erstrecken sich von Georgien bis Griechenland mit regionalen Variationen und sollen dem Galandar (Alatakolos)-Fest der pontischen Griechen vom Schwarzen Meer ähneln (Munzur 2014). Tatsächlich ähneln sie jedoch am ehesten vorchristlichen und vorislamischen Traditionen.
Das armenische Volk hat in seiner Geschichte vier verschiedene Neujahrsfeste erlebt: Kağand, Nawassard und Amanor. Genau wie die kurdische hat auch die armenische Kultur ihre Wurzeln in der indoiranischen Kultur. Bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. markierte die Sommersonnenwende den Jahreswechsel im iranischen Hochland, der mit großen Erntefesten gefeiert wurde. Unter den Achämeniden (6. bis 4. Jahrhundert v. Chr.) begann das Jahr offiziell mit der Frühlings-Tagundnachtgleiche (Nouruz). Unter persischem Einfluss begrüßten auch die Armenier das neue Jahr am 21. März, der das Erwachen der Natur symbolisiert. In allen armenischen Provinzen wurde Kaġand mit großen Festlichkeiten gefeiert, und in den Tempeln wurden festliche Rituale durchgeführt, begleitet von Opfergaben an die Götter.
Das dritte armenische Neujahr wurde am 1. Nawassard (11. August) gefeiert, dem Tag, an dem Hajk Nahapet, der mythische Stammvater der Armenier, den Titanen Bel besiegte. Nawassard war ebenfalls ein Fastentag. Traditionelle Gerichte wurden aus Hülsenfrüchten zubereitet: Bohnen (deren Hülse die Einheit der Familie und die Bohne selbst die Familie symbolisierte), Linsen, Trockenfrüchte, Nüsse usw. Das Neujahrsbrot, in das während des Backens eine Wahrsagungsmünze, die dovlat (von Türkisch devlet – “Staat”), gelegt wurde, diente als Tischdekoration. Das Brot wurde dann in 12 gleiche Stücke geschnitten, und dem Familienmitglied, das die dovlat erhielt, wurde Erfolg im neuen Jahr verheißen. Die Fastengerichte des Neujahrs am 1. Nawassard wurden in die heutigen Neujahrsfeierlichkeiten übernommen.
Das armenische Neujahrsbrot und der Dovlat entsprechen dem Gaxan-Gericht Babuko/Zirfet (Zere vet, Zerfet)/Sîr der Raa Haq-Religionsgemeinschaft. Babuko besteht aus einer Mischung aus Brot, Joghurt, Knoblauch und Butter und enthält drei Holzstücke, die Devlet (Türkisch: Staat), Cot-gar/Cıtkar (Bauer) und Qismet (Schicksal) genannt werden. Wer beim Essen den Devlet findet, gilt als Glücksbringer der Familie.
Im 18. Jahrhundert führte Katholikos Simeon Yerevantsi eine Kalenderreform ein, nach der die Armenier begannen, das neue Jahr am 1. Januar zu feiern. Die Ostarmenier nennen das neue Jahr Amanor (“Neujahr”) oder, in jüngerer Zeit, Nor Tar, während Westarmenier (einschließlich Dersim) es weiterhin Kaġand bzw. in westarmenischer Aussprache Gaġant nennen.
Bei dieser Feier erscheint auch ein Winterzauberer, der Kaġand Pap(uk) oder Mets Papuk (“Kaġand-Großvater”, “Urgroßvater”) genannt wird. Er ähnelt dem historischen Kirchenführer Katholikos Sahak Partev (Sahak der Parther, ca. 350 – ca. 438), der der Überlieferung zufolge mit einem Hirten- bzw. Bischofsstab sowie einem Mantel aus Schafsfell erschien.
Papuk Kaġand ist eine Figur, die nationale Werte und das traditionelle Ritualsystem bewahrt und an zukünftige Generationen weitergibt. Er wird von den zwölf Chlwliks (խլվլիկ – “listig”) und Arales[i] begleitet: Areg, Antes, Ani und Jera, Pusch, Imastun (“weise”), Jereg (“drei”), Tschtptik (“unberührbar”), Parfar (“weit entfernt”), Aspet (“Ritter”), Charmazan (“bezaubernd”) und Hasaran (“tausend”). Der Weihnachtsmann, der die Kinder mit seinem Schlitten besuchte, brachte ihnen zwar keine Geschenke, aber sieben Ratschläge für das neue Jahr: gegenseitiger Respekt, Frieden, Ehrlichkeit, Weisheit, harte Arbeit, Bescheidenheit und Zufriedenheit.
“Zu den Gağan-Bräuchen gehören Fasten, Besuche bei heiligen Orten (Jiares), das Anzünden von Çıras (rituelle Kerzen) und Cem-Zeremonien. Ein wichtiger Teil ist das rituelle Spiel ‘Khal u Fatık’, das den Tod des alten Jahres (Khal, ein alter Mann) und die Geburt des neuen Jahres (Fatık, eine junge Frau; [oft von einer als Frau verkleidetem Mann dargestellt]) zeigt. Diese Aufführung findet in Häusern statt und ist eine Mischung aus Theater, Witz und Heiligkeit. Sie zeigt den Wandel im Leben – von Alt zu Neu, von Dunkel zu Licht.
Auch das Teilen von Essen, Wasser und Feuer spielt eine wichtige Rolle. Gağan verbindet den Menschen mit der Natur und mit dem Göttlichen. Im Raa Haqi-Glauben ist die Zeit nicht gerade, sondern kreisförmig – Gağan ist ein Moment der Erneuerung. Die Rituale werden oft auf Kırmancki oder Kurmancî erzählt, mit alten Liedern und Geschichten über Werte, Ethik und Mythen.” (Gültekin 2025)
Die Anhänger des Raa-Haq-Glaubens – alevitische Kurden sowie alevitische Armenier in Dersim – feiern das dreitägige Gaxan-Fest zwischen dem 10. Dezember und dem 12. Januar des folgenden Jahres auf unterschiedliche Weise in verschiedenen Regionen, aber stets verbunden mit einem dreitägigen Fasten. Das Fest “dient dazu, dass sich die Menschen auf das nächste Jahr freuen und friedlich miteinander umgehen sollen, Streitigkeiten, die zwischen Menschen bestehen von der Welt abgeschafft werden sollen bevor das nächste Jahr beginnt und das nächste Jahr voller Freude, Glückseligkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Freundschaft, Frieden und Zufriedenheit ablaufen soll. Zudem ist es als Zeichen für das vergangene Jahr, für die Dankbarkeit, die man in sich trägt und für die Gaben, die man im vergangenen Jahr erzielt hat, dass man nicht verhungern musste. Es geht um ein friedliches, solidarisches Leben zwischen Menschen und Menschen, und Tieren und Menschen. Dafür beten die Menschen und dafür, dass es allen Individuen, sei es Tier oder Mensch, gut geht und es ihnen an Nichts fehlt. Und falls alle Bedürfnisse für alle gedeckt sind, bittet der Mensch darum, dass auch seine Bedürfnisse gedeckt werden.” (Delal 2015)
Es war ein uralter Brauch, während des Gaxan frisches Getreide oder Hirse zu kochen und es den eigenen Tieren zu füttern. Auf diese Weise zeigten die Menschen ihren Tieren ihre Dankbarkeit für das vergangene Jahr, in dem die Tiere die Menschen mit ihren Erzeugnissen vor Hunger und Armut bewahrt hatten.
Nach Mitternacht gingen die Frauen zu den Brunnen, um frisches Wasser zu schöpfen, das sie in der Küche, im Vorratsraum für Weizen und Mehl und im Stall als Weihwasser verwendeten, um ihr Haus und ihre Familie vor Unheil zu schützen. Zuvor sprachen alle ein Gebet und tranken einen Becher Wasser. Dieses Wasser wurde awa sersala nuw/awe sera newe (das Wasser des neuen Jahres) genannt.
Nachdem sie den Tieren das gekochte Getreide gefüttert hatten, tauchten sie einen Besen in einen Eimer mit frischem Wasser und besprengten die Tiere damit.
Auch die Tiere im Wald erhielten ihren Anteil an jedem Gericht, das auf großen Tellern unter einem hohen Baum abgestellt wurde. Dieser Anteil wurde gemeinsam als Gruppe in den Wald getragen.
Nachdem sie die Teller abgestellt hatten, beteten die Menschen erneut, dass das neue Jahr in Frieden und Glückseligkeit enden möge und dass alle Tiere im Wald ohne Krankheit und ohne Konflikte mit den Menschen leben mögen. Sie beteten ferner, dass die Tiere im kommenden Jahr nicht ohne Nahrung sein mögen. Schließlich zündeten sie drei Kerzen an. Diese stehen für “ya Xızır” (Hızır; arab. al-Chidr – “der Grüne”)[ii], “ya Mêhemend” (die Sonne; der Prophet Mohammed) und “ya Oli” (der Kalif Alī ibn Abi Ṭālib). Im Glauben der Raa Haq erfüllt der islamische Heilige Xızır als Verkörperung des Guten und der sich zyklisch erneuernden Natur dieselbe Aufgabe wie der armenische Pap(uk) Kaġand während des Gaxan-Festes.
In einem Interview im Jahr 2014 brachte Gönul Kamer, geboren 1958 in Dersim, die transkulturellen religiösen Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen armenischen Christen und Aleviten in Dersim zum Ausdruck: “Heute scheinen einige Armenier in Dersim Aleviten geworden zu sein und ihre Religion als Aleviten fortzuführen, aber in Wirklichkeit leben sie beide Kulturen. Wir sagen zum Beispiel ‘Hızır’. Er ist unser Weihnachtsmann, wir verehren denselben. In Tunceli haben die Aleviten Kerzen angezündet, wir haben auch Kerzen angezündet, wir haben unsere Gebete gesprochen. Es ist so ziemlich dasselbe. Sie fasten sieben Tage lang, und wir auch. Unsere Bräuche und Traditionen sind sehr ähnlich.” (Gündoğan 2022, 323)
Schlussfolgerung
Das Gaxan-Fest Dersims spiegelt eine einzigartige Verschmelzung kurdisch-alevitischer (Raa Haq) und armenischer Traditionen wider, die jeweils ihre Wurzeln in vorchristlichen und vorislamischen Jahreszeitenfesten haben. Seine Rituale, wie gemeinsames Teilen, Fasten, Tieropfer und Wassersegnungen, drücken eine tiefe spirituelle Ethik der Dankbarkeit, Solidarität und des Friedens zwischen Menschen und der Natur aus. Gaxan dient nicht nur als Neujahrsfest, sondern auch als lebendige Verkörperung transkultureller Erinnerung, interreligiöser Kontinuität und zyklischer Erneuerung des Lebens. Es bleibt ein lebendiges Beispiel für das pluralistische sakrale Erbe von Dersim.
Indem Gaxan die lokale Tradition und das Gewohnheitsrecht (adat) betont, wurde es sowohl in Dersim, als auch in der alevitisch-kurdischen Diaspora zu einem politisches Zeichen für das Überleben kurdischer Identität und Kultur, obwohl oder gerade weil die türkische Republik versucht hatte, diese systematisch zu unterdrücken. “Gağan ist mehr als ein Fest – es ist eine heilige Zeit zum Erinnern, zur Reinigung der Seele und zur Stärkung des gemeinsamen Weges in die Zukunft”, urteilt deshalb Ahmet Kerim Gültekin (Gültekin 2025).
Çelik, Hıdır Eren. 2019. Dersim: Geburtsstätte der alevitischen Legenden: Xızır (Hızır)-Kult und Rêya-Xaq-Glaube. Bonn: Free Pen Verlag.
Delal. 2015. Gagan Fest in Dêrsim und weiteren Regionen. “Deutsch-Werden.de. https://deutsch-werden.de/de/gagan-fest-dersim-und-weiteren-regionen. Zugriffsdatum: 19.01.2015.
Gültekin, Ahmet Kerim (Kurator). 2025. Felsen, Wasser und Feuer: Heilige Landschaften der Alevis von Dersim: Glaube, Migration und heilige Räume in der deutschen Diaspora. Virtuelle Ausstellung des Landesmuseums Oldenburg, https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/heilige-geografie-dersim-und-diaspora#:~:text=Auch%20das%20Teilen%20von%20Essen%2C%20Wasser%20und,%E2%80%93%20Ga%C4%9Fan%20ist%20ein%20Moment%20der%20Erneuerung. Zugriffsdatum: 19.01.2026
Gündoğan, Kazım. 2022. Alevileş(tiril)miş Ermeniler: Dersimli Ermeniler-2; “Biz İsa’ya Tabiyiz, Ali’ye Mecburuz”. Istanbul: Ayrıntı Yayınları.
Ishkol-Kerovpian, K. 1986. “Mythologie der vorchristlichen Armenier.” In: Wörterbuch der Mythologie. I. Abteilung: Die alten Kulturvölker, Band IV, 1. Teil: Die Kaukasischen Völker, 88-89. Stuttgart: Klett Verlag.
Kharatyan, Hranoush. 2014. “La recherche identitaire au Dersim Partie 2 : les Arméniens alévisés du Dersim.” Repair: Plateforme Arméno-Turque, June 25, 2014. https://repairfuture.net/index.php/fr/l-identite-point-de-vue-d-armenie/la-recherche-identitaire-au-dersim-partie-2-les-armeniens-alevises-du-dersim. Internetzugriff: 19.01.2026
Munzur, Sherwan. 2014. “RAA HAQ – Die Aleviten in Dêrsim.” RAA Haq – Die Aleviten in Dêrsim (Blog), 18. Juli 2017. Zugriffsadresse: https://raahaq.wordpress.com/2017/07/18/first-blog-post/. Zugriffsdatum: 19.01.2026