Jiare / Ziyaret – (Heilige Orte und Objekte) im Raa-Haqi-Glauben (Dersimer Alevitentum)

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.

Das Konzept des Jiare – heiliger Orte oder heiliger Objekte mit spiritueller Präsenz – bildet ein zentrales Element des Raa-Haqi-Glaubenssystems. Es wird vor allem von kurdischen Alevit:innen im weiteren kulturellen Raum Dersim praktiziert, die Kurmancî oder Kırmanckî sprechen. Im Unterschied zu formalisierten Gebetsstätten der abrahamitischen Religionen sind Jiare meist natürliche Formationen wie Berge, Felsen, Flüsse, Seen, Bäume und Quellen, aber auch bestimmte Objekte oder Relikte mythologischer Ahnengestalten. An diesen Orten überschneiden sich das Heilige und das Alltägliche im täglichen Leben. Jiare sind nicht nur Orte individueller Frömmigkeit und ritueller Praxis, sondern wirken zugleich als Träger kollektiver Erinnerung, ökologischer Ethik und intergenerationeller Weitergabe von Glaubenswissen.

Die Jiare-Tradition verkörpert eine Kosmologie, in der Natur als belebt und personalisiert verstanden wird und in der göttliche Präsenz über lokale Landschaften und mythisch-historische Erzählungen erfahrbar ist. Rituale wie das Entzünden von Kerzen, das Darbringen von niyaz (heiliger Speise) oder das Tanzen von semah werden im Rahmen von cem-Zeremonien an Jiare-Orten vollzogen. Diese Praktiken erfolgen ohne zwingende priesterliche Vermittlung und ermöglichen eine eher horizontale und unmittelbare religiöse Erfahrung. In dieser Hinsicht steht die Jiare-Praxis im Kontrast zur hierarchischen Autorität des Ocak-Systems, das auf heiligen Abstammungslinien beruht, und eröffnet den Gläubigen eine alternative Form spiritueller Handlungsfähigkeit.

Im Kontext von Moderne, Migration, sozial-politischer Repression und physischer Gewalt haben sich Jiare-Praktiken zu wichtigen Mechanismen kultureller und spiritueller Resilienz der kurdisch-alevitischen Gemeinschaft entwickelt – sowohl in Dersim als auch in der westeuropäischen Diaspora. Von der Verteidigung heiliger Berge gegen Bergbauprojekte bis hin zur diasporischen Wiederbelebung der Dersimer Identität durch errichtete Statuen in Deutschland fungiert das Jiare als dynamische Achse zur Artikulation von Identität, Widerstand und Zugehörigkeit. In diesem Sinne zeigt sich, wie indigene Kosmologien wie Raa Haqi sich an gegenwärtige Bedingungen anpassen, ohne ihre Verwurzelung in den angestammten Landschaften aufzugeben.

Einleitung: Raa-Haqi-Kosmologie und die heilige Landschaft von Dersim

Unter den kurdischen Alevit:innen von Dersim (Anhänger:innen des Raa Haqi; in Kırmanckî “Der Weg der Wahrheit”; türkisch ziyaret) eröffnet das Konzept des Jiare (heiliger Ort oder heiliges Objekt) eine grundlegend andere Weise, mit dem Göttlichen, der Landschaft und kollektiver Identität in Beziehung zu treten. Jiare sind keineswegs statische Erinnerungsorte oder konventionelle Pilgerziele. Sie werden vielmehr als lebendige, handelnde und relationale Knotenpunkte einer dynamischen Kosmologie verstanden, die sich durch Praktiken des Gehens, Gelobens, Erinnerns und Widerstehens formt. Verankert in der Batın-Welt (innere/verborgene Dimension) der Raa-Haqi-Kosmologie fungieren sie als Vermittler zwischen den Lebenden und der unsichtbaren Welt, zwischen irdischen und ahnengeschichtlichen Räumen sowie zwischen dem sozialen Körper und dem Land selbst. Dieser Eintrag untersucht Jiare nicht nur als “heiligen Ort oder Gegenstand”, sondern als eine zentrale epistemologische und ontologische Kategorie im kurdisch-alevitischen Alltag, in Ritualen und in kosmopolitischen Aushandlungen.

Um die Lebendigkeit der Jiare zu verstehen, müssen sie in die umfassendere Kosmologie des Raa Haqi eingeordnet werden – ein in sich stimmiges, nicht-textuelles religiöses Weltverständnis, das gängige Kategorien von “Religion” und “Islam” herausfordert. Raa Haqi erschöpft sich nicht in theologischer Abstraktion, sondern wird als situiertes Wissenssystem gelebt, das in Natur, kollektiver Erinnerung, Emotionen und Verwandtschaft gründet. Anders als abrahamitische, stark orthopraxische Traditionen äußert sich Raa Haqi durch verkörperte Rituale, mündliche Überlieferung und relationale Ethik. Diese werden durch eine doppelte religiöse Autoritätsstruktur vermittelt: durch die Ocak-Linien (erblich übertragene heilige Familien) und durch die heiligen Orte oder Objekte selbst. Angesichts politischer Gewalt im frühen 20. Jahrhundert – insbesondere des Massakers von 1938 und der Zwangsvertreibungen der 1990er Jahre – sowie durch Modernisierung und Migration wurden traditionelle Netzwerke zwischen pirs und talips geschwächt. In diesem Kontext traten Jiare als dezentralisierte, aber beständige Achsen religiösen Lebens hervor. Sie eröffneten Zugang zur Batın-Welt und ermöglichten religiöse Praxis im Alltag ohne klerikale Vermittlung (Gültekin 2019, 2020; siehe auch Deniz 2019, 45-75; Göner 2012; Gürtaş 2015, 309-37).

Die Wallfahrt zu Jiare ist in diesem Sinn keine Pflicht, sondern eine zutiefst personalisierte Form spiritueller Begegnung. Jeder Ort ist von einer mythischen Präsenz bewohnt – etwa Munzur, Kemere Duzgı (Düzgün Baba) oder Xızır – und mit spezifischen Erzählungen von Verwandlung, Opfer oder Widerstand verbunden. Dies sind keine Metaphern, sondern lebendige Genealogien, in denen Landschaft und Erinnerung ineinandergreifen. Die heilige Geografie von Dersim erscheint daher nicht als bloße Kulisse, sondern als handelnde Akteurin der Raa-Haqi-Kosmologie: ein Land, das atmet, hört, straft und vergibt. Jedes Element dieser Landschaft kann als spiritueller Wegweiser wirken – mit anthropomorphen Zügen -, wenn kein menschlicher verfügbar ist oder bewusst nicht gewählt wird (Gültekin 2022, 570-88).

Dieser Ansatz rahmt Dersim nicht nur als historische Region, sondern als jiar u diyar – ein umfassendes heiliges Territorium, dessen Bedeutung durch alltägliche Andachtsgesten, kollektive Rituale und eine Politik der Fürsorge für Land und Gemeinschaft entsteht. In diesem Sinne werden Jiare zu epistemischen Räumen, in denen Alevis von Dersim Identität, Erinnerung und religiöse Zugehörigkeit neu konstituieren – jenseits staatlicher Anerkennungslogiken und sunnitisch-islamischer Orthodoxie. Dieser Eintrag argumentiert, dass die Eigenart des Raa Haqi, seine Resistenz gegenüber kolonialen Kategorien von “Religion” und seine fortdauernde Vitalität in Dersim wie auch in der Diaspora nur dann angemessen erfasst werden können, wenn Jiare als Konzept und Praxis ins Zentrum gestellt werden (Gültekin 2019).

Die Bedeutung von Jiare: mehr als ein “heiliger Ort”

In der Kosmologie des Raa Haqi ist Jiare (türkisch ziyaret) nicht nur ein neutraler “heiliger Ort” oder ein “heiliges Objekt”, wie es in vielen Übersetzungen heißt. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine vielschichtige epistemische und ontologische Kategorie. Jiare umfasst Mythos, Ethik, Ritual und soziale Ordnung und bildet eine zentrale Grundlage der gelebten Religiosität der kurdischen Alevit:innen in Dersim. Das Jiare-System ist keine randständige Volkspraktik, sondern eine der beiden Hauptachsen religiöser Autorität im Raa Haqi. Es ergänzt das erbliche Ocak-System und wirkt in vielen Fällen eigenständig als Träger göttlicher und moralischer Handlungsmacht (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29; siehe auch Gezik & Çakmak 2010).

Im Kırmanckî besitzt das Wort Jiare ein doppeltes Bedeutungsfeld. Erstens bezeichnet es “heilige Reliquien”. Dazu zählen personalisierte und vergegenständlichte Träger mystischer Kraft wie Stäbe, Handschuhe, Becher, Stöcke oder Haarlocken. Diese werden oft innerhalb von Ocaks oder bestimmten talip-Familien weitergegeben. Entscheidend ist jedoch der Glaube, dass nicht die Menschen die Reliquie wählen, sondern dass die Jiare selbst ihren Hüter auswählt. Diese zugeschriebene Eigenagency markiert einen Bruch mit der Ocak-Autorität, da eine Reliquie göttlichen Willen aus der Batın-Welt tragen kann, unabhängig von institutioneller Zuweisung (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29; Gezik & Çakmak 2010).

Zweitens – und für die kollektive Praxis zentraler – bezeichnet Jiare heilige Landschaften: Berge, Quellen, Bäume, Steine, Höhlen oder ganze Täler. Im Unterschied zu gebauten Kultstätten werden diese Orte nicht geschaffen, sondern “offenbart”, etwa durch Wunder, Überlieferung oder ein mythisches Ereignis. Viele sind mit Xızır, Derwischen oder Tierführern verbunden. Ihre Autorität hängt jedoch nicht von klerikaler Anerkennung ab, sondern zeigt sich in ihrer Wirkung: in Heilungen, Wundergeschichten und in ihrer Fähigkeit, ethisch-moralische Normen durchzusetzen (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).

Jede Jiare gehört zur Batın-Welt, also zur verborgenen Wirklichkeit, die neben der sichtbaren (Zahir) existiert. Diese Welt ist bevölkert von Propheten und Heiligen, aber auch von mılaket (engelartigen Wesen), Geistern und elementaren Kräften. Jiares sind Knotenpunkte dieses unsichtbaren Netzes und wirken als lebendige moralische Autoritäten. Sie sind geschlechtlich markiert, hierarchisch geordnet und regional verankert. Sie können sexuelle Enthaltsamkeit, rituelles Schweigen oder ökologischen Respekt verlangen. Verstöße können spirituelle Folgen haben, etwa Krankheit, Unfruchtbarkeit oder soziale Unordnung (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).

Wie ich (Gültekin 2020) gezeigt habe, bildet das Jiare-System eine mehrstufige heilige Topologie, die eng mit den clan-, stammes- und regionsbezogenen Sozialstrukturen Dersims verbunden ist:

Haus- und Familien-Jiares: Oft abgelegen in bergigem Gelände. Sie sind einzelnen Familien oder kleinen Weilern zugeordnet. Meist handelt es sich um Steine, Schutzbäume oder Heilquellen. Sie sind nicht zwingend mit Derwischen oder Ocaks verbunden, sondern mit direkter Erfahrung und familiärer Erinnerung.

Lokale Nisange (Markierungen): “Wegweiser-Jiares” auf Hügeln oder Graten, die auf größere, entfernte Jiares ausgerichtet sind. Sie ermöglichen symbolische Besuche, wenn eine reale Pilgerfahrt nicht möglich ist. So wird der Zugang demokratisiert, während die heilige Hierarchie anerkannt bleibt.

Regionale kollektive Jiares: Diese binden mehrere Dörfer oder ganze Täler. Sie dienen als rituelle Zentren bei Kalenderfesten, besonders in bestimmten heiligen Zeiten (z. B. während der Xızır-Monate). Sie besitzen höheres spirituelles Prestige und sind oft mit der Erinnerung an heilige Ahnen verbunden.

Makro-Linien-Jiares: Diese stehen für ganze Ocak-Systeme oder intertribale Netzwerke. Sie sind personifizierte Wesen wie Duzgı, Munzur oder Xızır. Ihre Wirkmacht reicht über einzelne Täler hinaus. Ihnen wird zugeschrieben, “Kerzen” oder “Feuerkugeln” an kleinere Jiares zu senden – ein Symbol spiritueller Kommunikation und Hierarchie.

Jede Jiare ist mit einem Mythos verbunden. Diese Erzählungen sind zugleich moralisch, kosmologisch und historisch. Sie definieren angemessenes Verhalten, strukturieren soziale Werte und legitimieren landbezogene Ansprüche von Gemeinschaften. Ihre Heiligkeit ist nicht architektonisch, sondern performativ. Sie lebt in Gelübden, Opfergaben, Erzählungen und rituellem Schweigen (Gültekin 2020).

Zugleich ist die Jiare-Struktur eine religiös-politische Landkarte. Sie zeigt eine dezentrale, talip-zentrierte religiöse Autorität, die auch dann fortbestand, als Ocak-Strukturen fragmentiert wurden. In der Gegenwart bleibt die Jiare-Kultur lebendig, etwa in Pilgerpraktiken, saisonalen Ritualen und im ökologischen Widerstand, besonders gegen Bergbau, Massentourismus und Umweltzerstörung (Gültekin 2019).

Wenn Jiares als autonome, plurale und aktive nicht-menschliche Subjekte verstanden werden, die tief in soziale, geschlechtliche und politische Beziehungen eingebettet sind, lässt sich besser begreifen, wie sich Raa Haqi außerhalb staatlicher Ordnung, außerhalb religiöser Orthodoxie und durch eine eigene Grammatik heiliger Orte reproduziert.

Jiare und die doppelte Autoritätsstruktur: Ocak und Jiare

Die Kosmologie des Raa Haqi beruht auf einer doppelten religiösen Autoritätsstruktur. Die Ocaks stehen für den sichtbaren Bereich (Zahir), die Jiares für den verborgenen Bereich (Batın). Zusammen tragen diese beiden miteinander verbundenen Systeme die religiöse, moralische und soziale Ordnung der kurdischen Alevit:innen in Dersim und in der Diaspora. Beide Ebenen regeln unterschiedliche, sich aber überschneidende Bereiche des Alltagslebens und prägen persönliche Identität, gemeinschaftliche Zugehörigkeit und das Verhältnis zum Heiligen (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).

Das Ocak-System besteht aus erblichen Netzwerken von Pirs und Anas sowie Raybers und Mürşids. Es bildet den formalen und hierarchischen Rahmen des Raa Haqi und gehört zum Zahir-Bereich. Diese Struktur ist stark an Verwandtschaft gebunden. Die Gläubigen (Talips) sind rituell und sozial an ihr jeweiliges Ocak gebunden. Das Ocak gibt religiöse Orientierung und ordnet das gesamte Gemeinschaftsleben. Rituale wie der Cem, Ahnenverehrung, moralische Schlichtung und Übergangsriten werden unter der Autorität der Ocak-Figuren durchgeführt. In diesem Bereich bedeutet Haq nicht nur göttliche Wahrheit, sondern auch vermitteltes Wissen. Wahrheit wird gemeinsam erlernt und durch rituelle Praxis erreicht (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).

Ocaks wirken auch als Vermittler zwischen Zahir und Batın. Nur über die Abfolge Talip > Rayber > Pir > Mürşid ist ein tieferer Zugang zu metaphysischem Wissen möglich. Historisch bildeten Dorfleben und Großfamilie die räumliche Grundlage dieses Systems. Die Struktur ist geschlechtlich geprägt, schließt aber weibliche spirituelle Figuren (Anas) mit ein. Zudem wird Pirs die Fähigkeit zu Wundern (Keramet) zugeschrieben, durch die sie zeitweise Zahir und Batın verbinden.

Die zweite Autoritätsebene liegt im Batın-Bereich. Sie wird von Jiares und anderen nicht-menschlichen Akteuren getragen, etwa Wayırs, Milakets (engelartigen Wesen), Peris und den Geistern von Heiligen oder Ahnen. Hier ist das Heilige nicht institutionell, sondern relational und erfahrungsbezogen. Jiares gelten als eigenständige moralische Akteure mit eigener Wirkkraft, mit Geschlecht, Charakter und emotionaler Präsenz. Sie bilden das Zentrum einer dezentralen, talip-orientierten Religiosität, die als persönliche Frömmigkeit verstanden werden kann und außerhalb der formalen Ocak-Strukturen wirkt (Gültekin 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29).

Im Unterschied zu gemeinschaftlichen Cem-Ritualen ist die Praxis an Jiares alltäglich und persönlich. Gläubige treten mit heiligen Orten durch Berührung, Licht, Stille, Wasser oder Träume in Beziehung. Diese Rituale folgen keinem festen Regelwerk und benötigen keine Vermittlung durch Pirs. In manchen Fällen entstehen symbolische Verwandtschaften wie Kirvelik mit der Jiare selbst. Solche Beziehungen legitimieren moralische Ansprüche und soziales Handeln. Jiares wirken damit als ethische Instanzen auch ohne menschliche Geistliche (Gültekin 2022, 570-88).

Zugleich eröffnen Jiares einen direkten Zugang zu Hakikat, der inneren Wahrheit. Während im Zahir-Bereich Wahrheit durch angeleitetes Lernen erreicht wird, geschieht sie hier durch persönliche Erfahrung: durch Träume, Niyaz, wundersame Heilungen oder Begegnungen mit einer personifizierten Jiare. Im Batın-Kosmos sind weibliche Wesen besonders präsent. Viele Jiares sind weiblich konnotiert und stehen für Mitgefühl, Fruchtbarkeit oder Schutz.

Beide Systeme, Ocak und Jiare, gehören untrennbar zum Raa Haqi. Doch die politischen und sozialen Umbrüche des 20. Jahrhunderts, besonders die Gewalt von 1938 und die Zwangsvertreibungen der 1990er Jahre, haben die Ocak-Strukturen stark geschwächt. Mit der Auflösung des dörflichen Lebens und der Migration in Städte und nach Westeuropa verloren viele Talips den Kontakt zu ihren Ocaks. Jiares blieben jedoch bestehen, real oder symbolisch, und wurden zu dauerhaften spirituellen Ankerpunkten (Gültekin 2019, 2020).

Heute gestalten viele Talips ihr religiöses Leben fast vollständig über Jiare-Praktiken. Sie passen Pilgerwege an, halten Gelübde ein und übertragen heilige Geografie in die Diaspora. Dadurch hat sich das Gleichgewicht religiöser Autorität verschoben. Der Batın-Bereich hat an Eigenständigkeit gewonnen. Der Cem bleibt ein zentrales Ritual des Zahir, doch der religiöse Alltag vollzieht sich meist über Batın-Erfahrungen wie Träume, heilige Orte und persönliche Wunder. Jiares sind damit der wichtigste Zugang zum Heiligen geworden (Gültekin 2019, 2020).

Dieses doppelte System ist nicht nur ergänzend, sondern auch von Spannungen geprägt. Wie ich gezeigt habe (Gültekin 2022, 570-88; 2024a, 513-26; 2024b, 17-55; 2025, 405-29), besteht seit Langem eine Konkurrenz zwischen Ocaks und Jiares um religiöse Legitimität und Ansehen. In der Praxis wenden sich Talips oft der zugänglicheren und unmittelbarer reagierenden Autorität zu, der Jiare. In manchen Fällen übertrifft das spirituelle Ansehen einer Jiare sogar das eines Ocaks, etwa wenn Jiares “Feuer senden”, in Visionen erscheinen oder ihre Hüter selbst auswählen. Religiöse Autorität im Raa Haqi ist daher nicht einheitlich, sondern plural, beweglich und verhandelbar. Sie verbindet institutionelle Führung mit mystischer Autonomie, Blutlinie mit Berg, Abstammung mit Quelle, Pir mit Stein.

Rituelle Praktiken an Jiares sind körperlich, geschlechteroffen und tief im Batın-Verständnis des Raa Haqi verankert. Zentrale Elemente sind Niyaz (Gaben), Kurban (blutige und unblutige Opfer), Kerzenanzünden, das Berühren heiliger Steine und das Schlafen am Ort, um Träume zu empfangen. Diese Rituale dienen Heilung, der Erfüllung von Gelübden, Trauerarbeit und persönlicher Wandlung. Musik, besonders Deyişs, und heilige Objekte schaffen eine emotionale Nähe zum Göttlichen. Im Gegensatz zu Ocak-geleiteten Zeremonien sind Jiare-Rituale dezentral und werden oft von Frauen oder Talips getragen. Sie stärken eine demokratische, erfahrungsnahe Religiosität, die in Landschaft und Alltag verwurzelt ist (Gültekin 2020).

Sakrale Topografien des Widerstands: Jiare, Identität und transnationale Kämpfe

In der Kosmologie des Raa Haqi ist Jiare nicht nur ein Ort der Andacht, sondern auch eine symbolische und materielle Achse des politischen und ökologischen Widerstands. In den letzten drei Jahrzehnten richteten sich staatliche Eingriffe direkt gegen heilige Orte in Dersim. Dazu gehören militärische Operationen, die die Landschaft stark zerstörten, der Bau von Staudämmen, Bergbauprojekte sowie touristische “Entwicklungspläne”. Diese Angriffe sind nicht nur Umweltzerstörung. Sie stellen einen ontologischen Angriff auf die lebendige Kosmologie des Raa Haqi dar. Als Reaktion darauf haben Alevit:innen aus Dersim kollektive Erinnerung und rituelle Kraft mobilisiert, sowohl durch lokalen Aktivismus als auch durch digitale Kampagnen in der Diaspora. Soziale Medien, transnationale Gemeindeorganisationen und Jugendinitiativen deuten Umweltkämpfe nicht als säkulare Ökologiefragen, sondern als Verteidigung des Heiligen. Das Land gilt nicht als Ressource, sondern als Verwandter. Widerstand wird zu einem rituellen Akt (Gültekin 2021, 225-43).

Diese erneute Sakralisierung des Territoriums ist besonders in der Diaspora sichtbar. Dort werden Jiares neu interpretiert und neu verortet. Friedhöfe, Gedenktage, Fotoarchive und sogar Online-Jiare-Zeremonien fungieren als Stellvertreter für nicht zugängliche heilige Landschaften. Durch transnationale Feste und gemeinschaftliche Gedenkformen “wandert” die Batın-Welt mit. Sie trägt ihre Symbole, Erzählungen und moralischen Codes weiter. Was früher eine leise, verborgene Praxis war, wird zu einer öffentlichen Handlung. Verborgene Frömmigkeit wird zu kollektiver Selbstbekennung. Dieser Übergang vom “Verborgenen” zum “Sichtbaren” bedeutet keinen Verlust an Authentizität. Er zeigt vielmehr eine neue Form von Raa-Haqi-Religiosität, die durch Vertreibung und transnationale Zugehörigkeit geprägt ist.

In diesem Zusammenhang wird Jiare zu einem zentralen epistemischen und emotionalen Anker der Dersim-Identität. Diese Identität verbindet Raum, Erinnerung und Glauben. Für kurdische Alevit:innen, die den Zugang zu ihren Ocaks oder Herkunftsdörfern verloren haben, bietet Jiare eine konkrete Kontinuität von Zugehörigkeit und Praxis. Über Jiare wird moralisches Wissen weitergegeben, soziale Grenzen werden neu gezogen und sakrale Verwandtschaften erneuert. Die Wiederbelebung einer von Talips getragenen Religionspraxis, besonders dort, wo institutionelle Autorität fehlt, ermöglicht eine neue Aneignung von kulturellem Erbe. Gleichzeitig entstehen neue Horizonte: ökologische Spiritualität, Geschlechtergleichheit, rituelle Demokratie und ein radikaler Säkularismus. Dieser widersetzt sich sunnitisch-islamischer oder politisch-islamistischer Dominanz nicht nur durch Ablehnung, sondern durch ontologische Andersartigkeit (Gültekin 2021, 225-43).

So ist Jiare nicht nur ein Ort des kulturellen Gedächtnisses oder ein theologisches Konzept. Jiare wirkt als aktiver Akteur bei der Gestaltung einer alternativen Zukunft. In Dersim wie auch in der Diaspora steht die Jiare-Praxis für eine Form ökologischer Kosmopolitik. Hier verbinden sich der Schutz des Landes, die Bewahrung ritueller Praxis und die Neugestaltung von Identität in Handlungen des Widerstands, die zugleich spirituell, ökologisch und politisch sind.

Schluss: Raa Haqi als eine Religion des Ortes

In der Raa-Haqi-Tradition sind Jiares keine passiven Reste von Mythen. Sie sind aktive, fühlende Archive kosmologischer Wahrheit und kollektiver historischer Erfahrung. Jeder heilige Ort ist vielschichtig erzählt: das Verschwinden von Düzgün Baba im Berg zum Schutz seines Gelübdes, die zu Milch gewordenen Wasser des Munzur oder das trauernde Flussbett von Halvori. Diese Geschichten werden nicht nur erinnert. Sie werden begangen, berührt, vollzogen und bei jeder Pilgerhandlung neu belebt. Sie bilden ein mündliches Archiv, das über Generationen hinweg durch Deyiş, Körpergesten, rituelles Schweigen und eine Haltung der Ehrfurcht weitergegeben wird. Auf diese Weise wird Raum selbst zu Wissen. Er wird zu einem Erkenntnisfeld, in dem Geschichte, Identität und Glaube zusammenkommen.

Über die mythische Ebene hinaus nehmen Jiares auch neuere Schichten der Erinnerung auf. Dazu gehören Orte von Massakern aus dem Jahr 1938 oder Guerillagräber aus den 1990er Jahren. Diese Bedeutungen schreiben Schmerz und Widerstand in die Landschaft ein. So werden Jiares zu emotionalen Archiven des Überlebens. Die Batın-Kosmologie bewahrt daher nicht nur die Geheimnisse von Heiligen und Geistern. Sie ist auch der Ort, an dem unausgesprochene Geschichte lebt. In diesem Sinn ist das Jiare zugleich theologisch und politisch, heilig und verwundet.

Aus dieser heiligen Geografie entsteht ein Religionsverständnis, das radikal ortsgebunden ist. Raa Haqi ist keine Buchreligion und kein System abstrakter Lehren. Es ist eine Religion des Ortes. Bedeutung ist hier in Erde, Stein, Bäumen, Tieren und Wasser eingeschrieben. Um diese Ontologie zu verstehen, muss man nicht Texte lesen, sondern Wege gehen, Gesten wahrnehmen, Oberflächen fühlen und Stille ernst nehmen. Jiares sind in diesem Sinn nicht nur Andachtsorte, sondern ontologische Anker. In ihnen sind das Materielle und das Spirituelle untrennbar verbunden.

Die Folgen dieses Verständnisses sind weitreichend. Raa Haqi stellt akademische Modelle infrage, die das Alevitentum nur als heterodoxe Form des Islam oder als Rest einer sufischen Tradition deuten. Stattdessen eröffnet sich eine neue Anthropologie des Alevitentums. Sie stellt verkörperte Raumpraxis, nicht-menschliche Handlungsmacht und indigene Wissensformen in den Mittelpunkt. Durch das Jiare lässt sich das Alevitentum nicht als abgeleitete Tradition, sondern als eigenständige Kosmologie verstehen, mit eigener Begrifflichkeit, Ritualordnung und politischer Vorstellungskraft.

Ich schlage vor, das Jiare nicht nur mit äußeren theoretischen Modellen zu erklären, etwa mit Raum- oder Erinnerungstypologien. Es sollte vielmehr als ontologische Kategorie aus der Wissenswelt der Raa-Haqi-Kosmologie heraus verstanden werden. Anders als klassische Raumkonzepte, die Ort in physische, soziale oder symbolische Ebenen trennen, lösen Jiares diese Grenzen auf. Sie sind zugleich Ort, Wesen, Erinnerung und relationale Handlungsmacht. Sie sind keine stummen Behälter von Bedeutung, sondern aktive Mitwirkende bei der Gestaltung von Ethik, gemeinschaftlichem Gedächtnis und spiritueller Orientierung. Dieser Zugang verlangt einen Wechsel von repräsentativem zu relationalem Denken. Jiares werden nicht von außen analysiert, sondern als lebendige Knotenpunkte innerhalb einer heiligen Landschaft erfahren. Damit wird eine Erkenntnishaltung möglich, die indigenen Ontologien Autorität zuspricht und die aktive Rolle heiliger Geografie im Alltag der Raa-Haqi-Praktizierenden anerkennt.

In der heutigen Situation, die von ökologischer Krise, erzwungener Migration und dem Verlust religiöser Institutionen geprägt ist, bieten Jiares weiterhin eine widerstandsfähige Struktur von Zugehörigkeit. Sie bewahren moralische Erinnerung, fördern ökologische Verantwortung und eröffnen Alternativen zu hegemonialen Religionsformen. Ob in Ritualen der Diaspora oder im Widerstand gegen zerstörerische Eingriffe in die Natur: Jiares prägen weiterhin das religiöse, soziale und politische Leben der Raa-Haqi-Gemeinschaften.

Den Weg der Haqi heute zu gehen heißt daher, durch heilige Geografien zu gehen. Diese Geografien sind nicht von Reichen kartiert, sondern von Erinnerung, Mythos und Fürsorge. Die Zukunft von Raa Haqi – und vielleicht auch eine dekoloniale Anthropologie des Alevitentums – liegt in dieser Geografie des Heiligen: einem Raum, in dem jeder Stein sprechen kann und jede Quelle sich erinnert.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

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Gezik, Erdal. 2000. “Munzur ve Düzgün’ün Sır Oluşlarının Tarihsel Bir Analizi.” Munzur Etnografya Dergisi 4: 15-28.

Gezik, Erdal, and Hüseyin Çakmak. 2010. Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü. Ankara: Kalan Yayınları.

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Gültekin, Ahmet Kerim. 2024a. “Kutsal Toprak Dersim: Raa Haqi Mitolojisi, Jiare (Ziyaret) Ritüelleri ve Dersim Aleviliğinde Dinin Bireysel Boyutu.” In Dersim/Tunceli’nin Yüzyılı (1900-2000), edited by Mesut Özcan, 513-526. Tunceli: Oroji Yayınları.

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Göner, Özlem. 2012. A Social History of Power and Struggle in Turkey: State, Memory, Movements, and Identity of Outsiderness in Dersim. PhD diss., University of Massachusetts.

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Zitation

  • Jiare / Ziyaret – (Heilige Orte und Objekte) im Raa-Haqi-Glauben (Dersimer Alevitentum)
  • Autor: Gültekin, Ahmet Kerim
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 11.01.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/jiare-ziyaret-heilige-orte-und-objekte-im-raa-haqi-glauben-dersimer-alevitentum-6755/
Gültekin, Ahmet Kerim (2025). Jiare / Ziyaret – (Heilige Orte und Objekte) im Raa-Haqi-Glauben (Dersimer Alevitentum). Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/jiare-ziyaret-heilige-orte-und-objekte-im-raa-haqi-glauben-dersimer-alevitentum-6755/ (Abrufdatum: 11.01.2026)
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