Tertele
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Das Dersim-Massaker von 1937–38 war nicht lediglich eine regionale Militäroperation, sondern Teil einer systematischen Gewaltpolitik der frühen Türkischen Republik gegen ethnoreligiöse Identitäten, die sie als „das Andere“ markiert hatte. Seit der Gründung des republikanischen Regimes schufen Maßnahmen der demografischen Neuordnung, Assimilation und Zwangsumsiedlung die historischen Voraussetzungen für das Dersim-Massaker. Die gezielt gegen Dersim gerichtete Intervention zielte darauf ab, die alevitisch-kurdische Identität sowohl auf physischer als auch auf kultureller Ebene zu beseitigen.Historisch-politischer Hintergrund
Die Gründung der Republik Türkei wurde durch die Ziele der Modernisierung, Zentralisierung und des Aufbaus eines Nationalstaates geprägt. Diese Zielsetzungen brachten eine Reihe radikaler Maßnahmen mit sich, die darauf ausgerichtet waren, die multiethnische, mehrsprachige und multireligiöse Struktur von Regionen wie Anatolien, Lazistan und Kurdistan grundlegend zu verändern. In diesem Zusammenhang betrachtete das neue Regime die aus dem multinationalen System des Osmanischen Reiches übernommene ethnische und religiöse Vielfalt als ein “Problem”. Das Konzept des “akzeptablen Bürgers” wurde vor allem um eine türkische, sunnitische und säkulare Identität herum konstruiert.
Nichtmuslimische Bevölkerungsgruppen – insbesondere Armenier:innen, Griech:innen und Assyrer:innen – wurden dementsprechend durch Maßnahmen wie den Völkermord an den Armenier:innen von 1915, den türkisch-griechischen Bevölkerungsaustausch von 1923 und die Vermögenssteuer von 1942 aus dem System gedrängt. Muslimische Bevölkerungsgruppen, die sich ethnisch oder konfessionell unterschieden, darunter Kurd:innen und Alevit:innen, wurden zum Ziel von Assimilations-, Zwangsumsiedlungs- und Repressionspolitiken, mit denen die Bevölkerung vereinheitlicht werden sollte (Bozarslan, 2009).
Innerhalb dieses Rahmens wurde die Region Dersim, in der sowohl kurdische als auch alevitische Identitäten beheimatet waren und die historisch eine Distanz zur Zentralgewalt bewahrt hatte, zu einem der wichtigsten Ziele des republikanischen Regimes. Aufgrund ihrer geografisch isolierten Landschaft, ihrer starken Stammesstrukturen und ihres heterodoxen Glaubenssystems wurde Dersim vom Staat als eine Region eingestuft, die einer “Korrektur” bedürfe.
Nach dem Scheich-Said-Aufstand von 1925 wurde der Östliche Reformplan (Şark Islahat Planı) ausgearbeitet, der sich unmittelbar gegen dieses Gebiet und andere Regionen mit vergleichbaren Strukturen richtete. Der Plan umfasste Maßnahmen wie die Zwangsumsiedlung von Kurd:innen, das Verbot der kurdischen Sprache, die Verdrängung des Alevitentums aus dem öffentlichen Leben und die Zerschlagung lokaler gesellschaftlicher Strukturen (Bayrak 1993; Yayman 2004).
Sein zentrales Ziel bestand darin, “die Spuren des Kurdentums und des Alevitentums in den östlichen Provinzen zu beseitigen” und diese Regionen in den “türkischen Kulturraum” einzugliedern. İsmet İnönüs Aussage – “Unsere Pflicht besteht darin, jeden Menschen innerhalb der türkischen Heimat zweifelsfrei türkisch zu machen” (Bayrak 1993, 526) – bringt die assimilationistische Ideologie zum Ausdruck, die den Kern des nationalstaatlichen Projekts bildete.
Archivunterlagen und offizielle Berichte aus dieser Zeit zeigen deutlich, dass die gegen Dersim gerichteten militärischen und administrativen Planungen über mehrere Jahre hinweg systematisch vorbereitet und umgesetzt wurden. Auf Hamdi Beys Bericht von 1926, in dem es hieß: “Dersim wird zunehmend kurdisch, ideologisch und gefährlich. Für die Republik ist Dersim ein Geschwür. Eine entschlossene Operation an diesem Geschwür ist eine nationale Pflicht”, folgte kurze Zeit später ein Bericht von Şükrü Kaya.
Kaya schlug als Innenminister in seinem Bericht von 1931 vor, in Dersim neue Schulen zu eröffnen, um die Bevölkerung zu “zivilisieren”. Seiner Auffassung nach sollte die Bildung die Menschen Dersims dem Türkentum näherbringen und ihnen den Glauben vermitteln, dass sie ethnisch türkisch seien. Dies könne, so argumentierte er, durch schulische Bildung erreicht werden.
Weitere staatliche Strategien zur “Korrektur” Dersims wurden in den Einschätzungen Fevzi Çakmaks in den 1930er-Jahren, im Tunceli-Gesetz von 1935 (Gesetz Nr. 2884) sowie in den Berichten Abidin Özmens, des Generalinspektors in Diyarbakır, formuliert (Koçgiri 2011; Göktaş 2010). Der Bericht der Vierten Generalinspektion von 1936 beschrieb die lokale Bevölkerung als “ungehorsam, unterentwickelt und zivilisierungsbedürftig” und kennzeichnete sie als “wild”, “dem Staat gegenüber illoyal” und der “Türkisierung” bedürftig. Zu den empfohlenen Lösungen gehörten militärische Gewalt, Zwangsumsiedlung und das Verbot der einheimischen Sprachen (Beşikçi 1977; Jongerden 2007).[i]
Im Jahr 1937 wurde unter dem Vorwand, den von Seyit Rıza angeführten Widerstand niederzuschlagen, eine militärische Kampagne begonnen, die sich bis 1938 zu einer umfassenden Vernichtungsoperation ausweitete. Das 1938 von der Gouverneurs- und Militärverwaltung von Tunceli veröffentlichte Handbuch über Operationen zur Verfolgung von Banditen, die Durchsuchung von Dörfern und die Beschlagnahmung von Waffen in der Region Tunceli (Elazığ, Turan-Druckerei) beschrieb im Abschnitt “Durchsuchung von Banditen in den Dörfern” sogar detailliert die Methoden zum Niederbrennen von Häusern: “Die Dächer bestehen aus Stein und Erde; nur die Deckenbalken und Äste sind brennbar. Sie lassen sich schwer entzünden. Wird jedoch eine Erdschicht vom Dach entfernt und das Holz freigelegt, können dort Zündmaterial und Reisig verbrannt werden, um das Gebäude in Brand zu setzen. Anschließend wird das Feuer vergrößert, indem am Eingang Holz aufgeschichtet und angezündet wird.” (Göktaş, 2010)
Nach dem Massaker eröffnete Celal Bayar am 1. November 1938 das türkische Parlament, indem er die Worte des zu dieser Zeit schwer erkrankten Atatürk verlas: “Die weit verbreiteten Banditenvorfälle in Tunceli sind der Geschichte übergeben worden und werden sich niemals wiederholen.”[ii]
Am 20. November 1937 richtete Nuri Dersimi im Namen der Dersimer Stämme einen auf Französisch verfassten Brief an den Generalsekretär des Völkerbundes, der heutigen Vereinten Nationen. Darin erklärte er, dass die Ereignisse in Dersim viel zu grausam seien, um einfach der Geschichte überlassen zu werden: “Wir sehen uns erneut gezwungen, Ihrer verehrten Versammlung – dem höchsten Gerichtshof der Menschlichkeit und Zivilisation – mitzuteilen, dass die türkische Regierung seit fünfzehn Jahren in ganz Kurdistan eine Vernichtungspolitik betreibt und diese Politik in den vergangenen zwei Jahren insbesondere in unserer Region, die als Dersim bekannt ist, verschärft hat […] In ihrem Bestreben, die kurdische Nation auszulöschen, hat diese Regierung vor keinem Mittel des Todes zurückgeschreckt – von Zwangsdeportationen, die Familie für Familie, Gruppe für Gruppe und Dorf für Dorf durchgeführt wurden, über Artillerie, Maschinengewehre und Luftangriffe bis hin zum Einsatz chemischer Gase.”[iii]
Selbst Necip Fazıl Kısakürek, einer der bedeutenden Ideologen des türkisch-islamischen Denkens, konnte gegenüber dem Ausmaß der Gewalt nicht gleichgültig bleiben. Er bezeichnete die Ereignisse in Dersim als eine in der Geschichte beispiellose Katastrophe und widmete ihnen in seinem Buch Son Devrin Din Mazlumları einen Abschnitt mit dem Titel “Östliche Katastrophe”: “Diese Katastrophe, die wir in groben Umrissen wie auf einer Landkarte dargestellt haben und deren Wesen und Prinzip wir gerade erst zu erfassen beginnen, betraf das Blut und Leben von nicht weniger als 50.000 Muslimen. Zwei unschuldige Kinder, die nach ihren Vätern suchten und darum baten, zu ihnen gebracht zu werden, wurden auf Anordnung des Landrats von Hozat mit Bajonetten getötet und auf diese Weise ‘zu ihren Vätern geschickt’ […] Ein junger Mann, der den Flammen zu entkommen versuchte und erklärte, er sei Lehrer und habe mit den Dorfbewohnern nichts zu tun, wurde mit einem Balken zurück ins Feuer gestoßen, während die Umstehenden zusahen und Zigaretten rauchten […] Die gesamte Bevölkerung eines Dorfes, die bereits angeschossen worden war, wurde auf Bündeln von Weizenstroh lebendig verbrannt […] Ein Kind, das mit einem scharfen Instrument lebend aus dem Leib seiner Mutter herausgeschnitten worden war, trägt noch heute die Narbe an seiner Ferse […] Zwanzig Unschuldige wurden in einem Bach abgeschlachtet, und es war keine leichte Aufgabe, den verantwortlichen Henker zu identifizieren […] Und viele weitere Grausamkeiten, unaussprechliche Grausamkeiten!”[iv]
Die Auswirkungen der Tertele auf die alevitische Sozialwelt
Das Massaker von 1937-38, das die Bevölkerung Dersims als Tertele bezeichnet, war nicht lediglich eine militärische Operation zur Niederschlagung eines Aufstands, sondern eine groß angelegte Vernichtungskampagne, die als Ergebnis langfristiger staatlicher Planungen umgesetzt wurde.
Das während des Massakers erreichte Ausmaß der Gewalt wurde an bestimmten Orten besonders konkret sichtbar. Der bekannteste unter ihnen ist das Kutu-Tal (Kutu Deresi). Augenzeugenberichten zufolge wurden dort große Gruppen von Frauen, Kindern und älteren Menschen zusammengetrieben und mit Maschinengewehren niedergeschossen. Anschließend wurden ihre Leichen mit Benzin übergossen und verbrannt. Einige Quellen berichten außerdem, dass Überlebende lebendig ins Feuer geworfen wurden. Dieser Ort ist im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung Dersims als eines der tragischsten Symbole des Massakers verankert geblieben (Bulut 2010).
Zahlreiche Zeugenaussagen berichten ebenso davon, dass Zivilist:innen an Orten wie den Halvori-Quellen, dem Laç-Tal und dem Danzik-Tal von Felsen hinabgestürzt wurden und Menschen, die in Höhlen Zuflucht gesucht hatten, darin lebendig verbrannt wurden. Manche Kinder wurden wie Kriegsbeute nach Ankara gebracht, von hochrangigen Bürokrat:innen adoptiert, mit neuen Identitäten versehen und assimiliert (Bayrak 1993; Üngör 2011).
Dieser Prozess führte zugleich zu einer tiefgreifenden Zerschlagung des alevitischen Glaubenssystems. Während des Massakers wurden zahlreiche Ocakzade – direkte Nachkommen sakraler Abstammungslinien -, Pirs, Mürşids und Rehbers, also spirituelle Führungspersonen der Tradition, gezielt angegriffen. Heilige Orte wurden zerstört, Cem-Rituale verboten und Cemevis geschlossen.
Dies stellte sowohl eine physische als auch eine spirituelle Form des Genozids dar. Im Alevitentum sind sowohl das gesellschaftliche als auch das spirituelle Leben um diese religiösen Führungspersonen und rituellen Zentren herum organisiert. Wenn diese Struktur zusammenbricht, zerfällt auch die kollektive Identität der Gemeinschaft (İlkkaracan 2012; Kaya 2009).
Tertele im Kontext der Nekropolitik
Tertele muss nicht nur als militärische Operation verstanden werden, sondern als eine bewusste und systematische nekropolitische Kampagne, die nicht allein auf die physische Vernichtung einer Bevölkerung, sondern zugleich auf ihre existentielle, religiöse, kulturelle und politische Auslöschung zielte und sie auf einen Zustand des “veranderten bloßen Lebens” reduzierte.
Tertele war nicht nur ein historischer Bruch, der durch Tötungshandlungen geprägt war, sondern auch ein staatliches Projekt, in dem Tod, Entmenschlichung und Identitätsentzug zu unmittelbaren Instrumenten der Politik wurden. In diesem Sinne lässt sich das Wesen der Tertele durch Achille Mbembes Konzept der Nekropolitik erklären: die Ausübung von Souveränität durch die Macht, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss.[v]
Nach Mbembes Analyse beschränkt sich Souveränität nicht auf die Regulierung des Lebens; sie umfasst auch das Recht, Menschen dem Tod auszusetzen. In Dersim materialisierte sich diese Ausübung souveräner Macht durch das Niederbrennen von Dörfern, die Zerstörung heiliger Orte, die gezielte Verfolgung von Frauen und Kindern sowie durch Zwangsdeportationen.
Das Massaker war nicht einfach eine Maßnahme zur “Niederschlagung eines Aufstands”, sondern ein außerrechtliches und zugleich systematisches Regime des Tötens, in dem der Ausnahmezustand dauerhaft gemacht wurde. Diese Praxis des Tötens ging über Michel Foucaults Konzept der “Biomacht” hinaus und verwandelte sich unmittelbar in “Nekromacht”: eine Herrschaftsstruktur, die nicht auf dem Schutz des Lebens, sondern auf der bewussten Verurteilung bestimmter Gemeinschaften zum Tod beruhte.
Die Aussagen der Überlebenden zeigen eindringlich, wie diese Nekromacht wirkte. Viele Menschen aus Dersim, die heute über neunzig Jahre alt sind, berichten davon, wie ihre Mütter oder Geschwister vor ihren Augen ermordet und Menschen, die in Höhlen Zuflucht gesucht hatten, lebendig verbrannt wurden.
Die Ereignisse im Kutu-Tal bilden den Höhepunkt dieses Todesregimes. Augenzeug:innen zufolge wurden Hunderte Menschen in Reihen aufgestellt und mit Maschinengewehren getötet. Anschließend wurden ihre Leichen mit Benzin übergossen und verbrannt. Frauen wurden entkleidet, um sie an der Flucht zu hindern; Kinder wurden in den Armen ihrer Mütter mit Bajonetten getötet; tiefe Höhlen, in denen sich Menschen verborgen hatten, wurden in Brand gesetzt.
“Sie stellten die schweren Maschinengewehre auf. Manche liefen in diese Richtung, andere in jene. Schreie, Weinen. Die Haare der Frauen verfingen sich in den Ästen der Bäume; ihre Brüste wurden abgerissen. Arme wurden von den Körpern getrennt. Das Feuer der schweren Maschinengewehre. Möge Gott diese Jahre niemals zurückbringen. Du hast es nicht gesehen, und mögest du es niemals sehen.”[vi]
Eine Augenzeugin sagte: “Sie sagten uns, wir sollten keinen Laut von uns geben. Denn zu sprechen bedeutete zu weinen, und zu weinen bedeutete, getötet zu werden.”
Solche Berichte zeigen, dass Nekropolitik nicht nur physische Vernichtung, sondern auch ontologisches Zum-Schweigen-Bringen umfasst: die Auslöschung der Möglichkeit, eine Stimme zu besitzen, zu trauern und sich zu erinnern.
Trauer, Erinnerung und Widerstand
Bei den in Dersim Getöteten handelte es sich nicht nur um einzelne Menschen. Ihre Tötung richtete sich zugleich gegen Erinnerung, Ritual, die Cem-Zeremonie, das Ocak-System, Sprache und Glaubensstrukturen als Ganzes.
Wie Mbembe nahelegt, kann die staatliche Strategie hier als eine Form “räumlicher Neuordnung” beschrieben werden: Durch die Zerstörung jener physischen Räume, in denen Trauer, Erinnerung und Widerstand verankert waren, wurde die Geografie des Erinnerns bewusst zerschlagen.
In diesem Sinne war Tertele nicht nur ein Versuch, Körper zu vernichten, sondern auch kollektive Identität auszulöschen. Menschen wurden nicht nur getötet; ihnen wurden auch das Recht zu sprechen, zu trauern, sich zu erinnern und zu erzählen entzogen. Dies erinnert an Hannah Arendts Analyse des Totalitarismus: die Ausschaltung des Menschen als “politisches” Subjekt.
Das auferlegte Schweigen tritt in den unter den vertriebenen Dersimer:innen überlieferten Klageliedern und Erzählungen mit tiefer Trauer hervor. In einem Klagelied heißt es: “Wir kehrten zurück, aber nicht einmal die Steine waren geblieben […] nicht einmal das Grab meiner Mutter […]”
Nach der Tertele versuchten die Überlebenden, am Leben zu bleiben, indem sie ihre Namen, Sprachen und Glaubensvorstellungen verbargen. Manche Mütter verzichteten darauf, ihren Kindern die eigene Sprache beizubringen. Die Angst, “getötet zu werden, wenn man spricht”, wurde von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Diese Angst verkörpert Mbembes Vorstellung vom vollständig schutzlos gemachten “bloßen Leben”: einem Menschen, der nicht mehr als Träger von Rechten gilt, sondern zum Schweigen verurteilt ist, um überhaupt überleben zu können.
Ein wichtiger Punkt in Mbembes Analyse ist die Frage, wie Souveränität ihre Macht legitimiert, zwischen Leben und Tod zu entscheiden. Im Fall Dersims gehörten der Östliche Reformplan, das Tunceli-Gesetz, die Notstandsverwaltungen und militärische Anweisungen zu den Instrumenten dieser Legitimation.
Diese Dokumente bezeichneten die Bevölkerung als “rebellisch”, “wild”, “banditenartig” und “zivilisierungsbedürftig”. Dadurch wurde sie außerhalb des Bereichs des Menschlichen eingeordnet und folglich als tötbar konstruiert.
Dies entspricht unmittelbar Giorgio Agambens Konzept des homo sacer beziehungsweise des “bloßen Lebens”: eines Lebens, das nicht durch das Recht geschützt ist und dessen Tötung keine rechtlichen Folgen hat. Wie Mbembe argumentiert, umfasst Nekropolitik nicht nur physische Tötung, sondern auch die Aneignung von Bedeutung, des Rechts auf Repräsentation und der Fähigkeit, als Subjekt zu existieren.
Schlussfolgerung
Das Dersim-Massaker von 1937-38 stellt die brutalste Phase einer vielschichtigen Gewaltpolitik dar, die während des nationalstaatlichen Aufbaus der Türkischen Republik auf die Beseitigung ethnischer und konfessioneller Unterschiede zielte. Es handelte sich nicht nur um eine militärische Intervention, sondern um einen Vernichtungsakt auf ideologischer, kultureller und demografischer Ebene.
Dieses Ereignis ist im Gedächtnis alevitisch-kurdischer Gemeinschaften bis heute lebendig und bleibt eines der dunkelsten und weiterhin nicht aufgearbeiteten Traumata der republikanischen Epoche. Die Bevölkerung Dersims beschreibt die Tertele bis heute nicht nur als Massaker, sondern als Erfahrung der Auslöschung, des Zum-Nichtsein-Gemachtwerdens und der Grablosigkeit.
Dieses Trauma hat sich durch Rituale, heilige Gesänge (Nefes), Gedenkveranstaltungen und Klagelieder in Formen des Widerstands verwandelt. Das der Tertele auferlegte Schweigen wird heute lauter als je zuvor durchbrochen. Jede erzählte Geschichte, jeder in Erinnerung gerufene Name und jedes vorgetragene Klagelied stellt gegenüber der Politik des Todes einen Anspruch auf Leben dar.
Auf diese Weise bedeutet Tertele nicht nur, sich an die Toten zu erinnern. Sie bildet zugleich einen Raum, in dem die Lebenden ihre Stellung als Subjekte zurückfordern. Sich an die Tertele zu erinnern bedeutet nicht allein, die Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen, sondern auch, sich mit den Kosten der Souveränität auseinanderzusetzen und darüber nachzudenken, wie diese von Neuem infrage gestellt werden kann.
Ahmad, Feroz. 1993. The Making of Modern Turkey. London: Routledge.
Assmann, Jan. 2008. Kültürel Bellek [Cultural Memory]. İstanbul: Ayrıntı Yayınları.
Bayrak, Mehmet. 1992. Aleviler. Ankara: Özge Yayınları.
Bayrak, Mehmet. 1993. Kürtler ve Ulusal Demokratik Mücadeleleri [Kurds and Their National-Democratic Struggles]. Ankara: Özge Yayınları.
Beşikçi, İsmail. 1977. Kürtlerin ‘Mecburi İskânı’ [The ‘Forced Settlement’ of the Kurds]. İstanbul: Komal Yayınları.
Bozarslan, Hamit. 2009. “Modern Türkiye’de Siyasi Düşünce, Cilt 6: İslamcılık” [Political Thought in Modern Turkey, Vol. 6: Islamism]. İstanbul: İletişim Yayınları.
Bulut, Faik. 2010. Dersim Katliamı [The Dersim Massacre]. İstanbul: Evrensel Yayınları.
Cappelletto, Francesca. 2003. “Long-Term Memory of Extreme Events.” History & Memory 15(1): 129-147.
Göktaş, Hıdır. 2010. Kürtler-İsyan-Tenkil [Kurds-Rebellion-Suppression]. İstanbul: İletişim Yayınları.
Jongerden, Joost. 2007. The Settlement Issue in Turkey and the Kurds. Leiden: Brill.
Kısakürek, Necip Fazıl. 1950. Son Devrin Din Mazlumları [The Religious Victims of the Last Era]. İstanbul: Büyük Doğu Yayınları.
Koç, Ayhan. 2021. “Dersim’in ‘Sorunlaştırılması’ Üzerine Bir İnceleme” [An Analysis on the ‘Problematisation’ of Dersim]. Toplum ve Kuram 16: 52-64.
Koçak, Cemil. 2023. Cumhuriyet Dönemi İç Güvenlik Politikaları [Internal Security Policies of the Republican Era]. İstanbul: Tarih Vakfı Yurt Yayınları.
Koçgiri, Cemil. 2011. Kayıp Dersim [The Lost Dersim]. İstanbul: İletişim Yayınları.
Mbembe, Achille. 2014. “Nekro-Siyaset” [Necropolitics]. Ayrıntı Dergi. https://ayrintidergi.com.tr/nekro-siyaset/
McDowall, David. 2007. A Modern History of the Kurds. London: I.B. Tauris.
Tunceli Governorship. 1938. Köy Arama ve Silah Toplama Kılavuzu [Manual on Village Searches and Weapon Confiscation]. Elazığ: Turan Matbaası.
Üngör, Uğur Ümit. 2011. The Making of Modern Turkey. Oxford: Oxford University Press.
Yayman, Hüseyin. 2004. Türkiye’nin Kürt Sorunu Hafızası [Turkey’s Kurdish Conflict Memory]. Ankara: SETA Yayınları.