Hacı Bektaş Veli und sein Vermächtnis verstehen

Vorlesungstitel
Hacı Bektaş Veli und sein Vermächtnis verstehen
Dozent
Dr. Mark Soileau
Herausgeber
Alevi Ansiklopedisi / Alevi Enzyklopädie
Inhalt
Offene Vorlesungsreihe der Alevitischen Enzyklopädie
Semester
Format
Video-Vorlesung + Vorlesungstext + Mehrsprachige Versionen
DOI
–
Publikationsdatum
Oktober 21, 2026
Dozent
Dr. Mark Soileau
Kurzbiografie

Mark Soileau ist Kulturhistoriker und Religionsanthropologe mit einer Spezialisierung auf die religiöse Landschaft der Türkei. Seine besonderen Schwerpunkte sind der Sufismus, Rituale, Heiligenkulte sowie die alevitischen und bektaschitischen Traditionen. In seiner Forschung untersucht er, wie diese Traditionen in historische Kontexte eingebettet sind und in gelebter Erfahrung zum Ausdruck kommen. Er ist Autor von Humanist Mystics: Nationalism and the Commemoration of Saints in Turkey (2018), einer kulturhistorischen Studie, die die sich wandelnde Bedeutung sufischer Heiliger im Rahmen des kulturellen Gedächtnisses mit historischen Entwicklungen in der Türkei verknüpft. Zu seinen Veröffentlichungen zählen zahlreiche Aufsätze zur Kulturgeschichte, zu rituellen Praktiken und zu den Texttraditionen der Aleviten und Bektaschis. Neben seinen Arbeiten zur rituellen Praxis konzentriert sich seine aktuelle Forschung auf die Handschriftentradition der Vilayetname des Hacı Bektaş. Dabei untersucht er, wie Erzählungen über das Leben des Heiligen im Laufe der Zeit abgeschrieben, überliefert und umgestaltet wurden. Er ist dem Institut für Alevitische Theologie der Universität Hamburg angeschlossen.

Nur wenige Persönlichkeiten in der Geschichte Anatoliens haben ein so reiches und dauerhaftes religiöses Vermächtnis hinterlassen wie Hacı Bektaş Veli, ein Heiliger des 13. Jahrhunderts, der bis heute von Millionen Menschen in Anatolien, auf dem Balkan und in der Diaspora verehrt wird. Da über sein historisches Leben nur wenig bekannt ist, wurde er von unterschiedlichen Gemeinschaften für sich beansprucht. Daraus entstanden vielfältige Formen der Verehrung, der Institutionalisierung und der Identität. Diese Vorlesung zeichnet Hacı Bektaş’ Vermächtnis anhand der unterschiedlichen Erzählungen über sein Leben und der vielfältigen mit ihm verbundenen Traditionen nach. Damit bietet sie eine Orientierung für die Auseinandersetzung mit der umfangreichen wissenschaftlichen und populären Literatur über den Heiligen.

Im Zentrum von Hacı Bektaş’ Vermächtnis steht die Vilayetname, die wichtigste hagiografische Darstellung seines Lebens. Sie wird hier nicht als ein einzelner maßgeblicher Text betrachtet, sondern als eine lebendige, sich wandelnde Tradition der Herstellung, Überlieferung und Interpretation von Handschriften. Sein Vermächtnis fand auch in verschiedenen gemeinschaftlichen Traditionen Ausdruck: von den ländlichen Gruppen, die später als Kızılbaş und schließlich als Aleviten bekannt wurden, über die erbliche Autorität der Çelebi-Linie bis hin zum deutlicher institutionalisierten Bektaschi-Orden. Diese Traditionen nahmen in der osmanischen Welt Gestalt an. Dort verurteilten sunnitische Autoritäten Bektaschis und Kızılbaş häufig wegen ihrer als heteropraktisch, also als von der religiösen Norm abweichend, betrachteten Praktiken. Dies führte auch zu Debatten über die religiöse Praxis Hacı Bektaş’ selbst. Diese Debatten weiteten sich in der republikanischen Epoche aus, als Säkularismus und Nationalismus die Deutungsrahmen veränderten, innerhalb derer Hacı Bektaş erinnert, beansprucht und zum Gegenstand von Auseinandersetzungen gemacht wurde.

Bei der Auseinandersetzung mit diesen Traditionen vermeidet die Vorlesung essentialistische Darstellungen. Stattdessen betont sie lokale Unterschiede, den Wandel im Laufe der Zeit und die tiefer liegende Kontinuität, die diese Vielfalt zusammenhält.

Lernziele

Am Ende dieser Vorlesung können die Zuschauerinnen und Zuschauer:

– Zwischen historisch belegbaren Erkenntnissen über Hacı Bektaş und dem unterscheiden, was durch spätere Erzählungen und Traditionen der Verehrung überliefert wurde;

– Eine Wundererzählung unter Berücksichtigung der Beweggründe der erzählenden Person, der Positionierung der Figuren und des darin zum Ausdruck kommenden Weltbildes analysieren;

– Den Bektaschi-Orden, die Çelebi-Linie und die Kızılbaş-/alevitischen Gemeinschaften voneinander unterscheiden und erkennen, warum sie heute häufig unter der Bezeichnung „alevitisch-bektaschitisch“ zusammengefasst werden;

– Beschreiben, wie osmanische und republikanische Debatten über die religiöse Praxis des Heiligen sowie über Säkularismus und Nationalismus die Formen seiner Erinnerung, seiner Beanspruchung und der Auseinandersetzungen um ihn geprägt haben;

– Nachvollziehen, wie Gemeinschaften das Bild eines Heiligen entsprechend ihren eigenen Anliegen gestalten und umgestalten, und diesen kritischen Ansatz auf die Untersuchung anderer religiöser Persönlichkeiten anwenden.

Er gab einem der eigenständigsten Sufi-Orden seinen Namen: den Bektaschis. Er war die herausragende Gestalt, um die herum sich ein wesentlicher Teil der alevitischen Identität formte, und wird bis heute von Millionen Menschen in Anatolien, auf dem Balkan und in der Diaspora verehrt. Er wurde als veli, als Heiliger, anerkannt und sogar Kutbu’l-Evliyâ, die Achse der Heiligen, genannt. Unter den zahlreichen vergleichbaren Heiligengestalten, die diese Landschaft prägten und um deren Andenken sich Gemeinschaften bildeten, wurde Hacı Bektaş eine über allen anderen stehende Position zugeschrieben. Sein Einfluss erwies sich als der weitreichendste. Doch was wissen wir tatsächlich über das Leben und den Charakter dieses Heiligen sowie über den Umfang und die Entwicklung seines Vermächtnisses? Und noch grundlegender: Woher wissen wir, was wir wissen?

Trotz seiner kulturellen Vorrangstellung ist Hacı Bektaş bei Weitem nicht so gut dokumentiert wie viele Persönlichkeiten, die in den städtischen religiösen Kreisen seiner Zeit wirkten, etwa Mevlana Celaleddin Rumi. Alle Belege deuten darauf hin, dass Hacı Bektaş in einem Dorf bei Kırşehir in Zentralanatolien bestattet wurde. Dieses Dorf erhielt schon sehr früh seinen Namen und ist bis heute ein bedeutender Wallfahrtsort. Auch wenn uns keine gesicherten Lebensdaten vorliegen, war er eindeutig im 13. Jahrhundert aktiv und spätestens in den 1290er-Jahren bereits verstorben. Damit gehört Hacı Bektaş in eine prägende Phase der religiösen und politischen Geschichte Anatoliens, oder Rums, wie die Region damals genannt wurde: eine Zeit umfangreicher Wanderungsbewegungen aus Zentralasien, der Ansiedlung unter unterschiedlichen lokalen Bevölkerungsgruppen und der Interaktion mit ihnen sowie politischer Umbrüche wie der mongolischen Invasionen und des Babai-Aufstands.

In diesem Zusammenhang entwickelten sich im ländlichen Anatolien mystisch-religiöse Kulturen, die denen in Städten wie Konya zwar parallel verliefen, sich jedoch von ihnen unterschieden. Es handelte sich um Bevölkerungsgruppen, die der Vorherrschaft des normativen sunnitischen Islams — der selbst noch im Entstehen begriffen war — nicht vollständig unterlagen, sondern eigene Orientierungen ausbildeten: die Verehrung charismatischer Führungsfiguren und den Besuch von Heiligtümern, eine religiöse Verbundenheit mit Persönlichkeiten aus dem Umfeld der Ehl-i Beyt sowie den musikalischen Vortrag mystischer Dichtung, begleitet vom rituellen Tanz des semah. Häufig werden diese Merkmale, wie anzumerken ist, als Ausdruck von Glaubensvorstellungen bezeichnet. Wenn wir sie jedoch als beobachtbare kulturelle Elemente analysieren wollen, können wir sie stattdessen als Diskurse und Praktiken betrachten: als das, was Menschen tatsächlich sagen und tun, und nicht als das, woran sie innerlich glauben.

Hacı Bektaş war als Schutzheiliger des Janitscharenkorps auch für die osmanische Verwaltung von Bedeutung. Am tiefsten war sein Einfluss jedoch in Gemeinschaften außerhalb dieser dominierenden Kreise zu spüren. Was sein Vermächtnis für sie aufrechterhielt, war eine herausgehobene Stellung als Heiliger, die durch jahrhundertelange Praktiken der Verehrung aufgebaut worden war. Der erzählerischen Dimension dieser Arbeit wenden wir uns nun zu.

Heiligkeit erzählen: Die Vilâyetnâme

Das meiste, was wir uns über das Leben des Heiligen vorstellen, ist uns durch ein hagiografisches Werk überliefert, das als die Vilâyetnâme des Hacı Bektaş bekannt ist. Das vermutlich erstmals im 15. Jahrhundert niedergeschriebene Werk greift auf mündliche Erzählungen zurück und schildert sein Leben von der Geburt bis zum Tod in ungefähr achtzig Episoden. Schon sein Titel — wörtlich „Buch der Heiligkeit“ — bringt die Absicht des Werkes zum Ausdruck: Hacı Bektaş’ Größe als Heiliger zu beweisen. Mit diesem Wissen können wir das Werk analytisch betrachten. Wir können nach den Beweggründen fragen, die seine Abfassung und Überlieferung bestimmten, untersuchen, wie es seine Figuren positioniert, und danach fragen, welches Weltbild es in der Erzählung von der Heiligkeit seines Helden vermittelt.

In der Vilayetname heißt es, Hacı Bektaş sei aus Khorasan gekommen, das im anatolischen Sufismus als heilige Heimat gilt. Die Abstammung als Seyyid von einem der Zwölf Imame ist in dieser religiösen Welt ein Zeichen besonderer Würde und eine Quelle von Autorität. Deshalb führt das Werk zunächst Hacı Bektaş’ Abstammung Generation für Generation auf den siebten Imam Musa-yı Kâzım und von dort über Hüseyin, Ali und Fatıma schließlich auf den Propheten zurück. Es handelt sich um eine heilige Abstammungslinie, auch wenn sie historisch nicht überprüfbar ist. Ein zentraler Abschnitt des Werkes erzählt außerdem, wie Ahmed Yesevi Hacı Bektaş mit einem Auftrag nach Rum entsandte und wie dieser sich dort in einem Dorf niederließ. Darin spiegelt sich die Wanderung von Bevölkerungsgruppen aus Zentralasien wider, die sich ebenfalls in Zentralanatolien ansiedelten.

Nach seiner Niederlassung schildert eine lange Folge von Episoden Hacı Bektaş’ Begegnungen mit turkmenischen Dorfbewohnern, örtlichen Christen, rivalisierenden Heiligen, die ihn herausfordern, anderen großen Heiligen als seinesgleichen sowie unterschiedlichen politischen und religiösen Machthabern. Diese unterstützt er oder zwingt sie zur Unterwerfung, je nachdem, ob sie seine Autorität anerkennen oder sich ihr widersetzen. Gegenüber all diesen Personen muss er seine Autorität als Heiliger auf irgendeine Weise demonstrieren. Dies tut er durch Wundertaten, die als kerâmet bezeichnet werden. Diese Wunder dienen dann als Beweis seiner Heiligkeit, seiner vilâyet.

Für ein heutiges Publikum mag es schwierig sein, anzunehmen, dass Heilige sich tatsächlich in Tiere verwandeln oder Steine zum Sprechen bringen konnten. Lesen wir die Wundererzählungen jedoch aus analytischen Perspektiven, etwa im Hinblick auf die Beweggründe des Erzählers oder die Reaktionen der Figuren, die diese Wunder bezeugen, begegnen uns faszinierende Erzählungen von vilâyet. Ein Beispiel ist die Episode, in der Hacı Bektaş die Rum Erenleri, die rivalisierenden Heiligen Anatoliens, unterwirft.

Hacı Bektaş unterwirft die Rum Erenleri

Als Hacı Bektaş sich dem Land Rum nähert, verwandelt er sich als Zeichen seiner friedlichen Absicht in eine Taube. Die bereits dort lebenden Heiligen erfahren jedoch von seiner Ankunft und versuchen, ihn aufzuhalten, weil sie befürchten, er werde ihnen alle Schüler abwerben. Sie entsenden einen der Ihren, der die Gestalt eines Falken annimmt, um die Taube anzugreifen. Doch Hacı Bektaş verwandelt sich wieder in einen Menschen und zwingt seinen Rivalen zur Unterwerfung. Die Rum Erenleri widersetzen sich weiterhin, bis Hacı Bektaş ihre Kerzen löscht und ihre Gebetsteppiche verschwinden lässt: Die Symbole ihrer Autorität sind fort. Als sie sich schließlich unterwerfen und vor Hacı Bektaş treten, finden sie ihre Gebetsteppiche dort vor ihm angeordnet.

Wir erkennen, dass die Rum Erenleri am Ende dieser Geschichte ihre eigenen Autoritätspositionen behalten haben. Allerdings sind sie nun Hacı Bektaş untergeordnet.

Solche Wundertaten veranschaulichen eindrucksvoll den Anspruch der Erzählung, Hacı Bektaş’ Vorrangstellung als Heiliger zu begründen. Er führt seine Überlegenheit innerhalb der Geschichte vor, und schon der Akt des Erzählens ist eine weitere Inszenierung dieser Überlegenheit. Auf diese Weise wird die Vorstellung von Hacı Bektaş’ überragender Heiligkeit im Laufe der Zeit weitergegeben und aufrechterhalten. Diese Überlieferung nahm materielle Gestalt an, indem der vollständige Text der Vilayetname immer wieder von Hand abgeschrieben wurde und so Hacı Bektaş’ Lebensgeschichte in der Vorstellungswelt ihres Publikums lebendig hielt. Es handelte sich um eine dauerhafte Handschriftentradition, die vom 15. bis weit ins 20. Jahrhundert reichte und weitverbreitet war. Mehr als hundert erhaltene Abschriften wurden identifiziert; vermutlich gab es unzählige weitere, die im Laufe der Zeit verloren gingen. Die Vilayetname und ihre Handschriftentradition trugen zusammen mit anderen wiederholten Akten der Verehrung Hacı Bektaş’ Heiligkeit in die Moderne.

Doch welche anderen Formen nahm sein Vermächtnis an?

Die Entstehung von Gemeinschaften: Bektaschis, Aleviten und Alevi-Bektaschis

Die Vilayetname schildert unterschiedliche Menschen, die sich Hacı Bektaş zuwenden: Derwische, die sich seinem Weg und der institutionellen Fortführung seines Vermächtnisses verschreiben, und Dorfbewohner, die seine Heiligkeit anerkennen und ihn ohne institutionelle Zugehörigkeit verehren. Diese unterschiedlichen Bindungsformen — an den Heiligen als Meister und an den Heiligen als Gegenstand der Verehrung — führten im Laufe der Zeit zu eigenständigen Traditionen, jeweils mit eigenen Strukturen, Symbolen, Praktiken und Beziehungen zu seinem Vermächtnis.

Der bekannteste Träger von Hacı Bektaş’ Namen ist der Bektaschi-Orden. Er ging aus der Welt wandernder Derwische hervor und entwickelte sich zu einem vollständig institutionalisierten Sufi-Orden, einer tarîkat, mit Tekken, also Derwischkonventen oder -logen, als institutioneller Grundlage. Er zeichnete sich durch eine eigene Hierarchie, Kleidung und Ritualpraxis aus; die Mitgliedschaft wurde durch einen komplexen Initiationsritus verliehen. Tekken oder Dergâhs wurden von Personen geleitet, die baba genannt wurden. Deshalb wird diese Tradition häufig als Babagân bezeichnet. Der Bektaschi-Orden verbreitete sich in der gesamten osmanischen Welt. Die politischen Umbrüche der Moderne führten jedoch zu Konzentrationen in bestimmten Teilen des Balkans, insbesondere in Albanien. In der Türkei besteht diese bektaschitische Tradition fort, obwohl ihre Tekken seit dem Verbot der Sufi-Orden im Jahr 1925 offiziell geschlossen sind.

Eine andere Tradition, die ebenfalls den Namen Bektaschi trägt, ist um die Çelebi-Linie organisiert. Deren Autorität beruht nicht auf einem erworbenen spirituellen Rang, sondern auf der beanspruchten leiblichen Abstammung von Hacı Bektaş selbst. Diese Autorität blieb nicht unwidersprochen: Auseinandersetzungen um die Obhut über das Heiligtum des Heiligen durchziehen dessen Geschichte. Der Einfluss dieser Abstammungslinie weitete sich insbesondere im 19. Jahrhundert aus. Heute üben die Çelebis Autorität über ein großes Netzwerk von Anhängern in Anatolien aus, deren Ritualpraxis jener der Aleviten stark ähnelt.

Die historisch als Kızılbaş und heute meist als Aleviten bekannten Gemeinschaften stellen die breiteste und am wenigsten zentralisierte der mit Hacı Bektaş verbundenen Traditionen dar. Alevitische Gemeinschaften sind traditionell stärker im Dorf- und Familienleben als in der Tekke und dem Derwischweg verwurzelt. Sie organisieren sich um unabhängige Ocaks, also erbliche Linien religiöser Autorität. Obwohl die einzelnen Ocaks ihre Abstammung auf unterschiedliche Gründerheilige zurückführen, wird Hacı Bektaş in diesen Gemeinschaften weithin als der herausragende Heilige der umfassenderen heiligen Geografie anerkannt, auch ohne direkte institutionelle Anbindung.

Trotz ihrer strukturellen Unterschiede werden diese Traditionen heute häufig unter dem Oberbegriff Alevi-Bektaschi zusammengefasst. Darin spiegelt sich die Anziehungskraft wider, die Hacı Bektaş weiterhin ausübt. Dies zeigt sich deutlich darin, wie alevitische Gemeinschaften selbst seinen Namen als Identitätsmerkmal verwenden: Einige Vereine tragen unmittelbar seinen Namen, während viele weitere ihn in der Form Alevi-Bektaschi aufnehmen. Zudem sind es ganz überwiegend Aleviten, die die Tausenden von Pilgern ausmachen, die jedes Jahr sein Grab in Hacıbektaş besuchen — eine lebendige Praxis der Verehrung seiner Gegenwart. Hacı Bektaş zieht weiterhin Gemeinschaften an und dient als Sinnbild ihrer Identitäten.

Variationen eines Heiligen

Angesichts dieser kulturellen Bedeutung und Vorrangstellung sowie unter dem prüfenden Blick eines Reiches, das sich zunehmend über einen normativen sunnitischen Islam definierte, mussten die Fragen, wer Hacı Bektaş war und wie er sich religiös verhielt, erhebliche Folgen für jene Gemeinschaften haben, die sich seinem Vermächtnis verbunden fühlten. Im Mittelpunkt steht die Frage nach seiner Praxis: Entsprach sie der şerîat, den normativen Anforderungen islamischer Religionsausübung? Eine Debatte darüber begann nicht lange nach seinem Tod und flammte seither immer wieder auf. Heute wird sie meist mit den Begriffen Orthodoxie und Heterodoxie geführt. Da es jedoch fast immer um Praxis und nicht um Glauben oder Lehre geht, können wir stattdessen die präziseren Begriffe Orthopraxie und Heteropraxie verwenden. Diese sollten wir nicht als feste Kategorien religiöser Praxis verstehen, sondern als Diskursformen, die beschreiben, wie an der şerîat orientierte Kommentatoren über das Verhalten Hacı Bektaş’ und seiner Anhänger gesprochen und es bewertet haben.

Die früheste Quelle, die diese Frage behandelt, ist überhaupt kein Werk über Hacı Bektaş, sondern eine Hagiografie Mevlana Rumis aus dem 14. Jahrhundert. Sie enthält allerdings zwei Episoden, in denen Hacı Bektaş als Figur auftritt. In beiden wird er als rivalisierender Heiliger dargestellt, der sich nicht an die şerîat hielt und das rituelle Gebet, namaz, nicht verrichtete. In der Welt dieser Hagiografie gilt die Nichtbefolgung der şerîat selbstverständlich als verwerflich. Daher kann diese Darstellung ebenso viel über das Interesse ihres Verfassers aussagen, einen Konkurrenten Rumis zu diskreditieren, wie über Hacı Bektaş selbst. Im 16. Jahrhundert hatten osmanische Gelehrte dieses Bild verändert. Im Bewusstsein der Bedeutung des Heiligen für das zentrale Janitscharenkorps bestanden sie darauf, dass Hacı Bektaş selbst ein Muster islamischer Tugend gewesen sei, während seine Anhänger, die Bektaschis, in unannehmbares Verhalten verfallen seien. Dieses Muster des frommen Heiligen und der verwerflich handelnden Schüler kehrt über Jahrhunderte hinweg wieder. Das Muster selbst ist aufschlussreich: Die Darstellungen Hacı Bektaş’ durch die Kommentatoren werden durchgehend von ihrer Position gegenüber den Gemeinschaften geprägt, die in seinem Namen handeln.

Die herausgehobene Stellung als Heiliger, die diese Frage über Jahrhunderte lebendig hielt, erhielt in der Moderne neue Dimensionen. Die Ideologien des Nationalismus und des Säkularismus brachten neue Formen hervor, Hacı Bektaş für sich zu beanspruchen, und veränderten zugleich, was dabei auf dem Spiel stand. Wenn sich die Bedingungen ändern, unter denen an ihn erinnert wird, verändern sich auch die Werte, die die Erinnernden auf ihn projizieren. So wurde Hacı Bektaş in der republikanischen Epoche zunehmend als Symbol einer sich modernisierenden und säkularisierenden türkischen Nation beansprucht. Er wurde als Vordenker der Aufklärung, als toleranter Humanist und als Verfechter universeller menschlicher Werte neu dargestellt, zugleich aber ausdrücklich als ethnischer Türke. Viele heutige Aleviten, wenn auch keineswegs alle, haben ihrerseits Elemente dieses neuen säkular-nationalen Bildes mit ihren überlieferten Vorstellungen von Hacı Bektaş verschmelzen lassen. Denn es ermöglicht einen würdevollen öffentlichen Ausdruck einer Identität, die unter der säkularen Republik im Allgemeinen größere Anerkennung gefunden hat als unter der vorausgehenden osmanischen Ordnung. Dies veranschaulicht erneut, wie veränderte gesellschaftliche Umstände den Heiligen durch diejenigen umgestalten, die sich an ihn erinnern.

Am anschaulichsten verkörpert sich dieser neue Deutungsrahmen vielleicht in einem Bild, das in vielen alevitischen Wohnungen und auf Bannern bei Festen zu sehen ist: einer Dreiergruppe aus Hacı Bektaş, der Achse der anatolischen Heiligen; Ali, auf den Aleviten ihre heilige Genealogie und ihren Namen zurückführen; und Atatürk, der die moderne Republik gründete, in der ihr Wert Anerkennung fand. Dass diese heiligen Symbole alevitischen Selbstverständnisses in einem einzigen Bild zusammenkommen, verdeutlicht, wie Gemeinschaften ihre tiefsten Anliegen auf die von ihnen verehrten Persönlichkeiten projizieren.

Der Heilige im Rückblick

Der Ansatz, den wir in diesem Vortrag verfolgt haben — dem Leben, den Erzählungen, den Gemeinschaften und den Auseinandersetzungen um Hacı Bektaş nachzugehen —, ist ein Akt des Rückblicks. Kritisches historisches Denken ist stets zeitlich situiert, blickt immer von einem bestimmten Standpunkt aus zurück und wird von den Fragen geprägt, die seine jeweilige Gegenwart dringlich macht. Die Akteure, denen wir hier begegnet sind, taten dasselbe: Sie lasen die Vergangenheit im Licht ihrer eigenen Anliegen und sahen darin eine Heiligengestalt, die ihnen diese Anliegen zurückspiegelte. Aus einer längerfristigen Perspektive können wir hinzufügen, dass diese rückblickende Gestaltung nicht unbedingt eine zu korrigierende Verzerrung ist. Vielmehr gehört sie wesentlich dazu, wie Heiligkeit wirkt und wie Gemeinschaften sich durch die Verehrung ihrer Heiligen erhalten. Hacı Bektaş fand bei Menschen mit einer bestimmten religiösen Sensibilität Widerhall. Durch jahrhundertelange Praktiken der Verehrung und erzählerische Arbeit, die von aufeinanderfolgenden Generationen weitergeführt wurden, blieb seine Stellung als Achse der Heiligen bestehen. Sein Vermächtnis bleibt letztlich eine Tradition im Werden, die von jeder Generation jener Gemeinschaften neu gestaltet wird, die in ihm eine Spiegelung ihres Selbstverständnisses finden. Im Rückblick ist auch unser Verständnis von Hacı Bektaş und seinem Vermächtnis selbst ein Produkt dieses Prozesses. Es speist sich aus denselben Erzählungen, Verehrungspraktiken und gemeinschaftlichen Perspektiven, betrachtet sie jedoch durch eine Linse, die zunächst heranzoomt, um ihre jeweilige Funktionsweise zu untersuchen, und dann wieder herauszoomt, um sie gemeinsam zu erfassen. So entsteht ein vollständigeres, facettenreicheres Bild Hacı Bektaş’ — nicht so, wie er war, sondern so, wie er im Laufe der Zeit gestaltet wurde.

Birge, John Kingsley. The Bektashi Order of Dervishes. London: Luzac, 1937.

Gölpınarlı, Abdülbaki, ed. Vilâyet-nâme: Manâkıb-ı Hünkâr Hacı Bektâş-ı Velî. Istanbul: İnkılâp Kitabevi, 1958.

Mélikoff, Irène. Hadji Bektach: un mythe et ses avatars. Genèse et évolution du soufisme populaire en Turquie. Leiden: Brill, 1998.

Ocak, Ahmet Yaşar. Alevî ve Bektaşî İnançlarının İslam Öncesi Temelleri. Istanbul: İletişim, 2000.

Soileau, Mark. “Conforming Haji Bektash: A Saint and His Followers Between Orthopraxy and Heteropraxy.” Die Welt des Islams 54, no. 3-4 (2014): 423-59. DOI: 10.1163/15700607-05434P06

Soileau, Mark. Humanist Mystics: Nationalism and the Commemoration of Saints in Turkey. Salt Lake City: University of Utah Press, 2018.

Ulusoy, A. Celâlettin. Hünkâr Hacı Bektaş Velî ve Alevî-Bektaşî Yolu. Hacıbektaş: n.p., 1986.

Yıkmış, Meral Salman. Hacı Bektaş Veli’nin Evlatları: “Yol”un Mürşitleri Ulusoy Ailesi. Istanbul: İletişim, 2014.

CanoCan Films / Ekin Can Erol

Ekin Can Erol ist ein deutsch-kurdischer Dokumentarfilmer und Produzent mit familiären Wurzeln in der Region Dersim in der Türkei. Er lebt in Potsdam und ist Gründer von CanoCan Films, einer unabhängigen Filmproduktionsplattform, die sich auf Dokumentarfilmprojekte zu Geschichte, kultureller Identität, Migration, Erinnerung, Religion und Minderheitenerfahrungen konzentriert.

Erol hat ein Studium der Geschichte und Philosophie abgeschlossen. Auch seine wissenschaftliche Arbeit beschäftigte sich mit Dersim: In seiner Bachelorarbeit untersuchte er die Ereignisse von 1937–1938 und die umstrittenen historischen Deutungen dieser Ereignisse, insbesondere die Debatte um ihre Einordnung als Aufstand oder Völkermord. Sein akademischer Hintergrund und seine persönliche Verbindung zu Dersim prägen weiterhin seinen dokumentarischen Zugang zu Geschichte, Identität und kollektivem Gedächtnis.

Sein erster Dokumentarfilm, Niemals vergessen – Was ist unsere Verantwortung? (2020), beschäftigte sich mit der Erinnerung an den Holocaust und der Frage, welche Verantwortung jüngere Generationen für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus tragen. Darauf folgten Alevitentum – Eine Suche nach Identität (2021) und Alevitentum in der deutschen Diaspora – Eine Erfolgsgeschichte? (2024), die sich mit alevitischer Identität, Geschichte, Diaspora und generationenübergreifendem Wandel befassen.

Sein jüngster Dokumentarfilm, Ziyaret – Die Stimme der Natur (2026), untersucht heilige Orte und Landschaften innerhalb alevitischer Traditionen, insbesondere in Dersim, und verbindet persönliche Erzählungen, religiöses Wissen und wissenschaftliche Perspektiven. Der Film wurde zudem für das 16. Kurdische Filmfestival ausgewählt und dort gezeigt.

Über CanoCan Films entwickelt und produziert Erol audiovisuelle Formate für kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Projekte. Seine Arbeit zielt darauf ab, dokumentarisches Erzählen mit historischer Forschung und den Perspektiven der Gemeinschaften zu verbinden und unterrepräsentierte Geschichten und Erfahrungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Im Jahr 2026 war er für die technische Produktion und die Studioarbeit bei den ersten Aufnahmen der offenen Vorlesungsreihe der Alevi-Enzyklopädie in Berlin verantwortlich.

https://www.canocanfilms.de/ / [email protected]
https://www.youtube.com/@CanoCanFilms
https://www.grin.com/document/373911
https://ucrisportal.univie.ac.at/de/publications/alevitentum-eine-suche-nach-identität/

Sponsor
Die Aufnahmen für diesen Vortrag wurden durch die Spenden ermöglicht, die bei einer Veranstaltung des Fördervereins Alevitische Kultur (FAK) (https://aleviten.ch/) am 13. Juni 2026 in Bern, Schweiz, zur Bekanntmachung und Unterstützung der Alevi-Enzyklopädie gesammelt wurden, sowie durch den ehrenamtlichen Einsatz von Ekin Can Erol, dem Produzenten von CanoCan Films. Die Aufnahmen fanden am 11. und 18. Juli 2026 in den Studios von CanoCan Films im Gebäude der Alevitischen Gemeinde Berlin statt. Wir danken allen, die mit ihren Spenden dazu beigetragen haben, und Ekin Can Erol für seine ehrenamtliche Arbeit.

Lizenzinformationen

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Zitation

  • Hacı Bektaş Veli und sein Vermächtnis verstehen
  • Autor: Soileau, Dr. Mark
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 23.10.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/open-lectures/haci-bektas-veli-und-sein-vermachtnis-verstehen-10444/
Soileau, Dr. Mark (2026). Hacı Bektaş Veli’yi ve Mirasını Anlamak. Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/open-lectures/haci-bektas-veli-und-sein-vermachtnis-verstehen-10444/ (Abrufdatum: 23.10.2026)
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