Ahnenverehrung im Alevitentum, heilige Orte (Jiare), Kalu Bela und Devr-i Daim – Pir Cemal Cenan

In diesem Video spricht Pir Cemal Cenan über die jiare-Kultur (kulturelle Praxis der heiligen Orte und Besuche) im Dersimer Alevitentum (Raa Haqi) und erläutert diese Glaubenspraxis aus einer innenperspektivischen Sicht im Kontext der alltäglichen und rituellen Beziehung zur heiligen Natur. Anhand seiner Kindheitserinnerungen an den jährlichen Aufbruch in die Hochweiden veranschaulicht der Pir, wie Dersimer Alevit:innen in enger Verbindung mit einer sakral verstandenen Natur leben.

Er erklärt, dass beim Erreichen der Hochweiden der erste Weg zum jiare des Berges führt, wo rızalık eingeholt und Gaben (lokma/niyaz) nicht nur unter Menschen, sondern auch mit der Natur und wilden Tieren geteilt werden. Diese Praxis, als „der Anteil des Wolfs und des Vogels“ bezeichnet, wird als ein zentrales Merkmal des Dersimer Alevitentums hervorgehoben. Anhand dieser Beispiele zeigt der Pir, wie die heilige Landschaft Dersims durch batın-Wesen, die in lebenden und nicht-lebenden Entitäten verweilen, Bedeutung erhält.

Pir Cemal Cenan betont, dass Dersimer Alevit:innen sowohl mit der zahir-Welt als auch mit den physischen Erscheinungsformen der batın-Welt in ständigem Kontakt stehen. Berge, Gewässer, Bäume und Tiere werden nicht lediglich als natürliche Elemente beschrieben, sondern als Träger und Gegenüber der batın-Welt. In diesem Zusammenhang erläutert der Pir ausführlich das Konzept von devr-i daim und verdeutlicht die Kontinuität der Seelen zwischen zahir und batın anhand von gülbenk und deyiş.

Im Video werden zudem Friedhöfe und der Umgang mit den Vorfahren thematisiert. Pir Cemal Cenan beschreibt Friedhöfe nicht im Sinne von „Ahnenverehrung“, sondern bezeichnet sie als „unser Gedächtnis“. Er erklärt, dass Friedhöfe in der alevitischen Kosmologie konkrete Orte von Kontinuität, Erinnerung und Zugehörigkeit darstellen. Diese Perspektive macht die enge Verbindung zwischen jiare-Kultur, devr-i daim und kollektivem Gedächtnis sichtbar.

Im zweiten Teil des Videos greift der Pir anhand des Konzepts Kalu Bela aktuelle Diskussionen über das Alevitentum auf. Er wendet sich gegen eine Reduktion des Alevitentums auf Religion, Philosophie oder Lebensweise und betont stattdessen dessen Charakter als ein Glaubensuniversum, das auf Kontinuität beruht und sich an eine sich wandelnde Welt anpasst. In diesem Rahmen wird devr-i daim als zentrales Element der alevitischen Kosmologie neu reflektiert und die dynamische Struktur des alevitischen Glaubenssystems herausgearbeitet.

Diese Aufnahme wurde am 6.–7. Dezember 2025 in den CAN TV Studios in Köln im Rahmen der mündlichen Geschichts- und visuellen Archivarbeit der Alevi Enzyklopädie sowie der Reihe „Aus den Worten der Wegführer:innen“ aufgezeichnet.
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