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Alevitische digitale Archive und epistemische Autonomie: Die institutionelle und digitale Transformation alevitischen Wissens

Die „alevitische Publikationswelle“ und neue Formen der Verbreitung von Wissen über das Alevitentum

Anfang der 1990er Jahre veränderten sich die politischen Verhältnisse in der Welt tiefgreifend. In der Türkei wurde Politik immer stärker durch Identitätsfragen geprägt. Noch wichtiger waren aber die Massaker und Vertreibungen in alevitischen Lebensräumen. Dazu gehören Sivas (1993), Dersim (1994) sowie die Stadtteile Gazi und Ümraniye in Istanbul (1995). Diese Ereignisse richteten sich teils direkt, teils indirekt gegen Alevit:innen. Sie führten die politische Mobilisierung der Alevit:innen in eine neue Phase.

In dieser Zeit begannen Alevit:innen, sich in der Türkei und in der westeuropäischen Diaspora schnell zu organisieren. Sie wurden im öffentlichen Raum sichtbarer. Sie traten unter ihrem eigenen Namen auf. Sie gründeten eigene Institutionen und formulierten eigene Forderungen. Neben Sicherheitsfragen waren auch andere Ziele wichtig. Die alevitische Kultur und Identität sollten verteidigt, bewahrt und an neue Generationen weitergegeben werden. Danach folgte ein intensiver Kampf um offizielle Anerkennung. In einigen westeuropäischen Ländern wurden dabei wichtige Erfolge erreicht.

Diese internationale Sichtbarkeit blieb nicht nur auf die Politik beschränkt. Sie förderte auch akademische, intellektuelle und künstlerische Arbeiten. Diese Arbeiten beschäftigten sich mit der Geschichte, Kultur, Soziologie, Politik, Glaubenswelt und den Ritualpraktiken der Alevit:innen (Zırh 2026, 1–18).

Diese Phase wird oft als „Publikationswelle“ zum Alevitentum bezeichnet. Sie reicht besonders von den 1990er Jahren bis zur Mitte der 2000er Jahre. In dieser Zeit nahm die Zahl von Zeitschriften, Büchern, Sammelbänden, Artikeln, Zeitungsserien und später auch Online-Texten stark zu. Diese Texte wurden von Forschenden, religiösen Autoritäten, Intellektuellen, Vertreter:innen von Institutionen und lokalen Träger:innen der Erinnerung verfasst.

Gleichzeitig wurden auch Abschlussarbeiten, Berichte und Forschungsprojekte zum Alevitentum sichtbarer. Dies geschah sowohl in der Türkei als auch in der internationalen Wissenschaft. So entstand schließlich eine mehrsprachige, vielschichtige und international bekannte Literatur zum Alevitentum.

Diese umfangreiche Literatur zeigt auch die Vielfalt alevitischer Gemeinschaften. Sie macht historische, soziale, kulturelle, geografische, sprachliche, symbolische und religiös-traditionelle Unterschiede sichtbar. Diese Unterschiede kommen heute auch stark in politischen Debatten zum Ausdruck.

Alevit:innen deuten und vermitteln ihre historischen und kulturellen Unterschiede heute neu. Dabei spielen moderne Politikformen, Migration, Diaspora-Erfahrungen und Kämpfe um Anerkennung eine wichtige Rolle. Auch die Akteur:innen der Wissensproduktion stehen nicht außerhalb dieses sozialen und politischen Umfelds.

Deshalb muss betont werden: Wissen über das Alevitentum war nie eine einlinige oder homogene Erzählung. Im Gegenteil. Es gibt viele intensive Debatten über zentrale Fragen. Was ist das Alevitentum? Wie soll es definiert werden? Wie sollen seine historischen Wurzeln verstanden werden? Wie ist sein Verhältnis zum Islam und zu anderen abrahamitischen Religionen oder Traditionen zu beschreiben? Und wie lassen sich geografische, ethnische und sprachliche Unterschiede in dieses Bild einordnen? Diese Fragen gehören zu den wichtigsten Themen, die das heutige Alevitentum prägen.

Am Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts ist eine Entwicklung besonders sichtbar. Internet-Technologien sind Teil des sozialen Lebens geworden. Sie gehören heute dauerhaft zum Alltag, zur öffentlichen Kommunikation und zu den Wegen, auf denen junge Generationen Wissen erwerben.

Natürlich zirkuliert Wissen immer in einem bestimmten sozialen, politischen, kulturellen und institutionellen Kontext. Es wird durch verschiedene Wissensordnungen, Autoritätsformen und Klassifikationen neu produziert. Aus dieser Perspektive hat die große Literatur zum Alevitentum im digitalen Raum nicht nur einen neuen Ort der Verbreitung gefunden. Es entstehen auch neue Fragen. Wie wird Wissen über das Alevitentum gesammelt? Wer klassifiziert dieses Wissen? Mit welchen Begriffen wird es interpretiert? Und mit welchen Mitteln wird es an kommende Generationen weitergegeben? Diese Fragen schaffen neue Methoden, neue Institutionen und neue Debattenfelder.

Dieser Artikel behandelt genau diesen Prozess. Es geht um das kulturelle Erbe, das Alevit:innen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts vor allem durch mündliche Kultur getragen haben. Dazu gehören kollektive Erinnerung, Ritualpraktiken, Ocaktalip-Beziehungen, lokale Erzählungen sowie verschiedene heilige schriftliche und materielle Dokumente. Heute wird dieses Erbe mit Hilfe digitaler Technologien ins Internet übertragen, geordnet und neu bewertet.

Zu den wichtigsten Materialien dieser neuen digitalen Archivierung gehören Buyruk-Texte, Genealogien, Handschriften, cönks, Ritualtexte, nefes, deyiş, institutionelle Archive, Berichte über Alevit:innen, Feldnotizen, audiovisuelle Aufnahmen und Oral-History-Erzählungen. Doch die Übertragung dieser Materialien in digitale Räume ist nicht nur eine technische Form der Bewahrung. Dieser Prozess wirft auch wichtige Fragen auf. Wer vertritt das Wissen über das Alevitentum? Mit welchen Begriffen wird es geordnet? Und wie kann das Recht der alevitischen Gemeinschaft geschützt werden, über ihre eigene Erinnerung selbst zu sprechen?

Alevitische Gesellschaft, alevitische Politisierung und die alevitische Bewegung standen immer in einer engen Beziehung zur Wissenschaft. Diese Beziehung ist wichtig, wurde aber bisher noch nicht ausreichend untersucht (Gültekin 2025, 24–33). Heute besitzt das international anerkannte Feld der Alevi Studies daher besondere strukturelle, intellektuelle und institutionelle Merkmale. Diese unterscheiden es auch von benachbarten Forschungsfeldern wie den Kurdish Studies.

Ein wichtiger Ausdruck dieser Besonderheit ist folgender Punkt: Alevitische Institutionen begannen bereits seit den späten 1990er Jahren, eigene „Akademien“, Bildungsplattformen, Forschungszentren und Erinnerungsinitiativen aufzubauen. Heute entstehen in diesem Austauschfeld verschiedene Projekte, digitale Plattformen, Archivinitiativen und enzyklopädische Arbeiten. Gemeinsam bilden sie einen neuen Raum der Wissensproduktion und Wissensvermittlung. Dieser Raum kann als „alevitische digitale Archive“ bezeichnet werden.

Dieser Artikel kann als ein erster Versuch gelesen werden, dieses neue Feld zu bewerten, zu rahmen und zu diskutieren. Dieses Feld wird kommende Generationen direkt betreffen. Es ist auch eng mit der institutionellen Zukunft der Alevit:innen verbunden.

Die Institutionalisierung der Alevi Studies: Universitäten, Institute und alevitische Akademien (siehe Tabelle 1)

Ein frühes Beispiel für institutionelle Arbeiten zum Alevitentum und Bektaschitentum an einer Universität in der Türkei ist das Zentrum für Türkische Kultur und Hacı-Bektaş-Veli-Forschung. Es wurde am 28. Oktober 1987 an der Gazi-Universität gegründet. Grundlage war das Hochschulgesetz Nr. 2547.

Das Zentrum hatte mehrere Ziele. Es wollte die Bedeutung von Hacı Bektaş Veli in der Geschichte der türkischen Kultur mit Dokumenten zeigen. Es wollte Wissenslücken in diesem Bereich schließen. Es wollte mit ähnlichen Einrichtungen zusammenarbeiten. Außerdem wollte es kulturelle Figuren wie Pir Sultan Abdal, Hasan Dede und Gül Baba erforschen.

Heute besitzt die Bibliothek des Zentrums etwa 3.500 gedruckte Werke. Dazu kommen ungefähr 100 cönks, Zeitschriften und handschriftliche Dokumente. Außerdem gibt es digitale Kopien von fast 600 seltenen Werken aus Bibliotheken in verschiedenen Teilen der Welt. Das zeigt: Das Zentrum hat früh eine wichtige Grundlage für schriftliche Quellen und Archive im Bereich Alevitentum-Bektaschitentum geschaffen.

Gleichzeitig muss man den politischen und institutionellen Kontext beachten. Das Zentrum wurde nach dem Militärputsch von 1980 gegründet. Es entstand innerhalb der durch YÖK geprägten Hochschulordnung. Deshalb zeigt es auch eine bestimmte Sichtweise des türkischen Staates. Religiös-soziale Gruppen, die der Staat nicht offiziell anerkennt, werden oft nicht als eigenständige Glaubensgemeinschaften verstanden. Das gilt auch für das Alevitentum. Stattdessen werden sie häufig unter Begriffen wie „türkische Kultur“, „Folklore“, „Sufismus“ oder „kulturelles Erbe“ behandelt.

Deshalb ist das Zentrum in zweifacher Hinsicht wichtig. Einerseits ist es eine frühe öffentliche Einrichtung. Es hat zur Sammlung von Dokumenten, Publikationen und akademischen Arbeiten im Bereich Alevitentum-Bektaschitentum beigetragen. Andererseits zeigt es auch, in welchen sunnitisch-normativen und kulturbezogenen Grenzen Wissen über das Alevitentum in der Türkei durch das Verhältnis von Staat und Wissenschaft produziert wurde.

Auch innerhalb alevitischer Institutionen entstanden früh Initiativen zur Wissensproduktion. Diese Initiativen hatten verschiedene Ziele. Sie wollten akademisches Wissen schaffen, Glaubensbildung unterstützen, Archive aufbauen und institutionelle Erinnerung sichern. Solche Ansätze wurden bereits Ende der 1990er Jahre sichtbar. Das war eine frühe Phase, in der sich die alevitische Bewegung entwickelte und institutionalisierte.

Die Rolle der europäischen Diaspora ist in diesem Prozess besonders wichtig. Die Europäische Alevitische Akademie wurde 1997 in Deutschland gegründet. Heute arbeitet sie unter dem Namen Alevitische Akademie weiter. Sie setzte sich mehrere Ziele. Sie wollte Informationsmaterialien für alevitische Institutionen vorbereiten. Sie wollte Bildungsarbeit über das Alevitentum auf Deutsch und Türkisch leisten. Sie wollte schriftliche Quellen für Glaubensdienste sammeln. Sie wollte Bildungsprogramme für pirs, anas, zakirs und junge Menschen entwickeln. Außerdem wollte sie Daten über Alevit:innen sammeln und ein alevitisches Archiv sowie eine alevitische Erinnerung schaffen (Engin 2017).

Diese Initiative war daher nicht nur eine Bildungseinrichtung im engen Sinn. Sie war auch ein früher Versuch, Wissen über das Alevitentum unter Bedingungen der Diaspora zu sammeln, weiterzugeben und institutionell zu sichern.

Eine weitere unabhängige Initiative in der europäischen Diaspora ist das Alevi-Bektaschi-Kulturinstitut. Es wurde ebenfalls 1997 in Deutschland gegründet. Das Institut möchte die historische, geistige und religiöse Struktur des Alevitentums und des Bektaschitentums wissenschaftlich erforschen. Es möchte mündliche und schriftliche Quellen feststellen. Es möchte akademische Arbeiten in verschiedenen Disziplinen fördern. Außerdem möchte es alevitisch-bektaschitische Glaubenspraktiken, Rituale und philosophische Deutungen einem breiteren Publikum vermitteln.

Das Institut ist deshalb nicht nur ein Kultur- oder Glaubenszentrum. Es ist auch eine frühe Wissens- und Erinnerungsinitiative der Diaspora. Besonders wichtig ist sein Interesse an Archiven. Schriftliche und mündliche Quellen werden als strategisch wichtig gesehen. Dazu gehören Genealogien, Fermane, icazetname, Stiftungsurkunden, velâyetnames, cönks, divans, nefes, duvaz imam, deme und deyiş.

In der Türkei gehört das Alevi-Institut zu den frühen bekannten Beispielen. Es wurde 2008 in Ankara gegründet. Die Initiative kam vom Hauptsitz der Hacı-Bektaş-Veli-Anatolischen Kulturstiftung und von den Alevitischen Kulturvereinen.

Wichtig ist auch ein weiterer Punkt. Viele Wissenschaftler:innen, die diese Initiative unterstützten, waren zuvor an der Zeitschrift Kırkbudak – Zeitschrift für Forschungen zu anatolischen Volksglauben beteiligt. Diese Zeitschrift erschien zwischen 2004 und 2007. Sie war die erste begutachtete Zeitschrift im Bereich der Alevi Studies.

Das Alevi-Institut entstand aus einer bestimmten Beobachtung heraus. Seit den 1990er Jahren wurden zwar viele Bücher und Zeitschriften über das Alevitentum veröffentlicht. Trotzdem blieb die wissenschaftliche Wissensbasis in diesem Feld begrenzt. Das Institut wollte daher wissenschaftliche Arbeiten über das Alevitentum durchführen. Es wollte vorhandene Arbeiten sammeln. Und es wollte zur Bewahrung und Entwicklung des Alevitentums beitragen.

In seinen wissenschaftlichen Gremien und Beratungsgremien waren verschiedene Akteur:innen vertreten. Dazu gehörten Wissenschaftler:innen, religiöse Autoritäten, Forschende, Künstler:innen und Vertreter:innen von Institutionen. Dadurch wurde das Institut zu einer frühen und wichtigen Brücke zwischen alevitischen Institutionen und akademischer Wissensproduktion.

In den 2010er Jahren entstand in der europäischen alevitischen Diaspora eine weitere ähnliche Initiative. Die Delil Bildungsakademie brachte Intellektuelle aus alevitischen Institutionen zusammen. Sie wollte einen vielseitigen Bildungsraum für die alevitische Gesellschaft schaffen. Deshalb kann sie als ein wichtiges aktuelles Beispiel für diese institutionell-akademische Suche gelten.

Die Delil Bildungsakademie wurde im Dezember 2017 mit einem Symposium an der Universität Duisburg-Essen vorgestellt. Ihr Ziel wurde klar beschrieben. Sie wollte wissenschaftliches Wissen in den Bereichen akademische Institutionalisierung und Bildung produzieren. Sie wollte vorhandenes Wissen stärken und festigen. Außerdem wollte sie dieses Wissen mit relevanten Institutionen teilen.

In diesem Sinn war die Delil Bildungsakademie ein konkreter Schritt. Sie stand in Verbindung mit einem langjährigen Ziel der europäischen alevitischen Bewegung: dem Aufbau einer eigenen wissenschaftlichen Institution. Die Initiative verstand sich als Bildungsbewegung. Sie wollte die institutionelle Stärke der alevitischen Zivilgesellschaft ausbauen. Sie wollte kritisches Denken fördern. Und sie wollte die Beziehung zur akademischen Wissensproduktion stärken.

Eine weitere Initiative entstand in den 2020er Jahren in der Türkei. Es handelt sich um die GADEV Alevi Akademie. Sie wurde innerhalb der Garip-Dede-Dergâhı-Stiftung gegründet. Die Akademie wurde 2022 öffentlich vorgestellt.

Die Akademie entwickelte Programme mit zwei Schwerpunkten. Das erste Programm hieß „Alevitentum in der Türkei aus sozialwissenschaftlicher Perspektive“. Das zweite Programm hieß „Yol-Erkân, Glaube und Ocaks im Alevitentum“. Damit wollte die Akademie das Alevitentum an einer Schnittstelle behandeln. Auf der einen Seite stehen die Sozialwissenschaften. Auf der anderen Seite stehen traditionelle Wissensbereiche zu Glaube, erkân und Ocaks.

Die Inhalte der Programme waren breit. Sie umfassten Geschichte, Soziologie, Anthropologie, Recht, Gender Studies, Ökologie, Medien, Politik, Wirtschaft und Theologie. Dadurch wurde die GADEV Alevi Akademie zu einer interdisziplinären Bildungs- und Wissensinitiative innerhalb alevitischer Institutionen.

Ein sehr neues Beispiel in der Diaspora ist die Rıza-Şehri-Akademie in Dortmund. Sie wurde im Januar 2024 eröffnet. Die Akademie möchte die Geschichte, Philosophie, Theologie, Mythologie, Rituale und sozialen sowie kulturellen Werte des alevitischen Glaubens erforschen. Sie möchte die dabei entstehenden Informationen und Dokumente bewahren. Sie möchte sie an kommende Generationen weitergeben. Außerdem möchte sie diese Arbeiten in die internationale Literatur einbringen.

Für diesen Artikel ist die Rıza-Şehri-Akademie besonders wichtig. Sie ist nicht nur eine Bildungs- und Forschungsplattform. Sie ist auch der Ort, an dem die Arbeiten an der Alevi-Enzyklopädie im April 2024 begonnen haben.

Auch die Alevitische Akademie in Österreich kann in diesem Zusammenhang diasporischer Institutionalisierung genannt werden. Die Akademie arbeitet unter dem Dach der Alevitischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (ALEVI) und organisiert Seminare, Podiumsdiskussionen, Konferenzen und Bildungsangebote zur Erforschung, Vermittlung und öffentlichen Sichtbarmachung des Alevitentums. Auf der offiziellen Webseite wird kein eindeutiges Gründungsjahr genannt. Die Eintragung des Namens „Alevitische Akademie“ durch ALEVI im Jahr 2019 weist jedoch darauf hin, dass diese institutionelle Bezeichnung in jüngerer Zeit formalen Status erlangt hat.

An dieser Stelle ist ein kurzer Blick auf Europa hilfreich. Seit den 2000er Jahren sind dort verschiedene akademische Strukturen zum Alevitentum entstanden. Sie entwickelten sich an Universitäten, Pädagogischen Hochschulen, Instituten und in Programmen zur Lehrer:innenbildung. Diese Initiativen bewegen sich vor allem in den Bereichen Theologie, Religionspädagogik, Lehrer:innenbildung, Diaspora, Identität und Erinnerung.

An der Universität Hamburg begann der Prozess im Bereich der Lehrer:innenbildung. Er stand im Zusammenhang mit dem Konzept „Religionsunterricht für alle“. Dort wurde 2014 der Bereich Alevitische Theologie aufgebaut. Später wurde daraus das Institut für Alevitische Theologie (2024).

Diese Struktur gilt als eines der ersten akademischen Institute weltweit, das der alevitischen Theologie gewidmet ist. Es möchte das Alevitentum erforschen und lehren. Dabei berücksichtigt es historische und gegenwärtige Selbstverständnisse. Auch regionale, sprachliche, religiöse und kulturelle Vielfalt spielen eine wichtige Rolle.

An der Universität Wien wurden die Alevitisch-Theologischen Studien 2018 eingerichtet. Sie entstanden am Institut für Islamisch-Theologische Studien innerhalb der Katholisch-Theologischen Fakultät. Dieser Bereich wurde als eines der ersten international ausgerichteten theologischen Fächer auf Universitätsebene beschrieben. Sein Ziel ist es, das Alevitentum auf der Grundlage seiner eigenen religiösen Selbstverständnisse zu erforschen und zu lehren.

Mit dem eigenständigen Bachelor-Individualstudium Alevitisch-Theologische Studien wurde dieser Wiener Fall noch wichtiger. Dieses Studium wurde im Studienjahr 2022/23 eingerichtet. Dadurch gewann Wien für die Institutionalisierung alevitischer Theologie in Europa weiter an Bedeutung.

Eine weitere wichtige Entwicklung in Österreich betrifft die Ausbildung von Lehrer:innen für alevitischen Religionsunterricht. Sie entstand am Institut Alevitische Religion der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich (2018). Dort können Studierende in der Primarstufen-Ausbildung einen Schwerpunkt wählen. Dieser Schwerpunkt heißt Alevitische Religion oder Alevitische Glaubenslehre.

Die Ausbildung umfasst insgesamt 60 ECTS. Sie ist über Bachelor- und Masterphase verteilt. So können Studierende die Qualifikation als Primarstufenlehrer:innen erwerben. Zugleich können sie sich für den alevitischen Religionsunterricht qualifizieren. Dieses Beispiel ist daher kein theologisches Institut im engen Sinn. Es ist eher ein institutionelles Modell für alevitische Religionspädagogik und Lehrer:innenbildung.

Auch in Deutschland ist die Pädagogische Hochschule Weingarten ein frühes und wichtiges Beispiel. Dort konnten Lehrer:innen eine Zusatzqualifikation im Bereich Alevitische Religionslehre beziehungsweise Religionspädagogik erwerben (2011). Der Prozess wurde später noch stärker institutionalisiert. Denn 2013 wurde dort die erste wissenschaftliche Stelle im Bereich Alevitentum an einer deutschen Hochschule eingerichtet.

Zu diesem Bild gehören auch projektbasierte Initiativen. Ein Beispiel ist das Alevi Religion and Identity Project im Umfeld der University of Westminster in London. So zeigt sich: Alevi Studies in Europa sind nicht nur ein akademisches Forschungsfeld. Sie sind auch ein institutionelles Feld. Dieses Feld ist mit Religionsunterricht, öffentlicher Anerkennung, Diaspora-Identität und gemeinschaftsbezogener Wissensproduktion verbunden.

In der Türkei zeigen universitäre Zentren und Institute zum Alevitentum-Bektaschitentum eine frühere staatlich-akademische Linie. Viele dieser Strukturen haben jedoch eine begrenzte oder unterbrochene Entwicklung erlebt. Das betrifft ihre Kontinuität, Produktivität und öffentliche Sichtbarkeit.

Das Hacı-Bektaş-Veli-Forschungszentrum ist ein frühes Beispiel dieser Linie. Es geht auf die Gazi-Universität zurück und wurde später an die Ankara Hacı Bayram Veli Universität übertragen. Daneben gibt es weitere Einrichtungen. Dazu gehören das Institut für Alevi-Forschung an der İnönü-Universität, das Hacı-Bektaş-Veli-Forschungs- und Anwendungsinstitut an der Nevşehir Hacı Bektaş Veli Universität, das Forschungs- und Anwendungszentrum für Alevi-Studien an der Munzur-Universität, das Anwendungs- und Forschungszentrum für Alevitentum-Bektaschitentum an der Toros-Universität, das Hacı-Bektaş-Veli-Forschungs- und Anwendungszentrum an der Hitit-Universität, das Anwendungs- und Forschungszentrum für alevitisch-bektaschitische Kultur an der Süleyman-Demirel-Universität und das Anwendungs- und Forschungszentrum für Alevitentum und Ehlibeyt-Kultur an der Dicle-Universität.

Diese Beispiele zeigen: Wissen über Alevitentum-Bektaschitentum hat im universitären Feld der Türkei institutionelle Formen gefunden. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied zu vielen europäischen Beispielen. In der Türkei wurde das Alevitentum in vielen dieser Zentren meist nicht als eigenständiges theologisches Selbstverständnis behandelt. Es wurde auch selten im Rahmen einer religiösen Minderheit oder einer Glaubensgemeinschaft verstanden. Stattdessen wurde es oft unter Begriffen wie „türkische Kultur“, „Erbe von Hacı Bektaş Veli“, „Sufismus“, „Folklore“, „soziale Integration“ und „Kulturforschung“ eingeordnet.

Dadurch bleiben viele Unterschiede zwischen alevitischen Gemeinschaften selbst innerhalb der Türkei unsichtbar. Das betrifft geografische, ethnische, sprachliche, kulturelle und historische Unterschiede. In vielen Fällen wurden diese Unterschiede entweder nicht sichtbar gemacht oder stark manipuliert.

Deshalb hat die akademische Institutionalisierung in der Türkei zwei Seiten. Einerseits hat sie Archive, Graduiertenprogramme, Publikationen und Veranstaltungen im Bereich Alevitentum-Bektaschitentum hervorgebracht. Andererseits zeigt sie auch, in welchen begrifflichen und institutionellen Grenzen das Verhältnis von Staat und Wissenschaft Wissen über das Alevitentum definiert.

Ein wichtiger Punkt ist hier besonders auffällig. Sowohl die Akademie-Initiativen innerhalb alevitischer Institutionen als auch die offiziellen universitären Strukturen haben innerhalb bestimmter Grenzen gearbeitet. Frühe Beispiele wie das Alevi-Institut und die Delil Bildungsakademie weckten bei ihrer Gründung große Erwartungen. Sie erzeugten auch viel Begeisterung. Mit der Zeit hatten sie jedoch Schwierigkeiten, eine regelmäßige, dauerhafte und öffentlich gut sichtbare institutionelle Produktion aufzubauen.

Neuere Initiativen aus den 2020er Jahren, wie die GADEV Alevi Akademie und die Rıza-Şehri-Akademie, setzen ihre Arbeit fort. Doch auch sie befinden sich noch im Aufbau. Besonders wichtig sind dabei mehrere Bereiche: Zusammenarbeit zwischen Institutionen, gemeinsame Forschungsprogramme, regelmäßige Publikationen und die Weitergabe des produzierten Wissens an die breite alevitische Gesellschaft und die Öffentlichkeit. Diese Weitergabe sollte schriftlich und digital erfolgen.

Gleichzeitig werden akademische Arbeiten außerhalb alevitischer Institutionen stark beeinflusst. Das gilt besonders für die Türkei. Dort spielen dominante akademische Paradigmen, das aktuelle politische Klima und die offizielle Sicht des Staates auf das Alevitentum eine große Rolle.

Insgesamt zeigt dieses Bild: Die Produktion, Sammlung und Weitergabe von Wissen über das Alevitentum hat heute eine neue Schwelle erreicht. Über Jahrhunderte wurde alevitische Erinnerung vor allem durch mündliche Kultur getragen. Dazu gehörten kollektive Erinnerung, Ritualpraktiken, religiös-soziale Institutionen sowie Dergâh– und/oder Ocaktalip-Netzwerke.

Durch Modernisierung, Migration und Politisierung wurde dieses Wissen zuerst durch gedruckte Publikationen sichtbarer. Seit den 2010er Jahren bewegt es sich in einen neuen Raum der Produktion und Verbreitung. Dazu gehören Internet-Technologien, digitale Archive, Online-Enzyklopädien, Videoaufnahmen, Oral-History-Projekte, Online-Museen, digitale Ausstellungen und Open-Access-Plattformen.

Alevi Studies Network und Alevi-Enzyklopädie: Vom akademischen Netzwerk zur digitalen Erinnerung

Eine wichtige aktuelle Initiative in diesem neuen akademischen und digitalen Wissensraum ist das Alevi Studies Network. Das Netzwerk ist seit 2022 regelmäßig aktiv. Heute bringt es fast 400 internationale Forschende zusammen. Damit zeigt das Alevi Studies Network: Alevi Studies sind nicht mehr nur eine lose Sammlung einzelner Forschungsarbeiten. Sie sind zu einem internationalen, sichtbaren und zunehmend dauerhaften akademischen Feld geworden.

Das Netzwerk verbreitet jede Woche Newsletter. Es informiert über akademische Veranstaltungen, neue Publikationen, Ausschreibungen sowie Institutionen und Projekte. Dadurch stärkt es den Austausch zwischen Forschenden, die zum Alevitentum arbeiten. Es schafft auch einen regelmäßigen Kontakt zwischen der Türkei, Europa und weiteren internationalen akademischen Kreisen.

In diesem Sinne ist das Alevi Studies Network eine wichtige digital-akademische Plattform. Es macht aktuelle akademische Arbeiten zum Alevitentum sichtbar. Es stärkt die Kommunikation innerhalb des Feldes. Und es unterstützt die institutionelle Identität der Alevi Studies (Gültekin 2026, 21–23).

Die breitere öffentliche und enzyklopädische Dimension dieser Entwicklung wird durch die Alevi-Enzyklopädie vertreten. Die Alevi-Enzyklopädie ging am 2. Juli 2025 online. Sie ist mit dem ISIL-Code DE-4607 registriert. Sie ist nicht nur eine digitale Publikationsplattform. Sie versteht sich als unabhängige, offene und mehrsprachige Wissensinstitution.

Über diese Plattform kann alevitisches Wissen neu gesammelt und verbreitet werden. Dies geschieht auf akademischer, institutioneller und gemeinschaftsbezogener Ebene. Weniger als ein Jahr nach ihrer Gründung erreicht die Enzyklopädie täglich 2.500 bis 3.000 einzelne Besucher:innen. Insgesamt nähert sich die Zahl der Interaktionen bereits mehreren Millionen. Das zeigt: Das Projekt ist in kurzer Zeit zu einem wichtigen Bezugspunkt für webbasierte Recherchen zum Alevitentum geworden.

Die Enzyklopädie verbindet akademische Wissensproduktion mit gemeinschaftlicher Erinnerung. Dies geschieht durch Artikel, thematische Dossiers, Videoaufnahmen, Oral-History-Interviews, Akademie-Lektionen, Ergebnisse von Symposien und mehrsprachige Publikationen.

Besonders wichtig ist dabei ein Punkt. Die Enzyklopädie gibt pirs, anas, babas, dedes, seyits, zakirs und lokalen Träger:innen der Erinnerung direkt eine Stimme. Das ist grundlegend für die Bewahrung und Weitergabe des mündlichen kulturellen Erbes der Alevit:innen im digitalen Zeitalter.

Die Alevi-Enzyklopädie ist daher nicht nur ein Archiv, das vorhandenes Wissen über das Alevitentum sammelt. Sie ist auch ein dynamischer Raum kollektiver Erinnerung und öffentlichen Wissens. Sie stärkt das Recht der alevitischen Gemeinschaft, über ihre eigene Erinnerung, ihren Glauben, ihre Begriffe und ihre Erfahrungen selbst zu sprechen.

Auch weitere Entwicklungen zeigen die besondere Stellung des Projekts. Kurz nach seiner Gründung hat es ähnliche enzyklopädische und archivbezogene Initiativen in der Türkei und in Europa inspiriert. Es hat Dialoge mit anerkannten akademischen Institutionen entwickelt, zum Beispiel mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Außerdem schafft es eine gemeinsame Grundlage für alevitische Institutionen, Wissenschaftler:innen, Forschende, religiöse Autoritäten und Akteur:innen der Gemeinschaft. Dadurch wird die besondere Rolle der Alevi-Enzyklopädie in der Produktion und Verbreitung alevitischen Wissens im digitalen Zeitalter noch deutlicher.

Ein weiteres wichtiges Beispiel ist die International Conference of Alevism Studies. Sie findet alle zwei Jahre an der University of Westminster in London statt. Diese Konferenz zeigt, wie sich Alevi Studies in Europa institutionalisieren.

Die erste Konferenz fand 2023 statt, die zweite 2025. Sie bringt Forschende aus verschiedenen Ländern zusammen, die zum Alevitentum arbeiten. Sie steht auch in Verbindung mit Studien zu alevitischer Identität, religiöser Bildung und Diaspora im Umfeld der University of Westminster.

An diesen Treffen nehmen auch Forschende aus der Türkei teil. Dadurch wird deutlich: Alevi Studies sind nicht mehr nur einzelne und verstreute Forschungen auf lokaler oder nationaler Ebene. Sie entwickeln sich zu einem europäisch geprägten, interdisziplinären und immer kontinuierlicheren Feld akademischer Zusammenarbeit.

Von der mündlichen Kultur zum digitalen Archiv: Neue Räume für die Verbreitung alevitischer Erinnerung

Diese Veränderung ist nicht nur ein technischer Übergang. Es geht nicht einfach darum, gedruckte Texte in digitale Dateien umzuwandeln. Seit den 1990er Jahren spricht man von einer „alevitischen Publikationswelle“. Diese Phase zeigte einen schnellen und starken Übergang. Alevitische Gemeinschaften bewegten sich von einer stark mündlich geprägten Erinnerungskultur stärker in Richtung schriftlicher Kultur.

Seit den 2020er Jahren ist eine neue Schwelle entstanden. Internet-Technologien, digitale Archive und Online-Wissensplattformen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie verändern die Produktion, Sammlung, Ordnung und Weitergabe von Wissen über das Alevitentum.

Über Jahrhunderte wurde das Alevitentum vor allem mündlich weitergegeben. Wichtige Formen waren Rituale, kollektive Erinnerung, Dergâh– und/oder Ocak– sowie talip-Netzwerke. Auch lokale Erzählungen, heilige Orte, deyiş, nefes, Heiligenerzählungen und wenige handschriftliche Dokumente waren wichtig.

Deshalb bedeutet die Übertragung des mündlichen alevitischen Kulturerbes auf digitale Plattformen mehr als nur Bewahrung. Es bedeutet auch, ein vielfältiges und vielschichtiges Wissensfeld neu zu ordnen. Dieses Feld ist oft umstritten. Es umfasst verschiedene Sprachen, Regionen, historische Erfahrungen, Ritualtraditionen, politische Positionen und Gemeinschaftserinnerungen. Es reicht vom Balkan bis Anatolien, vom Kaukasus bis zur Levante, vom iranischen Hochland bis nach Innerasien und zur westeuropäischen Diaspora.

Viele Materialien wurden bis heute in Familien, in Ocak-Umfeldern, bei religiösen Autoritäten oder in lokalen Gemeinschaften bewahrt. Dazu gehören Handschriften, Genealogien, cönks, Briefe, Ritualtexte, Bildmaterial, Tonaufnahmen und Oral-History-Erzählungen. Wenn diese Materialien digitalisiert werden, werden sie nicht nur geschützt. Sie gelangen auch in einen neuen öffentlichen Raum der Verbreitung.

Damit entstehen wichtige Fragen. Wer archiviert diese Materialien? Nach welchen Kriterien werden sie geordnet? Mit welchem begrifflichen Rahmen werden sie interpretiert? Und wer darf auf sie zugreifen? Diese Fragen sind methodisch, ethisch, epistemologisch und institutionell wichtig.

Besonders im Kontext der Alevit:innen in der Türkei ist die Digitalisierung sehr wichtig. Sie betrifft Handschriften, offizielle Dokumente, institutionelle Archive, audiovisuelle Aufnahmen und Oral-History-Materialien. Zugleich muss dieser Prozess sehr sorgfältig durchgeführt werden.

Alevit:innen waren nicht nur Ziel physischer Gewalt. Sie waren auch Ziel epistemischer Gewalt. Oft wurden sie von außen definiert. Diese Definitionen kamen von Staaten, offiziellen Ideologien, Missionsbewegungen, nationalistischen Geschichtsschreibungen, konfessionellen Religionsverständnissen und bestimmten akademischen Wissensordnungen.

Das Alevitentum wurde dabei oft in enge Kategorien eingeordnet. Es wurde manchmal als „Häresie“ beschrieben. Manchmal galt es als „folklorischer Rest“. Manchmal wurde es als „heterodoxer Islam“ erklärt. In anderen Fällen erschien es als „Teil der türkischen Kultur“ oder als „verschwindende authentische Tradition“. Deshalb ist digitale Archivarbeit nicht nur eine Frage von Bewahrung und Zugang.

Die Übertragung alevitischen Kulturerbes in digitale Räume bringt daher methodische und ethische Verantwortung mit sich. Archivmaterialien dürfen nicht aus ihrem Kontext gelöst werden. Bei Dokumenten, die als heilig oder privat gelten, müssen die Sensibilitäten der Gemeinschaft beachtet werden. Lokale Sprachen und emische Begriffe müssen geschützt werden. Oral-History-Erzählungen dürfen nicht nur als Daten behandelt werden. Sie sind Formen von Erinnerung, Zeugnis und Erfahrung.

Wissen über das Alevitentum sollte deshalb nicht nur von akademischen Expert:innen produziert werden. Es sollte gemeinsam mit religiösen Autoritäten, lokalen Forschenden, Vertreter:innen von Institutionen, Künstler:innen, Träger:innen der Erinnerung und Akteur:innen der Gemeinschaft entstehen.

Darum ist es wichtig, aktuelle digitale Archivprojekte zu betrachten. Auch Online-Wissensplattformen und Projekte zur Aufnahme des mündlichen alevitischen Kulturerbes sind wichtig. So kann man besser verstehen, wie Wissen über das Alevitentum im digitalen Zeitalter gesammelt wird. Man sieht auch, mit welchen Mitteln dieses Wissen weitergegeben wird. Man erkennt seine Möglichkeiten und Grenzen. Und man versteht besser, welche Rolle die Alevi-Enzyklopädie in diesem wachsenden digitalen Wissensraum einnimmt.

Ein wichtiges Beispiel ist die Archivarbeit des Alevi-Bektaschi-Kulturinstituts. Das Institut wurde 1997 in Köln gegründet. Die Ehrenpräsidentschaft hatte Prof. Dr. Irène Mélikoff. Seit 2007 arbeitet das Institut in seinem Zentrum in Hausen (Wied).

Das Institut möchte wissenschaftliche, kulturelle und glaubensbezogene Arbeiten zum Alevitentum und Bektaschitentum durchführen. Es gehört zu den frühen institutionellen Initiativen in Europa. Das zeigt sich an seinen Symposien, Podien, Publikationen und an der Zeitschrift für Alevi-Bektaschi-Forschung (Ceylan und Ersal 2019, 173–208).

Für diesen Artikel ist vor allem die Archivstruktur des Instituts wichtig. Sie ist vielschichtig. Sie umfasst gedruckte Werke, Handschriften, Ton-, Bild- und Videoaufnahmen sowie institutionelle Archivmaterialien.

Im Archiv des Instituts befinden sich Handschriften und Dokumente aus privaten Archiven. Es gibt auch eine Kopie des schriftlichen und visuellen Materialarchivs des Hacı-Bektaş-Veli-Forschungszentrums der Gazi-Universität. Dazu kommen digitale Materialien aus Feldforschungen.

Der neue Archivkatalog ist nicht nur eine einfache Liste. Er ist als dynamisches und partizipatives Nachschlagewerk gedacht. Er soll gedruckte Werke, Handschriften, audiovisuelle Aufnahmen und institutionelle Archivmaterialien für Forschende und Mitglieder der Gemeinschaft besser zugänglich machen.

Der Katalog entstand durch Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen. Beteiligt waren das Alevi-Bektaschi-Kulturinstitut, das Projekt „Alevitisches Archiv“ der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (2026), der Fachinformationsdienst für Nahost-, Nordafrika- und Islamstudien an der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Halle sowie verschiedene institutionelle und private Partner:innen.

Das zeigt: Dieses Archiv ist nicht nur eine lokale Sammlung. Es ist ein Erinnerungsraum. Dieser Raum ist mit internationalen akademischen und gemeinschaftsbezogenen Wissensnetzwerken verbunden.

Die Katalogdaten werden in mehreren Formaten angeboten. Dazu gehören Text, Citavi, CSV, XML und BibTeX. Das zeigt, dass das Archiv einen einfachen, aber wissenschaftlich fundierten Zugang bietet. Es ist nützlich für akademische Forschung. Es ist aber auch wichtig für kulturelle und soziale Arbeiten.

In diesem Sinne ist das Archiv des Alevi-Bektaschi-Kulturinstituts ein frühes und wichtiges Beispiel. Texte und audiovisuelle Materialien, die in privaten Archiven oft als „heilige anvertraute Güter“ bewahrt wurden, werden durch digitale Kopien, Informationsformulare und Katalogisierung einem größeren Raum geöffnet. Dieser Raum umfasst Forschung, kulturelle Erinnerung und gesellschaftliche Beteiligung.

Ein weiteres Beispiel betrifft das Hacı-Bektaş-Veli-Forschungszentrum. Es wurde an der Gazi-Universität gegründet. Heute arbeitet es an der Ankara Hacı Bayram Veli Universität weiter. Ein wichtiger Fall ist die Restaurierung und Konservierung von 29 Dokumenten, die dem Zentrum geschenkt wurden.

Zu diesen Dokumenten gehörten Fermane, Anträge und icazetname. Einige dieser icazetname waren länger als 2,5 Meter. Die Dokumente hatten verschiedene Schäden. Dazu gehörten Brandschäden, Feuchtigkeit, Brüchigkeit, fehlende Teile und Schäden an der Tinte. Deshalb wurden sie 2001 an der Başkent Berufshochschule der Universität Ankara konserviert.

Dieses Beispiel zeigt: Schriftliche Dokumente alevitisch-bektaschitischer Gemeinschaften gelangten in verschiedene öffentliche Einrichtungen und Universitätsarchive. Zugleich wird eine wichtige Frage sichtbar. In welchen Institutionen werden diese Dokumente bewahrt? Und in welchen Zugangs- und Deutungsrahmen werden sie geschützt? Diese Fragen sind für die Debatte über digitale Archive sehr wichtig (Baydar 2001, 21–26).

Ein weiteres wichtiges Beispiel ist das Alevi-Bektashi Digital Archive, kurz ABDA. Der Name dieses Projekts ist in den letzten Jahren häufiger zu hören. ABDA ist ein Open-Access-Projekt der Digital Humanities. Es möchte schriftliches, mündliches und materielles Kulturerbe der Alevit:innen und Bektaschit:innen bewahren. Es möchte dieses Erbe auch für Forschende und eine breitere Öffentlichkeit zugänglich machen.

Das Projekt wird an der William & Mary Universität entwickelt. Die Leitung hat Assoc. Prof. Dr. Ayfer Karakaya-Stump. ABDA konzentriert sich besonders auf Dokumente und Handschriften in Familienarchiven in Anatolien. Diese Materialien werden vor Ort digitalisiert.

In der Pilotphase wurden Feldarbeiten in elf Provinzen durchgeführt. Dafür wurden tragbare Scanner genutzt. Insgesamt wurden 685,4 GB Material digitalisiert. Dazu gehören handschriftliche icazetname, Familiengenealogien, Besuchsregister, religiöse Texte sowie Gedichte der Form nefes und deyiş. Diese Materialien reichen vom 14. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert.

Das Projekt entwickelte außerdem erste Inventare und Karten zu alevitisch-bektaschitischen Dörfern und heiligen Orten. Es erstellte zweisprachige Metadatenformulare auf Englisch und Türkisch. Auch Online-Fragebögen wurden vorbereitet.

In den nächsten Phasen sollen die vorhandenen Materialien katalogisiert werden. Weitere Scans in Anatolien und auf dem Balkan sind geplant. Für Dörfer und heilige Orte sollen freiwillige Datensammlungen beginnen. Auch Oral-History-Material, Fotografien und audiovisuelle Aufnahmen sollen in das Archiv aufgenommen werden.

In diesem Sinne kann ABDA als unabhängige akademische Initiative verstanden werden. Es überträgt alevitisch-bektaschitisches Erbe in digitale Form. Besonders wichtig sind dabei Familienarchive, lokale Dokumente und schriftliche Materialien, die im Feld bewahrt wurden.

Ein sehr aktuelles Beispiel aus Europa ist das Projekt Alevitisches Archiv: Ethnohistorie alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.–20. Jh.. Das Projekt wurde an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften begonnen. Die Leitung hat Prof. Dr. Markus Dreßler in Leipzig.

Das Projekt hat im letzten Monat begonnen. Es fällt durch seine langfristige und umfassende Förderung auf. Es untersucht die Geschichte alevitischer Gemeinschaften vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Dabei geht es um historische Siedlungsdynamiken, Prozesse der Gemeinschaftsbildung und Beziehungen zu verschiedenen religiösen und sozialen Umfeldern.

Das Projekt möchte eine verbreitete Erzählung neu prüfen. Nach dieser Erzählung hätten sich alevitische Gemeinschaften historisch isoliert, geschlossen und von der Außenwelt getrennt entwickelt. Das Projekt will diese Sicht mit breiterem empirischem Material überprüfen.

Dafür werden verschiedene Quellen gemeinsam untersucht. Dazu gehören osmanische Archive, Handschriften in alevitischen Sammlungen, mündliche Traditionen und materielle Kultur. Auch die historische Kartierung alevitischer Räume ist geplant. Dazu gehören Siedlungsnetzwerke, Glaubenskreise und Gemeinschaftserinnerung.

Das Projekt arbeitet mit Methoden der Digital Humanities. Es sammelt, verbindet und analysiert Daten systematisch. Soweit möglich, sollen diese Daten auch öffentlich zugänglich gemacht werden. Deshalb kann das Projekt als aktuelle, ehrgeizige und langfristige akademische Initiative gelten. Es dokumentiert die mündliche kulturelle Welt und das schriftliche Kulturerbe der Alevit:innen.

Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen. Wie wird das Projekt mit den eigenen Erinnerungen der alevitischen Gemeinschaften umgehen? Wie wird es emische Begriffe und lokale Wissensordnungen berücksichtigen? Welche ethischen und methodischen Prinzipien wird es bei Archivierung, Kartierung und Klassifikation anwenden? Diese Fragen müssen bei großen digitalen Archivprojekten sorgfältig beobachtet werden.

Nach diesen Beispielen muss auch ein aktuelles Projekt in der Türkei erwähnt werden. Es zeigt, dass Digitalisierung nicht nur von Gemeinschaften oder unabhängigen akademischen Initiativen getragen wird. Auch staatliche Institutionen in der Türkei beginnen, direkt in die digitale und gedruckte Verbreitung von Wissen über das Alevitentum einzugreifen.

Gemeint ist das Projekt Enzyklopädie des Alevitentums und Bektaschitentums (ABA). Anfang 2026 wurde berichtet, dass dieses Projekt von der Alevi-Bektaschi-Kultur- und Cemevi-Präsidentschaft durchgeführt werden soll. Diese Präsidentschaft ist dem Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei angeschlossen. Das Projekt soll zusammen mit dem Kuratorium der Internationalen Türkisch-Kasachischen Hoca-Ahmet-Yesevi-Universität durchgeführt werden.

Ziel des Projekts ist es, Wissen über Alevitentum und Bektaschitentum der ganzen Gesellschaft zugänglich zu machen. Dies soll sowohl digital als auch gedruckt geschehen.

In einem offiziellen Schreiben des Ministeriums wurden offenbar alle Universitäten über YÖK informiert. In diesem Schreiben wurde gefordert, dass bisherige wissenschaftliche Arbeiten in einem allgemein verständlichen Enzyklopädie-Format neu geschrieben werden. Außerdem sollten alle Daten zu Alevitentum und Bektaschitentum in diesem Format dargestellt werden. Die Universitäten sollten auch über das Schreiben von Artikeln informiert werden.

Dass diese Mitteilung über YÖK an alle Universitäten ging, ist wichtig. Das Projekt ist nicht nur eine kulturelle Publikationsarbeit. Es kann auch als Versuch des Staates gelesen werden, einen neuen institutionellen Rahmen zu schaffen. Dieser Rahmen betrifft die Produktion und Verbreitung von Wissen über das Alevitentum. Dafür wird auch der Hochschulbereich einbezogen.

Hier geht es also nicht nur um die Vorbereitung einer neuen Enzyklopädie. In der Türkei ist das Alevitentum seit Langem ein Feld des Wissenskampfes. Es steht im Zentrum staatlicher Politik, des durch die AKP neu geformten offiziellen Religionsverständnisses, akademischer Klassifikationen und öffentlicher Anerkennungsdebatten.

Digitale Plattformen, Open-Access-Archive und gemeinschaftsbasierte Erinnerungsarbeit werden heute sichtbarer. Zugleich versucht offenbar auch der Staat, mit seiner eigenen institutionellen Macht in dieses Feld einzugreifen.

Dadurch wird die Digitalisierung alevitischer mündlicher Kultur und schriftlicher Dokumente mehr als eine technische Frage der Bewahrung. Es geht um zentrale Fragen. Wer sammelt Wissen über das Alevitentum? Mit welchen Begriffen wird es klassifiziert? In welche historische Erzählung wird es eingeordnet? Und in welcher öffentlichen Sprache wird es verbreitet?

Diese Fragen hängen direkt mit epistemischer Autorität und Repräsentation zusammen. Alevitische digitale Archive sind deshalb keine neutralen Wissensspeicher, in denen die Vergangenheit einfach bewahrt wird. Sie werden zu einem neuen Feld der Auseinandersetzung. In diesem Feld kann die alevitische Gemeinschaft ihr Recht schützen, über ihre eigene Erinnerung, ihren Glauben, ihre Kultur und ihre historische Erfahrung selbst zu sprechen. Oder sie kann dieses Recht verlieren.

Schluss: Alevitische digitale Archive, innere Stimme und epistemische Autonomie

In diesem breiten historischen, institutionellen und digitalen Zusammenhang kann man Initiativen wie das Alevi Studies Network und die Alevi-Enzyklopädie als aktuelle Ergebnisse eines qualitativen Wandels verstehen. Dieser Wandel betrifft das Feld der Alevi Studies.

Einerseits zeigen diese Initiativen, wie sich menschliche Sozialität, Wissenszirkulation und akademische Kommunikation im digitalen Zeitalter verändern. Diese Veränderungen prägen auch das Feld des Alevitentums. Andererseits sind diese Initiativen nicht nur Gegenstände dieses Wandels. Sie sind auch Räume für Stimme, Erinnerung und Wissensproduktion. Diese Räume entstehen aus der alevitischen Gesellschaft heraus. Sie entstehen auch durch Forschende, die zum Alevitentum arbeiten.

Deshalb hat die Alevi-Enzyklopädie eine besondere Stellung. Sie sammelt und veröffentlicht nicht nur Wissen über das Alevitentum. Sie stellt auch wichtige Fragen: Wer macht dieses Wissen öffentlich? Nach welchen Prinzipien geschieht das? Mit welchen Begriffen und Deutungsrahmen wird gearbeitet? Und welche soziale Verantwortung ist damit verbunden?

Die Alevi-Enzyklopädie ist eine unabhängige Plattform. Sie ist mit keiner staatlichen Institution verbunden. Sie gehört keiner politischen Partei an. Sie ist auch nicht Teil einer konfessionellen Struktur oder eines geschlossenen ideologischen Programms. Ihre Grundlage sind akademische Standards, kollektive Arbeit, Open Access und mehrsprachige Wissenszirkulation.

Mit diesem Charakter schafft die Enzyklopädie einen alternativen epistemischen Raum. Dieser Raum steht gegen Wissensordnungen, die das Alevitentum historisch von außen geprägt haben. Dazu gehören ausschließende, folklorisierende, assimilatorische oder staatszentrierte Wissensordnungen.

Die Enzyklopädie macht die eigene Erinnerung der alevitischen Gemeinschaft sichtbar. Sie macht auch ihre Begriffe, ihre Glaubenswelt und ihre historischen Erfahrungen sichtbar. Ein besonders wichtiges Merkmal ist dabei: Akademisches Wissen bleibt hier nicht nur eine geschlossene Literatur für Fachleute.

Die Enzyklopädie gibt pirs, anas, babas, dedes, seyits, zakirs und lokalen Träger:innen der Erinnerung direkt eine Stimme. Sie behandelt Oral History, Ritualerzählungen, Lebensgeschichten und lokale Erfahrungen als grundlegende Quellen alevitischen Wissens.

Genau deshalb sollte die Alevi-Enzyklopädie im Zentrum der Debatten stehen, die in diesem Artikel behandelt wurden. Diese Debatten betreffen Digitalisierung, Archivierung, Repräsentation, Wissenshoheit und epistemische Autonomie.

Die Registrierung mit dem ISIL-Code DE-4607 macht die Enzyklopädie in internationalen Wissensinfrastrukturen sichtbar. Das schwächt ihre Unabhängigkeit nicht. Im Gegenteil. Es ermöglicht, dass Wissen über das Alevitentum über eine verlässliche, nachvollziehbare und dauerhafte digitale Institution verbreitet wird.

Jüngere Generationen lernen heute immer häufiger über digitale Medien über das Alevitentum. Deshalb ist es sehr wichtig, dass alevitische Institutionen dieses Projekt nicht nur von außen beobachten. Sie sollten es materiell, institutionell und intellektuell unterstützen.

Alevitische Institutionen sollten ihre Energie nicht in endlosen inneren Debatten, gegenseitigen Rivalitäten und engen organisatorischen Tagesordnungen verbrauchen. Stattdessen sollten sie sich stärker auf dauerhafte Arbeiten konzentrieren. Solche Arbeiten betreffen die gemeinsame Erinnerung, das Wissen und die Zukunft der alevitischen Gesellschaft.

Diese Unterstützung bedeutet nicht nur, eine Website oder eine Publikationstätigkeit zu unterstützen. Sie bedeutet mehr. Sie schützt die Möglichkeit, dass das Alevitentum im digitalen Zeitalter seine eigene Stimme, seine eigene Erinnerung und seine eigene Begriffswelt in die Zukunft tragen kann.

* Ich danke Dr. Deniz Coşan-Eke, Dr. Ümit Çetin und Dr. Besim Can Zırh für ihre wertvollen Kritiken und Vorschläge zu diesem Artikel.

Literatur

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Gültekin, Ahmet Kerim. 2025. „Akademik Alevilik Yazınını Yeniden Düşünmek: Problemler, Arayışlar, Öneriler.“ Rıza Şehri Akademisi Dergisi 1: 24–33.

Gültekin, Ahmet Kerim. 2026. „Alevi Çalışmaları Ağı (Alevi Studies Network).“ Alevilerin Sesi 299: 21–23.

Zırh, Besim Can. 2026. „A Retrospective Reading of the Journal Yurtseverler Birliği Published in Berlin from 1982 to 1989: The Decade That Transformed Alevism.“ New Perspectives on Turkey. Online veröffentlicht 2026: 1–18.

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