Umweltethik im Alevitentum: Das Beispiel Dersim
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Englisch verfasst.
Die Umweltethik im Alevitentum spiegelt eine relationale Weltanschauung wider, in der Beziehungen zu Land, Natur und nicht-menschlichem Leben durch mündliche Überlieferung, rituelle Praxis und verkörperte Spiritualität geprägt werden. Ethische Verantwortungen gegenüber der Natur entstehen durch die Heiligung der Landschaft. Diese Landschaften sind Orte spiritueller Kontinuität und kulturellen Überlebens. Heilige Naturorte wie Berge, Flüsse, Bäume und Quellen gelten als spirituell wirksam und moralisch bindend. Geprägt durch die Erinnerung an Genozid, Vertreibung und Umweltzerstörung tragen diese Landschaften eine tiefgreifende politische und affektive Bedeutung.Definition und konzeptueller Hintergrund
Im alevitischen Glaubenssystem, das in Dersim praktiziert wird und von seinen Anhänger:innen selbst als Rae oder Yol bezeichnet wird, also als spiritueller Weg, und das häufig auch als Raa Heqi / Rîya Haq, Kızılbaş, kurdisches Alevitentum oder schlicht Dersim-Alevitentum benannt wird,[1] sind umweltethische Vorstellungen nicht in einer formalen Doktrin kodifiziert. Sie kommen vielmehr durch rituelle Praktiken und tief verkörperte Beziehungen zur natürlichen Welt zum Ausdruck. Die alevitische Kosmologie geht von einer relationalen Weltanschauung aus, in der Menschen, Natur und das Göttliche keine voneinander getrennten Bereiche bilden, sondern miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig sind (Hanoğlu et al. 2025; Gültekin 2021a).
Diese ökologische Sensibilität entsteht durch die verkörperte Erfahrung heiliger Landschaften. Natürliche Elemente wie Berge, Flüsse, Felsen und Bäume werden dabei als spirituell wirksam und moralisch bedeutsam wahrgenommen (Hanoğlu et al. 2025). Es handelt sich um Räume, in denen Geografie, Spiritualität und Naturkräfte zusammenkommen und denen Menschen durch rituelle Praxis eine tiefe spirituelle und kulturelle Bedeutung zuschreiben (Gültekin 2024; Hanoğlu 2016). Im Unterschied zu institutionalisierten, gebäudezentrierten Formen religiösen Ausdrucks ist diese räumliche Logik, die auf der Heiligkeit von Natur, Leben und Existenz beruht, grundlegend ökologisch. Sie spiegelt eine Kosmologie wider, in der Theologie, Erinnerung und Geografie miteinander verflochten sind (Hanoğlu et al. 2025; Gültekin 2024). Als solche fungiert die heilige Landschaft als moralischer Kompass für das gemeinschaftliche Leben. Sie strukturiert soziale und ökologische Beziehungen durch wiederkehrende Pilgerpraktiken und mündliche Überlieferung (Gültekin 2024).
Heilige Naturorte werden nicht als symbolische Abstraktionen erfahren, sondern als Räume spiritueller Kraft, historischer Erinnerung und ethischer Verantwortung. Diese Orte gelten als spirituell wirksam und moralisch bindend. Sie verlangen Respekt, Schutz und einen achtsamen Umgang. Ethische Verantwortungen gegenüber der Natur werden durch Pilgerpraktiken, Erzählungen und verkörperte Gesten der Ehrfurcht vollzogen. Sie werden über Generationen hinweg durch mündliche Tradition, saisonale Rituale und landschaftsgebundenes Gedächtnis weitergegeben.
Heilige Landschaft und rituelle Praktiken
Heilige Naturorte, die in Kırmancki (Zazaki) und Kurmanci als jarê/jiarê und auf Türkisch als ziyaret bezeichnet werden, stehen häufig mit Wasserquellen, alten Bäumen, Höhlen, Hügelkuppen oder Felsen in Verbindung. Der Umgang mit diesen Orten gehört zu den greifbarsten Ausdrucksformen umweltethischer Vorstellungen im Alevitentum. Ihr Besuch ist sowohl ein religiöser als auch ein ethischer Akt. Er bekräftigt die Beziehung zwischen Gemeinschaft, Vorfahren und Landschaft und stärkt eine wechselseitige Verbindung zum Land.
Diese Besuche sind durch verkörperte und erinnerte Formen der Ehrfurcht geprägt. Menschen bringen häufig Gaben mit, etwa rituelle Speisen, die für den Besuch bestimmt sind und als miyaz oder loqma/loqme bezeichnet werden. Sie entzünden Kerzen, traditionell handgemachte Kerzen, die çıla genannt werden, oder binden Stoffstücke an heilige Bäume und Sträucher (Hanoğlu 2016). Das Teilen von Speisen, das Beten oder auch das einfache Sitzen in der Gegenwart eines jarê gelten als Wege, den Ort zu ehren und seinen Segen zu suchen. Alle diese Handlungen werden im Dersim-Alevitentum als Formen religiöser Praxis verstanden.
Diese Praktiken bestehen trotz Vertreibung fort. In der Diaspora werden sie häufig durch sommerliche Rückkehrreisen, Gedenkzeremonien und die Beteiligung an lokalen Revitalisierungsprojekten neu gestaltet (Hanoğlu et al. 2025; Gültekin 2021a). Besuche heiliger Orte während der Sommerferien oder im Rahmen von Gedenkritualen wirken als starke Akte der Wiederverbindung mit landschaftsgebundener Erinnerung. Dabei ist die heilige Geografie tief mit Geschichten von Gewalt und Widerstandskraft verwoben (Hanoğlu et al. 2025). In diesem Zusammenhang ist jarê nicht nur eine spirituelle Praxis, sondern auch ein Mittel kulturellen Überlebens. Es bewahrt die Kontinuität mit der Welt der Vorfahren und bietet eine ethische Orientierung in der Gegenwart. Durch ziyaret-Praktiken vollziehen Alevit:innen einen religiös fundierten Environmentalismus, der zugleich ethisch, politisch und erinnerungskulturell ist. Heilige Geografien werden durch solche Praktiken nicht einfach bewahrt. Sie werden als politische und moralische Terrains neu belebt und bleiben zentral für den Kampf um kulturelle Kontinuität, Gerechtigkeit und ökologische Erneuerung.
Ökologische Zerstörung und Erinnerung
Heilige Landschaften sind keine passiven Hintergründe der Geschichte. Sie sind aktive Trägerinnen von Erinnerung und Bedeutung. Die heilige Geografie Dersims ist eng mit Geschichten von Gewalt und Überleben verbunden. Der Dersim-Genozid von 1937-38 verwandelte die Berge, Höhlen und Täler der Region in Orte des Massakers und des Überlebens. Dörfer wurden bombardiert und niedergebrannt, Zivilist:innen wurden getötet, und ganze Familienlinien verschwanden oder wurden in westliche Städte deportiert. Diese Orte fungieren weiterhin als Erinnerungslandschaften, in denen das Land Zeugnis von Gewalt und Leid ablegt.
Jahrzehnte später, in den 1990er Jahren, wurde Dersims Ökologie mit einer neuen Welle der Zerstörung konfrontiert. Dies geschah im Kontext des intensiven Konflikts zwischen dem Staat und der PKK, unter dem Vorwand, durch Militäroperationen “Terrorverstecke” zu beseitigen. In dieser Zeit beschädigten militärische Operationen die menschliche und ökologische Landschaft der Region schwer. Das Land wurde in diesem Zusammenhang nicht nur zum Zeugen, sondern auch zum Opfer. Wälder wurden großflächig verbrannt, die Umwelt wurde durch Chemikalien geschädigt, Dörfer wurden zerstört, Tausende Familien wurden vertrieben, und viele Bewohner:innen wurden inhaftiert und gefoltert (Hanoğlu et al. 2025). Landwirtschaftliche Flächen und Obstgärten wurden zerstört, begleitet von umfassenden Waldbränden. Diese Operationen führten zu einem dramatischen demografischen und infrastrukturellen Zusammenbruch. Die ländliche Bevölkerung ging um 75 Prozent zurück. 287 der 417 Dörfer der Region wurden evakuiert, und 242 der 268 Grundschulen wurden geschlossen (Hacaloglu 1996). Schätzungen zufolge wurden in dieser Zeit etwa 25 Prozent der Waldfläche Dersims zerstört.[2]
Diese Ereignisse markierten einen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte Dersims und mobilisierten Dersimer:innen in der Türkei und in der Diaspora. Die großflächigen Waldbrände lösten die ersten koordinierten Proteste gegen ökologische Zerstörung aus. Darauf folgten transnationale Kampagnen, die ausgewanderte Dersimer:innen dazu aufriefen, ihre Sommer in der Herkunftsregion zu verbringen, als Form ökonomischer und symbolischer Solidarität (Hanoğlu et al. 2025). Das Munzur-Festival, das in dieser Phase ökologischen Erwachens entstand, verkörpert diese Verbindung von ökologischer und kultureller Resistenz. Erinnerung wird hier zu einem ethischen und politischen Akt. Die Verteidigung heiliger Orte symbolisiert nicht nur kulturelles Überleben, sondern auch Widerstand gegen historische Marginalisierung und Verfolgung (Hanoğlu et al. 2025).
Environmentalismus und Politik der heiligen Landschaft
Die enge Verbindung zwischen Landschaft, Erinnerung und Spiritualität wurde historisch durch die marginalisierte und häufig verfolgte Position alevitischer Gemeinschaften geprägt. Heilige Naturorte fungieren nicht nur als religiöse Orte, sondern auch als Speicher kultureller Kontinuität. Die Ehrfurcht vor diesen Orten besitzt daher sowohl spirituelles als auch politisches Gewicht, besonders dort, wo heilige Geografien durch staatlich vorangetriebene Infrastrukturprojekte und ökologische Eingriffe bedroht sind.
In den letzten Jahrzehnten ist die heilige Landschaft Dersims zunehmend zu einem Ort ökologischer und kultureller Auseinandersetzung geworden. Begriffe wie “spirituelle Ökologie” und “heilige Geografie”, die in indigenen Bewegungen häufig als religiöse und politische Symbole ökologischer Ansprüche verwendet werden (Orndorff 2020; Sponsel 2016), finden auch in alevitischen Bemühungen zum Schutz von Flüssen, Quellen und Wäldern Resonanz. Die Rahmung dieser Orte als heilig und die Betonung ihres Schutzes als Glaubenszentren stärken die Legitimität des Widerstands gegen staatlich geförderte ökologische Zerstörung, insbesondere angesichts von Bergbau, Staudammbau und anderen extraktivistischen Eingriffen (Hanoğlu et al. 2025). In Kontexten, die von Entwaldung, Vertreibung, Staudammbau und Bergbau geprägt sind, sind heilige Orte zu Brennpunkten kultureller Resistenz und ökologischer Mobilisierung geworden (Hanoğlu et al. 2025). Was früher vor allem rituell vollzogen wurde, ist heute Teil einer breiteren Politik des Überlebens und der Sichtbarkeit.
Diese Bemühungen werden zunehmend von Diaspora-Gemeinschaften unterstützt, besonders in Europa. Rückkehrbesuche zu heiligen Orten, Gemeindefeste und Gedenkrituale werden häufig mit ökologischen Kampagnen und Initiativen zum Kulturerbe verbunden. Sie werden von einer moralischen Ökologie der Fürsorge getragen, die in spiritueller Verantwortung und Ahnenerinnerung verwurzelt ist (Hanoğlu et al. 2025; Gültekin 2021a). Environmentalismus ist in diesem Kontext kein säkulares Projekt, sondern eine spirituelle, verkörperte und politisch aufgeladene Handlung. Er zielt nicht nur darauf, Natur zu schützen, sondern kosmologisches Gleichgewicht und historische Gerechtigkeit wiederherzustellen. Widerstand geschieht durch Ritual, und Erinnerung vollzieht sich durch das Land. Kampagnen zum Schutz heiliger Orte in Dersim betonen nicht nur ökologische Anliegen, sondern auch das Recht zu existieren, zurückzukehren und sich zu erinnern. Diese Bewegungen stellen sich sowohl historischer Auslöschung als auch fortgesetzter ökologischer Gewalt entgegen, indem sie heilige Beziehungen zum Land reaktivieren, die in Erinnerung, Ritual und kollektiver Verantwortung verwurzelt sind (Hanoğlu et al. 2025; Gültekin 2021a).
Umweltaktivismus ist damit zu einem Raum geworden, in dem spirituelle Erinnerung, politische Handlungsfähigkeit und das Land der Vorfahren zusammenkommen. Diese Bewegungen zielen nicht allein auf ökologische Bewahrung. Sie versuchen, spirituelle und kulturelle Ökologien wiederherzustellen, die durch Vertreibung und Zerstörung unterbrochen wurden. In diesem Zusammenhang fungieren heilige Landschaften als lebendige Archive von Erinnerung und Widerstand. Ihre Verteidigung steht nicht nur für ökologische Sorge, sondern für eine spirituell begründete Ethik des Überlebens. Es handelt sich um einen Environmentalismus, der darauf beruht, dem Land zuzuhören und durch das Land zu handeln.
Schluss
Umweltethische Vorstellungen im Alevitentum sind tief mit Erinnerung, Ort und Ritual verflochten. Sie entstehen nicht aus schriftlicher Doktrin, sondern aus relationaler Kosmologie und ortsgebundener Spiritualität. In der alevitischen Kosmologie wird die natürliche Welt als empfindungsfähige und spirituell aufgeladene Entität verstanden. Die Beziehung zwischen Menschen und Natur ist eine Beziehung der wechselseitigen Abhängigkeit und ethischen Verantwortung. Diese Weltanschauung fördert ein ethisches Verhalten gegenüber der Umwelt und erscheint als Erweiterung spiritueller Verantwortung. Diese Ethik richtet sich nicht nur gegen Umweltzerstörung. Sie bietet eine Vision ökologischer Gerechtigkeit, die in heiliger Verantwortung verwurzelt ist und durch naturbezogene spirituelle Praxis getragen wird.
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