Matem Ayı, Kerbela, Widerstand und alevitische Aufstände – Pir Ecevit Emre

In diesem Video behandelt Pir Ecevit Emre den „Matemonat“ (matem ayı) und das Verständnis von Trauer im Alevitentum aus historischer, soziologischer und theologischer Perspektive, mit dem Ereignis von Kerbela als zentralem Bezugspunkt. Er erläutert ausführlich, wie das Massaker von Kerbela, das im Monat Muharrem stattfand, im alevitischen Glaubensverständnis gedeutet wird und wie dieses Ereignis im kollektiven Gedächtnis alevitischer Gemeinschaften über Jahrhunderte hinweg fortwirkt.

In der Darstellung wird betont, dass es im Alevitentum zahlreiche sürek (Weg- bzw. Traditionslinien) gibt, die jeweils in spezifischen historischen und kulturellen Kontexten verankert sind. Entsprechend werden der Matemonat, seine Rituale, ihre Dauer und Ausgestaltung in den alevitischen Gemeinschaften unterschiedlich praktiziert. Pir Ecevit Emre beleuchtet die Ursprünge dieser Unterschiede und zeigt auf, dass die Trauerpraxis im Alevitentum keine einheitliche, sondern eine vielschichtige und historisch gewachsene Struktur aufweist.

Das Video geht ausführlich auf Rituale ein, die mit dem Matemonat verbunden sind, darunter das Muharrem-Fasten und das Zwölf-Imame-Fasten. Praktiken wie der Verzicht auf Wasser und Fleisch, das Meiden von Unterhaltung, das Aussetzen von Hochzeiten und gemeinschaftlichen Feiern sowie abendliche Zusammenkünfte und Erzählungen machen sowohl die individuelle als auch die kollektive Dimension der Trauer sichtbar. Der Pir betont, dass diese Rituale nicht allein dem Gedenken an ein vergangenes Ereignis dienen, sondern dazu beitragen, das Bewusstsein für Gerechtigkeit, Recht und die Lage der Unterdrückten wachzuhalten.

Pir Ecevit Emre verknüpft Kerbela mit ähnlichen Erfahrungen, die Alevis in späteren Jahrhunderten gemacht haben, und stellt damit eine historische, kollektive und erinnerungspolitische Kontinuität her. In diesem Zusammenhang verweist er auf den Ausspruch „Wir haben die Angst in Kerbela zurückgelassen“, der Hüseyin İnan zugeschrieben wird, einem der revolutionären Anführer, die zusammen mit Deniz Gezmiş und Yusuf Aslan hingerichtet wurden. Er argumentiert, dass die Erinnerung an Kerbela für Dersimer Alevis eine Linie von Widerstand und Gerechtigkeit bildet, die sich von Seyit Rıza bis zu Hüseyin İnan erstreckt.

Das Video thematisiert zudem das Massaker von Sivas im Jahr 1993 und diskutiert die Kontinuitäten zwischen dem Verbrennen von Menschen unter tekbir-Rufen und früheren Pogromen sowie Massakern an Alevis. Der Pir hebt hervor, dass der Matemonat nicht nur den in Kerbela Getöteten gewidmet ist, sondern allen can, die im Laufe der Geschichte bei alevitischen Massakern und Pogromen ums Leben kamen. Unter Bezugnahme auf aktuelle Beispiele, etwa Massaker an Alevis in Syrien, wird betont, dass dieses kollektive Gedächtnis bis heute lebendig ist.

Nach Pir Ecevit Emre ist Kerbela im Alevitentum nicht lediglich eine Tragödie, sondern eine historische Schwelle, die den Kampf um Gerechtigkeit, die Sache der Unterdrückten und den Widerstand im Namen des Hak symbolisiert. In dieser Perspektive verortet das Video den Matemonat und die Trauerpraxis innerhalb der politischen, sozialen und ethischen Kontinuitäten der alevitischen Geschichte und bietet äußerst bedeutsame historische und ethnografische Einsichten.

Diese Aufnahme wurde am 6.–7. Dezember 2025 in den CAN TV Studios in Köln im Rahmen der mündlichen Geschichts- und visuellen Archivarbeit der Alevi Enzyklopädie sowie der Reihe „Aus den Worten der Wegführer:innen“ aufgezeichnet.
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