İkrar, Rızalık, Natur und Alevitentum, Haus- und Wildtiere, Rıza Şehri und Lokma – Pir Ecevit Emre

In diesem Video setzt sich Pir Ecevit Emre umfassend mit den im alevitischen Denken zentralen Begriffen ikrar und rızalık auseinander. Er betont, dass diese beiden Konzepte nicht nur das ethische Fundament des alevitischen Weges bilden, sondern zugleich dessen kosmologische Grundlage darstellen, da Existenz im Alevitentum entlang der Achse von ikrar und rızalık Bedeutung erhält. Die Darstellung wird durch deyiş, die Büryani Baba zugeschrieben werden, vertieft.

Pir Ecevit Emre erläutert, dass im alevitischen Glaubensverständnis alle Wesen – lebende und nicht-lebende, darunter Menschen, Tiere, Pflanzen, Insekten sowie batın-Wesen – innerhalb einer Ordnung existieren, die auf ikrar und rızalık beruht. In diesem Zusammenhang wird die zentrale Bedeutung des Begriffs Hak hervorgehoben: Ohne rızalık kann der Weg nicht beschritten und religiöse Praxis nicht begründet werden.

Einen wichtigen konzeptuellen Schwerpunkt bildet die Erzählung von Rıza Şehri. Der Pir beschreibt Rıza Şehri als einen utopischen Zustand, in dem die Wahrheit unter allen Wesen eine gerechte und ausgewogene Ordnung herstellt, und erläutert die Verbindung dieses Narrativs zu ethischen Idealen, sozialem Frieden und dem Zusammenleben im alevitischen Denken. Dabei wird betont, dass das Prinzip der rızalık nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, sondern ebenso für das Verhältnis zur Natur, zu Tieren und zu allen Lebewesen.

Darüber hinaus hebt Pir Ecevit Emre hervor, dass religiöse Rituale im alevitischen Alltag auf dem Prinzip der Einholung von rızalık beruhen: Ohne Zustimmung kann weder ein cem durchgeführt noch ein Ritual vollzogen werden, noch lässt sich gesellschaftlicher Frieden herstellen. Rızalık wird als ganzheitliches Prinzip verstanden, das auch den respektvollen Umgang mit der Natur und allen Lebewesen einschließt und ein Handeln fordert, das den Grenzen und der Wahrheit jedes Wesens gerecht wird.

In diesem Rahmen verweist der Pir auf Hewtemal-Rituale, um das Verhältnis von Natur und menschlichem Handeln zu verdeutlichen, und erklärt die enge Verbindung zwischen kalendarischen Ritualen und der Natur im Dersimer Alevitentum (Raa Haqi). Erzählungen, die er bei Besuchen in der Türkei von seiner Großmutter und Urgroßmutter übernommen hat, machen diese Beziehung im Alltag anschaulich. Besonders eindrücklich ist die Schilderung einer Situation, in der einem Hund im Dorf niyaz dargebracht und dies als hak lokması bezeichnet wird – ein Beispiel, das die auf rızalık beruhende Ordnung zwischen allen Wesen deutlich macht. Die Aussage der Großmutter „Das ist hak lokması“ veranschaulicht die Vorstellung, dass jedes Wesen eine Manifestation der Wahrheit ist.

Die Darstellung thematisiert zudem Praktiken wie das Zurücklassen von lokma für Natur und Wildtiere, blutige und unblutige Gaben sowie das Teilen von lokma mit wilden und domestizierten Tieren. Diese Praktiken werden als charakteristische Merkmale des Dersimer Alevitentums (Raa Haqi) präsentiert und liefern äußerst wertvolle ethnografische Einblicke in die auf rızalık gegründete Gestaltung der Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Lebewesen.

In dieser Perspektive behandelt das Video ikrar und rızalık im Alevitentum nicht als abstrakte Prinzipien, sondern als ein grundlegendes Wahrheitsverständnis, das die Beziehungen zu Natur, Gesellschaft und allen Wesen ordnet, und bietet damit äußerst bedeutende oralhistorische und ethnografische Informationen.

Diese Aufnahme wurde am 6.–7. Dezember 2025 in den CAN TV Studios in Köln im Rahmen der mündlichen Geschichts- und visuellen Archivarbeit der Alevi Enzyklopädie sowie der Reihe „Aus den Worten der Wegführer:innen“ aufgezeichnet.
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