Zahir & Batın im Dersim-Alevitentum

Veröffentlichungsdatum: 15. April 2026
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Dieser Beitrag untersucht die Kosmologie des Dersim-Alevitentums (Raa Haqi) anhand der Unterscheidung zwischen Zahir – Na Dina (Neq Dina/Wa Dünya – diese Welt) und Batın – A Dina (Heq Dina/Axrete/A Dina/Haq Dina – die andere Welt). Im Glaubenssystem von Raa Haqi werden Existenz, Zeit und Moral nicht als zwei getrennte Bereiche verstanden. Sie bilden eine geschichtete kosmische Ordnung, die durch einen Schleier des Geheimnisses getrennt ist, aber ständig miteinander in Beziehung steht.

Die Stellung des Menschen in dieser Welt und seine Beziehung zur anderen Welt werden auf Grundlage der Einheit von fêl u amal (Handlung und Absicht) bewertet. Himmel und Hölle werden mit ethischen Praktiken in dieser Welt verbunden. Das Urteil der Seele in A Dina gilt als eine vorübergehende Phase, die bestimmt, in welcher Form sie in die Welt zurückkehrt.

Batın/Botın bildet den zentralen Bereich zwischen Haq und dem Menschen. Es wird als Raum von Heiligen, batınî Wesen und sakralen Figuren verstanden. Praktiken wie Besuche heiliger Orte (ziyaret/jiare), niyaz, Opfergaben, Träume und kirvelik nehmen eine zentrale Stellung ein. Sie sind konkrete Ausdrucksformen der Ausrichtung des Menschen auf Haq durch Batın.

In diesem Sinne zeigt der Beitrag, dass die Kosmologie von Raa Haqi nicht nur ein metaphysisches Glaubenssystem ist. Sie stellt ein ganzheitliches Weltbild dar, das Alltag, moralische Verantwortung und soziale Beziehungen strukturiert.

Na Dina / Wa Dunya [1]

Na Dina oder Wa Dunya bezeichnet die von Haq geschaffene Welt, in der Menschen ihr Leben führen. Diese Welt wird zwischen Menschen und mılaketler (engelartige Wesen) geteilt: Der Tag gehört den Menschen, die Nacht der Welt der Engel. Zwischen beiden besteht ein Schleier des Geheimnisses, der einen direkten Übergang verhindert.

Na Dina wird auch als ein vorübergehender Himmel und eine vorübergehende Hölle verstanden. Die Rückkehr der Seele in diese Welt hängt nach dem Tod von fêl u amal ab. Die Seelen guter Menschen kehren in einer günstigen Form zurück und tragen zur moralischen Entwicklung der nächsten Generationen bei. Seelen von Menschen, die als schlecht gelten, können in Tiergestalt zurückkehren, etwa als Katze, Hund, Maultier, Pferd oder Esel. Dies wird im Sprichwort ausgedrückt: “Cenet ki, cehem ki na dina dero” (Himmel und Hölle sind beide in dieser Welt).

Fêl u Amal / Fıkr u Emel

Fêl u amal ist das zentrale Kriterium für das Urteil im Haq Dina. Fêl bezeichnet alle Handlungen eines Menschen in dieser Welt. Amal bezeichnet die Absicht, auch wenn eine Handlung nicht ausgeführt wird. Schon das Denken oder Planen einer falschen Handlung entbindet nicht von Verantwortung.

Fêl steht für die äußere Seite des Menschen, amal für die innere. Menschen werden oft nach fêl beurteilt, doch entscheidend ist amal. Das Sprichwort “Haq kam dero kes nezano” (niemand weiß, in wem Haq wohnt) verweist auf dieses Verhältnis.

Für Verstorbene sagt man: “Haq fêl u amal ra gore ramet ve cıdo” (möge Haq entsprechend seinem fêl u amal Barmherzigkeit gewähren). Auch Gebete wie “Haq fêl amale ma rast biaro” und “Haq fêl u amalo xêr mado” sind verbreitet. Ebenso gibt es Flüche wie “fêl u amalo şia” oder “Haq fêl amalo to/sıma rast nivero”.

A Dina / Axiret

A Dina oder Axiret, auch Heq Dina, bezeichnet die andere Welt. Sie ist durch einen Schleier des Geheimnisses von dieser Welt getrennt. Sie gilt als Ort von Haq, Engeln, Prophet:innen und Heiligen. Personen, die beide Welten verbinden können, sind heilige Figuren oder wundertätige Derwische. Mit Hilfe von Wesen wie peri oder cin können sie den Schleier überschreiten, Wunder vollbringen oder Wissen vermitteln.

A Dina besteht aus drei Ebenen: xeyw, botın und axiret.

Xeyw ist die dieser Welt nächstgelegene Ebene und gilt als Aufenthaltsort von cin und peri. Menschen haben zu ihr den häufigsten Kontakt. Die Nacht gehört diesen Wesen, der Tag den Menschen. Personen mit besonderen Fähigkeiten werden oft von einem Wesen aus xeyw begleitet.

Botın ist der Bereich, der Heiligen und Wissenden zugänglich ist. Dort befinden sich schützende und leitende Wesen wie Xızır, Düzgı und Munzur. Die Beziehung zu botın entsteht durch Besuche (ziyaret/jiare), niyaz, Opfergaben oder Fasten. Die Kommunikation erfolgt meist durch Träume. Xızır gilt als Ausnahme und kann auch in anderer Form erscheinen.

Axiret ist die entfernteste Ebene und der Ort des Gerichts. Am dritten Tag nach dem Tod verlässt die Seele den Körper und bleibt bis zum vierzigsten Tag am Çeberé Axreti. Danach wird sie in Oli Diwan gerichtet. Dort wird entschieden, in welcher Form sie zurückkehrt.

Die Reise der Seele nach A Dina ist vorübergehend. A Dina ist kein dauerhafter Himmel oder Hölle für Menschen. Diese existieren in dieser Welt. Nach dem Urteil wird die Rückkehr der Seele als Belohnung oder Strafe verstanden.

Dies zeigt sich auch in Alltagsaussagen wie “A Dina de Haq to ra perskero” oder “şi Heq Dina”. Beim Ritual der rızalık heißt es: “O şi Haq Dina, ma Neq Dina derime”. Auch der Ausdruck “şi a dina amey na dina” wird verwendet.

Schluss: Die Stellung von Botın/Batın in der Kosmologie von Raa Haqi

Die Beziehung zwischen Na Dina und A Dina zeigt, dass Existenz im Glauben von Raa Haqi nicht getrennt gedacht wird, sondern als Kontinuität. Im Zentrum steht Botın/Batın als vermittelnder Bereich zwischen Haq und Mensch. Obwohl Botın eine Ebene von A Dina ist, wirkt es direkt auf Alltag, Moral und religiöse Praxis.

Nach dem Glauben hat Haq die Heiligen beauftragt, die Welt zu ordnen. Dafür wurde Botın geschaffen. Wesen wie Xızır, Düzgı und Munzur gelten als zentrale Akteure. Menschen wenden sich in Not an sie, und Gebete sowie Flüche richten sich direkt an sie. Der Glaube, dass sich die Heiligen jeden Donnerstag am Berg Qelxer zum cem versammeln, zeigt die Lebendigkeit von Botın.

Menschen streben in Na Dina danach, Haq zu erreichen. Dies geschieht über Botın. Es gilt als Tor zu Haq, erreichbar durch das “Auge des Herzens”. Die Gunst eines Wesens aus Botın bedeutet zugleich die Gunst von Haq. Deshalb werden Opfergaben und niyaz den Wesen von Botın gewidmet. Kontakte erfolgen meist durch Träume, während Xızır auch außerhalb von Träumen erscheinen kann.

Botın gilt auch als Bereich der Unterstützung für Menschen mit besonderer Fähigkeit. Der Ausdruck “botın de wendo” bezeichnet Personen mit Zugang zu verborgenem Wissen. Besonders Derwische gelten als mit Botın verbunden. Diese Verbindung zeigt sich in cem-Ritualen, in Wundern und in der Weitergabe von Wissen. Auch Erzählungen über die Entdeckung heiliger Orte und Siedlungen werden auf Botın zurückgeführt.

Eine weitere wichtige Praxis ist kivrelik. In einigen Fällen wird kivrelik im Namen von Botın-Wesen geschlossen. Heilige Orte können als kivra gewählt werden. Dadurch werden Reinheit, Nähe und innerer Frieden gesucht.

Insgesamt zeigt Botın im Glaubenssystem von Raa Haqi nicht nur eine metaphysische Ebene. Es ist ein umfassender Bereich, der moralische Verantwortung, soziale Beziehungen und die Verbindung zu Haq bestimmt.

Fußnoten:
1.
Redaktionelle Notiz: Dieser Beitrag basiert auf dem entsprechenden Eintrag in Erdal Gezik und Hüseyin Çakmaks Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü (Ankara: Kalan Yayınları, 2010). Der Text wurde von den Autor:innen der Originalpublikation geprüft und aktualisiert.
Quellenangaben und weiterführende Literatur

Gezik, Erdal, and Hüseyin Çakmak. 2010. Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü. Ankara: Kalan Yayınları.

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Zitation

  • Zahir & Batın im Dersim-Alevitentum
  • Autor: Gezik, Erdal
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 15.04.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/zahir-batin-im-dersim-alevitentum-9413/
Gezik, Erdal (2026). Zahir & Batın im Dersim-Alevitentum. Alevitische Enzyklopädie. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/zahir-batin-im-dersim-alevitentum-9413/ (Abrufdatum: 15.04.2026)
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