Amcalık (religiöse Onkelschaft – Seyyidamt im arabischen Alevitentum)
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
In arabisch-alevitischen beziehungsweise nusairischen Gemeinschaften spielt die Institution der Amcalık eine zentrale Rolle bei der Aufnahme von 14- bis 15-jährigen Jungen in das Glaubenssystem. Diese traditionelle Institution ermöglicht es den Jugendlichen, esoterische Lehren zu erlernen, eine soziale Identität zu erwerben und zum „nusairischen Mannsein“ überzugehen. Unabhängig von biologischer Verwandtschaft wird ihnen ein spiritueller Begleiter zugewiesen, der als dinden amca („religiöser Onkel“) bezeichnet wird und dem Jugendlichen geheime Gebete und Glaubensmysterien vermittelt. Im arabischen Alevitentum wird dieses Wissen ausschließlich an initiierte männliche Mitglieder weitergegeben. Frauen und Personen, die außerhalb der Gemeinschaft heiraten, sind von diesem Prozess ausgeschlossen. Der religiöse Onkel übernimmt für den Initiierten – den Talip beziehungsweise Schüler – die Rolle eines zweiten Vaters und trägt Verantwortung für dessen moralische, religiöse und gesellschaftliche Entwicklung. Diese Beziehung beginnt mit einer rituellen Zeremonie und endet damit, dass der Initiierte als vollwertiges Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Eine Heirat mit der Tochter des religiösen Onkels ist jedoch verboten, da diese Beziehung als „spirituelle Geschwisterschaft“ gilt. Ein Verstoß gegen diese Regeln führt zum Ausschluss aus der Gemeinschaft. Der Initiationsprozess verpflichtet zugleich zur Bewahrung der Geheimnisse.Die Institution der Amcalık im arabischen Alevitentum
Die Institution der Amcalık (Onkelschaft) ist eine traditionelle gesellschaftliche und religiöse Struktur, die eine zentrale Rolle bei der Aufnahme junger männlicher Personen in das Glaubenssystem arabisch-alevitischer beziehungsweise nusairischer Gemeinschaften in der Türkei, Syrien und im Libanon spielt. Diese Institution übernimmt entscheidende Funktionen beim Übergang eines Menschen von der Kindheit ins Jugendalter, beim Erlernen der esoterischen Lehren der Gemeinschaft und bei seiner Anerkennung als männliches Mitglied der Gemeinschaft.
Historischer und theologischer Hintergrund
Das arabische Alevitentum ist ein Glaubenssystem innerhalb der schiitischen Auslegung des Islam, das auf esoterischen beziehungsweise bāṭinī-Lehren beruht. In dieser Tradition werden heiliges Wissen und religiöse Geheimnisse ausschließlich an initiierte männliche Personen weitergegeben.
Die Auffassung, dass esoterisches Wissen weder Frauen noch Personen zugänglich sein sollte, die nicht von arabisch-alevitischen Eltern abstammen – in manchen Regionen betrifft dies lediglich Personen, deren Vater kein arabischer Alevit ist -, und nur durch bestimmte rituelle Prozesse vermittelt werden darf, bildet die Grundlage für die Funktion der Institution der Amcalık. In diesem System bereitet ein als dinden amca (“religiöser Onkel”) bezeichneter Mann den Jugendlichen auf die Initiation vor und vermittelt ihm die geheimen Lehren der Gemeinschaft.
Definition und Funktion der Institution der Amcalık
Die Institution der Amcalık bezeichnet die Zuweisung eines spirituellen Verwandten an einen etwa 14- bis 15-jährigen Jungen, unabhängig von biologischen Verwandtschaftsbeziehungen. Diese Person wird als dinden amca bezeichnet und übernimmt die zentrale Führung bei der religiösen, moralischen und gesellschaftlichen Entwicklung des Kindes. In der Regel handelt es sich um eine Person, die von den Eltern mit Zustimmung des Jugendlichen als geeignet angesehen wird.
Eine der wichtigsten Aufgaben des religiösen Onkels besteht darin, esoterisches Wissen weiterzugeben. Der junge Mensch, der als “Suchender” beziehungsweise talmīdh (“Schüler”) bezeichnet wird, lernt die nusairischen Geheimnisse und Gebete erstmals unter der Anleitung des religiösen Onkels kennen. Dieser Prozess findet gewöhnlich im Rahmen besonderer Rituale statt, bei denen die Geheimnisse schrittweise offenbart werden.
Darüber hinaus werden der religiöse Onkel und seine Ehefrau für den Suchenden zu einer zweiten Familie. Das Kind ist verpflichtet, ihnen denselben Respekt und dieselbe Zuneigung entgegenzubringen wie den eigenen Eltern. Der religiöse Onkel dient nicht nur in Glaubensfragen, sondern auch hinsichtlich des Verhaltens und des gesellschaftlichen Lebens als Vorbild. Unter seiner Anleitung werden das Verhalten des Suchenden innerhalb der Gemeinschaft und seine Treue zum Glaubenssystem geprägt.
Die Beziehungen innerhalb der Institution der Amcalık werden jedoch durch verschiedene gesellschaftliche Regeln bestimmt. So ist beispielsweise eine Heirat zwischen der Tochter des religiösen Onkels und dem Suchenden verboten, da diese Beziehung als “spirituelle Geschwisterschaft” betrachtet wird. Wird dieses Verbot verletzt, können sowohl der Suchende als auch der religiöse Onkel aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und zu düşkün erklärt werden.
In den grundlegenden Texten wird allerdings darauf hingewiesen, dass diese Beziehung nicht verboten ist; die gesellschaftliche Akzeptanz scheint sich jedoch im Laufe der Zeit verändert zu haben. Nach der Initiation wird vom Suchenden erwartet, dass er das erlernte esoterische Wissen unter keinen Umständen preisgibt. Andernfalls können sowohl gegen den religiösen Onkel als auch gegen den Suchenden schwere gesellschaftliche Sanktionen verhängt werden.
Die Beziehung der Amcalık ist nicht lediglich ein individueller Bildungsprozess, sondern besitzt zugleich eine rituelle Struktur. Dieser Prozess kennzeichnet die Aufnahme des jungen Mannes in das “nusairische Mannsein”. Der Suchende wird zu einem vollwertigen Mitglied der Gemeinschaft und erhält das Recht, an gemeinschaftlichen Ritualen wie Gebeten, Opferhandlungen und Festen teilzunehmen.
Schlussfolgerung
Die Institution der Amcalık nimmt in arabisch-alawitischen beziehungsweise nusairischen Gemeinschaften eine zentrale gesellschaftliche und religiöse Stellung ein, indem sie die Aufnahme junger Männer in das Glaubenssystem ermöglicht. Das grundlegende Prinzip, wonach esoterisches Wissen nur durch bestimmte rituelle Prozesse an initiierte männliche Personen weitergegeben werden darf, bildet die funktionale Grundlage dieser Institution.
Die Figur des religiösen Onkels übernimmt unabhängig von biologischen Verwandtschaftsbeziehungen die Rolle eines Wegweisers bei der spirituellen und moralischen Entwicklung des Talip, also des Initiierten. Diese Beziehung beschränkt sich nicht auf die Weitergabe von Wissen, sondern prägt zugleich gesellschaftliche Rollen und Verhaltensnormen.
Durch Regeln wie das Heiratsverbot und die Verpflichtung zur Geheimhaltung wird diese Struktur weiter gefestigt und bestimmt den Platz des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft. Die Institution der Amcalık bietet somit einen rituellen Rahmen, der individuelle Initiation mit gemeinschaftlicher Zugehörigkeit verbindet und die Anerkennung sowie die Kontinuität arabisch-alawitischen Mannseins aufrechterhält.
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