Säkularisierung der Alevit:innen
* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.
Die Säkularisierung der Alevit:innen ist ein Begriff, der verwendet wird, um die Abschwächung des Einflusses religiöser Glaubensvorstellungen und Institutionen in alevitischen Gemeinschaften in der Türkei unter dem Einfluss der Modernisierung zu beschreiben. Diese Transformation kann in der von der klassischen Säkularisierungstheorie vorhergesagten Form als Rückgang religiöser Überzeugungen und Praktiken erklärt werden. Seit den 1950er-Jahren wurde das Alltagsleben der Alevit:innen durch die Modernisierung beeinflusst. Nach den 1980er-Jahren nahm die Sichtbarkeit alevitischer Identität im öffentlichen Raum zu. Diese Sichtbarkeit sollte jedoch nicht als religiöse Wiederbelebung, sondern vielmehr als Konstruktion einer kulturellen Identität bewertet werden. Qualitative Untersuchungen in Regionen mit einem hohen Anteil alevitischer Bevölkerung zeigen, dass traditionelle Strukturen wie Heirat, Musahiplik – die heilige Geschwisterschaft –, Dedelik – die religiöse Führung – und Cem-Rituale unter jüngeren Generationen ihre Funktion verloren haben. Die Autorität der Dedes hat abgenommen, während sich Cem-Zeremonien in kulturelle Rituale verwandelt haben. Diese Situation kann durch die Ersetzung religiöser Institutionen durch säkulare Strukturen erklärt werden. An die Stelle der Musahiplik sind Nichtregierungsorganisationen getreten, an die Stelle der Dedelik das Recht und an die Stelle der Bildung in den Cem-Zeremonien die öffentlichen Schulen. Das Alevitentum hat sich damit zu einer kulturellen Form entwickelt, die stärker auf Zugehörigkeit als auf Glauben beruht, und wurde folklorisiert. Diese Transformation zeigt die Erklärungskraft der Säkularisierungstheorie auch in nichtwestlichen Kontexten.Vom Glauben zur Identität: Die kulturelle Transformation des Alevitentums
Die Säkularisierung der Alevit:innen ist ein Begriff, der die Veränderungen bezeichnet, die sich unter dem Einfluss des Modernisierungsprozesses in den traditionellen Glaubensstrukturen und religiösen Institutionen alevitischer Gemeinschaften in der Türkei vollzogen haben. In diesem Enzyklopädiebeitrag wird die Säkularisierung der Alevit:innen im Rahmen der klassischen Säkularisierungstheorie behandelt. Diese Theorie geht davon aus, dass Modernisierung unmittelbar zu einem Rückgang religiöser Überzeugungen und Praktiken führt (Bruce 2002; Wilson 1976). Seit den 1990er-Jahren haben die Einwände gegen diese Theorie deutlich zugenommen. Entwicklungen wie die weltweite Wiederbelebung von Religion und der Einfluss von Religion im politischen Bereich stellten die allgemeine Gültigkeit der Säkularisierungstheorie infrage (Berger 2008; Stark 1999). Dieser Beitrag diskutiert am Beispiel alevitischer Gemeinschaften in der Türkei, inwieweit die Säkularisierungstheorie auch auf religiöse Gruppen außerhalb des westlichen Christentums anwendbar ist.
Das Alevitentum ist ein heterodoxes Glaubenssystem, das historisch durch Ausgrenzung geprägt wurde und sowohl durch ländliche Isolation als auch durch identitätsbezogene Sensibilitäten gekennzeichnet ist (Erdemir 2004; Lord 2017; Zeidan 1999). Der Modernisierungsprozess, der in der Türkei seit den 1950er-Jahren an Dynamik gewann, hat die Alltagspraktiken der Alevit:innen tiefgreifend verändert. Mit der seit den 1980er-Jahren beobachteten “alevitischen Wiederbelebung” wurde das Alevitentum sichtbarer, und Alevit:innen konnten sich im öffentlichen Raum offener ausdrücken. Für die Frage der Säkularisierung ist jedoch entscheidend, ob diese Wiederbelebung den Einfluss des Alevitentums auf das tägliche Leben tatsächlich verstärkt hat.
Seit den 1960er-Jahren standen bei vielen Alevit:innen, die sich eng an linken Ideologien orientierten, eher ihre Klassen- und politischen Identitäten als ihre religiöse Identität im Vordergrund. In diesem Prozess verloren die Cem-Rituale an Bedeutung, und die Autorität der Dedes, der religiösen Führungspersonen, wurde erschüttert. Seit den 1980er-Jahren wurden jedoch alevitische Vereine gegründet, Dedes übernahmen Aufgaben in diesen Strukturen, und das Alevitentum begann, systematischer repräsentiert zu werden (Dressler 2012; Soner und Toktaş 2011). Diese Transformation schuf die Grundlage dafür, das Alevitentum als folkloristische und kulturelle Identität neu zu konstruieren (Sökefeld 2004).
Im Rahmen einer qualitativen Feldforschung in den Provinzen Çorum und Tunceli wurden ausführliche Interviews mit 40 Personen aus unterschiedlichen Generationen geführt: mit 20 Elternteilen und ihren verheirateten Kindern. Der Wandel zwischen den Generationen wurde anhand von Ehe, spiritueller Geschwisterschaft (Musahiplik), religiöser Führung (Dedelik) und Cem-Ritualen untersucht. Die Forschung zeigte, dass sich traditionelle alevitische Institutionen teilweise aufgelöst oder flexibilisiert haben.
Im traditionellen Alevitentum galt die Ehe beispielsweise als Voraussetzung für die Anerkennung innerhalb der Gemeinschaft. Heute ist eine Scheidung jedoch gesellschaftlich stärker akzeptiert, und interreligiöse Ehen kommen häufiger vor. Dies weist auf eine Lockerung religiöser Grenzen und eine Schwächung gesellschaftlicher Kontrollmechanismen hin. Auch die Institution der spirituellen Geschwisterschaft, die Musahiplik, die traditionell als heilige Verwandtschaft galt, scheint unter jüngeren Generationen ihre Funktion verloren zu haben. Insbesondere Urbanisierung, Individualisierung und die abnehmende Teilnahme an Cem-Zeremonien haben dazu geführt, dass diese Institution weitgehend symbolisch geworden ist.
Neben der Musahiplik haben auch die Macht und das Ansehen der religiösen Führungspersonen, der Dedes, deutlich abgenommen. Traditionell waren Dedes sowohl religiöse als auch gesellschaftliche Autoritäten. Heute wenden sich jüngere Generationen jedoch nur selten an sie, und viele Dedes üben in städtischen Gebieten andere Berufe aus. Cem-Rituale haben sich zu kulturellen Veranstaltungen entwickelt, und gesellschaftliche Sanktionen wie die Erklärung einer Person zum düşkün haben ihre frühere Bedeutung verloren.
Diese gesellschaftliche Transformation entspricht den grundlegenden Annahmen der klassischen Säkularisierungstheorie. Im Zuge der Modernisierung wurden die gesellschaftlichen Funktionen religiöser Institutionen auf säkulare Institutionen übertragen (Stolz 2010; Hirschle 2014). So wurde die spirituelle Verwandtschaft der Musahiplik durch Nichtregierungsorganisationen ersetzt, die religiöse Autorität der Dedes durch staatliche Rechtssysteme und die Bildungsfunktion der Cem-Zeremonien durch öffentliche Schulen.
Dies zeigt, dass die alevitische Wiederbelebung eher eine Wiederbelebung kultureller Identität als eine religiöse Erneuerung darstellt. Sökefelds (2004) Begriff der “Folklorisierung” ist besonders hilfreich, um diese neue Erscheinungsform des Alevitentums zu erklären. Rituelle Praktiken wie Cem-Zeremonien, Semah und Bağlama-Musik dienen heute vor allem als Kennzeichen kultureller Identität und weniger als Ausdruck religiösen Glaubens.
Schlussfolgerung
Dieser Beitrag zur Säkularisierung der Alevit:innen zeigt deutlich, wie Modernisierungsprozesse die religiösen Institutionen, Rituale und gesellschaftlichen Strukturen alevitischer Gemeinschaften in der Türkei verändert haben. Ausgehend von der klassischen Säkularisierungstheorie wird argumentiert, dass sich das Alevitentum von einem gelebten religiösen System zu einem Rahmen kultureller Identität entwickelt hat. Institutionen wie Musahiplik, Dedelik und Cem-Rituale haben insbesondere unter jüngeren Generationen ihre verbindlichen religiösen Funktionen verloren und wurden zunehmend durch säkulare Entsprechungen wie Nichtregierungsorganisationen, staatliches Recht und öffentliche Bildung ersetzt.
Die Feldforschung in Çorum und Tunceli zeigt einen deutlichen Wandel zwischen den Generationen: Scheidung und interreligiöse Ehe sind heute gesellschaftlich stärker akzeptiert, Dedes haben ihre frühere Autorität verloren, und ehemals heilige Praktiken sind weitgehend symbolisch geworden. Dieser Fall stützt die Säkularisierungsthese und zeigt, dass die alevitische Wiederbelebung keine Rückkehr zur religiösen Orthopraxie, sondern eine kulturelle Wiederbelebung darstellt. Der Beitrag beschreibt das Alevitentum der Gegenwart daher nicht als einen Bereich spiritueller Orientierung, sondern als ein Kennzeichen kollektiver Identität, das durch historische Ausgrenzung geprägt und an die Bedingungen der Moderne angepasst wurde.
Zusammenfassend spiegelt die Säkularisierung der Alevit:innen die abnehmende Bedeutung der Religion für die Gestaltung des individuellen Lebens wider. In diesem Zusammenhang entwickelt sich das Alevitentum in der modernen türkischen Gesellschaft zu einer kulturellen Form, die stärker auf Identität als auf religiösem Glauben beruht. Die Säkularisierungstheorie bietet somit auch für nichtwestliche und nichtchristliche Kontexte einen Erklärungsrahmen für diese Transformation.
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