Bestattungsrituale der Nusairier:innen

Veröffentlichungsdatum: 2. Juli 2025
Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Arabische Alawit:innen beziehungsweise Nusairier:innen bilden eine ethnoreligiöse Gemeinschaft mit einem auf Geheimhaltung beruhenden Glaubenssystem und leben insbesondere in Adana, Hatay und Mersin. In diesen Gemeinschaften wird der Tod nicht als biologisches Ende verstanden, sondern im Rahmen des Glaubens an die Seelenwanderung beziehungsweise Reinkarnation als Teil der Reise der Seele betrachtet. Die traditionellen Bestattungspraktiken stellen einen komplexen Prozess dar, der neben seiner religiösen Bedeutung auch die gesellschaftliche Solidarität stärkt. In den vergangenen 30 Jahren haben Urbanisierung, Individualisierung und wirtschaftliche Schwierigkeiten zu einer Veränderung dieser Rituale geführt. Traditionelle Praktiken – etwa der Ausschluss von Frauen vom Gang zum Grab – wurden gelockert, während die Bedeutung religiöser Autoritäten abgenommen hat. Obwohl die Zeremonie am siebten Tag ihre Bedeutung weiterhin bewahrt, dienen die Rituale heute stärker als Ausdruck identitätsbezogener Zugehörigkeit. Ihre Funktion, kollektive Bindungen zu stärken, haben sie weitgehend verloren. Dieser Wandel ist ein typisches Beispiel dafür, wie Modernisierung religiöse Normen schwächt.

Gesellschaftlicher und theologischer Hintergrund

Im arabischen Alawitentum wird der Tod nicht als biologisches Ende betrachtet, sondern als Übergang der Seele von einem Körper in einen anderen. Der Glaube an die Wiederverkörperung beziehungsweise Seelenwanderung (tanāsukh) prägt die Bestattungspraktiken und betont den respektvollen Umgang mit der Reise der Seele. Zugleich sind Bestattungen gesellschaftliche Ereignisse, bei denen die Stellung der verstorbenen Person, die Ehre ihrer Familie und ihre religiöse Verbundenheit öffentlich bestätigt werden. Arabisch-alawitische Bestattungsrituale besitzen daher sowohl religiöse als auch soziokulturelle Bedeutung.

Traditionelle Bestattungsrituale

Die arabisch-alawitischen Bestattungsrituale bestehen aus mehreren zentralen Phasen:

1. Bekanntgabe des Todes und Vorbereitung

Wenn eine Person stirbt, geht ein Ausrufer (ğızzem) durch das Wohnviertel und gibt den Tod bekannt. Religiöse Führungspersonen (şıhlar), Verwandte und Nachbar:innen versammeln sich im Haus der verstorbenen Person. Der Leichnam wird zu Hause gewaschen, gewöhnlich von Familienangehörigen und nahen Verwandten.

2. Beisetzung, Gebet am zweiten Tag und Hımlen-Mahl

Nach der Waschung werden die Totengebete rezitiert und der Leichnam zum Friedhof gebracht. Frauen – darunter die Ehefrau, Mutter oder Töchter der verstorbenen Person – nehmen am ersten Tag nicht an der Beisetzung teil. Am Grab rezitieren die männlichen Trauernden unter der Leitung eines alawitischen Hoca Gebete und werfen anschließend jeweils eine Handvoll Erde in das Grab.

Am Morgen des zweiten Tages kommen auch die Frauen gemeinsam mit den Männern zum Grab, um weitere Gebete zu sprechen. Nach der Rückkehr nach Hause beginnen die Vorbereitungen für das Hımlen, ein zeremonielles Mahl mit einer Gebetsversammlung.

3. Trauerpraktiken und Beileidszeit

Frauen tragen als Zeichen der Trauer weiße Kopftücher (yağlık). Männer verzichten auf das Rasieren. Im Haushalt werden Unterhaltungsmedien vermieden; Radio und Fernsehen bleiben ausgeschaltet. Das Haus der verstorbenen Person wird häufig besucht, insbesondere während der ersten sieben Tage.

4. Die Zeremonie am siebten Tag (7’si)

Obwohl die theologische Begründung der Zeremonie am siebten Tag (7’si) innerhalb der arabisch-alawitischen Gemeinschaft nicht allgemein bekannt ist, gilt sie als das wichtigste und am stärksten hervorgehobene Ritual des gesamten Bestattungsprozesses. Sie bildet den formellen Abschluss der Trauerzeit.

Bereits am ersten Tag nach dem Tod beginnt die Familie der verstorbenen Person mit den Vorbereitungen für die 7’si-Zeremonie. Personen, die nicht an der Beisetzung teilnehmen konnten, bemühen sich, an diesem Tag anwesend zu sein. Es findet eine große Gebetsversammlung statt, die häufig die höchste Zahl an Teilnehmer:innen aufweist. Zwei bis drei Schafe werden geschlachtet, und besondere Speisen wie hırsi, eine rituelle Suppe, oder Reis mit Fleisch und Kichererbsen werden zubereitet.

Vor der Zeremonie wird das Haus gründlich gereinigt; Kissen, Bettdecken und Vorhänge werden gewaschen. Bestimmte Personen dürfen sich nicht an der Zubereitung der Speisen beteiligen: geschiedene Personen, menstruierende Frauen sowie Personen, die zu diesem Zeitpunkt eine Hose tragen. Dabei handelt es sich um eine symbolische Einschränkung.

Der Wandel der Bestattungsrituale in der Gegenwart

In den vergangenen 30 Jahren haben sich die arabisch-alawitischen Bestattungsbräuche aufgrund verschiedener Entwicklungen deutlich verändert:

Urbanisierung und die damit verbundene Schwächung enger gemeinschaftlicher Beziehungen,
Individualisierung und der Rückgang kollektiver Beteiligung,
der Bedeutungsverlust religiöser Autoritäten und die abnehmende strenge Befolgung traditioneller Rituale,
wirtschaftliche Belastungen aufgrund der hohen Kosten traditioneller Zeremonien,
die Schwächung gesellschaftlicher Kontrollmechanismen und der geringere Druck, überlieferte Bräuche einzuhalten.

Obwohl Bestattungen weiterhin Ausdruck von Identität und emotionaler Zugehörigkeit sind, haben sie ihre Funktion als Rituale zur Stärkung kollektiver Bindungen weitgehend verloren. Dieser Wandel entspricht allgemeineren Entwicklungen, die sich in traditionellen Gemeinschaften im Zuge der Modernisierung beobachten lassen.

Schlussfolgerung

Arabisch-alawitische Bestattungsrituale, die früher tief in theologischen Glaubensvorstellungen und kollektiven gesellschaftlichen Praktiken verwurzelt waren, unterliegen im Kontext der Modernisierung einem deutlich sichtbaren Wandel. Traditionell waren diese Rituale auf die Lehre von der Wiederverkörperung beziehungsweise Seelenwanderung (tanāsukh) ausgerichtet. Sie kennzeichneten nicht nur den Übergang der Seele, sondern dienten zugleich der öffentlichen Bestätigung der Familienehre, des gemeinschaftlichen Zusammenhalts und der religiösen Verbundenheit. Feldbeobachtungen aus Adana zeigen jedoch, dass viele dieser Praktiken an Bedeutung verloren haben oder vorwiegend symbolisch geworden sind.

Während zentrale Bestandteile wie die 7’si-Zeremonie und die Trauerzeichen fortbestehen, haben sich ihre Bedeutungen verändert. Zunehmende Urbanisierung und Individualisierung, wirtschaftlicher Druck sowie die abnehmende Bedeutung religiöser Autoritäten haben dazu geführt, dass die rituellen Formen weniger streng eingehalten werden.

Heute dienen Bestattungspraktiken unter arabischen Alawit:innen stärker als Ausdruck kultureller und emotionaler Identität und weniger als Mittel gesellschaftlicher Regulierung und religiöser Verpflichtung. Diese Transformation spiegelt umfassendere Prozesse der Säkularisierung und des gesellschaftlichen Wandels innerhalb traditioneller Gemeinschaften in der Türkei wider.

Quellenangaben und weiterführende Literatur

Ertit, Volkan. 2022. “Transformation of Funeral Rituals in Arab Alawites of Adana: Less Costly, Less Tiring.” Turkish Culture and Haci Bektash Veli Research Quarterly 101: 211-234. doi:10.34189/hbv.101.008.

Göde, Halil Altay, and Hüseyin Kürşat Türkan. 2015. “A Study on Death Beliefs and Rituals in Arab (Nusayri) Alevis of Karaağaç.” Turkish Culture and Haci Bektash Veli Research Quarterly 73 (April): 67-88.

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Zitation

  • Bestattungsrituale der Nusairier:innen
  • Autor: Ertit, Volkan
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 27.07.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/bestattungsrituale-der-nusairierinnen-6251/
Ertit, Volkan (2025). Bestattungsrituale der Nusairier:innen. Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/bestattungsrituale-der-nusairierinnen-6251/ (Abrufdatum: 27.07.2026)
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