Transnationale Migration, Niederlassung und Suizid: Eine Fallstudie über junge alevitisch-kurdische Männer der zweiten Generation in London
Vorlesungsdetails
Dozent
Ich bin Reader (Dozent) für Soziologie an der University of Westminster und auf soziologische Theorie, Religionssoziologie, Suizid und transnationale Migration spezialisiert. Ich promovierte an der University of Essex, wo sich meine Forschung mit Suizid innerhalb der alevitisch-kurdischen Gemeinschaft in London befasste. Meine Arbeit über Suizid unter alevitisch-kurdischen Jugendlichen wurde mit dem British Journal of Sociology Prize ausgezeichnet. Seit 2010 arbeite ich mit Dr. Celia Jenkins zusammen, um Identitätsfragen innerhalb der alevitischen Gemeinschaft in London zu untersuchen. Gemeinsam haben wir mit der British Alevi Federation Unterrichtseinheiten zum Alevitentum entwickelt und in den Lehrplan für den Religionsunterricht an britischen Schulen integriert. Durch verschiedene Veröffentlichungen und die Organisation der alle zwei Jahre stattfindenden Internationalen Konferenzen für Alevitentumsstudien an der University of Westminster haben wir wesentlich zur Weiterentwicklung dieses Forschungsfeldes im Vereinigten Königreich beigetragen. Darüber hinaus bin ich Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Alevi-Enzyklopädie.
Vorlesungszusammenfassung
Diese Vorlesung bietet eine soziologische Erklärung für die hohen Suizidraten unter jungen alevitisch-kurdischen Männern der zweiten Generation in London. Zunächst werde ich einen kurzen Überblick über die sozialen Merkmale der alevitisch-kurdischen Gemeinschaft vor ihrer Migration in das Vereinigte Königreich geben. Mithilfe der Theorie der segmentierten Assimilation werde ich die Integrations- und Assimilationsmuster der ersten und zweiten Generation alevitischer Kurdinnen und Kurden in London vergleichen und Suizide unter jungen Menschen in einen breiteren soziokulturellen Kontext einordnen. Ich werde das Gefühl der Entfremdung und Unzufriedenheit erläutern, das die jungen Männer erlebten und das diese Suizide auslöste.
Am Ende dieser Vorlesung sollten die Teilnehmenden in der Lage sein:
Das Konzept des gemeinschaftlichen Zusammenhalts und die Verbreitung von Suizid innerhalb alevitischer Gemeinschaften zu untersuchen;
Die Zusammenhänge zwischen alevitischer Migration, Niederlassungsmustern und Generationenerfahrungen zu analysieren;
Die Faktoren zu verstehen, die dazu führen, dass junge alevitische Männer der zweiten Generation durch Suizid sterben.
Schlüsselkonzepte
Vorlesungstext
Einleitung
Als alevitischer Soziologe interessiere ich mich für den sozialen Kontext der Gemeinschaft, um den Alltag ihrer Mitglieder zu verstehen. Als ich 2009 meine Promotion begann, war mir bewusst, dass in London immer mehr junge alevitische Männer der zweiten Generation durch Suizid starben. Daher entschied ich mich, meine Doktorarbeit auf dieses Problem zu konzentrieren. Bis 2014 wurden aus der alevitischen Gemeinschaft etwa fünfzig Fälle gemeldet. Die Gemeinschaft stand unter Schock, da Suizide junger Männer zuvor weder in der Türkei noch im Vereinigten Königreich ein Problem gewesen waren. Obwohl Suizid als eine zutiefst persönliche Handlung betrachtet wird, bei der der psychische Zustand des Einzelnen zum jeweiligen Zeitpunkt im Mittelpunkt steht, erfordert die hohe Zahl der Fälle in der alevitischen Gemeinschaft eine soziologische Perspektive. Eine soziologische Erklärung von Suizid ordnet die persönlichen Lebensgeschichten der durch Suizid Verstorbenen in die umfassenderen sozialen Bedingungen einer Gemeinschaft ein. Die Suizide junger alevitisch-kurdischer Männer der zweiten Generation lassen sich nicht verstehen, ohne das Problem in den Kontext der Migration einzuordnen, die die soziale Stabilität der Gemeinschaft veränderte. Wie viele andere Mitglieder der Gemeinschaft verspürte auch ich das dringende Bedürfnis, die sozialen Ursachen dieses neuen Phänomens zu verstehen. Dazu nutzte ich einen soziologischen Bezugsrahmen, der die Kontexte von Migration, Bildung, Arbeit und Beziehungsstatus berücksichtigte, die zu diesen Todesfällen beitrugen.
Diese Vorlesung basiert auf ethnografischen Daten, die ich zwischen 2009 und 2013 für meine Doktorarbeit erhoben habe. Sie bietet eine soziologische Erklärung für die hohe Zahl von Suiziden unter jungen alevitisch-kurdischen Männern der zweiten Generation in London. Mit zweiter Generation meine ich Kinder, die im Vereinigten Königreich geboren wurden oder dort ihre gesamte oder den überwiegenden Teil ihrer Primar- und Sekundarschulbildung absolviert haben. Zunächst werde ich den Zusammenhang zwischen Suizid und Migration kurz erläutern. Anschließend gebe ich einen Überblick über die sozialen Merkmale der alevitisch-kurdischen Gemeinschaft vor ihrer Migration in das Vereinigte Königreich und darüber, wie diese im Kontext der Niederlassung aufrechterhalten und verändert wurden. Mithilfe der Theorie der segmentierten Assimilation werde ich die Anpassungsmuster der ersten und zweiten Generation alevitischer Kurdinnen und Kurden in London vergleichen, um Suizide unter jungen Menschen in einen breiteren soziokulturellen Kontext einzuordnen. Ich werde die Gefühle der Entfremdung, Unzufriedenheit und Marginalisierung erläutern, die die jungen Männer in zentralen Lebensbereichen wie Bildung, Arbeit und Beziehungen erlebten und die diese Suizide auslösten. Abschließend werde ich über die Reaktionen der Gemeinschaft auf das Problem nachdenken.
Suizid und Migration
Forschungen zu Suizid und Migration weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Suizidraten und Einwanderung hin, da Suizide in migrantischen Gemeinschaften im Allgemeinen häufiger vorkommen als in nichtmigrantischen Gemeinschaften. Migration unterbricht bestehende soziale Bindungen, was wiederum den sozialen Zusammenhalt von Einwanderungsgruppen beeinflusst. Diese Unterbrechung kann soziale Bindungen schwächen und bei den einzelnen Mitgliedern ein Gefühl der Losgelöstheit hervorrufen. Der Soziologe Durkheim beschrieb dieses Phänomen im 19. Jahrhundert als Anomie. Für Durkheim werden Individuen durch die integrativen und regulierenden Mechanismen der Gesellschaft im Gleichgewicht gehalten. Der Mechanismus der Integration leitet Individuen dazu an, eine Bindung an die Werte und sozialen Normen der Gruppe zu entwickeln, während der Mechanismus der Regulierung bestimmte Ziele und die Mittel zu deren Erreichung festlegt. Die Integration und Regulierung des Individuums werden durch Institutionen wie Familie, Religion und Arbeitsmarkt geprägt, die idealerweise harmonisch zusammenwirken. Ist dies nicht der Fall, können sie ihre regulierenden und integrativen Aufgaben nicht erfüllen. Dadurch entsteht ein Zustand der Anomie, der Pathologien wie hohe Suizidraten hervorbringt. Genauer gesagt beschrieb Durkheim Anomie als einen Zustand, der Isolation, Normlosigkeit und ein vermindertes Verständnis dessen fördert, was erreichbar ist. All diese Faktoren tragen erheblich zum Suizidrisiko bei. Da die alevitische Gemeinschaft im Vereinigten Königreich eine migrantische Gemeinschaft ist, müssen die Anpassungsmuster berücksichtigt werden, denen sie im Kontext der Niederlassung folgte, denn auch diese beeinflussen ihr Suizidrisiko. Um die Herausforderungen zu verstehen, mit denen alevitische Kurdinnen und Kurden der zweiten Generation konfrontiert waren, müssen zunächst die veränderten sozialen Bedingungen betrachtet werden, denen die erste Generation während ihrer Migration aus der Türkei in das Vereinigte Königreich begegnete.
Der Kontext vor der Auswanderung
In der Türkei waren die Suizidraten so gering, dass Suizid für die alevitische Bevölkerung kein Problem darstellte. Alevitische Kurdinnen und Kurden haben eine lange Geschichte dessen erlebt, was ich als „verfolgungsbedingte Ausgrenzung“ bezeichne. Diese reicht bis in das Osmanische Reich zurück, setzte sich während der republikanischen Ära fort und war von mehreren Massakern geprägt, darunter Dersim 1938, Maraş 1978 und Sivas 1993, um nur einige zu nennen. Die Bemühungen des türkischen Staates, eine auf Türkentum und sunnitischem Islam beruhende nationale Identität zu schaffen, machten alevitische Kurdinnen und Kurden zu einer „doppelten Minderheit“: Sie waren sowohl einer religiösen Sunnitisierung als auch einer ethnischen Türkisierung ausgesetzt. Aus Angst vor Verfolgung hatten Alevitinnen und Aleviten Gemeinschaften in abgeschiedenen ländlichen Gebieten gebildet. Ihre starken religiösen und kulturellen Institutionen integrierten und regulierten nicht nur die Individuen, sondern dienten über Jahrhunderte hinweg auch dazu, sich der Assimilation zu widersetzen, die eigene Identität zu bekräftigen und Räume für Selbstwertgefühl und Unterstützung zu schaffen. Die meisten Familien stammten aus ländlichen Gemeinschaften mit Großfamilien- und Verwandtschaftsnetzwerken, die ältere und jüngere Generationen zusammenhielten und zur Verinnerlichung der kollektiven Werte der Gesellschaft beitrugen. Die wirtschaftliche Tätigkeit konzentrierte sich auf die landwirtschaftliche Produktion. Das Wirtschaftsleben war stabil, die Aufgaben waren klar verteilt und das Ausmaß der Anomie gering.
Die harmonischen Beziehungen zwischen diesen Institutionen wirkten schützend und bildeten die Grundlage für die niedrigen Suizidraten.
Anpassungsmuster der ersten Generation im Vereinigten Königreich
Das Ausbleiben von Suiziden unter alevitischen Kurdinnen und Kurden der ersten Generation verdeutlicht den starken sozialen Zusammenhalt, der bereits in der Türkei bestand und sich während ihrer Niederlassung im Vereinigten Königreich innerhalb der Gemeinschaft herausbildete. Seit ihrer Migration als Asylsuchende ab 1989 haben viele alevitische Kurdinnen und Kurden London zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht und sich in Gegenden niedergelassen, in denen bereits andere Menschen aus ihrem Dorf oder ihrer Stadt lebten. Auf diese Weise erlebte die erste Generation eine sogenannte „segregierte Integration“. Diese ermöglichte es ihr, enge Bindungen an die Familie und das Herkunftsland aufrechtzuerhalten und sich zugleich an die neue Umgebung anzupassen. Die Angehörigen dieser Generation bildeten eine Gemeinschaft mit starkem Zusammenhalt in eng verbundenen Nachbarschaften. Sie fanden Arbeit in örtlichen Textilwerkstätten mit ausbeuterischen Arbeitsbedingungen sowie in anderen arbeitsintensiven Tätigkeiten und konzentrierten sich darauf, Geld zur Unterstützung ihrer Familien sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der Türkei zu verdienen. Eine wesentliche Grundlage des Gemeinschaftslebens war ihre Mobilisierung in türkisch- und kurdischsprachigen Gemeinschaftszentren. Diese halfen ihnen, ihre sozialen, kulturellen und religiösen Traditionen aufrechtzuerhalten, und vermittelten ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit. All dies trug dazu bei, Gefühle der Losgelöstheit und Anomie zu verringern und damit das Suizidrisiko der ersten Generation zu reduzieren.
Entfremdung und Unzufriedenheit der zweiten Generation im Vereinigten Königreich
Es ist wichtig zu verstehen, was für die zweite Generation anders war und weshalb die sozialen Strukturen und Institutionen, die die erste Generation vor dem Suizidrisiko geschützt hatten, für einen Teil der zweiten Generation und insbesondere für junge Männer nicht mehr funktionierten. Wie die Theorie der segmentierten Assimilation nahelegt, folgen Kinder von Migrantinnen und Migranten häufig anderen Integrations- und Assimilationsverläufen als ihre Eltern. Einer dieser Verläufe, der für das Verständnis der Erfahrungen junger Männer der zweiten Generation besonders relevant ist, führt in die sogenannte „Regenbogen-Unterschicht“ (rainbow underclass), eine soziale Position mit hohem Anomie- und Suizidrisiko. Ich werde von meinen Daten ausgehen, in denen ich acht Suizidfälle miteinander verglichen habe. Dabei untersuche ich, wie der Bildungs-, Beschäftigungs- und Beziehungsstatus dieser jungen Männer sie möglicherweise in die Regenbogen-Unterschicht geführt und bei einigen von ihnen die Anfälligkeit für Suizid erhöht hat.
Bildung
Wie die Tabelle zeigt, hatten sieben der acht jungen Männer, deren Suizide ich untersuchte, trotz der hohen Erwartungen ihrer Eltern die Schule ohne Abschluss verlassen. Eltern der ersten Generation berichteten, dass einer ihrer Gründe für die Migration in das Vereinigte Königreich darin bestand, ihren Kindern eine gute Bildung und eine sichere berufliche Beschäftigung zu ermöglichen. Dies zu erreichen, war jedoch aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Zunächst stammten die Angehörigen der ersten Generation aus ländlichen Verhältnissen und aus der Arbeiterschicht und verfügten selbst über sehr wenig Bildung. Dieser benachteiligte sozioökonomische und kulturelle Hintergrund führte zusammen mit den Schwierigkeiten der Eltern während der Niederlassung dazu, dass alevitische Kinder meist Schulen in vergleichsweise benachteiligten Gegenden besuchten. Dort kamen sie mit im Vereinigten Königreich geborenen Kindern aus anderen benachteiligten ethnischen Minderheiten zusammen, die ihren Glauben an Bildung bereits verloren hatten. Wenn die Kinder in der Schule zu scheitern begannen, meist in der Sekundarstufe, waren die Eltern kaum in der Lage, ihnen zu helfen, und warfen ihnen häufig vor, sich nicht genügend anzustrengen. Zudem machten die Schwierigkeiten der Eltern mit der englischen Sprache sie von ihren Kindern abhängig, die in offiziellen Situationen für sie dolmetschten. Dies führte zu einer Rollenumkehr, da die Kinder schon früh den Informationsfluss von der Schule zu ihren Eltern kontrollieren konnten. Wenn Schreiben über Fehlzeiten oder Schulausschlüsse zu Hause eintrafen, hatten die Kinder dadurch die Macht, entscheidende Entscheidungen darüber zu treffen, was sie ihren Eltern mitteilten. Dies hatte schwerwiegende Folgen für ihr Leben. So war es auch bei den jungen Männern, die durch Suizid starben: Als ihre Eltern erkannten, dass ihren Söhnen ein Schulausschluss drohte, war es bereits zu spät, den Ausgang noch zu verändern. Darüber hinaus lehnten die jungen Männer die Erwartungen ihrer Eltern ab und ließen sich stärker von Gleichaltrigen beeinflussen. Die Eltern fühlten sich machtlos gegenüber diesem Gruppendruck, was die Beziehungen zusätzlich belastete. Generationenkonflikte waren somit ein wichtiger Faktor, der Suizide in der zweiten Generation beeinflusste.
Die jungen alevitischen Kurden gerieten nicht nur wegen schulischen Scheiterns mit ihren Eltern in Konflikt. Sie standen auch im Konflikt mit anderen ethnischen Gruppen an den Schulen ihrer Wohnviertel und begannen, sich in Abgrenzung zu diesen Gruppen zu definieren. Mit dem nachlassenden Einfluss der Eltern lehnten sie deren Kultur und die alevitische Identität weitgehend ab. Sie definierten sich nicht mehr über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft und die Achtung ihrer Traditionen und Werte, sondern lediglich im Gegensatz zu anderen ethnischen Gruppen. Tatsächlich war ihre alevitische Identität weitgehend verschwunden: Keiner der Teilnehmer empfand eine starke Bindung an alevitische kulturelle und religiöse Werte oder verfügte überhaupt über nennenswerte Kenntnisse darüber. Auch an den kulturellen oder politischen Aktivitäten der Gemeinschaftszentren nahmen sie nicht teil. Diese Abwendung der Jugendlichen von der Gemeinschaft entfernte sie noch weiter von den Institutionen der Familie und der ethnischen Gemeinschaft. Auf der Suche nach Geld und Status, die sie auf illegitimen Wegen zu erlangen hofften, wandten sie sich stärker den Banden zu. All diese Faktoren drängten sie in die neue Regenbogen-Unterschicht.
Beschäftigung
Der Tabelle zufolge gingen sieben der acht jungen Männer Gelegenheitsarbeiten nach und hatten ihre Schulausbildung ohne grundlegenden Abschluss abgebrochen. Sie schlossen sich vor allem wegen begrenzter Beschäftigungsmöglichkeiten Banden an. Trotz ihres schulischen Scheiterns waren sie von neoliberalen Vorstellungen eines schnellen Erfolgs beeinflusst. Sie betrachteten Banden als einen alternativen Weg, ihre Ziele zu erreichen, da ihnen legale Beschäftigungsmöglichkeiten unzureichend erschienen. Nach einiger Zeit begannen jedoch auch diejenigen, die später durch Suizid starben, sich von den Banden zu distanzieren. Dafür gab es verschiedene Gründe, darunter Druck von Eltern und Verwandten, Angst, Misstrauen und der schwindende Glaube daran, dass die Bande ihnen die gewünschte Zukunft ermöglichen könne.
Die Kultur, die sie als Bandenmitglieder verinnerlicht hatten und die sich in sozialen Praktiken und am Körper sichtbaren Symbolen wie Kleidung, Sprache, Tätowierungen und Frisuren ausdrückte, machte sie für Arbeitgeber im legalen Arbeitsmarkt unattraktiv. Der Bedarf an einem Einkommen zur Deckung ihrer Ausgaben sowie der Druck ihrer Eltern, einer Arbeit nachzugehen, ließen den jungen Männern, die später durch Suizid starben, keine andere Wahl, als in den Geschäften ihrer Eltern zu arbeiten. Dabei handelte es sich um kleine Familienbetriebe wie Läden mit Alkoholverkauf, Kebab-Läden und Fish-and-Chips-Imbisse. Die alevitisch-kurdischen Teilnehmer der zweiten Generation verachteten diese Tätigkeiten, weil sie ihnen keine Zukunftsperspektive zu bieten schienen. Die Befragten berichteten, dass die durch Suizid verstorbenen jungen Männer das Gefühl gehabt hätten, zu diesen Arbeiten „gezwungen“ worden zu sein, und sie ablehnten. Sie hatten nicht nur ihre Chance auf Integration in die Mehrheitsgesellschaft verloren, sondern auch die Möglichkeit, sich durch eine Tätigkeit auf dem ethnischen Arbeitsmarkt in ihre eigene ethnische Gemeinschaft zu integrieren. Unterschiede zwischen den Erwartungen von Eltern und ihren Kindern hinsichtlich ihrer beruflichen Verläufe wurden auch in anderen Gemeinschaften als wichtige Einflussfaktoren für Suizide unter jungen Menschen festgestellt. Wie hier gezeigt wurde, waren sie auch für die alevitischen Jugendlichen relevant.
Beziehungsstatus
Die Daten in der Tabelle zeigen, dass die meisten jungen Männer vor ihrem Suizid mit ihren Freundinnen gestritten hatten und von ihnen zurückgewiesen worden waren. Für einige von ihnen stellte dies den letzten ausschlaggebenden Moment bei der Entscheidung dar, durch Suizid zu sterben. Innerhalb der alevitischen Gemeinschaft war die Vorstellung verbreitet, die jungen Männer würden „wegen eines Mädchens sterben“. Manche Eltern warfen den Freundinnen ihrer Söhne vor, einen schlechten Einfluss auf sie ausgeübt und ihren Tod verursacht zu haben. Es überrascht jedoch nicht, dass die jungen Männer, die durch Suizid starben, nach vielfältigen Misserfolgen in Bildung und Arbeit übermäßig abhängig von ihren intimen Beziehungen wurden. Diese Beziehungen waren aufgrund der Macho-Haltungen, die die jungen Männer durch ihre Sozialisation in den Banden entwickelt hatten, hochproblematisch. Das Scheitern dieser Beziehungen scheint eine entscheidende Rolle in ihrem Weg zum Suizid gespielt zu haben, vor allem weil die Trennung als Ehrverlust wahrgenommen wurde. Die Befragten berichteten, wie frustriert die später durch Suizid verstorbenen jungen Männer waren, wenn ihre Freundinnen die Initiative zur Trennung ergriffen. Das Scheitern ihrer intimen Beziehungen darf jedoch nicht für sich genommen als alleinige Ursache der Suizide betrachtet werden. Für diese jungen Männer, die sowohl innerhalb ihrer ethnischen Gemeinschaft als auch in der Mehrheitsgesellschaft marginalisiert waren, kaum in den Arbeitsmarkt integriert waren und nun auch die regulierende Wirkung der Bandenmitgliedschaft verloren hatten, bedeutete die Trennung vielmehr den Verlust der letzten sozialen Bindung an die Gesellschaft. Dadurch wurden sie anfälliger für Suizid.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das soziale System, das die erste Generation regulierte und integrierte, für einen Teil der zweiten Generation seine Bedeutung verloren hatte, insbesondere für jene jungen Männer, die durch Suizid starben. Ich habe dargelegt, dass Migration ein wichtiger Gesichtspunkt für das Verständnis der Erfahrungen der zweiten Generation ist, weil sie die Anpassungs- und Integrationsverläufe sichtbar macht, die das Suizidrisiko bestimmen. Die alevitische Bevölkerung in der Türkei lebte in eng verbundenen Gemeinschaften in abgelegenen ländlichen Gebieten, geeint durch ihren Widerstand gegen Verfolgung. Die erste Generation im Vereinigten Königreich führte ein von der Mehrheitsgesellschaft getrenntes Leben, war jedoch innerhalb der eigenen Gemeinschaft stark integriert. Sie bewahrte den gemeinschaftlichen Zusammenhalt und hielt die Kräfte der Regulierung und Integration wirksam im Gleichgewicht, was vor Suizid schützte. Die zweite Generation hatte dagegen eine andere Orientierung gegenüber dem Leben und der Zukunft. Sie folgte einem Verlauf, der einige ihrer Angehörigen in die Regenbogen-Unterschicht mit einem hohen Maß an Isolation und Suizidrisiko absteigen ließ. In diesem Kontext starben einige der jungen Männer durch Suizid.
Schließlich legt die Verankerung von Suizid im Gemeinschaftsleben nahe, dass gemeinschaftsbasierte Reaktionen und Lösungen erforderlich sind. In meinem Fall führte dies zu einer Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft, Jugendlichen und Schulen, um der Marginalisierung, Entfremdung und Unzufriedenheit junger Menschen entgegenzuwirken. Durch die Einführung von Unterrichtseinheiten zum Alevitentum in den Religionsunterricht sollten ihre Sichtbarkeit erhöht und ihr Zugehörigkeitsgefühl in den Schulen gestärkt werden.
Anmerkung: Weitere Informationen zu dieser Initiative der Gemeinschaft finden Sie in der Vorlesung von Dr. Celia Jenkins.
Literatur & Weiterführende Lektüre
Cetin, Umit. 2014. Anomic Disaffection: A Sociological Study of Youth Suicide within the Alevi Kurdish Community in London. PhD diss., University of Essex.
Cetin, Umit. 2016. “Durkheim, Ethnography and Suicide: Researching Young Male Suicide in the Transnational London Alevi-Kurdish Community.” Ethnography 17, no. 2: 250–277. https://doi.org/10.1177/1466138115586583.
Cetin, Umit. 2017. “Cosmopolitanism and the Relevance of ‘Zombie Concepts’: The Case of Anomic Suicide amongst Alevi Kurd Youth.” The British Journal of Sociology 68, no. 2: 145–166. https://doi.org/10.1111/1468-4446.12234.
Cetin, Umit, and Celia Jenkins. 2026. “Decolonial Entangled Ethnographic Research: Transformative Collaborations with the UK Alevi Community over the Last 15 Years.” Studies in Ethnicity and Nationalism. Early View. https://doi.org/10.1111/sena.70017.
Durkheim, Émile. 1996 [1897]. Suicide: A Study in Sociology. Translated by John A. Spaulding and George Simpson. London: Routledge.
Portes, Alejandro, and Min Zhou. 1993. “The New Second Generation: Segmented Assimilation and Its Variants.” The Annals of the American Academy of Political and Social Science 530, no. 1: 74–96. https://doi.org/10.1177/0002716293530001006.
Produktionsangaben
CanoCan Films / Ekin Can Erol
Ekin Can Erol ist ein deutsch-kurdischer Dokumentarfilmer und Produzent mit familiären Wurzeln in der Region Dersim in der Türkei. Er lebt in Potsdam und ist Gründer von CanoCan Films, einer unabhängigen Filmproduktionsplattform, die sich auf Dokumentarfilmprojekte zu Geschichte, kultureller Identität, Migration, Erinnerung, Religion und Minderheitenerfahrungen konzentriert.
Erol hat ein Studium der Geschichte und Philosophie abgeschlossen. Auch seine wissenschaftliche Arbeit beschäftigte sich mit Dersim: In seiner Bachelorarbeit untersuchte er die Ereignisse von 1937–1938 und die umstrittenen historischen Deutungen dieser Ereignisse, insbesondere die Debatte um ihre Einordnung als Aufstand oder Völkermord. Sein akademischer Hintergrund und seine persönliche Verbindung zu Dersim prägen weiterhin seinen dokumentarischen Zugang zu Geschichte, Identität und kollektivem Gedächtnis.
Sein erster Dokumentarfilm, Niemals vergessen – Was ist unsere Verantwortung? (2020), beschäftigte sich mit der Erinnerung an den Holocaust und der Frage, welche Verantwortung jüngere Generationen für die Bewahrung der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus tragen. Darauf folgten Alevitentum – Eine Suche nach Identität (2021) und Alevitentum in der deutschen Diaspora – Eine Erfolgsgeschichte? (2024), die sich mit alevitischer Identität, Geschichte, Diaspora und generationenübergreifendem Wandel befassen.
Sein jüngster Dokumentarfilm, Ziyaret – Die Stimme der Natur (2026), untersucht heilige Orte und Landschaften innerhalb alevitischer Traditionen, insbesondere in Dersim, und verbindet persönliche Erzählungen, religiöses Wissen und wissenschaftliche Perspektiven. Der Film wurde zudem für das 16. Kurdische Filmfestival ausgewählt und dort gezeigt.
Über CanoCan Films entwickelt und produziert Erol audiovisuelle Formate für kulturelle, pädagogische und wissenschaftliche Projekte. Seine Arbeit zielt darauf ab, dokumentarisches Erzählen mit historischer Forschung und den Perspektiven der Gemeinschaften zu verbinden und unterrepräsentierte Geschichten und Erfahrungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Im Jahr 2026 war er für die technische Produktion und die Studioarbeit bei den ersten Aufnahmen der offenen Vorlesungsreihe der Alevi-Enzyklopädie in Berlin verantwortlich.
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