Cemat / Gemeinschaftsversammlung (Cemaat Çekırın)

Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Cemat oder cemaat çekırın bezeichnet in der Glaubens- und Gesellschaftsordnung des Raa Haqi die versammelte Gemeinschaft, insbesondere den kollektiven Raum, in dem individuelle oder gemeinschaftliche Probleme besprochen und entschieden werden. Obwohl der Begriff im alltäglichen Sprachgebrauch jede Art von Zusammenkunft bezeichnen kann, verweist er im Kontext des Raa Haqi vor allem auf die Gemeinschaftsversammlung, die zur Lösung religiöser, moralischer und sozialer Fragen einberufen wird. Cemat ist sowohl innerhalb religiöser Rituale als auch bei sozialen Konflikten außerhalb ritueller Zusammenhänge von Bedeutung. In dieser Hinsicht handelt es sich nicht nur um eine Versammlung im Zusammenhang mit religiöser Praxis, sondern zugleich um eine traditionelle Institution der Konfliktlösung und sozialen Kontrolle, die auf Zustimmung, gemeinsamer Vernunft, Zeugenschaft und sozialer Gerechtigkeit beruht.

Cemat in der Gesellschaftsordnung des Raa Haqi

In der Tradition des Raa Haqi gehört cemat zu den wichtigsten Mechanismen, durch die die moralische und soziale Ordnung der Gemeinschaft aufrechterhalten wird. Probleme zwischen Einzelpersonen, Familien, Dörfern oder Stämmen werden häufig durch cemat behandelt. Diese Struktur sorgt nicht nur dafür, dass die beteiligten Parteien angehört werden, sondern auch dafür, dass das gemeinsame Gewissen und die Zustimmung der Gemeinschaft in den Prozess einbezogen werden. In diesem Sinne ist cemat einer der wichtigsten Bereiche, in denen der Yol auf gesellschaftlicher Ebene wirksam wird.

Cemat erscheint in zwei grundlegenden Formen. Die erste Form ist das cemat, das innerhalb eines religiösen Rituals stattfindet. Diese Art von cemat wird gewöhnlich während der jährlichen Besuche der pirs bei ihren talips durchgeführt. Spirituelle Autoritäten wie pir, rayber oder mürşid hören die Konflikte unter den talips an und bewerten Fragen wie Zerwürfnisse, Ungerechtigkeiten, Abweichungen vom Yol oder moralische Verfehlungen vor der Gemeinschaft. Nach der Lösung der Probleme werden Einheit und rızalık meist durch ein cem bestätigt. Die zweite Form ist das soziale cemat außerhalb ritueller Zusammenhänge. Solche Versammlungen werden bei Konflikten zwischen Einzelpersonen, Familien, Dörfern oder Stämmen einberufen. Auf Initiative einer der Parteien oder einer angesehenen Person aus dem Umfeld wird ein cemat organisiert. Die Konfliktparteien, ihre Vertreter, erfahrene Personen sowie spirituelle oder weltliche Autoritäten kommen zusammen. Dabei wird darauf geachtet, dass die Versammlung an einem neutralen Ort und zu einem zuvor festgelegten Zeitpunkt stattfindet (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

Das Prinzip der gemeinsamen Entscheidung und Zustimmung

Im cemat wird die Entscheidung nicht allein von der Person getroffen, die die Versammlung leitet. Obwohl die spirituelle Autorität eine wichtige Stellung besitzt, verfügt sie nicht über die alleinige Entscheidungsgewalt. Maßgeblich sind der gemeinsame Wille und die Zustimmung der Gemeinschaft. Die Ansichten der Anwesenden werden angehört; unabhängig von Alter oder Geschlecht werden die Meinungen der Gemeinschaft in den Prozess einbezogen. Diese Eigenschaft kann als praktische Umsetzung des Grundsatzes verstanden werden, dass “niemand über dem Yol steht” (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

Nachdem die leitende Person die Parteien angehört und die Meinungen gesammelt hat, fasst sie den Fall zusammen und legt ihn der Gemeinschaft erneut zur Bestätigung vor. Anschließend wird über die Form der Strafe oder Wiedergutmachung beraten. Auch die zu verhängende Sanktion wird durch die gemeinsame Auffassung der Gemeinschaft bestimmt und der Partei vorgelegt, die im Recht ist. Sobald diese Partei die Entscheidung akzeptiert, wird das Urteil verbindlich. Die Entscheidung erhält ihre Gültigkeit somit nicht allein durch Autorität, sondern durch die Zustimmung der Gemeinschaft und die Akzeptanz der beteiligten Parteien.

Wird eine Strafe als zu hart empfunden, kann ein Mitglied der Gemeinschaft mit den Worten “bêre rame” oder “bêre comerdiye” um Nachsicht oder Strafmilderung bitten. Dies zeigt, dass cemat nicht nur eine strafende, sondern auch eine versöhnende und gemeinschaftsstiftende Funktion besitzt.

Strafe, Wiedergutmachung und soziale Ausgrenzung

Die durch cemat verhängten Sanktionen sind überwiegend spiritueller und sozialer Natur. Dazu gehören das Opfern eines Tieres, die Unterstützung Bedürftiger, die Verweigerung von niyaz oder Opfergaben sowie das Unterlassen sozialer Kontakte. Die schwerste Strafe ist die soziale Ausgrenzung. Sie bedeutet, dass die Beziehung einer Person zur Gemeinschaft und in manchen Fällen sogar zur eigenen Familie unterbrochen wird. Diese Strafe wird jedoch nur selten angewandt (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

Wird eine Person ausgeschlossen, wird nach einem Gebet durch eine spirituelle Autorität ein Stein vor ihrer Haustür aufgestellt. Dieser Stein fungiert als symbolisches Siegel, das die Trennung der Person von der Gemeinschaft kennzeichnet. Die sozialen Beziehungen zu dieser Person werden ausgesetzt. Wenn die Strafzeit endet oder die betroffene Person Reue zeigt und eine neue Versammlung beantragt, wird ein weiteres cemat einberufen. Nach Möglichkeit sollen an dieser zweiten Versammlung dieselben Personen teilnehmen, die auch die ursprüngliche Entscheidung getroffen haben. Da die Gemeinschaft die Strafe verhängt hat, liegt auch ihre Aufhebung oder Verlängerung in der Verantwortung der Gemeinschaft (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

Wird die Strafe aufgehoben, bringt die betroffene Person ein Opfer dar. Der vor der Tür aufgestellte Stein wird mit Gebeten entfernt, und die Ausgrenzung endet. Anschließend wird ein cem durchgeführt, um die soziale Einheit zu stärken und die Person wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Diese Praxis zeigt, dass das eigentliche Ziel der Bestrafung im Raa Haqi nicht Ausgrenzung, sondern Reue, Wiedergutmachung und Wiederaufnahme in die Gemeinschaft ist.

Gemeinschaftsversammlungen außerhalb ritueller Zusammenhänge

Cemats, die außerhalb religiöser Rituale stattfinden, dienen vor allem der Lösung von Konflikten zwischen Einzelpersonen, Dörfern und Stämmen. Die Anwesenheit einer spirituellen Autorität ist dabei nicht zwingend erforderlich. Vertreter der Parteien, angesehene ältere Personen, Stammesälteste sowie Menschen, die für ihre Ehrlichkeit und Integrität bekannt sind, kommen zusammen. Die Konfliktparteien schildern ihr Anliegen selbst, die Lösung wird jedoch meist der gemeinsamen Bewertung der Vertreter und der versammelten Gemeinschaft überlassen (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

In solchen cemats spielt das Opfern eines Tieres eine wichtige Rolle als Zeichen der Bestätigung und Verbindlichkeit einer Entscheidung. Darüber hinaus werden Entscheidungen in manchen Fällen durch Eide auf heilige Orte, heilige Gegenstände oder jiares bekräftigt. Die gemeinschaftliche Entscheidung wird dadurch nicht nur als weltlicher Kompromiss verstanden, sondern als Verpflichtung, die unter heiliger Zeugenschaft eingegangen wird.

Einspruch und Berufung

Obwohl Entscheidungen eines cemat eine starke soziale Verbindlichkeit besitzen, gelten sie nicht als absolut oder unanfechtbar. Personen, die eine Entscheidung für ungerecht halten, können Einspruch erheben. So kann jemand, der mit einer Entscheidung eines unter Aufsicht eines rayber durchgeführten cemat nicht einverstanden ist, die Angelegenheit einem pir vorlegen. Der pir prüft den Fall erneut und kann sowohl den rayber als auch die widersprechende Person nochmals vor der Gemeinschaft befragen. Wird der Einspruch als berechtigt angesehen, kann auch der rayber bestraft werden (Gezik & Çakmak, 2010; Muxundi 2009, 55-60).

Wenn der pir der Ansicht ist, dass der Fall seine Zuständigkeit übersteigt, übergibt er ihn dem mürşid. Der mürşid prüft die Angelegenheit entweder selbst oder beruft eine neue cemat-Versammlung aus angesehenen Personen ein. Dasselbe Prinzip gilt auch für pirs und mürşids selbst. Gegen Entscheidungen eines pir kann beim mürşid Einspruch erhoben werden; gegen Entscheidungen eines mürşid wiederum beim pir des mürşid. Diese Praxis zeigt, dass innerhalb der Gesellschaftsordnung des Raa Haqi keine Autorität über dem Yol steht.

Fazit

Cemat beziehungsweise cemaat çekırın ist eine wichtige Institution innerhalb der Glaubens- und Gesellschaftsordnung des Raa Haqi. Sie beruht auf den Prinzipien von Zustimmung, gemeinsamer Vernunft, Zeugenschaft und Gerechtigkeit. Sowohl innerhalb religiöser Rituale als auch im alltäglichen gesellschaftlichen Leben dient sie der Lösung individueller und kollektiver Probleme. Dass Entscheidungen nicht allein durch spirituelle Autoritäten, sondern durch den gemeinsamen Willen der Gemeinschaft getroffen werden, verdeutlicht den partizipativen und versöhnenden Charakter dieser Institution.

In dieser Hinsicht gehört cemat zu den grundlegenden Mechanismen, durch die soziale Ordnung bewahrt, Ungerechtigkeiten beseitigt, Zerwürfnisse überwunden und die Einheit des Yol wiederhergestellt werden. Die Phasen von Bestrafung, sozialer Ausgrenzung, Reue, Opfer, rızalık und Wiederaufnahme zeigen, dass cemat nicht nur eine urteilende, sondern zugleich eine heilende und die Gemeinschaft erneut integrierende Institution ist.

Fußnoten:
1.
Dieser Beitrag basiert auf dem entsprechenden Eintrag in Erdal Gezik und Hüseyin Çakmaks Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü (Ankara: Kalan Yayınları, 2010). Der Text wurde von den Autor:innen der ursprünglichen Veröffentlichung überprüft und aktualisiert.
Quellenangaben und weiterführende Literatur

Gezik, Erdal, und Hüseyin Çakmak. 2010. Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü. Ankara: Kalan Yayınları.

Muxundi, Seyfi. 2009. “Yol Düşkünü ve Düşkün Kaldırmak.” Munzur Etnografya Dergisi 32: 55-60.

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Zitation

  • Cemat / Gemeinschaftsversammlung (Cemaat Çekırın)
  • Autor: Gezik, Erdal
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 14.07.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/cemat-gemeinschaftsversammlung-cemaat-cekirin-9643/
Gezik, Erdal (2026). Cemat / Gemeinschaftsversammlung (Cemaat Çekırın). Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/cemat-gemeinschaftsversammlung-cemaat-cekirin-9643/ (Abrufdatum: 14.07.2026)
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