Melek-i Tavus

Zusammenfassung

* Dieser Eintrag wurde ursprünglich auf Türkisch verfasst.

Melek-i Tavus oder Meleka Tavus ist eine kosmologische Figur in den Schöpfungserzählungen des Raa Haqi. Zu Beginn besitzt er eine bedeutende Stellung in der Welt der Engel, wird später jedoch in dieser Welt als Şeytan (Seyta) bezeichnet. Nach der von Nesimi Kılagöz überlieferten Schöpfungserzählung wurde Melek-i Tavus aus Feuer erschaffen und ist das Oberhaupt von 366 Engeln. Aufgrund eines Fehlers, den er zunächst in der Welt der Engel begeht, wird er durch das Wasser aus der himmlischen Ordnung entfernt. Nachdem Adam erschaffen wurde, wird er aus Haq Dina verstoßen, weil er sich weigert, sich vor ihm niederzuwerfen. In den Erzählungen des Raa Haqi gilt Melek-i Tavus / Şeytan nicht als die einzige Quelle des absoluten Bösen. Vielmehr erscheint er als Gegenfigur in der Prüfung des Menschen, die mit nefs, freiem Willen, Vernunft, der Erkenntnis der Wahrheit und Verantwortung verbunden ist.

Seine Stellung in der Welt der Engel [1]

In der Schöpfungserzählung des Raa Haqi ist Melek-i Tavus kein gewöhnlicher Engel. Er wird als Oberhaupt von 366 Engeln beschrieben und nimmt damit eine herausgehobene Stellung in der himmlischen Ordnung ein. In der von Nesimi Kılagöz überlieferten Erzählung verleiht diese zentrale Position seinem späteren Fall und seiner Bezeichnung als Şeytan besondere Bedeutung (Gezik 2022, 363-88). Diese Schöpfungserzählung aus Dersim unterscheidet sich von den verbreiteten alevitischen Schöpfungserzählungen Anatoliens insbesondere durch die zentrale Rolle, die sie Cebrail und Melek-i Tavus zuschreibt.

Der Erzählung zufolge bleiben während des himmlischen Festmahls, das von Cebrail organisiert wird, alle Engel an ihrem Platz und betrachten die vollkommene Ordnung. Melek-i Tavus erhebt sich jedoch mit der Begründung, seine rituelle Reinheit sei verloren gegangen. Im Dialog mit dem Wasser wird kritisiert, dass er sich nur auf äußere Reinheit konzentriert. Das Wasser erklärt ihm, dass es nicht um äußere Reinigung gehe, sondern um innere Wahrheit und Selbsterkenntnis. Nach diesem Ereignis wird Melek-i Tavus aus der himmlischen Ordnung entfernt. Sein erster Fehler wird daher nicht nur als Ungehorsam beschrieben, sondern als Unfähigkeit, die innere Wahrheit zu erkennen und sich selbst zu kennen (Gezik 2022, 363-88).

Die Verweigerung der Niederwerfung vor Adam

Nachdem Adam erschaffen worden ist, wird allen Engeln befohlen, sich vor ihm niederzuwerfen. Auch Melek-i Tavus erhält eine zweite Gelegenheit. Er weigert sich jedoch, sich vor Adam niederzuwerfen. Seine Begründung lautet, dass er aus Feuer erschaffen wurde, während Adam aus Erde geschaffen wurde. Er betrachtet das Feuer als höherwertig als die Erde und lehnt es ab, sich vor dem aus Lehm erschaffenen Adam zu verbeugen.

In der Erzählung von Kılagöz wird dieses Verhalten von Melek-i Tavus mit seiner Unfähigkeit verbunden, das Licht in Adam zu erkennen (Gezik 2022, 363-88). Das Problem besteht also nicht allein darin, dass er eine Hierarchie zwischen den Stoffen der Schöpfung errichtet. Der eigentliche Fehler liegt darin, dass er das heilige Wesen hinter Adams äußerem Leib aus Lehm nicht wahrnimmt. Nach diesem Ereignis wird Melek-i Tavus zu einem Wesen, das “sich selbst nicht kennt”, und wird in dieser Welt als Şeytan bezeichnet.

Die Verwandlung in Şeytan bedeutet hier nicht angeborenes oder absolutes Böses. Vielmehr beschreibt sie das Scheitern an der Prüfung des Erkennens, Sehens, Verstehens und der richtigen Haltung gegenüber der Wahrheit. Melek-i Tavus fällt, weil er das Licht in Adam und die heiligen Eigenschaften, die Haq dem Menschen verliehen hat, nicht erkennt.

Hava und die Erzählung vom verbotenen Weizen

Die zweite wichtige Rolle von Melek-i Tavus in der Erzählung betrifft seine Beteiligung am Verzehr des verbotenen Weizens durch Hava. Der Erzählung zufolge leben Adam und Hava im Paradies, wo ihnen nur der Weizen verboten ist. Melek-i Tavus nimmt zunächst die Gestalt eines Pfaus an und gelangt anschließend in der Haut einer Schlange ins Paradies. Dort findet er Hava und überzeugt sie davon, den Weizen zu essen. Nachdem Hava den Weizen gegessen hat, bemerkt sie ihre Nacktheit; anschließend isst auch Adam davon. Daraufhin werden Adam und Hava aus dem Paradies vertrieben und auf die Erde geschickt (Gezik 2022, 363-88).

In dieser Erzählung erscheint Melek-i Tavus als zentrale Prüfungsfigur im Prozess des Abstiegs des Menschen in die Welt. Der Weizen ist nicht nur eine verbotene Speise. Er markiert den Beginn der menschlichen Beziehung zu Wissen, Körperlichkeit, Geschlecht, Tod, Abstammung und weltlichem Leben. Deshalb wird die Rolle von Melek-i Tavus nicht einfach als Verführung zum Bösen verstanden, sondern als die einer kosmologischen Gegenfigur, die die Prüfung des Menschen im weltlichen Leben einleitet.

Der Name Şeytan und die Prüfung der Welt

In der mündlichen Tradition des Raa Haqi lautet der Name Şeytans in der jenseitigen Welt Melek-i Tavus. Dieser Name verweist auf seine ursprüngliche Stellung als Engel. Der Erzählung zufolge gehört Melek-i Tavus / Şeytan zu den ersten von Haq erschaffenen Engeln. Er wurde aus Feuer erschaffen und ist das Oberhaupt von 366 Engeln. Er wird als der einzige Engel beschrieben, der die Entscheidungen von Haq hinterfragen und seinen Befehlen widersprechen kann (Gezik 2022, 363-88; Gezik und Çakmak 2010).

Mit seiner Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen, beginnt der Kampf zwischen Mensch und Şeytan. Der Erzählung zufolge fordert Şeytan Adam heraus, woraufhin Haq beide in eine andere Welt, nämlich diese Welt, sendet. Die Welt wird dadurch zum Ort der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Şeytan sowie zum Raum, in dem der Mensch durch seinen eigenen Willen geprüft wird (Gezik 2022, 363-88; Gezik und Çakmak 2010).

In dieser Prüfung ist der Mensch jedoch nicht völlig hilflos. Haq hat dem Menschen dreißig Eigenschaften von sich selbst gegeben. Zu den wichtigsten gehören Vernunft, fam, izan und marifet. Diese Eigenschaften werden durch bestimmte spirituelle Positionen repräsentiert, und der Mensch erhält Unterstützung von denjenigen, die diese Positionen verkörpern: musahib, rayber, pir und mürşid. Diese Eigenschaften ermöglichen es dem Menschen, die Wahrheit gegenüber Şeytan zu erkennen und Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.

Verantwortung, Nefs und menschlicher Wille

Im Glauben des Raa Haqi wird Şeytan nicht als alleiniger Verursacher menschlicher Verfehlungen betrachtet. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, über sein eigenes Handeln zu entscheiden. Haq greift nicht unmittelbar in die Angelegenheiten dieser Welt ein; der Mensch trifft seine Entscheidungen durch Vernunft, Einsicht, Gewissen und Wissen über den Yol. Deshalb wird das Böse nicht ausschließlich auf den äußeren Einfluss Şeytans zurückgeführt. Auch die eigene nefs, der Stolz, die Unwissenheit und die Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, gehören zu diesem Prozess (Gezik 2022, 363-88; Gezik und Çakmak 2010).

Dieses Verständnis stellt die menschliche Verantwortung in den Mittelpunkt der Ethik des Raa Haqi. Şeytan existiert, doch es gilt nicht als richtig, sämtliche Fehler des Menschen allein ihm zuzuschreiben. Der Mensch ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Deshalb erscheint Şeytan in der Tradition des Raa Haqi zugleich als Prüfungsfigur und als Gestalt, die die dunklen Neigungen im Menschen sichtbar macht.

Aus diesem Grund wird Şeytan in den Erzählungen des Raa Haqi nicht als vollständig verachtetes, verfluchtes Wesen oder als einzige Quelle allen Bösen dargestellt. Wie jedes von Haq geschaffene Wesen wird auch er hinsichtlich seines Ursprungs nicht völlig entwertet. Doch weil er sich selbst als überlegen betrachtet, das Licht in Adam nicht erkennt und gegenüber der Wahrheit irrt, fällt er aus dem Yol heraus. Deshalb wird er in manchen Erzählungen nicht direkt als “Şeytan”, sondern als “jenes Wort”, “er” oder mit seinem früheren Namen Melek-i Tavus bezeichnet.

Fazit

Melek-i Tavus / Seyta / Şeytan ist eine vielschichtige Figur in den Schöpfungserzählungen des Raa Haqi. Obwohl er zunächst das Oberhaupt von 366 Engeln ist, wird er aufgrund seines Fehlers und seiner Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen, aus der himmlischen Ordnung entfernt. Dieser Fall wird jedoch nicht allein durch Ungehorsam oder Böses erklärt. Der grundlegende Fehler von Melek-i Tavus liegt in seiner Unfähigkeit, das Licht in Adams irdischem Leib zu erkennen und sich gegenüber der Wahrheit richtig zu positionieren.

Daher gehört Melek-i Tavus / Şeytan zu den zentralen Figuren, durch die der Glaube des Raa Haqi die Prüfung des Menschen in Bezug auf Willen, Verantwortung, nefs, Vernunft und Wahrheitserkenntnis erklärt. Er repräsentiert nicht nur einen äußeren Gegner des Menschen, sondern auch die Täuschung, den Hochmut und die Blindheit gegenüber der Wahrheit, die im Menschen selbst kontrolliert werden müssen. In diesem Sinne erklärt die Erzählung von Melek-i Tavus das Problem des Bösen in der Kosmologie des Raa Haqi weniger durch eine absolute und äußere Quelle als vielmehr durch menschliche Verantwortung und innere Prüfung.

Fußnoten:
1.
Dieser Beitrag basiert auf dem entsprechenden Eintrag in Erdal Gezik und Hüseyin Çakmaks Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü (Ankara: Kalan Yayınları, 2010). Der Text wurde von den Autor:innen der ursprünglichen Veröffentlichung überprüft und aktualisiert.
Quellenangaben und weiterführende Literatur

Gezik, Erdal. 2022. “‘Let Me Tell You How it All Began’-A Creation Story Told by Nesimi Kılagöz from Dersim.” Oral Tradition 35 (2): 363-388.

Gezik, Erdal, und Hüseyin Çakmak. 2010. Raa Haqi – Riya Haqi / Dersim Aleviliği İnanç Terimleri Sözlüğü. Ankara: Kalan Yayınları.

Gezik, Erdal. 2009. “Nesimi Kılagöz ile Yaratılış Üzerine.” Munzur Etnografya Dergisi 32: 4-34.

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Zitation

  • Melek-i Tavus
  • Autor: Gezik, Erdal
  • Webseite: Alevitische Enzyklopädie
  • Abrufdatum: 14.07.2026
  • Webadresse: https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/melek-i-tavus-9645/
Gezik, Erdal (2026). Melek-i Tavus. Alevitische Enzyklopädie — ISIL: DE-4607. https://www.aleviansiklopedisi.com/de/madde-x/melek-i-tavus-9645/ (Abrufdatum: 14.07.2026)
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